„Der Arl war es also, welcher mich verhaften, foltern und ermorden ließ? Habe ich Euch in diesem Punkt richtig verstanden?“ meinte Darius mit einem sarkastischen Unterton und fixierte Tjark dabei mit einem argwöhnischen Blick. „Nun, dann solltet Ihr Eurem Herren Eure Sicht der Dinge am besten persönlich vortragen, denn immerhin steht dieser direkt vor Euch.“
Der Elf deute mit einer überschwänglichen Handbewegung auf den Mann in der Ritterrüstung, welcher sich nun ganz langsam in Tjarks Richtung umwandte und dabei in derselben Geschwindigkeit seine Arme hob und zu seinem Helm griff. Diesen zog er sich anschließend wie in Zeitlupe vom Kopf, bevor er die Kopfbedeckung zu Boden fallen ließ, wo sie scheppernd landete.
Zum Vorschein kam ein recht blasses Gesicht, welches von schulterlangen, blonden Haaren eingerahmt wurde. Über seinen wulstigen Lippen verzierte ein fein gezwirbelter Schnauzbart sein Antlitz. Die grünen Augen des Mannes starrten den Oberst regungslos an.
„Ja, das würde mich wirklich sehr interessieren“, bestätigte der blondhaarige Mann mit harter Stimme. „Wann habe ich Euch diesen Befehl gegeben? War das bevor oder nachdem ich von Esthá Gianauro im Auftrag ihres Protegés vergiftet worden bin? Dieser war schon immer scharf auf meine Position gewesen, vor allem nachdem ich seinem Gesuchen um eine härtere Vorgehensweise gegen die Armen der Stadt und auch gegen einige adelige Mitbürger Fereldens, die, wie ich, einen gemäßigteren Ton gegenüber ihren Untergebenen anstrebten, nicht entsprach. Einer dieser Adeligen war der hier anwesende Count Leonard Bardigiano, welcher zudem ein langjähriger Freund meiner Familie war.“
Der Mann in der Rüstung trat neben Leanoras Vater, lächelte diesen an, während er seinen Arm um dessen Schulter legte, bevor er wieder ernst wurde und sein Blick zwischen Andraste und dem Oberst hin- und herwanderte. „Und für seine Güte und Integrität zahlte er, wie auch ich selbst, den ultimativen Preis…den des Verrats! Aber dazu kann uns Oberst Emilian von Trutzburg, der zu meiner Zeit Kommandant von Fort Drakon gewesen ist und den ich mit einer Untersuchung beauftragt hatte, sicher mehr erzählen. Oberst…“
Nun zog auch der zweite Verhüllte seine Kapuze zurück und entblößte damit sein hageres Gesicht, welches über und über mit Sommersprossen bedeckt war. Seine roten Haare waren kurz und zackig geschnitten, wie es bei vielen Militärangehörigen so üblich war.
„Danke, Herr“, meinte er knapp, bevor er sich mit seiner nasal klingenden Stimme an die Versammelten richtete. „Wie der Arl schon korrekter Weise gesagt hatte, war ich der Kommandant von Fort Drakon und erhielt von ihm den Auftrag, einer gewissen Eshtá Gianauro und ihrem Gönner auf die Finger zu sehen, nachdem die beiden meinem Herren unangenehm aufgefallen waren. Bei dieser Untersuchung stellte sich heraus, dass die beiden ganz offensichtlich mit kriminellen Elementen zusammenarbeiteten, welche auch vor Mord und Kindesentführungen nicht halt zu machen schienen. So verfasste ich einen Bericht, welchen ich durch meinen Adjutanten dem Arl zugänglich machen wollte. Doch leider erreichte dieser Bericht nie sein Ziel, wie ich später feststellen musste. Stattdessen wurde der Arl selbst zwei Tage später tot in seinem Anwesen aufgefunden. Todesursache: Herzstillstand. Ein Giftmord konnte weder bewiesen noch ausgeschlossen werden.“
