„Verdammt, Miandra! Mach jetzt nicht schlapp! Wir haben keine Zeit dafür!“ zischte Vernita erregt. Auch sie hatte die Wachen gesehen, welche den Wehrgang entlang patrouillierten und auf sie zukamen, noch ehe Lydia sie darauf aufmerksam machte. Doch nun galt ihre ganze Sorge der schwarzhaarigen Frau. Und sie machte sich selbst Vorwürfe.
Wie konnte sie nur auf diese Kletterpartie bestehen, ohne Miandra dabei zur Hand zu gehen? Sie wusste doch, wie es um sie bestellt war. Hatte deren Verletzung doch selbst gesehen. Das musste ja zuviel für die Arme werden. Vernita verfluchte sich selbst für ihre Nachlässigkeit. Doch ihr war auch klar, dass es nun Dringlicheres zu erledigen gab. Diese Wachen kamen immer näher, und die Elfe hatte es nicht auf einen Kampf mit diesen angelegt.
„Lydia! Klettere wieder hinunter und warne die anderen! Versteckt euch, bis diese Kerle dahinten verschwunden sind!“ befahl sie dem Mädchen, während sie ihre Schwerter wegsteckte und zu Miandra hinübereilte. „Ich will niemanden vorzeitig unseren Aufbruch aus der Stadt verraten, also auch nicht die dusseligen Trottel dort hinten töten müssen! Mach schon! Ich kümmere mich derweil um Miandra!“
Die Elfe kümmerte sich nicht weiter um Lydia, da sie nun die schwarzhaarige Frau erreicht hatte, welche sie für einen Moment besorgt ansah. Miandra atmete keuchend, ihre Atmung war stark beschleunigt, und ihre Gesichtsfarbe recht blass. Auch schien sie geistig ziemlich abwesend zu sein.
„Das wird schon wieder, mein Schatz“, sprach ihr die Elfe Mut zu. „Ich kümmere mich um dich. Keine Sorge.“
Vernita drehte sich um, ergriff Miandras Arme, welche sie sich um den Hals legte und hievte sich die Frau auf den Rücken. Mit einer Hand hielt die Elfe Miandras Arme fest, während sie mit der anderen unter deren Hintern griff, um das Gewicht der Frau abzustützen. In dieser Position stand sie dann schließlich auf.
„Dann komm, meine Süße. Zeit, dass wir verschwinden!“ meinte sie mehr zu sich selbst und setzte sich in Bewegung. So schnell und so leise wie möglich rannte sie in Richtung des Wachturms, die einzige Möglichkeit, die sie sah, um sich vor diesen Wachen verstecken zu können. Dass sie dabei direkt auf diese Männer zueilte, war ein Risiko welches sie bereit war, einzugehen. Sie musste nur schneller sein als diese Kerle, dann würde alles gut werden.
Der Atem der Elfe beschleunigte sich, blieb aber regelmäßig. Mit zunehmendem Tempo näherte sie sich dem Turm, wohl darauf bedacht, dass sie Miandra nicht gefährdete oder gar verlor. Dabei lag ihr Blick unentwegt auf dem schwachen Fackelschein der Wachen, welcher sich langsam aber beständig auf sie zu bewegte. Ihr würde in dem Turm nicht viel Zeit bleiben, soviel war auf jeden Fall sicher.
Kurz darauf erreichte sie das halb fertige Gemäuer auch schon. Die Tür war offen, so dass Vernita den Turm ungehindert betreten konnte. Sie blieb abrupt stehen und blickte sich gehetzt um. An der rechten Seite lag ein Haufen Ziegelsteine, die wohl für die Treppe nach oben gedacht waren, welche vollständig zerstört und somit unpassierbar geworden war. Der Weg nach unten schien in Ordnung zu sein, doch sah die Elfe trotzdem davon ab, sich dort unten zu verstecken. Schließlich kannte sie die Patrouillenroute der Wachen nicht und lief somit Gefahr in die Richtung zu flüchten, in die diese Kerle ebenfalls gehen würden. Nein, sie musste sich was anderes ausdenken. Und da fielen ihr das Gerüst und der Flaschenzug ins Auge, welche Lydia schon erwähnt hatte.
Es stand mitten im Turm, genau in dem Loch, welches die wendelförmig angelegten Stufen der Treppe umkreisten. Die Innenkante der Treppe wurde nicht durch eine Mauer abgegrenzt, so dass die Elfe dort in die Tiefe sehen konnte. Dort erkannte sie das Gerüst, welches vom Boden aus bis zur Decke des Turms reichte. Und dorthin würde sie gehen.
Vernita ging neben dem Flaschenzug, welcher sich neben dem Gerüst befand in die Hocke. Sie beugte sich vor, sodass Miandra auch auf ihrem Rücken liegen bleiben musste, wenn sie diese losließ. Anschließend griff sie sich eines der beiden Seile des Zuges, welches sehr stabil aussah und band sich dieses um ihre und Miandras Brust. Mit einem ordentlichen Knoten schnallte sie die schwarzhaarige Frau regelrecht auf ihren Rücken fest.
„So, jetzt geht es los. Bleib’ ganz ruhig, Miandra. Das klappt schon“, keuchte die Elfe leicht außer Atem, vor allem, um sich selbst zu beruhigen, denn sie vernahm bereits die Stimmen der Wachen, welche schon bedrohlich nah gekommen waren. Die Männer sprachen über ein belangloses Würfelspiel, was einer von ihnen wohl während der letzten Pause permanent gewonnen zu haben schien. Vernita blieb keine Zeit mehr.
„Auf geht’s!“ murmelte sie noch und ergriff dabei mit beiden Händen das andere Seil des Flaschenzuges, womit sie begann sich nach oben zu ziehen. Eine Hand griff dabei über die andere und zog damit das Seil nach unten, womit sich das andere, an dem sie selber hing, sich weiter und weiter nach oben bewegte. Sie schlang ihre Beine um das Tau, an dem sie festgebunden war, um mehr Halt zu bekommen, während sie sich weiter und weiter in die Lüfte erhob.
Nach ein paar Metern schließlich verschwand sie im Schatten der Turmspitze. Sie hielt inne, streckte ihre Beine nach hinten, wo sie ihre Füße auf das neben ihr stehende Gerüst ablegte, um in dieser Position zu verharren. Dort wartete sie angespannt auf die Soldaten, welche jeden Augenblick den Turm betreten würden. Die Elfe hoffte, dass keiner der Männer nach oben sehen würde, während sie dieses Gemäuer passierten, denn sie würde nur höchst ungern mit Miandra auf ihrem Rücken den Todesengel spielen müssen, der sich wie ein Geist auf diese Wachen stürzen würde, falls es nötig werden sollte.
Modifié par Aliens Crew, 20 mai 2012 - 01:25 .