Es dauerte einige Zeit, bis Miandra es schaffte sich wieder zu beruhigen. Doch schließlich verebbten ihre Tränen, ihr Pulsschlag normalisierte sich und sie starrte leer in die Dunkelheit vor sich. Alles was sie daran erinnerte, dass sie wieder aufstehen und weitermachen musste, waren die Schmerzen ihrer Schulter. So rappelte sie sich hoch und tastete sich vorsichtig durch den Raum zurück zu der Holztür, da sie sich daran erinnerte, dass neben dieser an der Wand zumindest eine Fackel angebracht war. Langsam ließ sie ihre heile Hand über die Mauer gleiten, bis sie schließlich fündig wurde. Doch das Fackelstück schien in seiner Halterung festzustecken, und als Miandra versuchte diese mit mehr Kraft herauszuziehen, bemerkte sie, dass die Halterung selbst irgendwie locker war. Da sie glaubte, diese vielleicht aus der Wand herausbrechen zu können, drehte sie das Metall ein wenig, als plötzlich ein kratzendes Geräusch ertönte, welches an den Wänden laut widerhallte. Kurz verharrte sie in der Bewegung, doch nur einen Herzschlag später realisierte sie, dass dies kein einfacher Fackelhalter war.
Vorsichtig drehte sie das Metallstück daher weiter, und keine zwei Sekunden später konnte sie die ersten hellen Lichtstrahlen durch die Tür am anderen Ende hereinscheinen sehen. Und als sich der Fackelhalter nicht mehr drehen ließ, war auch die Geheimtüre vollständig geöffnet und ließ etwas Licht bis in den Schlachtraum herein. Im ersten Moment blendete Miandra der grelle Lichtschein von draußen, doch schon bald gewöhnten sich ihre Augen daran, wodurch sie erstmals Zeuge des Ausmaßes wurde, welches sie selbst angerichtet hatte. Eine riesige Blutlache hatte sich am Boden gebildet und in der Mitte dieser lag ein zerfetztes Stück Fleisch. Nur anhand der Beine der Zwillingsschwester, die noch hervor sahen, erkannte man, dass dort ein Mensch lag.
Schnell wandte sie ihren Blick davon ab und machte sich stattdessen auf die Suche nach etwas, das sie als Bandage für ihre Schulter verwenden konnte. Dabei durchstöberte sie einige Schubladen der Tische, sah in Regalen nach, oder in diversen Fässern, doch außer unzähligen Fleischerwerkzeugen fand sie nichts Brauchbares. Aber gerade als Miandra ihre Suche aufgeben wollte, fiel ihr Blick auf eine abgenutzte Ledertasche, die direkt neben der verriegelten Tür unscheinbar auf dem Boden stand. Und als Miandra diese öffnete glaube sie im ersten Moment ihre Augen würden ihr einen Streich spielen.
Fein geordnete unzählige kleine Phiolen und Fläschchen in allen nur denkbaren Farben. Miandra musste schlucken. Dies war die Tasche des Mädchens und scheinbar liebte diese kleine Göre es mit solchen Mixturen herumzuspielen. Doch dies war nicht alles, was Miandra in der Tasche fand. Außerdem stachen ihr einige Lederbeutelchen ins Auge, in denen sich Kräuter befanden, oder zu ihrem Erschrecken, abgeschnittene und eingetrocknete Finger, die eindeutig von Menschenhänden stammten, Zähne und andere kleinere Knochen, sowie Haarsträhnen.
Angewidert warf sie die Beutelchen sofort in eine dunkle Ecke. Waren das etwa ihre Trophäen? Miandra wollte nicht länger darüber nachdenken, sondern durchsuchte lieber die Tasche weiter. Zu essen fand sie darin nichts, nur an der Seite war ein Wasserschlauch befestigt und in einer weiteren Seitentasche ertastete sie zu ihrer Erleichterung einen Wundumschlag.
