Der junge Wächter schien sich nicht einmal wehren zu wollen, als Vernita brüllend auf ihn zustürzte. Er wirkte recht unscheinbar. Sein kalkweißes Gesicht sah irgendwie nichtssagend aus. Hätte die Elfe in dieser Situation nicht nur gehandelt, sondern auch gedacht, dann hätte sie sicher den Eindruck gewonnen, dass dieser Jüngling gerade mal von seiner Mutterbrust entwöhnt worden wäre. Doch das spielte jetzt keine Rolle mehr. Er stand Vernita im Weg und dafür würde er sterben. Das war alles, was zählte.
Der Junge hob seine rechte Hand, so als wollte er damit die rasende Elfe stoppen, doch das kümmerte diese wenig. Mit einem wuchtigen Hieb durchtrennte ihr Schwert die Finger der Wache, welche einer nach dem anderen zu Boden fielen. Der Jüngling schrie schmerzerfüllt auf, während Vernita sich um ihre Achse drehte und noch aus der Drehung heraus zustach. Ihr Kurschwert zischte durch die Luft, bevor es das Kettenhemd des Mannes durchstieß und sich tief in dessen Brust bohrte. Der Junge stöhnte erstickt auf, während er zwei Schritte zurücktorkelte.
Die Elfe setzte sofort nach, wobei sie dem Jüngling mit einem sauberen Streich die Kehle aufschlitzte. Blut schoss aus der Wunde, welche der Junge mit den Händen zudrückte, so als könnte er damit dem Unvermeidlichen entgehen, während er röchelnd auf die Knie sackte. Mit einem verächtlichen Ausdruck auf dem Gesicht, stieß Vernita ihr Opfer mit einem Tritt zu Boden, wo sie ihn zum Sterben zurückließ.
Dicht neben ihr bemerkte sie nun auch Lydia, die gerade den Armbrustschützen niederstreckte. Doch schon stürzte sich eine weitere Wache mit erhobenem Schwert auf das Mädchen. Die Elfe reagierte sofort, kreiselte auf der Stelle herum, wobei sie aus der Drehung heraus noch eines ihrer Kurzschwerter dem Angreifer entgegen schleuderte.
Die Waffe überschlug sich zweimal in der Luft, bevor sie sich knapp oberhalb des Kettenhemdes in den Hals des Mannes vergrub. Erstickt schrie der Wächter auf, während er zur Seite torkelte, gegen die Kante einer Pritsche stolperte und rücklings auf diese krachte. Das Schwert entglitt dabei seiner Hand und landete klirrend auf dem Boden. Der Mann selbst röchelte qualvoll sein Leben aus, während sein Blut die gesamte Liege rot färbte.
Nachdem sie sich durch einen raschen Blick davon überzeugt hatte, dass auch alle anderen Wachen getötet worden waren, nahm sie sich die Zeit den Raum genauer zu untersuchen. Und dabei fiel ihr gleich die Tür auf, welche sich neben dem Wasserfass befand. Tief atmete die Elfe mehrmals durch, bis sie sich von ihrem Blutrausch erholt hatte.
„Anscheinend müssen wir dort hinein“, meinte sie zu anderen gewandt und nickte dabei in Richtung der Tür. „Lasst uns nachsehen, was diese Hundesöhne zu bewachen hatten.“
Vernita ging langsam zu der Leiche des Wächters, welcher zusammengesackt auf der Pritsche lag und zog ihr Schwert mit einem kräftigen Ruck aus dessen Hals heraus. Anschließend übernahm sie erneut die Führung und positionierte sich hinter dem neu entdeckten Durchgang. Sie wartete noch auf die anderen, bevor sie den Türgriff herunterdrückte und die Tür mit einem leichten Fußtritt öffnete. Langsam schwang diese auf, wobei sie ein quietschendes Geräusch von sich gab. Und was sich der Elfe im Raum dahinter im flackernden Schein einiger Pechfackeln bot, war kaum vorstellbar.
Es handelte sich offenbar um einen provisorischen Arrestbereich. An den Decken und auf dem Boden standen beziehungsweise hingen mehrere Käfige aus stabilem Stahl, in welche man höchstens eine Person hineinquetschen konnte. Einige schwere Ketten an den Wänden rundeten das Bild noch ab. Es roch nach Urin, Fäkalien, Schweiß, Tränen und Blut.
