Lian war komplett unruhig, als er schlief. Er wälzte sich herum, doch die Bilder gingen ihm nicht aus dem Kopf ….
Ein Mann saß in der Ecke auf einem kleinen Stuhl. Man konnte den Geruch von Holzspänen wahr nehmen. Er hielt eine Bierflasche in der Hand, und rund um den Stuhl lagen viele andere, die jedoch schon alle geleert waren. Er hatte eine von der Sonne braun gebrannte Haut, dunkle Haare und ebenso dunkle Augen.
Plötzlich stand er wütend auf, als ein kleines Mädchen bei der Tür hereinstürmte. Sie war außer Atem, hatte sich anscheinend beeilt, und kam dennoch zu spät. Ihre blauen Augen ließ sie hinter ihren langen schwarzen Haaren verschwinden, und sie wagte es nicht den Mann anzusehen, als sie die Türe betrat. Ohne ihn zu begrüßen eilte sie in eine Ecke, schnappte einen Besen und Eimer und begann den Boden zu fegen, sowie die leeren Bierflaschen einzusammeln.
„Du kommt schon wieder zu spät Mia!“, schrie der Mann sie wütend an.
„Verzeih mir Vater, aber ich musste Tante Anette wieder länger in der Taverne aushelfen.“, sagte sie ängstlich und räumte währenddessen weiterhin die Werkstatt auf.
„Erzähl mir keine Lügen! Anette hat mir versichert, dass sie dich rechtzeitig gehen lässt!“
„Aber Vater i…“, mehr brachte sie nicht mehr heraus, als der Mann ihr plötzlich mit voller Wucht, mit der flachen Hand ins Gesicht schlug, und sie zu Boden stürzte. Dabei fielen ihr all die Bierflaschen aus der Hand und sie fiel direkt auf diese, sodass sie zersplitterten und sich in ihre Hände bohrten.
„Sieh nur was du nun schon wieder angerichtet hast! Du bist echt zu nichts zu gebrauchen!“, schrie der Mann und verschwand kurz darauf hinter einer Tür. Das Mädchen blieb schluchzend am Boden sitzen, und begann zitternd die Scherben wegzuräumen, anstatt sich die Wunde zu verbinden.
Plötzlich verschwamm der Ort, und die Werkstatt verwandelte sich in eine grüne Wiese, die mit duftenden Blumen überseht war. Ein Junge lief fröhlich über die Wiese und hielt dabei das kleine Mädchen an der Hand. Sie hielten an einem großen Baum an, an welchen viele Seile befestigt waren. Die Kinder nutzten diesen wohl öfter als ihre „Burg“ und spielten dort immer. Sie ließen sich zu Boden sacken und das kleine schwarzhaarige Mädchen begann aus einigen Blumen einen Kranz zu flechten, und der Junge schnitzte mit einem Messer an einem langen Ast.
„Sag mal Farren, wie ist die Arbeit auf dem Feld?“
„Anstrengend Schwester, aber wenigstens bin ich immer an der frischen Luft!“, sagte er mit einem Lächeln, „Und lässt Vater dir schon schwierigere Aufgaben zu Teil werden, als immer nur den Boden zu fegen?“
Sie schüttelte den Kopf, „Nein, ich denke ich mache meine Sache nicht gut genug.“
„Wieso denn das?“, sagte er etwas erstaunt und unterbrach für einen Moment seine Schnitzerei um sie anzusehen.
„Nun ja er bestraft mich immer, also muss ich wohl etwas falsch machen.“
„Wie er bestraft dich?“, hackte der Junge nach.
Plötzlich verschwamm der Ort erneut, in eine alte Taverne. Es war Abend, und überall waren Kerzenleuchter angebracht. An der Theke saßen einige Männer, die betrunken waren, und die Tische waren alle belegt. Die Leute lachten alle als sie sich Witze erzählten.
Eine junge Kellnerin huschte von einem Tisch zum anderen, immer bestückt mit Essen oder unzähligen Bierkrügen. Sie trug ihre langen schwarzen Haare zu einem Zopf zusammengebunden, damit diese sie nicht bei der Arbeit hindern konnten.
„Hey, noch ein Glas Bier, Süße!“
„Wir hätten gerne noch zwei Gläser Wein!“
„Vier Mal das Tagesgericht junge Frau!“
Unzählige Bestellungen wurden durch den riesigen Saal geschrien, durch welchen sich die Kellnerin kämpfte.
