„Mein Herr, offenbar wurden heute Morgen zwei Gefangene aus der Festung befreit, die gestern wegen Mordes verhaftet worden waren“, erwiderte Eshtá, während sie vor dem Tisch kniete und zu Boden blickte.
„Wie war das?“ tobte der Mann hinter dem Schreibtisch. „Wie soll das möglich gewesen sein?“
„Wie es aussieht drangen diese Personen als Stadtwachensoldaten getarnt in das Fort ein, töteten Oberst Tjark und befreiten die Gefangenen aus der Folterkammer, wobei sie die Folterknechte auf bestialische Weise niedermetzelten. Einen von ihnen fanden wir aufgespießt in der Eisernen Jungfrau. Anschließend verschwanden die Eindringlinge mit ihren befreiten Freunden durch den geheimen Fluchtunnel, den sie zudem noch zum Einsturz brachten. Bei dem Vorfall wurden Dutzende von Soldaten getötet, mein Herr.“
„Und ich denke, Ihr wisst auch, wer hinter dieser Aktion steckte, oder?“
„Ja, mein Herr. Ich bin davon überzeugt, dass dahinter die Elfe steckt…“
„…dessen Kopf auf meinem Schreibtisch landen sollte, der Ihr aber noch immer nicht habhaft werden konntet!“ vollendete der Mann tobend den Satz, wobei er mit schnellen Schritten um den Schreibtisch herum geschossen kam.
„Ja, mein Herr.“
Der Mann beugte sich nach vorne, packte Gianauro am Hals und zog sie hoch. Röchelnd ließ diese es geschehen. Dann riss er die Frau nach vorne und presste ihren Kopf nach unten auf die Schreibtischplatte. Anschließend zog er sein Schwert, welches er ihr ins Genick drückte.
„Ich will einen Kopf auf meinem Schreibtisch liegen haben!“ zischte der Dunkelhäutige wütend. „Wenn Ihr mir Vernitas Kopf nicht besorgen könnt, dann werde ich eben Euren nehmen, habt Ihr mich verstanden?“
Eshtá nickte nur kurz.
„Gut“, erwiderte der Mann noch, bevor er Gianauro wieder losließ. „Und jetzt verschwindet. Solltet Ihr mir noch einmal mit derart schlechten Neuigkeiten unter die Augen treten, dann werdet Ihr diesen Raum nur noch mit den Füßen voran verlassen.“
„Ich habe verstanden, mein Herr“, entgegnete die Frau unterwürfig, während sie wieder aufstand. Dann verbeugte sie sich noch einmal, bevor sie das Zimmer verließ. Anschließend machte sie sich umgehend auf den Weg zur Kaserne.
„Wo hält sich Leutnant Brangroth derzeit auf?“ fragte sie die Wache am Eingang scharf.
„Er ist auf dem Übungsplatz und trainiert ein paar neue Rekruten, Milady“, erwiderte die Wache, während sie Haltung annahm.
Diese sagte nichts weiter, sondern betrat einfach das Gelände. Sie ging schnellen Schrittes über den Hof der Kaserne, wobei sie die Soldaten beobachtete, die dort exerzierten oder in Gruppen laufend ihre Runden drehten. Der Regen hatte zwar aufgehört, doch der Boden war nach wie vor weich und matschig. Trotzdem trainierten die Soldaten weiter. Für sie gab es kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.
Als sie sich dem Übungsplatz näherte, konnte sie den Kampflärm schon aus einiger Entfernung hören. Während sie dann in Sichtweite kam, legte sich ein böses Grinsen auf ihre schmalen Lippen. Sie sah auf der Mitte des Platzes drei jungen Soldaten, die sich um einen vierten Mann gruppiert hatten. Dieser war ein wahrer Riese von fast zweieinhalb Metern Größe. Seinen Körper muskulös zu nennen, wäre die Untertreibung des Jahres gewesen. Seine Oberarme hatten die Breite kleiner Kinder. Sein Kopf war vollkommen kahl, nur eine Narbe zog sich quer über seinen Schädel. Es gab Leute, die sich darüber lustig gemacht haben, allerdings hatten die wenigstens davon ihr vorlautes Gerede anschließend überlebt.
