Richard mischte sich ein: "Wenn Ihr ehrenhaft kämpfen wollt, dann entledigt Euch Eurer Rüstung, Oberst! Meine Schwester hat nur eine weiche Stoffhose an. Und der nackte Oberkörper eines Mannes wird hier hoffentlich keinen brüskieren!"
Tjarks Gesicht verzog sich zu einem ironischen Schmunzeln. "Ihr habt Recht, aber wer weiß, vielleicht lenkt der Anblick Eure Schwester ja so ab, dass sie nicht mehr kämpfen kann?" grinste er jovial. "Leanora, wärst Du so lieb und hilfst mir hier raus?" Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln, welches seine Augen jedoch nicht erreichte.
Leanora bewahrte die Etikette, nickte ihm zu und lächelte zurück, aber auch ihres war nicht so herzlich, wie er es von ihr kannte. Sie war viel zu enttäuscht von Tjark. Dennoch half sie ihm beim Öffnen der Rückenschnallen, und kurz darauf stand er mit entblößtem Oberkörper vor ihr. Sie musterte ihn aus halb geschlossenen Augen und bemerkte, dass auch seine Wirkung auf sie nicht mehr die gleiche war. Wenn ihr noch vor kurzem bei diesem Anblick das Blut in die Wangen geschossen wäre und sich ihr Herzschlag erhöht hätte, stellte sie jetzt nur noch neidlos fest, dass der Mann eine tadellose, nein, eine hervorragende Figur hatte.
Die Menge stellte sich im Kreis auf, der groß genug war, dass die Duellanten für ihren Kampf Platz hatten. Leas Konzentration richtete sich auf Tjarks Bewegungen. Die beiden gingen in leicht gebückter Haltung im Uhrzeigersinn, den anderen dabei fixierend und abwartend, wer den ersten Streich machen würde. Man konnte die Spannung bei den Zuschauern fast greifen. Davon ließ sich Leanora jedoch nicht irritieren. Worauf wartete Tjark? Er wollte sie doch besiegen? Sie hatte eigentlich mit einem sofortigen Angriff des Obersts gerechnet, aber entweder hatte er Skrupel, sie zu verletzen, oder er war doch kein so guter Kämpfer, wie Leanora annahm. Sie wollte jedoch nicht den Fehler machen, ihn zu unterschätzen, vielleicht versuchte er ja auch nur, herauszufinden, wie gut sie im Umgang mit der Waffe war.
Sie hatten sicherlich schon zwei oder drei Runden gedreht, bevor es ihr zu dumm wurde. Sie wirbelte mit einer viertel Drehung in seine Richtung und täuschte einen Angriff auf seine linke Seite an, die Klinge bewusst weit genug an ihm vorbeiziehend, dass sie ihm nicht schaden konnte, aber nahe genug, dass er aus seiner Lethargie gerissen werden musste. Anscheinend hatte der Hüne tatsächlich nur darauf gewartet, denn sofort wich er dem Hieb aus und griff sie im selben Augenblick an. In seinem Schlag steckte aber nicht die ganze Kraft dahinter, das merkte Leanora, als sie diesen geschickt parierte. Jetzt war der Damm der Zurückhaltung gebrochen, Angriff, Parade und Gegenangriff folgten nun Schlag auf Schlag, aber immer noch nicht in der Härte, die sie eigentlich erwartet hatte.
"Meine Hochachtung, Countess, Dein Stil ist sehr gut", sagte Tjark. "Dann wollen wir mal sehen, ob Du auch wirklich kämpfen kannst. Denn was Du hier bietest ist zwar nett anzusehen, aber nichts auf Leben und Tod."
"Dann kämpf endlich Tjark, denn was Du hier bietest, erschreckt nicht einmal eine Stubenfliege!" konterte Lea giftig.
"Na gut, mein Täubchen, wenn Du es nicht anders verstehen willst...", entgegnete Tjark, seine Stimme war voll unterdrücktem Zorn. Mit ihrer Aussage hatte sie seinen Stolz und sein Ego gekränkt. Er hatte sie schonen wollen, aber anscheinend war sie lebensmüde genug, um sich ihm tatsächlich zu stellen. Seine Gesichtszüge wurden hart. Und dann holte er zum nächsten Schlag aus.
