„Und du hast Recht“, sagte sie, nachdem sie sich wieder von ihr gelöst hatte. „Verschwinden wir von hier! Geht voran, ich habe noch etwas zu erledigen. Wir treffen uns oben in dem alten Laden.“
Bei ihren Worten warf sie Miandra einen entschlossenen Blick zu, der jeden Widerspruch beziehungsweise Frage im Keim ersticken ließ. Daher nickte sie der Elfe nur schweigend zu, bevor sie sich umdrehte und in den Tunnel ging, durch welchen sie gekommen waren. Leanora, Lydia und Sha’ira folgten ihr umgehend.
Nachdem die vier den Geheimgang betreten hatten, griff sich Vernita eine der Fackeln und schloss sich ihnen an, blieb aber dicht hinter dem Eingang schon wieder stehen. Sie drehte sich um und ging in die Hocke, wo sie nach dem Hebel suchte, mit welchem sie die schwere Steintür wieder schließen konnte. Als sie diesen gefunden hatte, legte sie ihn auch gleich um, wodurch sich der Durchgang langsam wieder schloss.
Gedankenverloren blickte die Elfe in die Wachstube hinein, wobei das Gesicht des Arls vor ihrem geistigen Auge erschien. Es sah so aus, als würde er sie angrinsen, doch schüttelte sie diese Vorstellung gleich wieder ab. Sie hatte gewonnen, er hatte verloren. Und dank Miandra hatte er es auch nicht geschafft, dass sie so wurde, wie er selbst es gewesen war. Auch wenn nicht viel dazu gefehlt hatte. Aber das würde sich bald alles ändern. Sobald sie Elana befreit hatten, würde sie ihr Leben als Auftragsmörderin und Schurkin aufgeben und mit den beiden irgendwo in Frieden leben…zumindest wünschte sie sich in diesem Moment nichts sehnlicher als das. Nur der Gedanke an Eshtá und ihre Vision, welche sie diesbezüglich im Nichts gehabt hatte, machten ihr noch Sorgen. Sie mussten diese Frau finden und unschädlich machen. Erst dann würde es für sie ein normales Leben geben können.
Die Tür rastete mit einem Poltern ein und riss Vernita aus ihren Gedanken. Sie war fast augenblicklich wieder klar und beleuchtete mit ihrer Fackel den Öffnungsmechanismus. Mit einem Grinsen sah sie das Loch in der Wand, wo der Hebel sich hoch und runter bewegte, wenn die Tür geöffnet beziehungsweise geschlossen wurde. Mit einem kräftigen Stoß rammte sie den Dolch in ihrer rechten Hand in den Öffnungsmechanismus und trieb dessen Klinge tief in diesen hinein. Sie hörte es knirschen und kratzen, bis die Waffe schließlich feststeckte, sie bewegte sich weder vor noch zurück. Mit einem größeren Kraftaufwand bog sie den Griff des Dolches zur Seite, bis er schließlich mit einem lauten „Pling“ abbrach. Zufrieden grinsend ließ sie das Heft der Waffe fallen.
‚Nun wird uns keiner mehr so leicht folgen können‘, dachte die Elfe, bevor sie aufstand und sich daran machte, die anderen einzuholen. Sie eilte durch den Tunnel, bis sie schließlich die zweite Wachstube erreichte, wo die anderen bereits auf sie warteten und sie fragend anblickten.
„Ich habe nur dafür gesorgt, dass uns niemand folgt“, meinte sie nur knapp. „Und nun bringe ich euch dorthin, wo ich aufgewachsen bin. Das Haus dürfte leer stehen, da niemand jemals auch nur im Traum daran dachte, dort einzuziehen…da meine Eltern mehr als nur unbeliebt bei meinen Leuten waren und das Haus selbst in der ärmsten Gegend des Gesindeviertels steht. Und der einzige unserer Feinde, der wusste, wo das ist, liegt tot in seiner Stube und blutet vor sich hin.“
Sie bemerkte die skeptischen Blicke der anderen. „Auf Dauer können wir dort nicht bleiben, doch für den Moment dürfte es dort sicher sein. Zumindest, bis wir wissen, wie es weitergehen soll. Kommt mit.“
Vernita übernahm wieder die Führung und machte sich auf den Weg nach draußen. Die Sonne neigte sich dort auch schon langsam zum Abend hin. In ein paar Stunden würde es dunkel sein. Das kam ihnen sehr zugute.
Die Elfe schlug einen neuen Weg ein und führte die Gruppe über verschlungene Seitengassen durch die Stadt. Trotzdem dauerte es nicht allzu lang, bis sie das Gesindeviertel erreicht hatten und zwar einen Bereich davon, welcher noch armseliger wirkte als der, in dem Fineon sein Heim hatte. Viele der Gebäude waren eingestürzt oder abgebrannt und fast alle der anderen Häuser waren verlassen. Während der Verderbnis waren viele Elfen ums Leben gekommen. Die übrigen waren in die nun freien Häuser in den „besseren“ Vierteln umgezogen. Die wenigen, die geblieben waren, lebten ein Leben am Rande des Todes.
Die Gruppe erreichte ein kleines, teilweise eingestürztes Gebäude, dessen Fenster vernagelt waren. Die Tür hing quietschend in den Angeln und ebenso wie die Nachbarhäuser war es verlassen. Langsam trat Vernita näher heran und öffnete ganz sachte den Eingang. Die Einrichtung war noch genau dieselbe wie sie es aus ihrer Kindheit kannte. Ein einfacher Tisch, ein paar Schemel, eine Feuerstelle und zwei Schränke an den Wänden. Über all dem lag eine dicke Staubschicht, und es gab an jeder Ecke lange Spinnenweben. Die Elfe blieb stocksteif im Eingang des Hauses stehen, als eine Flut von Erinnerungen aus ihrer Jugend über sie hereinbrach wie ein Orkan. Einen Augenblick glaubte sie, ihr Atem würde aussetzen. Sie hätte nie gedacht, dass diese alte Ruine eine solche Wirkung auf sie haben würde.
„Vielleicht hätten wir doch nicht hierher kommen sollen…“, murmelte sie mit gedämpfter Stimme.
Modifié par Aliens Crew, 05 mars 2012 - 09:26 .





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