Der Mann machte eine kurze Pause, in der er sich räusperte. Dann fuhr er in seiner sachlichen, emotionslosen Art fort. „Kurz darauf bekam ich von seinem Nachfolger die Order, Gefangene auch für kleine Vergehen zu foltern und seiner rechten Hand, eben dieser Eshtá Gianauro, freie Hand zu lassen, ganz gleich, was diese auch verlangte. Außerdem versuchte man mich dazu zu bringen, gegen den hier anwesenden Count Bardigiano zu intrigieren. Ich weigerte mich und versuchte stattdessen, eine Audienz bei Königin Anora persönlich zu bekommen, um sie mit den Fakten, welche ich über ihren neuen Arl zusammengetragen hatte, vertraut zu machen. Doch leider wurde ich einen Tag vor eben dieser besagten Audienz selbst das Opfer eines Anschlages, den ich dummerweise nicht überlebte. Stattdessen wurde der hier anwesende Tjark von Talisker mein Nachfolger. Sicher stellen sich nun alle die Frage, was das alles mit dem heutigen Fall hier zu tun hat, nicht wahr?“
Emilian machte wieder eine kurze Pause, um seinen Worten die richtige Wirkung zukommen zu lassen, bevor er sich in Tjarks Richtung drehte. „Nun, mein Adjutant, welcher meinen Bericht über Esthá Gianauro eben dieser oder vielleicht auch direkt ihrem Gönner statt dem Arl zugänglich gemacht hatte, damit dieser durch eine Fälschung ersetzt werden konnte, war niemand anders als der hier anwesende Tjark von Talisker, seinerzeit Major und mein Stellvertreter. Doch statt meine Befehle auszuführen, zog er es vor, diese zu missachten und sowohl mich wie auch den Arl zu verraten, um einen persönlichen Vorteil daraus zu ziehen.“
„Jemand musste doch was tun!“ protestierte Tjark plötzlich lautstark und fiel Emilian damit ins Wort. „Die Zustände in Fort Drakon waren einfach katastrophal. Es gab Folterungen und kaum Nahrung für die Gefangenen. Und die Soldaten des Forts wurden so schlecht bezahlt, dass sie ihre Wut an den Insassen der Verliese ausließen und sie schlimmer als Tiere behandelten!“
„Und deshalb musstet Ihr zum Verräter werden?“ fragte Oberst von Trutzburg mit scharfer Stimme, bevor diese wieder in ihre monoton sachliche Tonlage zurückfiel. „Sicher gab es Folterungen. Gerade bei Verrätern und Feinden der Krone war sie ein notwendiges Übel um Mitverschwörer ausfindig machen zu können. Und die Diskussion über die schlechte Versorgung haben wir schon etliche Male geführt, wenn Ihr Euch erinnern könnt? Wir befanden uns nun mal in der Nachkriegszeit. Die Stadt, nein, das ganze Land lag nach der Verderbnis in Trümmern, so mussten überall Einsparungen vorgenommen werden. Unsere Vorräte an Nahrung und auch Geldmitteln waren knapp und das meiste davon wurde für den Wiederaufbau Fereldens benötigt. Aber Ihr wart ja schon immer ein Hitzkopf, der logischen Argumenten einfach nicht folgen konnte oder wollte, nicht wahr?“
„Der Mann, den Ihr beschuldigt habt, hat versprochen, all das zu ändern, wenn ich ihm helfe“, erwiderte Tjark deutlich leiser als zuvor.
„Und?“ fragte Emilian fordernd. „Hat er das getan?“
Der Angesprochene sah beschämt zu Boden.