Sie kam endlich an der Theke an und begann Bier aus einem Fass in ein Glas zu füllen, als sie plötzlich von einer Frau, mit kurzen braunen Haaren angesprochen wurde.
„Rael hat sich beschwert.“
Sie drehte sich um, „Rael beschwert sich immer, Anette.“
„Er meinte du hättest ihm absichtlich das Bier übers Gesicht geschüttet, und es ihm dann auch noch verrechnet!“
Die schwarzhaarige Frau blickte durch die Menschmassen zu einem Mann, wobei es sich wohl um Rael handeln musste, welcher sie dumm angrinste und ihr mit dem Bierkrug zuprostete, „Er hat mir auf den Arsch geschlagen!“ sagte sie zornig zu der Frau.
„Es ist mir egal, was er getan hat! Er ist Stammkunde, und der Kunde ist König! Sei einfach froh, dass ein Mann Gefallen an dir findet, seitdem Farr… ach du weißt schon!“
Sie wandte sich von der Frau ab, und die Kellnerin begann weiterhin wütend Bier in die Gläser zu füllen. Plötzlich ertönte eine Männerstimme hinter der Frau, „Ich hätte gerne noch ein Bier wenn es genehm ist, Anette sagte es geht aufs Haus.“
Er stand knapp hinter ihr, fasste ihr mit den Händen an die Oberschenken und zog sich weiter zu sich. Dann flüsterte er ihr direkt ins Ohr, „Wie wär’s, du hast doch sicher nach der Arbeit nichts vor..?“, er begann den Duft ihrer Haare einzuatmen. Sie zuckte zusammen und füllte die Gläser einfach weiterhin mit zittriger Hand. „Ich werde zu Hause erwartet.“
Er entfernte sich einen Schritt von ihr, „Dann werde ich Anette wohl sagen müssen, dass du mir kein Bier gebracht hast!“, sagte er und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Tisch, doch die Frau packte ihn an der Hand und hielt ihn zurück, „Nein du wirst Anette nichts sagen!“
„Ich warte auf dich, auf der anderen Seite der Straße.“, sagte er und freute sich über seinen Gewinn, dann riss er seine Hand los und verschwand in der Menge.
Die Kellnerin ballte wütend die Fäuste, nahm ein Tablett, worauf sie die Bierkrüge platzierte und mischte sich damit ebenfalls unter die Leute.
Wieder verschwamm der Ort und änderte sich. Ein Mann drückte ein kleines Mädchen gegen die Wand, und hielt ihr den Mund zu. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Blick schmerzerfüllt und wehrlos. Mit der anderen Hand hielt er ihren Rock in die Höhe. Er drängte sich zwischen ihre Beine und begann sich anschließend wie ein wildes Tier an ihr zu vergnügen. Sein Blick war irre und unmenschlich, und man konnte erst jetzt erkennen, dass es sich um den betrunkenen Mann und seine Tochter handelte.
Nach einiger Zeit löste er sich von der Kleinen, und als sie zu weinen begann, versetzte er ihr erneut einen Schlag, sodass sie zu Boden fiel.
Doch die Bilder verschwanden erneut, und man konnte sich in einen riesigen Wald vorfinden, die Schreie eines Säuglings waren zu hören, und kurz darauf konnte man eine Frau erkennen die das Kind in den Armen hielt und es versuchte zu beruhigen. Nachdem sie dies geschafft hatte, legte sie das Kind vorsichtig in einen Kinderwagen. Dann stand sie auf, verband sich die Augen, und nahm einige Messer, welche sie zornig gegen einen Baum, an welchem eine Art Zielscheibe aufgemalt war, warf.
Nachdem sie alle Messer geworfen hatte, nahm sie den Verband von den Augen, und ärgerte sich über ihr Ergebnis. Dann blickte sie zum Himmel und sah, dass es bereits Abend war. Sie versteckte schnell die Messer in einer Kiste, die in einem Busch versteckt war, und machte sich zusammen mit dem Kind auf den Weg, bis sie im Wald verschwand.
„Und wir nehmen hiermit Abschied von den Jungen, den wir alle geliebt haben. Möge er auf ewig in Frieden ruhen und der Erbauer über ihn wachen.“, sagte ein Priester.
