„Wie kommt Ihr nur darauf?“ fragte Leanora mit einem leicht sarkastischen Unterton. „Ihr habt wohl gut zugehört, als Vernita uns vorgestellt hat.“
Innerlich schalt sie sich als die größte Närrin, die Thedas jemals hervorgebracht hat. Das mulmige Gefühl wollte einfach noch nicht weichen, auch wenn Erik sich freundlich gab. Aber das musste ja nichts bedeuten. Immerhin war sie mit ihm nun allein unterwegs zur Wasserstelle, und dort würde sie niemand hören, wenn er sie hinterrücks niederstechen würde. Andererseits würde Vernita wohl hellhörig werden, wenn sie nicht in angemessener Zeitspanne zurückkehrten. Aber dann wäre ihr Körper zwar noch warm, sie aber trotzdem schon aus dem Leben geschieden. Unwillkürlich verkrampften sich ihre Hände um den Führstrick der Pferde.
Kurze Zeit später hatten sie den Teich erreicht, den ihnen die Elfe gesagt hatte. Sie ließ die Tiere los, hier würden sie sicherlich nicht fortlaufen, bis auf eine flache grüne Stelle waren sie von Bäumen umgeben. Sie wandte sich wieder an Erik, der die Tiere auch los gelassen hatte. Zum einen verlangte es der Anstand und die guten Manieren, einem Gesprächspartner in die Augen zu sehen, zum anderen war ihr dabei um einiges wohler, wenn sie die Regungen in seinem Gesicht verfolgen konnte.
„Nun, mein Name mitsamt dem Adelstitel ist Countess Leanora Bardigiano, aber das wisst Ihr ja schon“, begann sie ihre Ausführung. „Das Haus Bardigiano ist nicht so groß, dass man es kennen muss. Ich kenne Euch übrigens tatsächlich nicht, ich hoffe, Ihr verzeiht das. Insofern wollt Ihr wahrscheinlich wissen, wo wir angesiedelt sind und ob wir politische Macht besitzen. Hier kann ich Euch versichern, sollten wir jemals welche gehabt haben, ist diese mittlerweile erloschen, soweit ich weiß, werde ich sogar steckbrieflich gesucht, obwohl ich nichts angestellt habe. Naja, fast nichts“, fügte sie leise hinzu. Aber das musste dieser Herr ja nicht wissen. „Mein Verbrecher-Dasein begann erst, als ich in diese Gruppe kam“, schmunzelte sie. „Aber um auf das Thema zurück zu kommen: Das Land, welches unser Eigen war oder ist, umfasst nur wenige Dutzend Quadratmeilen, ist etwas kleiner als eines der Banns in den Bannorn, hat damit aber nichts zu tun. Es liegt ein Stück südlich der Weststraße, und östlich des Kaiserlichen Hochweges, gehört politisch gesehen dem Arltum Redcliffe an, obwohl es landschaftlich schon an das Arltum Südhang grenzt. Soviel zur geografischen Lage.“
Sie seufzte leise und runzelte die Stirn. Jetzt kam der komplexe Teil, sie versuchte sich zu erinnern, was sie von ihrer Ahnentafel im Gedächtnis behalten hatte. „Bei der Blutlinie wird es schon komplizierter, ich weiß das selber nicht so ganz genau. Aber wenn man den Stammbaum meiner Mutter zurückverfolgt, kreuzt sich dieser mit dem Blut der Guerrins, zumindest vor einigen Generationen. Das blaue Blut habe ich also mütterlicherseits geerbt. Mittlerweile sind wir soweit voneinander entfernt verwandt, dass ich den Grad nicht mehr bestimmen kann. Aber
immerhin erklärt es, wieso wir Redcliffe zugehörig sind und nicht dem Südhang. Und das wiederum dürfte die Königstreue meiner Eltern erklären. Und nachdem Arl Eamon Guerrin nicht nur der Onkel König Cailans war, sondern auch einer seiner engsten Vertrauten, ist die Loyalität zum alten Arl von Denerim genauso selbstverständlich gewesen.“ Ein wehmütiges Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie an die Begegnung mit dem väterlichen Freund im Nichts dachte. „Aber es hat mich nie richtig interessiert, wie wir zu der königlichen Familie nun genau verwandt sind. Ich habe den König selber nie zu Gesicht gekriegt, und selbst an Arl Eamon kann ich mich nur vage erinnern. Seit ich lebe, habe ich ihn nur einmal gesehen, und da bin ich noch ein kleines Kind gewesen. Noch eher an seinen Bruder Teagan, er war meiner Mutter sehr zugetan und hat einige Pferde von uns gekauft. Aber seine Besuche waren sehr selten, ich glaube, das letzte Mal habe ich ihn noch vor der Verderbnis gesehen. Kein Wunder, Rainesfere ist ja auch einige Tagesritte von uns entfernt, da kommt man nicht einfach so auf Kaffee und Kuchen vorbei.“
Lea holte tief Luft und schnippte mit ihrer rechten Hand eine Locke aus dem Gesicht, die der Wind dorthin
geweht hatte. „Im Übrigen wäre ich Euch dankbar, wenn Ihr das den Damen in dieser Gruppe nicht unbedingt weitertratscht. Irgendwie habe ich nämlich das Gefühl, dass diese den Adel nicht mögen, und wenn sie meinen Stammbaum erfahren, könnten sie falsche Rückschlüsse ziehen. Es hört sich näher verwandt an, als es ist.“
Im Prinzip war es ihr zwar egal, ob Vernita und Miandra davon erfuhren. Aber nachdem sie endlich etwas
Anschluss gefunden und das Gefühl hatte, akzeptiert und zum Teil auch respektiert zu werden, wollte sie das nicht wieder gegen die schneidende und ignorierende Atmosphäre eintauschen, die geherrscht hatte, als sie zu der Gruppe gestoßen war. Letztlich wollte sie selber dafür sorgen, dass der Name Bardigiano in den Adelsfamilien und in der Gesellschaft wieder etwas zählte, und nicht der verwandtschaftlichen Bande wegen. Sie wusste nicht einmal, ob Arl Eamon sie überhaupt noch kannte, und auch das war ihr herzlich egal.
Ein lautes Platschen, gefolgt von einem fröhlichen Wiehern, ließ sie herumfahren.
„Donas!“ rief sie außer sich. „Komm sofort raus da!“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Ihr Hengst bevorzugte es, ein Bad zu nehmen, und schwamm einfach eine Runde im Teich. Noch einmal seufzte sie, dieses Mal
voller Inbrunst. Wozu hatte sie ihn zuvor noch gestriegelt?
Resignierend drehte sie sich wieder zu Erik, der sich ein Lachen kaum verkneifen konnte, da er den Fuchs
zuvor schon gesehen hatte, wie dieser vorsichtig einen Huf nach dem anderen setzte und schon bis über die Fesseln im Wasser stand.
„Glaubt man das denn“, schüttelte Lea den Kopf, aber ihre Augen blitzten dabei humorvoll. „Und welcher Teil Thedas hat Euch hervorgebracht?“, fragte Leanora. „Ich kann mich nicht erinnern, den Namen Le Faye jemals auf der Gästeliste meiner Mutter gelesen zu haben? Zudem hört es sich ohnehin danach an, als würdet Ihr mehr
unterwegs statt daheim sein. Wer kümmert sich denn um Eure Ländereien?“
Modifié par Bellandyrs, 07 septembre 2012 - 06:15 .