Keine halbe Stunde später beschloss Lea, Tjarks Geheimfach weiter zu durchwühlen und zu entdecken. Schlafen konnte sie ohnehin nicht. Sie griff nach einem alten verschnörkelten Buch, von Schriften aus alter Zeit kaum zu
unterscheiden. Ihre Gedanken drehten sich förmlich im Kreis als sie die kunstvollen Gravuren des Buchbandes behutsam mit dem Finger nach fuhr. Worum könnte es sich dabei nur handeln? Die Familienchronik?
Tjark's tiefste Geheimnisse? Geheimnisse Fereldens? Würde sie sogar interessantes bezüglich ihrer Familie daraus erfahren? Sie konnte es kaum erwarten aus dem Buch zu lesen, trotzdem warte sie noch einen Augenblick, denn ihr Herz hatte Angst davor was sie lesen würde. Ja, in gewisser Hinsicht würde sie sogar Tjark's Vertrauen missbrauchen, falls er ihr das je wirklich gegeben hatte. Doch letztlich obsiegte die Neugier.
Leanora öffnete das Buch und begann zu lesen.
Gleich auf der ersten Seite war Leanora erstaunt, sie fand darauf eine ihr durchaus bekannte Handschrift, die sie nicht erwartet hätte. Es war die von Tjark's Mutter.
Mein Sohn,wie es seit Generation in unserer Familie Brauch ist, möchte auch ich Dir zu Deinem 15. Geburtstag Deinen Teil unserer Familienchronik schenken.
Wundere Dich bitte nicht über den antik anmutenden Buchband, er ist ein Teil dieser Tradition. Er ist über 400 Jahre alt, und wird immer von Generation zu Generation weitergegeben, nachdem der Inhalt der einzelnen Bücher dem großen Gesamtwerk hinzugefügt wurde.So möchte auch ich Dich nun bitten, lass diese Tradition weiter leben!Schreib hier Dein Leben nieder, sei es nur was dich bewegt. Damit später alle wissen, wer Du wirklich warst und wofür Du gelebt hast.Das ganze mag Dir noch albern vorkommen, aber ich bin mir sicher, dass Du im Verlauf der Jahre den wirklichen Wert einer solchen Tradition erkennen wirst.Alles gute zum GeburtstagDeine Dich immer liebende MutterWer hätte das gedacht, es war anscheinend genau das was Leanora vermutete, eine Art Tagebuch. Allein dieser erste, durchaus nichtssagende Eintrag, beflügelte Leanora's Phantasie. Würde Tjark wohl der Bitte seiner Mutter gefolgt sein? Und wirklich niedergeschrieben haben was ihn innerlich bewegte? Leanora wurde ganz ungeduldig, sie konnte es doch kaum erwarten mehr über das innerstes dieses Menschen zu erfahren, den sie innerhalb eines Tages lieben lernte und wieder vergessen musste.
Voller Neugierde blätterte Leanora die Seiten um und verschlang dabei jedes Wort, als wäre es das erste Essen nach der Fastenzeit.
Nach etwa zehn Seiten machte sie eine Pause um das gelesene zu verarbeiten. Die Einträge stammten alle, wie sollte es auch anders sein, aus Tjark's Kindheit. Er freute sich über die Ernte auf dem Feld, über Papa's geschossenens Wild, er war überglücklich einmal mit ihm auf Jagd gehen zu dürfen.
Alles in allem bot sich Leanora ein doch sehr kindlicher und fröhlicher Eindruck, ganz und gar nicht dem Bild entsprechend was sie von Tjark durch die Lektüre der Briefe gewonnen hatte. Genau das fachte ihre Neugier nur noch mehr an, was hatte ihn wohl so verändert? Leanora hoffte inständig Antworten auf diese Frage zu finden. Scheinbar würden ihre Wünsche erfüllt werden, das war Leanora relativ schnell klar, als sie den nächsten Eintrag zu lesen begann.
