Miandra hätte sich beinahe an dem Apfel verschluckt als sie Vernitas Gegenfragen hörte. So legte sie diesen beiseite und lauschte weiter nachdenklich den Ausführungen der Elfe, bis diese geendet hatte, dabei bemerkte sie jedoch nicht, dass das Mädchen das Lagerhaus verließ.
"Nein, Farren und ich haben uns nie gestritten, ob Ihr es mir nun glaubt oder nicht.", begann sie mit einem schwerfälligen Seufzer.
"Ich hatte nicht viel Freizeit... eigentlich kann ich mich gar nicht an eine Zeit erinnern, in der ich nicht irgendwo mithelfen musste, sei es nun im Haus bei meiner Mutter, in Ställen, auf Feldern, in der Taverne bei meiner Tante oder bei meinem Vater... ich hatte immer recht viel zu tun, da war wenig Platz für so etwas, wie Spielsachen, um die man sich streiten konnte... Eigentlich hatte ich gar keine Spielsachen... Und wenn ich Zeit hatte.. nun, da habe ich viel nachgedacht, hauptsächlich über meine Eltern und die Anderen beobachtet. Die anderen Kinder haben das nicht verstanden, ich hörte sie manchmal, wie sie über mich redeten.. und Kinder können zudem ziemlich gemein werden, wenn ihnen langweilig wird. Ich kann mich noch erinnern, wie sie einmal zu mir kamen und meinten sie hätten irgendwo im Wald etwas entdeckt das sie mir zeigen wollten.", kurz verzog sich ihr betroffener Blick und sie legte ein Grinsen auf, als würde sie das Ganze nun für total komisch empfinden und zuckte mit den Schultern.
"Nun ja ich war jung und naiv, aber spätestens als ich kopfüber an einem Seil hang, ausgelöst von der Falle, die sie mir gestellt hatten, und meine ganze Kleidung voller Schlamm war, mein Rock nach unten hing, sodass man meine Unterwäsche sehen konnte und alle über mich lachten, wurde mir klar, dass es wohl besser war, denen nichtmehr so leichtfertig zu vertrauen.", erneut seufzte sie, bevor sie fortfuhr.
"Ich muss einige Stunden dort gehangen haben, nachdem sie sich verzogen hatten. War ziemlich ungemütlich, aber... viel schlimmer war es wohl, dass meine Mutter ausrastete wegen meiner Sachen, und mein Vater, weil ich nicht rechtzeitig zurück war, um meine Arbeit zu erledigen. Wäre wohl nicht mein Bruder derjenige gewesen, der mich letztendlich im Wald fand, hätten sie mir ohnehin nicht geglaubt... und bestimmt mal wieder mehr als nur Worte sprechen lassen... Ja, und sonst... sie wollten mich von da an eigentlich immer öfter aufziehen und nerven, ich war sowas wie die Hauptattraktion geworden. Eigentlich hatten sich immer alle gegen mich gestellt, abgesehen von meinem Bruder. Er hat immer auf mich aufgepasst, mich verteidigt oder beschützt, wenn man mich ärgern wollte, oder getröstet wenn es schon zu spät für war... er war der Einzige dem ich jemals vertrauen konnte.", Miandras letzte Worte waren immer leiser geworden, bevor sie einen Moment inne hielt und an irgendeine Stelle im Raum starrte, als würde sie überlegen, ob sie weiterreden sollte oder nicht.
"Könnt Ihr Euch noch daran erinnern, als wir damals an dem Lagerfeuer saßen, nachdem wir die Sache in Lothering beendet hatten?", sagte sie plötzlich und blickte wieder zu der Elfe.
"Als alles noch seinen Anfang hatte.. Ihr habt mir erzählt, was man Euch und Eurem Sohn angetan hat. Einfach so.. aber dabei waren wir doch nichts weiter als Geschäftspartner. Ich habe vorher noch nie jemanden kennen gelernt, dem so viel Schlimmes im Leben widerfahren war. Ich lebte tagtäglich umgeben von Leuten, die eigentlich alles hatten, was das Leben lebenswert macht. Aber keiner von ihnen schätzte es. Vielleicht verachtete ich sie deswegen alle so... wie sie sich immer über Kleinigkeiten aufgeregt haben... aber ein Teil von mir wollte wohl immer so sein, wie sie... aber eigentlich habe ich mich damit nur selbst belogen.", sie machte eine nachdenkliche Pause, als sie bemerkte, dass sie dabei war abzuschweifen.
"Ich hatte Mitleid mit Euch, denn alleine die Vorstellung von all dem, tat mir in der Seele weh. Und von einen Moment auf den anderen, habe ich Euch vertraut. Und ohne groß darüber nachzudenken, erzählte ich Euch von meinem Vater und Bruder, jedoch nicht um es mir von der Seele zu reden, sondern eher um Euch von Euren eigenen Gedanken abzulenken.", ihre Stimme war ein wenig leiser geworden bevor sie schnell fortfuhr, als müsste sie sich dafür rechtfertigen.
