Miandra spürte wie die Unruhe und Nervosität immer weiter von ihrem Körper Besitz ergreifen wollte. Ganz langsam kam sie aus ihrem Innersten und zog sich nun schon durch ihre Finger, brachte diese vor Aufregung zum Beben. Kalter Schweiß schien sich fast schon zart auf ihre Haut zu legen als er aus den Poren brach, und dennoch war ihr Atem ruhig und gleichmäßig, voller Konzentration, sich selbst zur Ruhe zwingend.
Doch dann kamen sie wieder. Die Fragen. Blut…?
Und ganz plötzlich war sich Miandra nicht mehr so sicher ob sie wirklich in diesen Keller hinabsteigen wollte, wie noch gerade eben. Wollte sie wirklich wissen, was da vor sich ging? Weitere Bilder die ihren Verstand bei Nacht und Tag verätzen würden. Weitere Begegnungen die sie im Nichts verfolgen würden. Weitere schreckliche Erinnerungen…
Was würde sie eigentlich tun, wenn sie da unten nur noch die Leiche ihrer Tochter finden würde?
Eine Frage, die sie sich zum ersten Mal seit ihrer Reise ernsthaft stellte. Eigentlich hätte sie nie gedacht es jemals so weit zu schaffen. Eher hatte Miandra geglaubt vorher selbst irgendwo zu sterben bei diesem irrsinnigen Versuch. Gab es dann überhaupt noch einen Sinn in ihrem ohnehin jämmerlichen Leben? Elana war doch das einzige weswegen sie die letzten Jahre überhaupt noch irgendetwas Lohnendes im Leben gesehen hatte. Das Licht ihres Lebens, wie Vernita es wahrscheinlich sagen würde.
Unkontrolliert fiel ihr Blick bei diesem Gedanken auf die Elfe, welche sie nur schemenhaft in den Schatten dieser Bruchbude erkennen konnte. Und was würde Vernita tun? Oder eher: Was würde sie selbst wegen Vernita tun? Miandra wusste, dass die Elfe sie brauchte, aber was genau hieß das eigentlich? Was würden sie denn dann beide machen? Weiterhin diese Eshtá jagen, falls sie denn nicht dort unten war, und sie zur Rechenschaft ziehen? Und danach? Was dann? Von hier verschwinden um…?
In Miandras Kopf war für einen Augenblick eine tiefe Leere und Stille eingekehrt. Sie hatte nie so weit gedacht, doch jetzt brach alles auf sie herein, wie ein Gemäuer das lediglich aus Sand bestünde. Ihr wurde klar, dass sie das auf Dauer nicht konnte. Sie konnte nicht ewig wie ein Verbrecher und Flüchtling leben, sich durch das Töten und Einmischen in irgendwelche Intrigen über Wasser halten. Sie wollte wieder zurück auf Wiesen und in Wälder, Felder bewirtschaften und sich somit selbst versorgen… irgendwo am Rande, wo sie ihre Ruhe hatte. Doch gab es diese Möglichkeit überhaupt ohne ihre Tochter? Wollte… oder konnte Vernita sowas überhaupt? Die Elfe war eine professionelle Meuchelmörderin, seit vielen Jahren. Sie war gar nichts anderes gewohnt, und auch jetzt konnte Miandra erkennen dass die Elfe in dieser Düsternis regelrecht aufzublühen schien. Das war das was sie konnte und was sie brauchte, wahrscheinlich sogar mehr, als diese es selbst wusste.
Miandras Gesicht hatte einen blassen Farbton angenommen, der kalte Schweiß rann zu einer Perle geformt an ihrer Schläfe hinab. Ihre Lippen schienen ausgetrocknet zu sein und zitterten als würde sie frieren; bebten so wie der Rest ihres Körpers, während ihre Augen durch Vernita hindurch zu starren schienen.
Es - was auch immer es war - konnte gar nicht funktionieren.
Die Möglichkeiten ohne Elana schienen immer weiter zu schrumpfen… gab es überhaupt noch eine? Ihr Entschluss vor einigen Wochen wäre gewesen sich selbst umzubringen, aber nun konnte sie auch das nicht mehr tun. Celaanon’hi’donar - war all das doch nur ein niemals endender sinnloser Kreislauf?
Am besten wäre es wohl gewesen, einen ihrer unzähligen Versuche sich selbst das Leben zu nehmen, bereits viel früher wahr zu machen. Noch bevor sie Vernita kennenlernte, noch bevor das Dorf in Flammen aufging… noch bevor sie diesem unschuldigen Mädchen das Leben geschenkt hatte. War das Ende nicht ohnehin immer dasselbe, nur noch qualvoller, je länger man es hinauszögerte?
Nein, nun und auch in der Vergangenheit gab es keine Antwort auf ihre mögliche Zukunft. Das Hier und Jetzt war der einzige mögliche Aufschluss auf diese Frage.
So löste sie sich aus ihrer Starre, doch ihre Züge blieben ausdruckslos, fast schon ruhig, wenn auch ihr Herz vor Unsicherheit nervös gegen ihren Brustkorb zu hämmern schien. So leise wie es ihr möglich war ging sie weiter in den Raum hinein. Kaum hörbar vernahm auch sie das Knirschen. Sand? Er war ihr erst jetzt aufgefallen. Was hatte das wieder zu bedeuten?
Schließlich blieb sie neben der Bodenklappe stehen. Es gab nur den direkten Weg. Und so bückte sie sich ein wenig, legte ihre zittrige Hand auf den Griff und zog diesen vorsichtig nach oben, sodass die Platte leise quietschend aufklappte, und ein wenig Sand an den Seiten herab in das Kellerloch rieselte.
Modifié par Kaysallie, 18 septembre 2011 - 02:53 .





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