Lea wusste, dass sie ihn gereizt hatte, aber genau das war auch ihre Absicht gewesen. Seine Technik war tadellos, so hätten sie wohl die nächsten Stunden miteinander gefochten, ohne dass es einen Gewinner oder Verlierer gegeben hätte. Und sie hoffte darauf, dass Tjark, wenn er wütend war, eher instinktiv kämpfte als technisch. Wenngleich wütende Stiere schwerer einzuschätzen waren, waren sie letztlich doch einfacher zu bekämpfen, da einfach der Verstand aussetzte und lediglich das Ziel, nämlich den anderen am Boden zu sehen, vorrangig wurde.
Die Klinge schnitt durch die Luft, sie hörte, wie kraftvoll dieser Angriff im Gegensatz zu den anderen geführt wurde. Es war dennoch ein Einfaches für sie, unter dem Schwert wegzutauchen, mit einer kleinen Drehung seitlich hinter ihn zu kommen und ihm aus der Drehung heraus ihr Schwert seitlich, knapp oberhalb seines Beckenknochens, entlang zu streifen. Die Klinge des Arls war sehr scharf, die Haut wurde leicht aufgeritzt und erste Blutstropfen bildeten sich am Schnitt. Tjark sog die Luft scharf ein, überrascht von Leanoras Reaktion, noch überraschter davon, dass sie ihn tatsächlich getroffen hatte. Er drehte sich zu ihr und seine Augen sprühten vor Zorn.
"Na warte, meine Schöne, das wirst Du mir büßen!" rief er erbost.
Den nächsten Angriff parierte sie, konterte und setzte einen weiteren Hieb sofort nach. Die Klingen schlugen nun mit einer Heftigkeit aufeinander, der man den Ernst der Lage entnehmen konnte. Metallisches Klirren überlagerte alle anderen Geräusche. Die folgenden Hiebe wurden nun weitaus kräftiger und verbissener geführt als noch zu Beginn dieses Duells. Die Schonzeit war beendet, aus Spaß war tödlicher Ernst geworden.
Und bei den folgenden Attacken und Paraden machten sich bei Leanora auch langsam die Anstrengung und ein gewisses Maß an Erschöpfung breit. Ihre Arme fingen an zu schmerzen und Schweiß bildete sich auf ihrem Körper. Auch ihr Puls und ihre Atmung beschleunigten sich. Und etwas erschrocken musste sie feststellen, dass sie an ihrem Kontrahenten noch keinerlei Anzeichen von Ermüdung erkennen konnte. Im Gegenteil. Er grinste sie nur schadenfroh an, als ihm auffiel, dass Leanora erste Konditionsprobleme bekam.
Hatte er diese etwa nicht? Konnte er vielleicht gar nicht mehr müde werden? Immerhin war er ja schon tot und in dem Sinne kein richtiger Mensch mehr. War er dann vielleicht gar nicht mehr zu besiegen und wollte deshalb diesen Kampf? Lea wurde für einen Augenblick Angst und Bange bei diesen Gedanken. Doch wollte sie auf gar keinen Fall aufgeben. Sie biss die Zähne zusammen und kämpfte unverdrossen weiter.
„Vielleicht solltest Du besser jetzt schon aufgeben, bevor Du noch einen Kreislaufkollaps erleiden musst“, spottete der Oberst hämisch.
„Eher setze ich mich in ein Hornissennest, als mich dir freiwillig hinzugeben, du elender Verräter!“ keuchte die Angesprochene giftig zurück.
Der Oberst fauchte wütend, während er seinen nächsten Angriff führte. Diesen blockte Leanora erfolgreich ab, machte anschließend eine Drehung und stach dabei in Tjarks Richtung. Doch auch dieser drehte sich weg und vollführte dabei einen Streich mit seinem Schwert. Seine Klinge durchschnitt ihre Tunika sowie das Fleisch ihrer linken Schulter, woraufhin sie erstickt aufstöhnte.