Ich weiß nicht mehr weiter. Heute erreichte mich die Nachricht, dass ich zum Militär müsse. Papa und Mama waren darüber gar nicht glücklich. Ich auch nicht. Ich liebe mein Leben hier. Es ist unbeschwert, natürlich und ich hab es schätzen gelernt. Und ich dachte, dass ich das Gut hier irgendwann übernehmen werde. Aber ich werde es nicht ändern können.
In zwei Wochen muss ich in die Kaserne ziehen, man wolle mich dort auf den Alltag der Armee vorbereiten. Ich hab noch nie gekämpft, ich habe richtiggehend Angst davor. Ich wollte heute mit meiner Schwester darüber reden, Ihren Rat holen. Doch ich habe es verworfen, sie ist zu jung, um sie damit zu belasten.Mama und Papa sind mit der Ernte am werken. Ich muss damit allein klar kommen.Das hätte Leanora nun eher nicht erwartet, sie ging davon aus, dass Tjark das Militär und den Dienst dort seit je her liebte. Es folgten unzählige Einträge die Tjark's Angst vor der Armee verdeutlichten, es war sogar stellenweise Panik zu erkennen, und Leanora hatte das Gefühl, Tjark fühlte sich während dieser Zeit einsam und verlassen, nicht im Stande mit seinen Problemen allein klar zu kommen.
Vor 3 Tagen begann mein Dienst in der Kaserne, ich konnte zuvor nichts schreiben, weil ich weder Zeit noch Kraft hatte. Ich kann gar nicht ausdrücken wie ich mich fühle. Ich glaube minderwertig, benutzt, ja sogar missbraucht trifft es gut. Wir haben hier keine eigene Meinung, dürfen sie nicht haben. Keine Freiheiten. Sind Diener der Offiziere.
So den Rest meines Lebens zu fristen kann und will ich mir nicht vorstellen. Ich muss jetzt aufhören, Tagebücher sind hier verboten und werden hart bestraft.Tjark's Karriere begann doch anders als Leanora es sich vorgestellt hatte. Gierig verschlang sie die nächsten Seiten.
Nach nun 3 Monaten Ausbildung habe ich mich laut meinen Offizieren zu einem passablen Stück Scheiße entwickelt. Ob man das als Kompliment verstehen kann weiß ich nicht. Ich habe, so oft es uns erlaubt ist, an die Familie geschrieben. Ich habe ihnen immer gesagt es geht mir gut, ich habe Spass hier und eine schöne Zeit. Sie sollen nicht wissen wie sehr ich es hasse, wie es mich anwidert. Dass sie sich Sorgen um mich machen will ich nicht.Das entsprach eher dem Bild das Leanora von Tjark hatte, doch je mehr sie las, je sicherer war sie sich, dass er zwei Persönlichkeiten hatte.
Ich habe lange mit mir gerungen, doch ich habe mich nun entschieden. Ich hätte einfach wegrennen können und Fahnenflucht begehen. Doch glaube ich schon eine Verantwortung zu haben, eine Verantwortung meiner Familie gegenüber, aber auch Thedas gegenüber. Ich habe mich heute, dank einer mittlerweile akzeptablen Beziehung zu meinem Kommandanten, für die Offizierslaufbahn gemeldet. Ich freue mich ein wenig darauf endlich nicht mehr NUR Befehle annehmen und befolgen zu müssen, doch ich habe mir bei meiner Ehre geschworen niemals ein solcher Offizier zu werden wie diese Menschenschinder hier.Sollte das der Grund gewesen sein? Der Tjark dazu brachte Offizier zu werden? Verantwortungsgefühl? Oder war es nur der Wunsch endlich dem Soldatenleben zu entfliehen?
Leanora war verwirrt aber zugleich auch erstaunt. Die nächsten Einträge waren allesamt aus Tjark's Offiziersausbildung. Tjark sprach dabei voller Entsetzen darüber, dass ihm beigebracht wurde kaltschnäuzig zu sein, seine Soldaten zu verachten, sogar die Menschen allgemein.
