Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder gefangen hatte, bis sie wieder Herr über ihren Körper und ihren Geist wurde. Doch zu diesem Zeitpunkt war die schwarzhaarige Frau bereits verschwunden. Vernita seufzte schwermütig auf, während sie aus glasigen Augen zum Himmel emporblickte. Sie merkte nicht einmal, dass ihr weitere Tränen über die Wangen liefen.
‚Was wollt Ihr von mir?‘ Miandras Worte hallten immer noch in ihrem Schädel nach. Und sie wusste auf diese Frage nicht einmal eine Antwort. Oder etwa doch? Wollte sie nicht ganz einfach das, was alle lebenden Wesen wollen, doch was ihr schon immer verwehrt worden war? Wollte sie nicht einfach eine Person, die sie lieben konnte und welche sie im Gegenzug ebenfalls liebte? Vor Jahren dachte sie, sie hätte diese Person in ihrem Sohn gefunden, doch dieser Traum wurde ihr auf grausame Weise entrissen. Daraufhin wurde sie so kalt und so hart wie Stahl. Nur auf sich selbst fixiert, nur davon besessen, dieser rücksichtslosen Welt zu zeigen, dass sie es schaffen konnte, ihr einen weiteren Tag zu entreißen, den sie Blut und Tod tränken konnte.
Nun dachte sie, hätte sich das alles endlich ausgezahlt, und sie hätte nach all dem Schmerz und dem Leid in Miandra eine andere Person gefunden, die ihr diesen Traum erfüllen konnte. Doch dies erwies sich mehr und mehr als Trugschluss, denn die schwarzhaarige Frau war offensichtlich nicht dazu in der Lage, ihr das zu geben, was ihr Herz so sehr verlangte. Was sollte nun aus ihr werden? Beim letzten Mal verwandelte sie dieser Verlust in eine kaltblütige Killerin, die ohne Gewissensbisse alles und jeden tötete, der ihr in die Quere kam. Doch nun? Was würde nun geschehen? Würde sie sich jetzt zu einer kranken Psychopathin entwickeln, der lediglich ein falsches Wort ausreichte, um Blut zu vergießen? Gab es dann überhaupt noch Hoffnung für sie? Oder läutete dieser erneute Rückschlag jetzt langsam aber sicher ihr endgültiges Ende herbei? Ein Ende, welches sie ja schon vor etlichen Jahren erleiden sollte.
Gedankenverloren beobachtete sie einen weiteren Stern, der augenscheinlich vom Himmel fiel, bevor sie wieder in die Realität zurückgerissen wurde. Ein plötzlicher Gedanke machte ihr zu schaffen und ließ sie aufschrecken. Miandra war ziemlich aufgewühlt vom Dach gestürzt. Was, wenn sie sich selbst etwas antat? Wenn sie davon überzeugt war, dass ihr Leben nichts mehr wert sei, und sie nur so ihre Probleme lösen könnte? Das könnte sich Vernita niemals verzeihen.
Die Elfe setzte sich ruckartig auf, bevor sie so schnell es ihr möglich war, vom Dach kletterte. Unten angekommen blickte sie sich suchend um, konnte aber keine Spur von Miandra entdecken. So machte sie sich auf, sie zu finden. Sie stellte dabei die halbe Hafengegend auf den Kopf und machte sich währenddessen die größten Vorwürfe. Schließlich und endlich, als sie gerade schon die Hoffnung aufgeben wollte, fand sie die schwarzhaarige Frau am alten Hafenbecken hocken und auf das Meer hinausstarren.
„Da bist du ja. Ich habe mir schon Sorgen um dich gemacht“, meinte sie tonlos, wobei sie einige Meter hinter Miandra stehen blieb und diese nur aus den Augenwinkeln betrachtete. „Falls du es noch wissen möchtest…alles, was ich von dir will, ist das, was alle lebenden Wesen wollen. Ich suche nach deiner Wärme, deiner Geborgenheit. Ich möchte deine Haut auf der meinen spüren und deinen Atem in meinem Nacken. Ich suche nach jemandem, der für mich da ist und für den ich auch da sein kann. Ich will bis tief in deine Seele blicken und biete dir dafür meine eigene. Mich dürstet einfach nur nach dem Glück, was scheinbar allen anderen Leuten zuteil wird…nur mir eben nicht…“
Ihr Herz krampfte sich zusammen und fühlte sich so an, als würde jemand mit einer Schraubzwinge jegliches Leben aus diesem herauspressen und den Abwasserschacht hinunterspülen. Und ihr Gesicht versteinerte zu einer scheinbar leblosen Maske, als sie weitersprach. „Doch mir ist klar geworden, dass du mir dieses Glück ebenso wenig geben kannst wie es auch sonst niemand auf dieser Welt tun kann. Und das bricht mir das Herz. Und auch wenn ich dieses Gefühl für dich nicht abstellen kann, so sehr ich das vielleicht auch zu wünschen vermag, so werde ich dich trotzdem nicht mehr damit behelligen. Somit habe ich beschlossen, dir deine Tochter zurückzuholen, wie ich es dir versprochen habe. Und anschließend haben mich Schmerz und Tod wieder, so wie es schon immer in meinem Leben gewesen ist. Nur dieses Mal werde ich die Klinge willkommen heißen, die meiner wertlosen Existenz ein Ende bereitet. Der Tod war eh immer der einzige Begleiter, den ich jemals wirklich hatte…wird also Zeit, dass wir beide uns ein wenig näherkommen. Es kümmert ja eh niemanden, ob ich lebe oder sterbe, also spielt es auch keine große Rolle, wenn er mich etwas früher zu sich holt, nicht wahr?“
Die Elfe wandte sich zum Gehen ab, hielt dann aber doch noch für einen Moment inne. „Mach‘ dir aber deswegen jetzt keine Vorwürfe, Miandra. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich habe nur erkannt, wie sinnlos mein Leben im Grunde ist und dass es eigentlich schon immer so war. Es wäre wohl für alle das Beste gewesen, wenn ich bereits wie bereits mein Sohn im Kindbett gestorben wäre. Das hätte dieser Welt sicher eine Menge Ärger erspart. Und eine Menge Blut. Doch jetzt entschuldige mich bitte. Ich bin plötzlich so unsagbar müde. Ich denke, ich werde mich ein wenig hinlegen und schlafen. Vielleicht habe ich ja das Glück und dieser Alptraum von einem Leben findet morgen endlich sein Ende. Ich bin es so leid…ich…ach, vergiss es. Ich plappere nur noch dummes Zeug. Ich gehe jetzt schlafen und das solltest du auch bald tun. Morgen wird es sicher wieder ein anstrengender Tag werden. Und irgendwie scheinen sie auch immer länger zu werden…“
Nach diesen Worten setzte sich Vernita in Bewegung und schlurfte langsam und kraftlos in Richtung des Lagerhauses.
Modifié par Aliens Crew, 15 juillet 2011 - 10:58 .





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