In Vernita fuhr eine unerwartete Hitze in jede Pore ihres Körpers, als Miandras Gesicht sich bis auf haaresbreite dem ihren näherte. Sie spürte deren Atem auf ihrer Haut, wodurch sich ihr Herzschlag für einen Moment rasant beschleunigte. Sie wollte gerade schon nach dem Kopf der Frau greifen und diese so leidenschaftlich küssen wie sie es in ihrem Traum getan hatte, da war dieser bereits wieder außerhalb ihrer Reichweite. Die Elfe seufzte kurz, während sie Miandra von unten her ansah und dabei schief grinste.
„Du machst es einem wirklich nicht leicht“, meinte sie neckend, wobei sie sich ihren Panzerhandschuh überzog. Und sie wurde schlagartig wieder ernst, nachdem sie der schwarzhaarigen Frau gelauscht hatte. „Nein. Wir können noch nicht gehen. Wir sind hierher gekommen, um etwas herauszufinden, doch bisher haben wir gar nichts...lediglich einen toten Blutmagier, der anscheinend nur ein Nutznießer dieser ganzen Entführungsgeschichte war. Aber sicher finden wir hier auch noch wertvolle Informationen. Wir müssen einfach.“
Mühsam richtete sich Vernita auf. Sie brauchte eine Weile, bis sie auf ihren Füßen stehen konnte. Zuerst musste sie sich sogar auf ihren Knien abstützen. So stand sie eine Weile da und atmete tief durch, um wieder halbwegs zu Kräften zu kommen. Diese ganze Prozedur hatte doch ziemlich an ihrer Konstitution gezehrt. Als es ihr wieder halbwegs gut ging, richtete sie sich ganz auf, während sie einen Moment Sengaal fixierte, bevor sie einen Blick auf Leanora warf, die nun zu ihnen getreten war. „Doch zuvor...“
Noch etwas wackelig auf den Beinen, doch beinahe schon wieder mit ihrer alten Entschlossenheit trat sie vor den Templer und stellte sich breitbeinig vor diesen hin. Von oben musterte sie den Mann eingehend, während sich ihre Augen zu Schlitzen verengten. „Ihr seid also der Kommandant der Templer, wenn dieser Bastard von Blutmagier die Wahrheit gesagt hat. Außerdem sah es so aus, als wäre dieser Kerl auch Euer Feind gewesen, doch macht uns das dann auch zu Freunden?“
„Ja, es ist wahr. Ich bin Sengaal Neranos, Kommandant der Templer von Denerim. Und ich kann Euch versichern, dass ich Euer Freund bin, zumindest solange Ihr Leanoras Freund seid. Wie Ihr sicher schon gesehen habt, bedeuten wir einander sehr viel. Und dass ich nicht Euer Feind bin, dürfte ich schon damit bewiesen haben, dass ich Leanora half, aus dem Nichts zu entkommen, damit sie Castillá töten konnte. Nur so konntet ihr alle aus seinem Bann befreit werden.“
Die Elfe verzog skeptisch das Gesicht, bevor sie ihren Blick auf die blondhaarige Frau richtete. „Ist das wahr?“
Die Angesprochene nickte kurz. „Gut“, meinte Vernita daraufhin. „Dann lassen wir das fürs Erste. Und danke für Eure Hilfe, Templer. Doch nun schauen wir mal, ob unser Blutmagier nicht noch ein paar Geheimnisse hatte, die er mit uns teilen möchte.“
Die Elfe wandte sich ab und ging um Bruder Castillás Schreibtisch herum. Das Möbelstück war fein säuberlich aufgeräumt, wenn auch voller Blut, was allerdings nicht sehr verwunderlich war, wenn man in Betracht zog, was Leanora mit dem Mann gerade eben noch getan hatte. Da sie auf dem Tisch nichts finden konnte, versuchte Vernita die Schubladen zu öffnen, welche jedoch fest verschlossen waren. Ein genauer Blick der Elfe reichte aus, um festzustellen, dass diese Schlösser weitaus komplexer waren als die an Bruder Renaldos Schreibtisch. Außerdem lag es durchaus im Bereich des Möglichen, dass Castillá seine Geheimnisse mit Fallen gesichert hatte. Dieses Risiko wollte Vernita nicht eingehen.
So ging sie neben der enthaupteten Leiche des Blutmagiers in die Hocke und durchsuchte die Taschen seiner Robe. Und in diesen fand sie auch sogleich einen kleinen silbernen und schlicht aussehenden Schlüssel. Das musste es sein. Sie stand auf, steckte den Schlüssel in das Schloss der obersten Schublade und drehte diesen zweimal herum. Der Verschluss schnappte sofort auf. Vorsichtig zog die Elfe die Schublade heraus. Sie entdeckte neben allerhand Papieren auch eine kleine, kompliziert aussehende Apparatur, die nach einer Sprengfalle aussah. Vermutlich wäre sie ausgelöst worden, wenn sie versucht hätte, das Schloss ohne den passenden Schlüssel zu öffnen und hätte jeden davor Stehenden getötet sowie sämtliche Beweise vernichtet. Wirklich ein kluger, umsichtiger Mann dieser Castillá.