"Ich habe so etwas noch nie zuvor getan, aber ich fühlte mich wohl auf irgendeine Art und Weise mit Euch verbunden... Aber genau das machte mir Angst. Ich hielt es im Nachhinein für ziemlich dumm, einfach so jemanden zu vertrauen und solche Dinge erzählt zu haben. Ich hielt es für besser und sicherer einfach so weiter zu machen wie bisher, aber es fiel mir alles andere als leicht. Ihr denkt jetzt bestimmt, dass ich davor Angst habe enttäuscht zu werden, doch das ist es eigentlich nicht, zumindest nicht direkt. Zu Vieles hatte sich so plötzlich geändert. Alles schien so schnell zu gehen... vor ein paar Wochen waren meine Tage durchgeplant mit alltäglichen Dingen, und nun bin ich in einer Stadt, werde wegen Mordes an meinen Eltern gesucht und habe nicht die geringste Ahnung davon ob meine Tochter, wegen der ich all diese Reise angetreten habe, überhaupt noch am Leben ist, und wäre dabei schon fast an einer Folter in dem größten Gefängnis von Ferelden gestorben.", erneut schwieg sie und blickte ein wenig beschämt nach unten.
"Wenn Ihr mich da nicht rausgeholt hättet, versteht sich... Wofür ich mich nie bedankt habe... ich war wütend deswegen. Ich weiß nicht ob Ihr das versteht, aber als ich in dieser Zelle aufgewacht bin, und erkannte, dass es keinen Ausweg geben würde, da habe ich es akzeptiert... zwar nicht sofort, aber...", Miandra holte kurz tief Luft, und schien nach den richtigen Worten zu suchen, bevor sie weitersprach.
"Ich kann mich noch daran erinnern, als sie mich nach der ersten Folter zurück in die Zelle gebracht haben. Trotz dieser unvorstellbaren Schmerzen, spürte ich, wie der kalte Boden auf dem ich lag von dem Blut, das von meinem Rücken hinab lief, bedeckt wurde und sich unter mir eine Lache bildete. Mein Magen schmerzte, da mich dieses Schwein getreten hatte, und ich musste mich übergeben. Anschließend lag ich einfach nur da... komplett alleine, denn den Elfen hatten sie irgendwo anders hingebracht... und bemerkte, dass ich weinte. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich mich einsam, und wusste, dass ich es eigentlich hasste. Und ich hatte versagt, da ich meine persönlichen Probleme vor die Sicherheit meiner selbst und damit vor meine Tochter gestellt hatte, und dadurch in dieser Lage war. Es war ein Fehler meine Eltern so leichtfertig zu töten... aber mir war klar, dass ich es nicht mehr ändern konnte. Ich wusste, dass dieser Ort derjenige sein würde, an dem ich mein Leben lassen werde. Die Einsamkeit ließ mich begreifen, dass eigentlich auch besser so war, denn der schlimmste Schmerz von allen, war der zu wissen, dass irgendwo da draußen jemand wartet, der auf mich angewiesen ist, meine Hilfe braucht, und ich nichts dagegen tun kann.
Die meisten Dinge, die danach passierten sind sehr verschwommen, was wohl auf das Fieber zurückzuführen ist... eigentlich kann ich mich nur noch an zwei weitere Sachen richtig gut erinnern. An meine Träume.. und an den Moment, als ich spürte wie mein Kopf in dieses ekelhafte kalte Wasser eintauchte. Alles um mich herum war schwarz und still geworden, und ich alleine hatte es plötzlich in der Hand, ob ich leben oder sterben wollte. Und so schnappte ich nach Luft, wo doch eigentlich keine war. Ich wusste, dass die Schmerzen in meinem Hals und meiner Lunge meine letzten sein würden, und war froh darüber.", kurz schloss sie die Augen und seufzte, bevor sie ernst fortfuhr und wieder zu der Elfe blickte.
"Aber ich hatte mich geirrt. Die Schmerzen hörten nicht auf, mein Leben ging weiter, und ich gab Euch die Schuld dafür. Ich war doch nichts weiter als ein Krüppel, konnte nicht einmal mehr aufrecht gehen.. Es hätte unter normalen Bedingungen Wochen gedauert, bis meine Wunden geheilt gewesen wären... Ich hätte Wochen verloren.. und die Wahrscheinlichkeit, dass ich Elana dann noch gefunden hätte wäre radikal gesunken. Was hätte mir dieses Leben noch gebracht? Irgendwo in einem Keller darauf zu warten, gesund zu werden, um dann.. ja .. für mich ergab das alles keinen Sinn mehr.", sie wandte den Blick von Vernita ab, und musterte von Weitem die schlafende Halbelfe.