„Natürlich hat er das nicht“, antwortete von Trutzburg für Tjark. „Stattdessen nutzte er die Gelegenheit, um selbst die Macht zu ergreifen und alles noch schlimmer zu machen, als es vorher war. Vielleicht wart Ihr ja wirklich so gutgläubig und naiv und habt diesem Menschen seine Lügen abgekauft. Vielleicht wolltet Ihr damit wirklich etwas Gutes tun und wart Euch nicht über die Konsequenzen im Klaren. Oder vielleicht wart Ihr wirklich nur auf die Macht aus, ganz gleich, was es kostet, um sie zu bekommen. Es spielt keine Rolle. Ihr machtet Euch selbst zu einem Verräter und damit beraubtet Ihr Euch damit selbst Eurer Ehre und Euer Recht auf eine führende Position. In Ferelden wird so ein Vergehen mit dem Tode bestraft, somit hat die hier anwesende Countess Leanora Bardigiano nur dem Gesetz ihres Landes gedient, als sie Euch tötete. Dabei spielt es auch keine Rolle, dass sie von diesen Vorfällen nichts wusste. Und darum sollte sie nicht dafür verurteilt werden, denn sie hat mit ihren Taten den Menschen auf Thedas einen sehr großen Dienst erwiesen. Seht Ihr das nicht auch so, Major Tjark von Talisker?“
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„Ich brauche keine Hilfe, um mich hier zurecht zu finden“, meinte Vernita auf Miandras Frage hin. „Ich kenne dieses Anwesen noch sehr gut von meinem letzten Besuch her. Und was dieses Mädchen angeht…“
Vernita musterte die braunhaarige Elfe eingehend. Dabei hob sie eine Augenbraue, als ihr an dem Mädchen etwas auffiel, weshalb sie sich an Miandra wandte. „Lass sie los. Ich übernehme das jetzt.“
Ohne etwas zu erwidern tat die schwarzhaarige Frau wie ihr geheißen wurde und ließ die junge Elfe wieder zu Boden. Diese zitterte wie Espenlaub, während ihr ängstlicher Blick zwischen den beiden Frauen hin- und herwanderte. Dabei bebten ihre dünnen Lippen leicht, und Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn. Als Vernita die rechte Hand hob und diese in ihre Richtung bewegte, schloss das Elfenmädchen die Augen und erwartete schlotternd ihr Ende.
Doch statt ihre Kehle zu umfassen und sie zu Tode zu würgen, schob Vernita nur das braune Haar zur Seite, welches das halbe Gesicht der Kleinen verdeckte. War das nun irgendein grausames Spiel, welches diese beiden Fremden mit ihr spielen wollten, bevor diese sie töteten?
„Zeig mir, was du da hast“, meinte Vernita noch, während sie den Hals der Elfe freilegte. Dieser liefen bereits die Tränen aus den geschlossenen Augen, und sie fing leise an zu schluchzen.
Was Vernita dort sah, verschlug ihr selbst für einen Moment den Atem, denn es erinnerte sie an ihren eigenen, ganz persönlichen Schmerz. Unterhalb des Ohres dieses Mädchens konnte sie ein lange Narbe an deren Hals erkennen, die von der Spitze eines Dolches herrühren musste. Vernita zog bei diesem Anblick scharf die Luft ein, während sie die Hand wieder sinken ließ.
„Ich werde dir nichts tun, Kleine“, sagte sie nach einem kurzen Moment des Schweigens, den sie brauchte, um sich wieder zu fassen. Bei diesen Worten lag ein seltsam abwesender Ausdruck in ihren Augen. „Denn wir sind uns ähnlicher, als du vielleicht denkst. Sieh her.“
Vernita zog sich den Helm über den Kopf und drehte das Gesicht zur Seite, damit die Elfe ihr linkes Ohr sehen konnte. Doch hatte diese ihre Augen immer noch geschlossen.
„Na los, mach‘ die Augen wieder auf. Ich verspreche, dass dir nichts geschehen wird.“
Langsam tat die Elfe, wie ihr geheißen wurde. Und als sie Vernitas Narbe erblickte, weiteten sich deren Augen merklich und auch sie atmete scharf ein.
„Wie du siehst, bist du nicht die Einzige, welchen unseren werten Arl von seiner ganzen besonderen Seite kennen lernen durfte und die das erleiden musste, was keine Frau jemals erleiden sollte“, bemerkte Vernita, während sie ihren Kopf wieder drehte, damit sie das Mädchen direkt ansehen konnte, wobei sie sich zeitgleich erneut den Helm aufsetzte. „Doch kann ich dir versichern, dass dies nie wieder geschehen wird. Ich habe dafür gesorgt, dass dieser Abschaum von einem Mann sich niemals wieder an einer Frau vergreifen wird. Du kannst also beruhigt nach Hause gehen. Hier wird sich sicher einiges ändern, du wirst sehen. Und jetzt verschwinde, bevor uns die Wachen zusammen sehen und dir einen Haufen Ärger einbringen. Na, geh schon!“
Vernita lächelte dem Mädchen zum Abschied noch einmal aufmunternd zu.
Modifié par Aliens Crew, 19 février 2012 - 01:49 .