Leanoras Mutter, welche sich schon die ganze Zeit über am Arm ihres Mannes festgekrallt hatte, stieß einen spitzen Schrei aus, als sie mit ansehen musste, wie ihr eigen Fleisch und Blut verletzt wurde. Sofort warf sie sich herum und ließ ihren Kopf auf die Schulter ihres Mannes fallen, wo sie verzweifelt zu weinen begann. Der Count nahm seine Frau in den Arm und klopfte ihr beruhigend auf den Rücken, während er selbst wie gebannt auf die beiden Kontrahenten blickte. Er war zusehend stolz auf seine Tochter, der Unterricht hatte Früchte getragen.
Leanora torkelte zur Seite, während Tjark inne hielt und hämisch lachte. Der Ausdruck in seinen Augen drückte seine ganze Zufriedenheit aus. „Hast Du jetzt genug, mein Täubchen, oder sollen wir dieses Spiel bis zum Ende spielen?“
Die Angesprochene stützte sich mit den Armen auf ihren Kien ab, während sie keuchend nach Luft schnappte und zwischendurch hustete. Tränen der Anstrengung und des Schmerzes liefen ihr dabei über das Gesicht. Als sie allerdings die Worte des Obersts vernahm, ruckte ihr Kopf herum in seine Richtung, und sie funkelte ihn böse an. In ihren Augen blitzte der Hass auf. Der Schmerz war vergessen! Jetzt hatte er ihren Stolz endgültig verletzt. Langsam rappelte sie sich auf, bevor sie sich wieder zu ihrem Gegner wandte. Anschließend hob Leanora das Schwert an und wies damit auf ihren Kontrahenten. „Greif mich an!“ forderte sie diesen mit fester Stimme auf. „Mit allem, was Du hast!“
Das ließ sich der Oberst nicht zweimal sagen. Mit einem Kampfschrei auf den Lippen stürzte er auf Lea zu und deckte sie mit vielen schnellen Hieben und Stichen ein. Doch die Frau konterte geschickt oder wich den Attacken einfach aus. Ihr Gesicht strahlte dabei zum ersten Mal so etwas wie die stoische Ruhe eines geübten Kriegers aus. Ihre Paraden waren schnell und präzise, während sie vor Tjarks Angriffen immer weiter zurückwich. Sie hatte die Menschenmenge hinter sich schon fast erreicht, als sie plötzlich zur Seite auswich und ihren Gegner ins Leere laufen ließ. Gleichzeitig zog sie die scharfe Klinge des Arls über die ungeschützte Seite des Obersts und hinterließ dort eine lange, blutende Wunde. Wutentbrannt heulte der Mann, während Lea zurückwich, um wieder etwas Abstand zwischen sich und ihren Gegner zu bringen.
„Vielleicht bist du es ja, der besser aufgeben sollte?“ bemerkte die Frau mit spitzer Zunge.
Richard lachte und klatschte seiner Schwester begeistert zu. Ja, sie war wirklich eine richtige Wildkatze geworden, von dem schüchternen Mädchen konnte er jedenfalls nichts mehr entdecken. Leanora war eine hübsche selbstbewusste Frau geworden.
Tjark hingegen überkam der Zorn. Ein Knurren entwich seiner Kehle, kurz bevor er wie von Sinnen auf Leanora zustürzte. Diese konnte gar nicht so schnell ihr Schwert heben, da war der Mann auch schon heran und die beiden prallten gegeneinander. Gemeinsam torkelten sie zurück, direkt in die Menschenmenge hinein, welche sogleich auseinander preschte. Kurz darauf krachten die beiden auf eine der Sitzbänke, wobei Leas Kopf hart auf die Lehne aufschlug, was sie für einen Moment ziemlich benommen machte. Und obwohl sie nach wie vor ihr Schwert festhielt, war Tjark viel zu nah, als dass sie dies hätte effizient einsetzen können.