"Aber wie Ihr ja bereits sagtet, war es wohl nicht so schlecht, diese Magierin in die Gruppe aufzunehmen. Ziemlich nützlich, wenn auch anfangs schwer kontrollierbar.", kurz überzog ein zaghaftes Lächeln ihr Gesicht, welches jedoch schlagartig wieder verschwand, als sie sich wieder an Vernita wandte.
"Es war schwierig etwas, das man bereits aufgegeben hatte wieder zu akzeptieren. Ich war so sehr mit diesen Gedanken beschäftigt, wie sehr ich es doch nicht alles hasste, wie sinnlos es war, so weiter zu machen und wie befreiend der Tod gewesen wäre, dass ich alles andere um mich nicht mehr wahr nahm. Oder wahr nehmen wollte. Aber...", erneut hielt sie inne. Eigentlich war es nicht ihre Art über solche Dinge zu reden - oder überhaupt so viel zu reden. Es fiel ihr schwer auf den Punkt zu kommen, dennoch fuhr sie fort.
"Aber Ihr habt mich mit ein paar einfachen Worten wieder ein wenig wachgerüttelt. Und von da an habe ich begonnen über all das nachzudenken. Erst wusste ich nicht, warum es mich plötzlich interessierte zu wissen, warum ich so bin, wie ich bin. Es hat mich nie gekümmert, denn was sollte es mir bringen es zu wissen, ich hatte ohnehin nie vor etwas daran zu ändern. Wozu denn auch...
Ich hatte Euch doch erzählt, wie Farren ums Leben kam. Er war bisher der Einzige dem ich jemals vertraut habe, und genau das sorgte dafür, dass er starb. Hätte ich ihm das von meinem Vater nicht erzählt... ja mein Leben wäre wohl komplett anders verlaufen. Zumindest hatte sich von da an alles geändert. Mein Vater rührte mich zwar nicht mehr an, aber den einzigen Menschen der einem etwas bedeutet vor seinen Augen sterben zu sehen... solche Schmerzen sind schlimmer als jede Demütigung oder Verachtung. Es ist wie wenn etwas aus Euch herausbricht. Wie wenn von einen Moment auf den anderen etwas fehlen würde, und Ihr Euch komplett leer fühlt. Ich fühlte mich schuldig dafür, dass das passiert war - wahrscheinlich auch, weil mir das jeder einredete... aber gut, ich war auch nur ein Kind. Von da an war ich alleine, auch in all den Situationen in denen ich sonst jemanden hatte, der es für wert empfand auf mich aufzupassen, aber ich sah all das als Strafe dafür an, einen solch dummen Fehler gemacht zu haben... Hatte ich denn nicht schon oft genug erlebt, dass man niemanden vertrauen sollte? Ich beschloss, dass ich so etwas nie wieder zulassen werde. Nie wieder...", sie machte eine kurze Pause, bevor sie unsicher weitersprach.
"Und der Grund wieso ich Euch all das erzählt habe, ist nicht der, weil ich das Gefühl hatte es los werden zu müssen. Aber nun ja.. Ihr wart der Grund, warum ich darüber nachgedacht habe, und auch wenn es mich selbst nie interessiert hat, so hatte ich das Gefühl, dass es für Euch vielleicht von wert sein könnte, zu wissen, wieso ich so... abweisend bin und wieso ich auch niemanden von den Anderen näher kennen lernen möchte. Und weil ich weiß, dass Rowan nicht die Einzige ist, die Ihr verstehen wollt. Ich hatte Euch gesagt, dass ich so etwas nicht kann... aber eigentlich habe ich Angst davor... Nur glaube ich manchmal, dass ich einen Kampf fechte, den ich eigentlich bereits verloren habe... aber ich... ich fechte ihn doch schon so lange... ich will so etwas einfach nicht, und trotzdem tue ich es... ja, und das macht mir Angst.", nachdem sie geendet hatte blickte sie nur nachdenklich zu dem angebissenen Apfel, den sie neben ihrer Schlafmatte abgelegt hatte. Sie hatte gerade so viel gesagt, dass ihr endgültig nichts mehr einfiel, aber der Hunger war ihr nun auch vergangen. Doch gerade als sie geendet hatte, vernahm sie das Geräusch der Türe. Automatisch blickte sie in die Richtung, und sah eine junge Elfe, wohl jene die Rowan herbringen sollte. Hatte sie gerade so viel geredet, dass so viel Zeit vergangen war? Misstrauisch musterte Miandra die eigenartige Rüstung, und deren Waffe. Zielstrebig ging sie zu Vernita, drückte dieser einen Zettel in die Hand und stellte sich übertrieben nett vor. Welch perfekter Moment... ging Miandra bei deren Worte nur ironisch durch den Kopf.
Modifié par Kaysallie, 22 mars 2011 - 08:57 .