Vernita zog den Stapel Pergamentpapiere aus der Schublade, mit denen sie den Tisch umkreiste, wo dessen Platte nicht mit dem Blut Castillás besudelt war. Sie stellte den Kerzenleuchter zur Seite, der sich dort befand, bevor sie begann, die Unterlagen durchzugehen.
„Was haben wir denn hier?“ murmelte die Elfe vor sich hin, während sie die Zeilen des ersten Schriftstückes überflog. Es handelte sich um einen Bericht über den Verbrauch an Lebensmitteln innerhalb der Kirche in den letzten sechs Monaten. Unwichtig. Anschließend fand sie eine genaue Aufstellung über Gewohnheiten und Schwächen einzelner Angehöriger der Kirchengemeinschaft. Bruder Castillá suchte anscheinend immer nach Möglichkeiten, die Mitglieder dieses Ordens einschätzen und kontrollieren zu können, wenn er nicht sogar den einen oder anderen davon erpresst hatte.
Das nächste Pergamentblatt war eine Genehmigung für eine großzügige Spende der Kirche für den Wiederaufbau eines Magieladens mit dem Namen „Victor Arnauld Nortiers Haus okkulter Utensilien & seltener Elemente & Naturalien“. Die Elfe erinnerte sich noch gut an dieses Geschäft. Es enthielt neben zahlreichen Dingen für Magier wie Runen oder Zauberstäben auch viele Ingredienzien für die Zubereitung von Tränken und Giften. Während der Verderbnis war sie dort Stammkundin gewesen, bis der Laden von Loghains Männern zwangsgeschlossen worden war. Orlaisianer wie dieser Victor Arnauld waren zu dieser Zeit nicht gerade in Denerim willkommen. Seltsam, dass sich Castillá für den Wiederaufbau dieses Geschäftes interessierte, aber immerhin war er ja Magier gewesen. Die Elfe zuckte mit den Schultern und nahm sich den nächsten Bogen Pergament zur Hand.
Es handelte sich dabei um einen Bericht über die Unterschlagung von Kirchengeldern durch Bruder Renaldo. Castillá hatte diesen wohl von einer Frau beobachten lassen, die dem Kirchenvorsteher anscheinend regelmäßig Bericht erstattete. Interessiert las sich Vernita das Schreiben durch, in der Hoffnung, endlich etwas gefunden zu haben. Doch als sie sich den letzten Satz angesehen hatte, den Castillá dort vermerkt hatte, verschwand ihr zufriedenes Lächeln sogleich wieder. Dort stand: „Operation musste eingestellt werden, da Marina von der Beschaffung neuer Zutaten nicht zurückkehrte“. Offenbar war diese Marina die Frau, welche Azoth bei seiner Suche nach Miandras Tochter getötet hatte. Dies war also eine Sackgasse.
Enttäuscht wollte sie den Pergamentbogen gerade auf die Spendengenehmigung legen, als ihr noch einmal der Name des Magieladens ins Auge fiel: „Victor Arnauld Nortiers Haus okkulter Utensilien & seltener Elemente & Naturalien“. Das kam ihr so bekannt vor, außer aus ihrer Vergangenheit natürlich. Und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, als sie sich auf die Anfangsbuchstuben des Namens konzentrierte: V A N H O U S E N. Van Housen! Dies war doch der Name gewesen, welchen Azoth ihr gezeigt hatte. Dieser stand auf der Notiz, die dieser bei den Kindesentführern gefunden hatte. Dieser Van Housen war also kein Mann, es war die Abkürzung für dieses alte, schon längst verlassene Geschäft. Wirklich der perfekte Ort für ein derartiges Unterfangen. Niemand würde in der alten Bruchbude nach den vermissten Kindern suchen. Eshtá und ihre Mannen konnten also ungestört ihren kranken Machenschaften nachgehen. Vernita ärgerte sich darüber, dass sie nicht sofort darauf gekommen war, als sie damals diesen Zettel in der Hand hielt.
„Miandra! Leanora!“ rief sie den beiden zu. „Kommt her! Ich habe etwas gefunden! Seht euch das an!“
Sie legte die restlichen Papiere zur Seite, bevor sie die Spendengenehmigung wieder an sich nahm und den beiden Frauen zeigte. „Hier! Wenn man von dem Namen dieses Ladens nur die Anfangsbuchstaben nimmt, dann ergibt dies das Wort „Van Housen“. Ich kenne dieses Geschäft. Es steht schon seit etlichen Jahren leer. Ich bin sicher, dorthin bringen Eshtá und ihre Männer die entführten Kinder. Vielleicht ist Elana auch dort.“
Die Elfe sah bei diesen Worten Miandra direkt in die Augen. „Ich denke, wir haben ein neues Ziel. Wenn Ihr Euch noch von Eurem neuen Liebling verabschieden wollt, Leanora, dann wäre jetzt wohl der richtige Augenblick. Und beeilt Euch. Wir haben nicht viel Zeit.“
Modifié par Aliens Crew, 26 août 2011 - 11:54 .