„Du gehörst mir!“ tobte der Oberst böse. „Mir! Mir ganz allein! Wann geht das endlich in Deinen Schädel, verdammt noch mal?!?“
Ehe die Frau darauf hätte antworten können, küsste Tjark sie auch schon hart und fordernd auf den Mund. Hatten seine Lippen sie sonst immer erregt, so verspürte Leanora in diesem Augenblick nur Ekel und Abscheu vor diesem Mann. Sie versuchte ihn von sich wegzuschieben, doch war dieser viel zu schwer und auch zu stark für sie. Dann fühlte sie, wie seine Zunge in ihren Mund eindrang...und ihr war plötzlich alles egal.
So fest wie sie nur konnte biss sie zu. Seine Zungenspitze geriet zwischen ihre Zähne, welche die Frau so kräftig aufeinander presste, wie es ihr möglich war. Tjarks Augen weiteten sich, und er schrie auf vor Schmerz. Er wollte zurückweichen, doch Leas Biss war so stark, dass ihm das nicht gelang. Und so kreischte er einfach weiter vor Schmerz...und auch vor Panik. Lea riss ihren Kopf zurück und spürte, wie Fleisch durchtrennt wurde und wie Blut floss. Der Oberst kam frei, verlor dabei aber die Spitze seiner Zunge, welche Lea angewidert zusammen mit einem Haufen Blut ausspuckte.
„Bravo, Töchterchen!“ jubelte ihr Vater begeistert. „Zeig es diesem Bastard!“
Die Angesprochene huste und spuckte weiter Blut, während sie Tjark beobachtete, welcher kreischend zurück wankte und dabei eine Hand auf seinen Mund presste. „Du Schlampe!“ brüllte er zwischen unverständlichen Lauten. „Dafür wirst Du bezahlen!“
Er packte sein Schwert wieder und stürzte erneut auf Leanora zu. Sein Gesicht war dabei eine Maske aus Blut und Hass. In seinen Augen lag keine Gnade mehr. Jetzt würde er dem Ganzen ein Ende setzen, ein für alle mal!
Doch auch Leanora hatte sich wieder in der Gewalt und sprang auf, die Waffe des Arls nach wie vor in ihrer Hand. Der wütende Angriff des Obersts kam schnell, aber sehr unpräzise. Die Professionalität war blankem Zorn gewichen. So fiel es Lea nicht schwer, auszuweichen. Gleichzeitig schlug sie mit ihrem Schwert ein Bein Tjarks weg.
Der Oberst geriet ins Stolpern, wankte zwei Schritte nach vorne und fiel dann bäuchlings auf den Boden. Keuchend landete er hart auf dem Marmor, schüttelte einmal den Kopf und drehte sich sofort auf den Rücken, um nach seinem Schwert zu greifen, welches er bei dem Sturz verloren hatte. Doch kaum hatte er den Griff seiner Waffe in der Hand, war Leanora auch schon über ihm, stellte einen Fuß auf seinen Oberkörper und setzte ihm die Spitze ihres Schwertes auf die Kehle. Und in ihren Augen lag der blanke Hass auf diesen Mann und auf das, was er eben getan hatte.
„Du bist tot, Tjark“, sagte sie jedoch tonlos. „Es wäre doch einmal angebracht, ein nein zu akzeptieren, oder meinst Du nicht? Du bist wie ein kleiner verzogener Bengel, dem man sein Spielzeug wegnimmt. Deine Absichten mögen gut und ehrlich sein, aber so ein egoistisches Schwein wie Du es bist, könnte ich niemals lieben. Nachdem ich Dich auf Thedas bereits getötet habe, verschone ich Dich hier. Zumindest kann mir nun keiner mehr vorsätzlichen Mord in die Schuhe schieben, denn das hier war ein Duell.“
Sie nahm ihren Fuß vom Oberst und hob die Schwertspitze ein wenig an.
„Geh mir aus den Augen und belästige mich nie mehr wieder. Ich hab wirklich keine Ahnung, wie ich jemals etwas für Dich empfinden konnte. Dennoch wünsche ich Dir viel Glück Tjark, und ich verzeihe Dir das hier alles. Gehe in Frieden, und lass mir eben diesen. Lebe wohl.“
Sie drehte sich um, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, und drängte sich durch die Menge zu ihrer Familie.
Modifié par Bellandyrs, 19 février 2012 - 01:19 .