So setzte sie sich etwas bequemer auf den Boden, entkleidete sich ihres Hemdes, reinigte die Wunde mit etwas Wasser aus dem Schlauch und verband sich die Schulter so gut es alleine eben möglich war. Unbewusst schielte sie dabei auf die Tasche. Vielleicht hatte das Mädchen sogar einige Heiltränke darin, doch da keine der Phiolen etikettiert war, wollte Miandra dieses Risiko lieber nicht eingehen. Aber sie würde diese Tasche auf jeden Fall mitnehmen, denn auch wenn sie selbst sich mit diesem Gift- und Trankkram nicht auskannte, so würde wenigstens Vernita …
Für einige Herzschläge stockte Miandra der Atem, als ihr wieder einfiel, wieso sie eigentlich hier war. Sie hatte nach einem Eingang in das halb eingestürzte Gebäude gesucht, um nachzusehen was da vor sich ging. Aber diese blöde Söldnerin musste ja unbedingt auftauchen. Nun wusste Miandra nicht einmal mehr, wie viel Zeit inzwischen vergangen war!
Genervt und etwas hastig knöpfte sie angestrengt den Verband an den Enden zusammen, ehe sie wieder aufstand und zurück zu der Stelle ging, an welcher das Mädchen sein Ende gefunden hatte. Denn diese Göre hatte noch etwas das ihr gehörte…
Mit viel Kraftaufwand, da sie ihren linken Arm nicht wirklich gebrauchen konnte, schaffte sie es schließlich die Rinderhälfte von der Göre herunter zu rollen. Sofort wurde sie aus leeren Augen angestarrt und Blut tropfte von den blassen Lippen des Mädchens herunter. Aber fast mehr entsetzte Miandra, dass ihre wunderschöne Rüstung fast vollkommen in Blut getränkt war und nun an mehreren Stellen geflickt gehörte. Dennoch war es besser als nichts.
Daher drehte sie den Leichnam auf den Bauch, öffnete nach und nach die Riemen und entfernte Stück für Stück jedes einzelne Teil, bis das Mädchen fast völlig nackt vor ihr lag. Dabei erkannte Miandra deutlich die Einstichstellen, die sie ihr mit dem Dolch zugefügt hatte, sowie viele andere Narben aus wohl früheren Kämpfen. Und sie sah außerdem, wie mager und zugleich muskulös dieses Mädchen doch gewesen war… und wie jung.
Ehe weitere Gedanken ihr Gehirn durchströmen konnten wandte sie sich von dem Leichnam ab und machte sich daran sich die Rüstung anzuziehen. Dass diese voller Blut war störte Miandra nur bedingt, aber sie hatte gerade nicht die Zeit um sich mit solchen Kleinigkeiten zu beschäftigen. Denn es dauerte ohnehin schon lange genug diese anzulegen… vor allem da sie aufgrund der Wunde in ihrer Bewegung eingeschränkt war. Letztlich gewann sie jedoch den Kampf mit dem Leder und sie konnte nicht abstreiten, dass es sich gut anfühlte endlich wieder eine Rüstung tragen zu können – auch wenn der Zustand dieser zu wünschen übrig ließ.
Abschließend befestigte sie noch ihre Wurfmesser, sowie die drei Dolche an ihrem Gurt, bevor sie zurück zu der verschlossenen Türe ging. Denn den Schlüssel dafür hatte sie bereits in einer der Taschen an der Rüstung gefunden. Langsam steckte sie diesen in das Schlüsselloch, ehe sie einen Moment inne hielt.
Vielleicht wäre es doch klüger, wenn sie vorher zurück auf den Hof schauen würde? Immerhin konnte inzwischen alles Mögliche passiert sein… und zudem wusste sie nicht, was sie da hinter der Türe noch alles erwarten würde. Doch nur einen Lidschlag später wurde das Schloss mit einem Klicken entriegelt, als Miandra den Schlüssel gedreht hatte. Ihr Entschluss stand fest.
Erst öffnete sie die Türe nur einen Spalt und spähte in den nächsten Raum hinein, welcher sich sofort als Küche entpuppte, doch als sie in dem vom Kaminfeuer erhellten Raum niemanden erkennen konnte, ließ sie die Türe weiter auf schwenken. Ehe sie den Raum jedoch betrat, packte sie noch ein paar Fleischstücke in die Ledertasche und hing sich diese sogleich um ihre gesunde Schulter. Erst mit diesem Proviant bestückt wagte sie sich weiter vor.
