„Das war einfach wundervoll, ach was sage ich, grandios geradezu“, lobte Neranos die Gesangs- und Spielkünste Leanoras. Er trank noch ein Schluck aus seinem Glas, bevor er es auf dem kleinen Tisch abstellte, wieder aufstand und klatschend auf die blondhaarige Frau zuging. „Ihr habt eine wunderbare Stimme und Euer Können auf dem Flügel übertrifft die meines Dieners bei Weitem. Bitte seid so gut und spielt mir noch ein Stück vor.“
Leanora ließ sich nicht zweimal bitten, sondern stimmte ein neues Lied an. Es handelte sich dabei um eine Ballade über die verlorene Liebe zweier junger Menschen. Die blondhaarige Frau wählte dieses Lied rein zufällig. Erst als sie es vortrug, wurde ihr die Ironie des Ganzen bewusst. Der Kommandant stellte sich hinter Leanora, hob den Kopf und schloss die Augen, um sich ganz in der Musik zu verlieren, welche sein Herz berührte. Dabei legte er der Frau unbewusst seine Hände auf die Schultern. Nie hatte er sich so glücklich gefühlt, wie in diesem Augenblick.
Nachdem Leanora ihren Gesang beendet hatte, öffnete er seine Augen wieder und sah zu ihr herunter. Als sein Blick auf ihre Schwesterntracht und vor allem auch auf seine Hände fiel, zog er diese ganz schnell wieder zurück. Für einen Moment überkamen ihm Zweifel.
‚Was tue ich hier überhaupt?‘ ging es ihm abermals durch den Kopf. ‚Das kann doch gar nicht gut gehen. Sie ist eine Schwester der Kirche und ich ein Templer. Das kann nur in einer Katastrophe enden, doch…je mehr ich über sie erfahre und sie kennenlerne, desto schwieriger ist es für mich, von ihr abzulassen. Bin ich etwa von dieser Frau besessen? Was passiert nur mit mir?‘
Schnell schüttelte er diese Gedanken ab, bevor er erneut begeistert in die Hände klatschte. „Bravo, Sophia. Das war einfach phantastisch. Ich könnte Euch den ganzen Abend lang zuhören, doch ich möchte Eure Stimme nicht überstrapazieren. Wie wäre es stattdessen mit einem kleinen Spielchen. Ich kenne da ein ganz neues Geschicklichkeitsspiel, welches sie in Anderfels spielen. Es heißt Mikado. Hättet Ihr vielleicht Interesse, es einmal auszuprobieren? Es wird Euch sicher gefallen.“
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„Ich habe Euch nach Alternativen gefragt“, entgegnete Vernita schroff auf Nerias verärgert klingende Antwort. „Aber nach Alternativen, die uns nicht noch mehr Ärger bescheren, als wir ohnehin schon haben. Und die habt Ihr mir nicht bieten können, so bleibt für mich im Moment nur das Lagerhaus als logische Wahl für unser neues Versteck. Denn wie Miandra es schon so treffend bemerkte, hocken wir schon viel zu lange in diesem Kellerloch rum. Und nachdem jetzt auch noch Azoth verschwunden ist, wird es dort mehr als nur gefährlich. Ein Standortwechsel ist also dringend vonnöten. Sobald wir erst einmal in dieser neuen Baracke untergekommen sind, können wir uns immer noch nach einem besseren Unterschlupf umsehen.“
Dann wandte sie sich noch kurz an Miandra. „Und keine Angst, wegen diesem Kerl, der da im Moment noch haust. Sollte der uns irgendwelchen Ärger machen, dann versenken wir seine Leiche einfach im Hafenbecken.“
Ohne eine Antwort der beiden anderen abzuwarten drehte sie sich zu Legin um. „Wir sind einverstanden. Euer Elfenfreund hier soll uns umgehend dieses Lagerhaus zeigen.“
„Du hast die Dame gehört, Shendár“, meinte der Schieber grinsend. „Also tu, wie dir geheißen wurde.“
„Ja, ja…natürlich“, stotterte der Angesprochene, bevor er einmal tief durchatmete und mit ruhigerer Stimme fortfuhr. „Bitte, folgt mir.“
Bevor die vier den Raum verließen, wandte sich Vernita noch einmal an Dingolor. „Damit sehe ich Eure Schuld mir gegenüber als getilgt an, Legin.“
Der Angesprochene nickte nur bestätigend, bevor Shendár die drei Frauen nach draußen geleitete und aus den Elendsviertel Denerims herausführte. Sie bewegten sich in Richtung des Hafens. Die Luft wurde frischer und eine kräftige Brise schlug den vieren entgegen. In der Nähe hörten sie auch schon das Rauschen Meeres.
Nach und nach machten die Wohnhäuser großen Lagerhäusern und Verladestellen Platz. Nur einige einzeln stehende Hütten, die wohl Fischern gehörten und eine heruntergekommene Hafenspelunke waren zudem noch auszumachen.
Der Albinoelf führte die drei Frauen immer weiter, bis sie fast das Ende des Hafengeländes erreicht hatten. Die Lagerhallen hier waren zum größten Teil leer und verfallen. Nur vor einigen wenigen trieben sich Gestalten herum, die so aussahen, als würden sie nichts Gutes im Schilde führen. In dieser Gegend kann man wohl eine Patrouille der Stadtwache auf drei Meilen gegen den Wind wittern.
Shendár hielt vor dem großen Tor einer alten Halle an.
„Wir sind da“, verkündete er, bevor er die kleine Zugangstür in diesem Tor öffnete und eintrat. Die drei Frauen folgten ihm sogleich. Der Elf nahm sich eine Fackel aus der Halterung an der Tür und entzündete diese, bevor er den dreien ihr neues zuhause zeigte, was ziemlich heruntergekommen aussah. Viele der Kisten, die hier übereinander gestapelt standen, waren beschädigt oder schon komplett verrottet. Und es roch nach verfaultem Fisch und verdorbenem Obst.
Und dann standen sie plötzlich vor ihm. Einem ausgehungert wirkenden Hungerhaken mit langen roten Haaren und einer Augenklappe.
„Ich nehme an, das ist unser neuer Mitbewohner“, bemerkte Vernita mit abwertender Stimme, wobei sie ihr Gegenüber eingehend musterte.
Modifié par Aliens Crew, 02 février 2011 - 05:10 .