In einem dieser Zwinger hockte ein kleiner, blondhaariger Junge, höchstens sechs Jahre alt, welcher nur eine zerrissene Hose am Leib trug. Sein Körper war bis auf die Knochen ausgemergelt und wies zahlreiche Hämatome auf, die teilweise von Schmutz überzogen waren. Seine Gesichtszüge wirkten ausdruckslos und waren geschwollen, während seine grauen Augen leer auf den Boden starrten.
„Leanora! Lydia! Kümmert euch um den Kleinen!“ sagte Vernita zu den beiden, während sie ihren Blick weiter kreisen ließ und dabei auf den hinteren Teil des Raumes fiel…auf den Bereich des Willensbrecher.
Das Erste, was die Elfe sah, war ein großer Richtblock, in dem ein mächtige, blutverschmierte Axt steckte und im Licht der Fackeln aufblitzte. Der Block selbst war ebenfalls mit Blut besudelt, welches sich in einer angetrockneten Lache auf dem Boden gesammelt hatte. Daneben standen zudem noch eine Streckbank und ein Tisch mit diversen Folterutensilien. Doch dies alles verblasste gegenüber dem, was Vernita und die anderen in der Mitte dieses Kellerloches vorfanden.
An zwei Ketten, die von der Decke herunter baumelten, hing der offenbar leblose Körper eines Mädchens. Ihr nackter Rücken war über und über mit zahlreichen blutigen Striemen und aufgerissenen Wunden bedeckt. Der Kopf des Mädchens hing kraftlos nach vorne geneigt, die langen schwarzen Haare verdeckten dabei vollständig ihr Gesicht. Nur aus ihrem Mund tropfte nach wie vor Blut, welches sich auf den Boden in einer kleinen Pfütze sammelte.
Selbst der Elfe stockte bei dem Anblick der Atem, da er sie an ihre eigene, schmerzhafte Vergangenheit erinnerte. ‚Hier. Damit du deine Beißerchen nicht verlierst! Fang an!’ hallten Fentos Worte in ihrem Kopf wider, gefolgt von dem Klatschen des ersten Peitschenschlages auf ihrem Rücken. Dabei sah sie aber nicht sich selbst vor ihrem geistigen Auge, sondern das Mädchen, welches dort vor ihr angekettet worden war.
Ein weiterer Tropfen Blut löste sich aus Mund der Kleinen und fiel wie in Zeitlupe auf den Boden, wo er leise plätschernd landete. Vernita hörte in ihrem Innern das Zischen des Brandeisens, wobei sich unwillkürlich ihr Rücken zusammenzog und ihre Narben zu jucken begannen, während ein sich weiterer Tropfen aus dem Mund des Mädchens seinen Weg zur Erde bahnte.
Das Klopfen eines Hammers auf einen Eisennagel ließ den Körper der Elfe leicht erzittern, während sie krampfhaft ihre Schwerter umklammerte, um sich selbst unter Kontrolle zu halten. Und vor ihrem Auge sah sie nur zu deutlich, wie das Mädchen ausgepeitscht wurde, wie es schrie, wie es winselte und weinte, während diese kranken Bastarde ihr lachend mit der Peitsche und anderen Dingen unvorstellbare Qualen bereiteten. So wie es andere Sadisten vor so vielen Jahren mit Vernita selbst getan hatten.
Und plötzlich stieg auch eine unbeschreibliche Angst in ihr empor. Eine Angst, zu spät gekommen zu sein. Eine Angst, versagt zu haben. Eine Angst, Miandras Tochter dort vor sich zu sehen, die Person, welche sie sich und der schwarzhaarigen Frau geschworen hat, zu retten.
„Miandra…das solltest du dir ansehen“, hauchte sie nur leise, kurz davor ihre Stimme zu verlieren. Sie ließ ihre Schwerter sinken, während sie ganz langsam auf das Mädchen zuging, in der Hoffnung, dass es sich dabei nicht um Elana handelte.
Modifié par Aliens Crew, 01 octobre 2011 - 12:20 .