Der Ort hatte sich in einen Friedhof gewandelt, wo gerade eine Beerdigung statt fand. Eine riesige Menschenmasse hatte sich um den Sarg aufgestellt und schluchzte. Nachdem der Priester seine Predigt gehalten hatte, begannen sich die Menschen zu entfernen, doch jeder von ihnen wirkte einen abfälligen Blick auf das kleine schwarzhaarige Mädchen, welches ohne eine Träne im Gesicht, genau neben dem Sarg stand. Man konnte Getuschel vernehmen, verstand jedoch nicht, was die Leute sagten.
„Du hast dich an deiner eigenen Tochter vergriffen, du Schwein!“, schrie Farren, den Vater des schwarzhaarigen Mädchens an und dieser brachte in Gelächter aus.
„Ach erzählt dir die Kleine denn auch schon Lügen mein Sohn?“, sagte dieser amüsiert und rülpste daraufhin als er seine Bierflasche auf einen Tisch stellte. Und nur einen Moment später schlug ihn der Junge ins Gesicht, sodass ihm Blut aus der Nase tropfte. Der betrunkene Mann lachte noch immer amüsiert und begann zurückzuschlagen, doch der Junge wich aus. Sie rangelten noch eine Weile, als der Junge stolperte und mit dem Kopf direkt auf der Schneide einer Holzfälleraxt landete. Sie bohrte sich direkt seitlich in sein Gehirn, und er war auf der Stellte tot.
In einer Ecke stand das kleine Mädchen und blickte geschockt auf den Jungen. Der betrunkene Mann bekam einen Lachanfall, „Haha, mein Sohn, steh schon auf, wir haben doch gerade erst angefangen!“
Doch dieser rührte sich nicht. Das kleine Mädchen löste sich aus seiner Starre, und lief aus der Tür.
„Mia wo warst du schon wieder so lange! In jedem anderen Haushalt steht bereits das Abendessen am Tisch!“, schrie ein Mann der auf einer Bank saß mit einem Bierkrug.
„Ich war mit Elana spazieren.“, sagte sie und lächelte dem Mann entgegen.
„Spazieren? So lange?“, sagte er misstrauisch.
„Ja, so lange.“, sagte sie genervt, und wollte gerade das Kind aus dem Kinderwagen nehmen, als er auf sie zu kam.
„Werde nicht frech junge Dame!“, er drohte ihr mit seiner Faust, „sei froh, dass du überhaupt einen Mann hast!“, dann blickte er zu dem Kind, „Auch wenn ich mich frage, wieso ich mich darauf nur eingelassen habe, du schafftest es nicht mal mir einen Sohn zu schenken!“
Dann verschwand er wütend im Haus und sie seufzte erleichtert, bevor sie das Kind aus dem Wagen hob, und damit ebenfalls hinter der Türe verschwand.
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Schlagartig wachte Lian auf. Er war total außer Atem, und vorallem geschockt. Wenn ihn das nicht täuschte, dann handelte das alles von Mia. Beim Erbauer....was hatte sie nur durchleben müssen. Nur Leid, Prügel, Demütigungen und Männer die sich an ihr vergriffen. Selbst ihr eigener Vater. Jetzt verstand er, warum sie ihm, oder Männern überhaupt so Aggresiv und Kühl gegenüber war.
Lian wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und stand auf. Er war ziemlich wacklig auf den Beinen, die Bilder hatten ihn doch zu tiefst geschockt. So als ob er da gewäsen wäre, es gesehen hätte, aber nicht hätte eingreifen können. Das hätte er gemacht, wenn er in wirklichkeit dort gewesen wäre.
Dann ging er zu seinem Rucksack. Dort holte er sich einen Lappen, und sein frisches Wasser. Er war komplett durchgeschwitzt, also waschte er sich. Danach zog er sich die frischen klamotten an, und die Rüstung darüber. Beinahe hätte er seine Schutzhandschuhe vergessen. Er zog sie an, und die Lederhandschuhe darüber.
Lian sperrte sein Zimmer ab, und ging wieder zu den anderen. Dort setzte er sich still an den Tisch. Das frische Essen roch köstlich, aber er hatte keinen Hunger. Das war ihm wirklich vergangen. Auserdem hätte er sich bestimmt sofort wieder übergeben. Starrend blickte er auf den Tisch....