Schnaubend blickte Miandra noch für einen Moment auf den Zwilling, der nun zu Boden lag, und aus leblosen Augen zur Decke starrte. Für sie sah er, auch wenn ihn das Leben bereits verlassen hatte, noch immer völlig irre und angespannt aus. Plötzlich spürte sie, wie ihr Körper zu zittern begann, ihr das Fleischermesser aus der Hand glitt, und mit einem klirrenden Geräusch auf den Boden fiel. Schlagartig fühlte sie sich schwach, doch nur langsam begann sie diesen ganzen Kampf zu realisieren.
Hätte Vernita sie nicht angesprochen, würde Miandra sie wahrscheinlich noch länger auf den leblosen und blutüberströmten Körper starren, doch nun blickte sie zur Seite, und schenkte der Elfe ein sehr zaghaftes und kurzes Lächeln. Vernitas Worte hatten ihren Geist erreicht, und auch wenn sie sich viel lieber für einen Moment ausgeruht hätte, so bückte sie sich gegen ihren Willen zu Boden, und entfernte dem Jungen das Wurfmesser aus dem Arm, welches sie ohne es zu reinigen an ihrem Gürtel verstaute. Ebenso sammelte sie die Messer ein, die in dem toten Mann steckten, welchen sie als Schutzschild verwendet hatten. Auch nahm sie die Dolche des Zwillings mit, denn selbst wenn sie diese nicht begutachtete, so war sie davon überzeugt, dass diese von einer Qualität waren, die sie so schnell nicht mehr bekommen würde.
Als sie sich schließlich in die Richtung der Elfe begab, blieb sie plötzlich abrupt stehen, und drehte sich in die Richtung des Kamins, in welchem, so wie die gesamte Zeit über, ein ungeschütztes Feuer brannte, worüber ein riesiger Kessel hing, in welchem wohl ein Eintopf kochte. Wortlos trat sie vor das Feuer, bevor sie nach einer Schnapsflasche, die an einer Arbeitsfläche stand, griff, und den Inhalt über die Leichen kippte, und mit dem Rest eine Linie zu den Flammen zog. Erst dabei fiel Miandra auf, dass ihr die Rüstung des blonden Jungen bekannt vorkam, doch fiel ihr in jenem Moment nicht mehr ein woher. Augenblicklich fing das alkoholische Getränk Feuer, und ging auf die beiden Toten über. Miandra hatte sich inzwischen neben Vernita hingekniet.
„Wir wollen der Stadtwache doch etwas zu tun geben.“, sagte sie knapp, wenn auch etwas amüsiert darüber, als sie den überraschten Blick der Elfe sah. Ohne weiteres dazu zu sagen, packte sie den Arm von Vernita und legte diesen über ihre Schulter, bevor sie angstengt aufstand, und die Elfe so gut sie es vermochte stützte. Dank der schweren Rüstung, war es jedoch alles andere als einfach. Dennoch schaffte Miandra es unter enormer Anstrengung Vernita durch den Schankraum zu helfen, wobei sie zusätzlich im Gehen das Kurzschwert der Elfe, und weitere Wurfmesser vom Boden aufheben musste. Erst als sie auch diese Waffen verstaut hatte, konzentrierte sie sich nur noch darauf Vernita zu stützen und steuerte auf die Hintertür zu, wobei sie hinter sich hören konnte, wie sich das Feuer bereits in der Küche ausbreitete und wohl bald auf den Schankraum übergehen würde.
Auf dem Hinterhof der Taverne war es nahezu stockdunkel, denn nur eine Öllampe an der Wand erhellte den Eingang. Miandra wusste zwar nicht in welche Richtung sie mussten, aber ihr war klar, dass sie Vernita niemals bis zum Lagerhaus stützen konnte. So schlug sie wahllos einen Weg ein, der in eine finstere Gasse führte, und hoffte, dass sie dabei nicht den anderen Söldnern direkt in die Arme laufen würde. Die gesamte Zeit über konnte sie nur ihren eigenen Atem, den der Elfe und ein leises Scheppern deren Rüstung vernehmen. Keine Menschenseele kreuzte diesen dunklen Weg, doch jeder Schritt kam Miandra anstrengender und kleiner als der vorherige vor.
Doch dann konnte sie aus der Ferne etwas hören, blieb stehen und lauschte. Es war ein klapperndes Geräusch, das an die Hufe von Pferden erinnerte, doch war es so leise, und schien Ewigkeiten entfernt, denn ihr eigener rasender Pulsschlag kam ihr lauter vor, als dieses Poltern. Doch wurde es gemächlich lauter, aber es kam nicht von der Gasse, in welcher sie standen. Wahrscheinlich war es tatsächlich die Stadtwache, die auf einer Hauptstraße entlang zu der Taverne eilte. Miandra wandte sich kurz um, und konnte nur schwach Rauchwolken erkennen, die das Bild des klaren Nachthimmels zerstörten. So zog sie Vernita fester an sich, und ging so schnell sie konnte weiter. Immer wieder schlug sie dabei den Weg ein, der noch abgelegener schien, als jener zuvor, und hoffte dabei nicht irgendwelchen Verbrechern über den Weg zu laufen, als sie realisierte, dass sie sich aus dem reicheren Viertel entfernten. Doch nachdem sie ein relativ weites Stück zurück gelegt hatte, konnte sie einfach nicht mehr. Ihre Beine fühlten sich an als würden Bleigewichte daran hängen, ebenso wie an ihrer Schulter. So blieb sie neben einem großen Holzhaus stehen, das von außen an einen Stall erinnerte. Sie trat vor die große Tür, durch welche locker eine Kutsche passte, und suchte in der Dunkelheit einen Türgriff, oder Ähnliches. Nach nur weniger Zeit konnte sie eine Kette und ein Schloss ertasten, womit dieses Tor einfach verriegelt wurde. So ließ Miandra die Elfe einen Augenblick los, wobei sie regelrecht spürte, wie nun noch mehr Gewicht auf sie sackte, als sich diese alleine an ihr festhielt, doch brauchte sie beide Hände, um das Schloss öffnen zu können. Zu ihrem Glück musste sie nur ein wenig mit der Spitze eines Wurfmessers in der Öffnung bohren, da sprang es auch schon auf. Mit einem erleichterten Seufzen entfernte sie die Kette, öffnete die breite Tür einen Spalt, und zog Vernita mit sich in den Innenraum.
Hinter sich schloss Miandra die Türe wieder, bevor sie versuchte etwas zu erkennen, aber war es hier noch dunkler als draußen. Zuerst hielt Miandra es für einen Stall, doch konnte sie keine Tiere hören, sondern vernahm nur den Geruch von Stroh und Heu, der sofort in ihrer Nase kitzelte. Scheinbar handelte es sich lediglich um ein Futterlager für den Winter. Langsam hatten sich auch ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und so wagte sie sich weiter in den Raum vor, und setzte Vernita schließlich auf einem der unzähligen Heulballen ab. Direkt daneben sackte nun auch sie schnaubend und zitternd zusammen, und ließ sich dabei nach hinten ins Heu fallen.
Modifié par Kaysallie, 04 juin 2011 - 01:50 .