Das war Leanora nicht fremd, hatte sie doch bis dato nur von Offizieren gehört, die diesem Bild entsprachen. Doch während sie den letzten Eintrag zu Ende lies, fiel ihr auf, dass die nächste Seite leer war. Sollte das Tagebuch hier enden? Es gab noch sovieles, was Leanora wissen wollte. Eifrig blätterte sie weiter, zwanzig, dreißig, vierzig Seiten. Nichts ausser gähnend leere Seiten. Nach rund fünfzig Seiten fand sie einen weiteren Eintrag.
Ich habe die letzten 3 Jahre keinen Eintrag hier gemacht, mir aber fest vorgenommen sie irgendwann nachzuholen. Ich bin jetzt Offizier und werde in den nächsten Wochen meinen Einsatzort erfahren, ich freue mich darauf, endlich das zu tun, was ich nicht gelernt habe.
Meine Ausbilder halten mich für einen Musteroffizier, ein kaltschnäuziges menschenverachtendes Arschloch. Ich habe es wirklich geschafft die anderen und leider auch mich selbst zu täuschen. Ich habe meinen ersten Gefangenen gefoltert, ihn sogar danach getötet. Und mir dabei eingeredet ich tu das jetzt nur um die Möglichkeit zu bekommen es später nicht zu tun. Ich habe Angst davor mich damit selber belogen zu haben, weil auf eine durchaus sadistische Art habe ich es genossen. Ich weiß das meine Familie davon zu tiefst enttäuscht wäre, auch wie ich Frauen ausnutze, man könnte fast gebrauchen sagen. Dank meiner Ausbildung habe ich eine wirklich ansehnliche Figur bekommen, und das und nichts anderes ist es was die Frauen wollen. Ich hingegen suche nur ihren Einfluss, ihre Macht, ihr Geld. Dass das ganze mit einer gehörige Portion Spaß verbunden ist, stört mich weniger. Denn ich habe gelernt, auch wenn es für mich eine schmerzhafte Erfahrung war. Da Beziehungen, Macht und Geld die Welt regieren, ist das die einzige Möglichkeit für mich, etwas ändern zu können. Ich hoffe inständig mich hierbei nicht auch zu irren und mich auch dabei selbst zu belügen.Leanora stockte der Atem, sie musste nach Luft schnappen, das Buch zur Seite legen. Tjark gebrauchte Frauen? Ihrer Macht wegen? Es stellten sich ihr die Haare zu Berge bei dem Gedanken er wollte sie auch nur „gebrauchen“. Doch nach einem Moment des Nachdenkens fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, daran konnte es nicht gelegen haben. Sie besaß keine Macht, keinen Einfluss und keine Beziehungen von denen Tjark wusste, er hätte nur gewinnen können wenn er sie auffliegen lassen hätte. Tat er aber nicht. War es doch etwas anderes, was er für sie empfand?
Für einen kurzen Moment war sie der Meinung, Tjark hätte wirklich etwas wie Liebe für sie empfunden, doch dieser Gedanke wurde rasch zerstört, als Leanora auf den nächsten Seiten von insgesamt elf Liebschaften las. Sie war nicht unbedingt verwundert darüber das Tjark Frauen hatte, aber die Vorstellung dass auch Männer dabei
waren, fand sie immer noch ekelhaft. Welch Überwindung mag es ihn wohl gekostet haben? Oder hat er es trotz allem genossen? Noch während Leanora versuchte sich einzureden, er tat es des eigenen Nutzen wegen, stieß sie auf einen Namen der ihr das Blut in den Adern kochen ließ. Eshtá Gianauro, allein dieser Name machte sie wütend. Das war ein wenig viel für Leanora, sie beschloß, das Buch erst einmal zur Seite zu legen und Revue passieren zu lassen was sie bereits gelesen hatte. Vielleicht würde sie doch schlafen können, müde genug war sie.
Modifié par Bellandyrs, 18 octobre 2010 - 06:29 .