Der Riese trug eine einfache Lederrüstung, aber ganz eindeutig eine Spezielanfertigung, da Rüstungen in dieser Größe bestimmt kein Standard waren. In seinen Händen hielt er einen großen Schild und ein Übungsschwert aus Holz. Er fuchtelte mit seinem Schwert durch die Luft, während er mit den jungen Männern sprach.
„Auch wenn ihr zu dritt seid, dürft ihr euren Gegner niemals unterschätzen“, grummelte er mit seiner tiefen Stimme. „Und ihr müsst versuchen mich einzukreisen und eure Angriffe aufeinander abzustimmen...Heb’ deinen Schild mehr an, Joan...Das ist ein Schwert und kein Fächer, mit dem du mir Luft zuwedeln sollst, Grekan...Und denk daran, dass euer Schild auch eine Waffe sein kann...“
Einer der jungen Soldaten wagte einen Vorstoß, wobei er versuchte den Riesen mit seinem Holzschwert in den Bauch zu stechen. Dieser schlug mit seinem Schild gegen das Schwert des Mannes, welches ihm durch die Wucht direkt aus der Hand geprellt wurde. Der Riese setzte gleich nach und trat dem Rekruten mit voller Wucht gegen dessen Schild. Der Jüngling wurde einfach zurückgeschleudert, soviel Kraft hatte sein Ausbilder in den Angriff gelegt.
„Ich hab’ dir doch gesagt, dass du deinen Schild höher halten sollst, Joan!“ brüllte der Riese, als er erstaunlich schnell herumkreiselte und dem zweiten Rekruten sein Holzschwert so derbe über den Schädel zog, dass dieses zerbrach. Der getroffene Mann ging sogleich bewusstlos zu Boden.
Der dritte Soldat versuchte dies nun für sich zu nutzen. Mit einem Schrei auf den Lippen stürmte er vor, während er mit seinem Übungsschwert ausholte. Der Riese ließ seinen Arm vorschnellen und griff nach der Kehle des Mannes, bevor dieser auch nur den Hauch einer Chance hatte, diesem Angriff auszuweichen. Dann hob er den Jüngling einfach hoch, bis dessen Füße in der Luft hingen. Der Mann fing an zu Strampeln, ließ Schwert und Schild los, bevor er versuchte sich mit beiden Händen vom Griff seines Ausbilders zu befreien. Doch vergeblich.
„Und unterschätzt niemals einen Gegner“, maßregelte dieser seinen Untergebenen. „Selbst wenn dieser unbewaffnet ist!“
„Bravo, Brangroth!“ rief Eshtá Gianauro, während sie Beifall klatschte. „Du bist immer noch der Beste!“
Der Riese wandte kurz den Kopf. Der Blick in seinen grauen Augen hellte auf, als er die Frau erblickte. Auf seinen wulstigen Lippen lag ein breites Grinsen.
„Die Übungsstunde ist vorbei!“ brüllte er, wobei er den Mann einfach losließ, woraufhin dieser auf die Füße fiel, sein Gleichgewicht nicht mehr halten konnte und rücklings auf die Erde in den Schlamm klatschte.
Der Riese ignorierte seinen nach Luft schnappenden Rekruten und schritt stattdessen auf die Frau zu. Als er diese erreicht hatte, verneigte er sich vor ihr. „Ihr wünscht etwas von mir, meine Herrin?“
„Ja, Leutnant“, erwiderte die Frau ernst. „Ich habe eine Aufgabe für dich, die deinen Fähigkeiten angemessen ist. Und die kein Versagen toleriert.“
„Das sind gute Neuigkeiten, Herrin“, meinte der Riese, während er seine Axt aufhob, die er am Rande des Übungsplatz abgelegt hatte. Es war ein gigantisches zweischneidiges Ungetüm, so groß und schwer, dass sie ein gewöhnlicher Mann kaum zu führen vermochte. Doch Brangroth schwang sie auf seine Schulter, als wäre sie leicht wie ein Feder. „Ich hatte schon lange keinen richtigen Kampf mehr.“
„Nimm die Sache nicht auf die leichte Schulter. Dein Gegner ist ein richtiges Miststück. Und sie ist nicht allein.“
„Ich habe noch nie einen Gegner unterschätzt, Herrin. Aber sagt mir, wie ich Euch zu Diensten sein kann.“
Modifié par Aliens Crew, 27 décembre 2010 - 01:13 .





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