Die Küche an sich war ziemlich groß und edel ausgestattet. Zumindest Miandra hatte noch nie eine solch schöne Küche gesehen und vergaß in ihrem Staunen für einen kurzen Augenblick sogar, wieso sie eigentlich hier war. Dunkle Marmorplatten dienten als Arbeitsflächen und die Teller sowie Gläser, welche in Regalen eingeordnet waren, glänzten regelrecht in dem spärlichen Licht. Eine wunderschöne Obstschale stand auf einem kleinen runden Mahagonitisch, in welcher Früchte lagen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, jedoch ziemlich schmackhaft aussahen. Und das gesamte Bild wurde noch von Wandteppichen, dunklen samtigen blutroten Vorhängen und Topfpflanzen, die in Ecken standen, abgerundet.
Ungewollt begann Miandras Magen plötzlich zu knurren und am liebsten hätte sie sich hier sofort hingestellt und sich einen leckeren Eintopf gekocht. Doch keine zwei Sekunden später kamen wieder andere Gefühle in ihr hoch.
Dies konnte nur die Küche eines adligen Schweins und seinem Fußvolk sein! Und er ließ sich auch noch eine Schlächterei direkt daneben hinstellen, damit das Fleisch wohl ja keine Spur zu alt war! Hass auf diese Adligen kam wieder in ihr hoch und je länger sie sich den Raum ansah, umso tiefgehender wurde er.
Doch sie versuchte ihre Gefühle im Zaum zu halten. Das Positive daran war doch schließlich, dass sie vielleicht auf dem richtigen Weg war. So durchquerte Miandra die noble Küche schnellen Schrittes, doch als sie an dem kleinen Tisch vorbei kam, streifte sie dennoch ‚ausversehen‘ im Vorbeigehen die Obstschale, welche auf den Boden fiel und dort kaum hörbar zerschellte. Mit einem schadenfrohen Grinsen auf den Lippen ging sie weiter und erreichte schon nach kurzer Zeit die nächste Tür.
Hier lauschte sie erst durch das Holz, doch es waren keine Stimmen zu vernehmen, so dass sie die Türe vorsichtig öffnete und hier ebenfalls vorerst nur hinein spähte. Dieser Raum offenbarte sich als Speisesaal. Wobei das Wort ‚Saal‘ wie die Faust aufs Auge passte, denn der Raum war so umwerfend groß, dass die Küche daneben wohl wie ein kleines Bauernhäuschen wirkte. Die Deckenwände waren doppelt so hoch als normal, verziert mit goldenen, in die Wand gemeißelten Skulpturen und vielen protzigen Portraits, an denen wohl ehemalige wichtige Personen abgebildet und verewigt waren. Zudem wurde alles von riesenhaften Fenstern erhellt, durch welche die Sonne ihre Strahlen warf; der Boden war mit einem purpurroten Teppich ausgelegt und die einzigen Möbelstücke, welche sich in dem Saal befanden, waren ein endlos langer Tisch, der sich durch den gesamten Raum zog, und die unzähligen gepolsterten Stühle, die um diesen herum standen.
Miandra musste schlucken. Wo war sie hier nur hinein geraten? Doch sie ließ sich nicht lange davon beirren, sondern machte sich weiter auf den Weg, wobei sie es sich jedoch nicht verkneifen konnte einen ihrer Dolche mit der Spitze an der Tischplatte streifen zu lassen, so dass dieser eine schöne lange Spur über die gesamte Tischlänge in dem feinen Holz hinterließ.
Am Ende des Saals angekommen erwartete Miandra eine weitere Tür, dieses Mal jedoch eine Flügeltür. Doch hier hatte sie ein ungutes Gefühl, welches auch berechtigt war. Denn der einzig mögliche Raum, der sie nun erwarten konnte, war ein Flur. Und dort könnte sie womöglich auf Wachen stoßen. Und ihre Vermutung wurde keine zwei Sekunden später bestätigt, doch zu ihrem Glück, war der lange Gang wie leer gefegt.
Zumindest fast.
Etwas weiter entfernt konnte sie etwas auf dem Boden liegen sehen. Erst als sie vorsichtig näher heran ging, erkannte sie allmählich einen großen schwarzen Brandfleck, sowie einige verkohlte Überreste, die wohl von einem Möbelstück herrührten, sowie welche die sie als Leichnam identifizieren konnte – jedoch schien davon nicht viel außer der Rüstung übrig geblieben zu sein. Offenbar hatte hier jemand ein schönes Feuerchen entfacht… und Miandra hatte da auch schon so eine Ahnung, wer dieser jemand gewesen sein könnte.
Vorsichtig umrundete sie das kleine Hindernis und schlich den langen Gang weiter entlang. Kurze Zeit später stieß sie auch schon auf einen weiteren Leichnam, der genauso verkohlt aussah wie der erste. Scheinbar musste sie nur den Leichen folgen, die ihr wie Brotkrümel auf den Boden gelegt worden waren, ging es ihr mit einem zynischen Gesichtsausdruck durch den Kopf. Doch genau hier, wo der offenbar verbrannte Soldat zu ihren Füßen lag, bog der Korridor um eine Ecke, um welche Miandra nun vorsichtig spähte. Ihre Augen erfassten dabei die Türe am Ende des Gangs, welche halb geöffnet war.
Auf lautlosen Sohlen umging sie die Ecke und schlich an der Wand entlang näher an diese Türe heran, wobei ihr Herz nun vor Nervosität zu rasen begann. Denn diese Tür strahlte etwas aus, was bei den anderen nicht der Fall gewesen war. Etwas Furchteinflößend- und Bedrohliches. Jedoch schaffte sie es ihre Atmung flach zu halten und erreichte - schneller als gedacht - den Türrahmen, neben welchem sie kurz zum Stillstand kam, als ihr Blick einen Teil des Raumes erfasste.
Ganz langsam wagte sie sich weiter vor, wobei sie auf alles gefasst war, und den Griff des Dolches bereits krampfhaft mit den Fingern umschloss. Doch als sie noch mehr von dem anscheinenden Arbeitszimmer zu sehen bekam, erhaschte ihr Blick schließlich auch eine am Boden kauernde Vernita, die auf die Leiche eines Mannes vor sich starrte.
Im ersten Moment fiel Miandra regelrecht ein Stein vom Herzen, dass sie die Elfe doch relativ zügig gefunden hatte und diese nicht Opfer eines eingestürzten Gebäudes geworden war. Aber im zweiten Moment sah sie einerseits, dass die Elfe offenbar im Kampf verletzt worden war und, als sie bereits mit skeptischem Blick weiter in das Zimmer hineingegangen war, dass deren Gesicht von Tränen verschmiert war. Sie weinte?
Kurz blieb Miandra stehen und betrachtete vollkommen verwirrt abwechselnd den Leichnam und Vernita, so als würde sie die Welt gerade nicht mehr verstehen. Schließlich ging sie jedoch bis zu dem großen Schreibtisch heran, wo sie die Ledertasche abstelle und sich vorsichtig sowie wortlos neben die Elfe, welche sie nicht einmal wirklich zu bemerken schien, auf den Boden setzte.
Aber nun wusste Miandra nicht mehr so richtig weiter, weswegen sie unsicher mit einer ihrer Haarsträhnen zu spielen begann, da sie keine Ahnung hatte was sie nun sagen oder tun sollte. Die Frage danach, was hier vorgefallen war, brannte zwar leicht auf ihrer Zunge, aber irgendwie brachte sie die Wörter nicht über ihre Lippen. Stattdessen musterte sie einige Zeit lang den toten Mann vor sich, als würde sie die Antwort auch so bekommen – doch das war nicht der Fall. Daher gab sie dieses Vorhaben auch gleich wieder auf, sah deshalb zur Seite und betrachtete ruhig die Elfe neben sich. Und das was sie sah, ließ sie auch gar nicht mehr darüber nachdenken, was hier wohl passiert war. Sie sah Tränen bei einer Person, die sie nicht weinen sehen wollte. Tränen die sich in ihre Seele gruben und sie davon abhielten, darüber nachzudenken, ob das folgende gut, oder schlecht sein würde. So legte sie Vernita ihren rechten Arm um deren Schulter und zog sie mit einem leichten Ruck zu sich, was diese einfach ohne sich zu wehren geschehen ließ. Dabei kippte sie etwas zur Seite und nur mit wenig Nachhilfe landete ihr Kopf direkt auf Miandras Brust. So drückte sie die Elfe mit einem Arm an sich, während sie ihr mit ihrer linken und schwächeren Hand erst die Tränen und das Blut von den Wangen streifte und ihr anschließend damit beruhigend durch das rotbraune Haar fuhr.
Modifié par Kaysallie, 18 janvier 2012 - 10:30 .