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Eine mörderische Kindheit + Antiva-Episoden - Fan-Fiction - Zevran


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134 réponses à ce sujet

#101
maradeux

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Vielen Dank für eure freundlichen Worte! :) Ich entschuldige mich für die lange Pause. Es lag nicht nur an meiner Arbeit - DA II kam dazwischen mit dem für mich persönlich sehr enttäuschenden Zevran cameo. Meiner Meinung nach ein Schlag ins Gesicht für jeden, der eine Zevran-Romanze gespielt hat - ganz abgesehen von seinem grusligen Alien-Antlitz. :?

Wie auch immer - es sind weitere Kapitel in Planung. R. wird bald eingeführt. Zevrans Reise nach Ferelden wird das Ende meiner Geschichte sein - spielbegleitende Fanfiction gibt es schon genug, wie ich finde. ;)

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Antiva-Episoden Teil II

 

Kapitel 3: Vertraulichkeiten

 

Taliesen…

 

Zevran atmete tief die satte Frühlingsluft ein, die sich nun, da er sich dem Distrikt der Ledermacher näherte, mit anderen, ihm seit jeher vertrauten Gerüchen mischte. Mit ihnen kamen Erinnerungen auf – an die ersten schweren Jahre, die Handschuhe seiner Mutter, an Goisar, Sergio, Taliesen…

 

Dieser war für ihn zunächst nicht mehr als ein anderer Capo neben Sergio. Dann hasste er ihn – für das Verschweigen von Sergios Tod und weil er Zevran foltern ließ. Als Taliesen anfing, für ihn zu sorgen und ihn zu beschützen, stellte das seine Welt auf den Kopf.

 

Mit den ersten gemeinsamen Erfolgen verflog sein Hass unmerklich. Danach war der dunkelhaarige Assassine für ihn lange Zeit eine Herausforderung, eine scheinbar uneinnehmbare Festung für den – trotz seiner Jugend – schon so ausgezeichnet geschulten Verführer. Er genoss den Triumph, als diese Mauer endlich einbrach, in vollen Zügen.

 

Doch nun… auf einmal ertappte er sich dabei, seinerseits in Sorge um den anderen Mann zu sein. Er empfand keine Angst vor diesem Gefühl, lediglich eine gewisse Verwunderung, da es anders war als alles, was er bisher von sich zu wissen glaubte. Es war nicht die Sorge eines Capos um die Einsatzfähigkeit eines seiner Leute – es war… wie die Sorge um einen Freund.

 

~~~**********~~~

 

Als Zevran Taliesens Zimmer betrat, war der andere Mann gerade mit ein paar Papieren auf seinem Schreibtisch beschäftigt. Die rechte Schulter war verbunden, sein Gesicht einen Ton blasser als gewöhnlich. Doch nun stand er auf und trat dem Eintretenden freudig entgegen. „Zevran!“

 

„Wie geht es meinem mutigen Beschützer?“ Schmunzelnd deutete der Elf mit seinem Arm einen jovialen Schlag auf die verletzte Schulter an. Taliesen zuckte nicht. Nur ganz kurz blinzelte er und seine Kiefernmuskeln spannten sich. Zevran brach seine Bewegung kurz vor der Berührung ab und fing an zu lachen. "Ich hatte dich. Gib es zu!"

 

Der andere seufzte und schüttelte den Kopf. "Du bist so ein Kindskopf, Zev."

 

Aber neben aller verschmitzten Frechheit war im Gesicht des blonden Elfen auch Erleichterung zu erkennen: "Gut, dich in einem Stück zu sehen, Tal."

 

"Dasselbe könnte ich von dir sagen“, antwortete der Ältere. Er ging zu seinem Bett, um sich darauf auszustrecken, und zog den Jüngeren zu sich. "Erzählst du mir, was passiert ist?"

 

"Du meinst zwischen mir und dem gut aussehenden Magier? Eifersüchtig?" Augenzwinkernd setzte sich der Elf auf Taliesens Bettkante. Der angeschlagene Assassine zuckte seine gesunde Schulter: "Ich bin es gewohnt, dich mit ganz Antiva zu teilen. Also - du antwortest mir nicht?“

 

„Das kommt drauf an –verrätst du mir, was du gerade am Schreibtisch gemacht hast?“ Aus den Augenwinkeln versuchte der junge Elf einen Blick auf die Papiere zu erhaschen. Hatte Taliesen in seiner Abwesenheit etwa die Aufgaben des Capo übernommen? Der Schreibkram gehörte nicht unbedingt zu Zevrans Lieblingsbeschäftigungen. Trotzdem hinterließ ihm dieser Gedanke ein flaues Gefühl im Magen.

 

Taliesens Augenbrauen zuckten ebenso überrascht wie amüsiert. „Nun gut… abgemacht. Aber du fängst an.“

 

~~~**********~~~

 

Zevran lächelte verschmitzt. ‚Sollte irgendetwas von dem, was ihr hier hört oder seht nach außen dringen... ‘ – Todesdrohungen hatten doch immer wieder etwas Erfrischendes… „Arainai wollte mich sprechen. Es ging darum, wer neuer Meister unserer Zelle wird."

 

Taliesen stutzte und schaute den anderen forschend an. „Warum sollte Arainai mit dir darüber reden wollen, Zevran?"

 

Der Elf überlegte. Er hatte Taliesen nie von seiner Meisterweihe erzählt. Und nun wäre es sinnlos gewesen, es noch zu erwähnen. Also zog er mit einem breiten Grinsen die Schultern hoch. "Ich nehme an, sie wollten endlich den besten Liebhaber und Assassinen Antivas kennen lernen. Nicht? Ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung. Vielleicht, weil ich der letzte war, der Antonio lebend gesehen hat. Oder weil ich seinen Mörder getötet habe."

 

"Seinen Mörder?" Taliesen hob verblüfft seine Augenbrauen. "Ich dachte, es war ein Lungenleiden..."

 

Zevran schüttelte den Kopf, sein Blick traurig im Moment der Erinnerung: "Er wurde vergiftet, Taliesen."

 

~~~**********~~~

 

Der junge Mann schaute dem Elf in die Augen, dann zur Seite, nickte langsam. Zevran hatte wenig über seine Treffen mit dem Meister, seine Gespräche mit ihm erzählt. Doch Taliesen wusste, dass der junge Capo Sympathie und Achtung für seinen Meister empfunden hatte - auf eine Weise, die ihn zuweilen fast eifersüchtig werden ließ. "Und – wer wird es nun?", sprach Taliesen den weiteren Fluss seiner Gedanken laut aus.

 

"Arainai hielt Javiero nicht für geeignet. Neuer Meister soll darum ein Capo aus der anderen Arainai-Zelle werden. Ein Zweikampf wäre möglich. Aber ehrlich gesagt - ich denke, Javiero wird kneifen."

 

Taliesen lachte laut auf. Das machte Sinn. Aufgrund der Verluste in den vergangenen Jahren war ihre Zelle eine recht junge. Javiero war der einzige Capo über dreißig; und für eine Krähe war er ein ziemlicher Feigling. Der nächste in der Rangfolge wäre Sergio gewesen. Die anderen Capos waren Mitte zwanzig, aber recht blasse Gestalten. Zevran war noch zu jung. Und er selbst... Taliesen schluckte. Alle Entscheidungen, die man trifft, haben Konsequenzen. Manche davon werden einem erst Jahre später bewusst...

 

~~~**********~~~

 

„ Ich habe alles gesagt, nun bist du dran“, bemerkte Zevran zwinkernd und schielte wieder zu den Papieren hinüber.

 

„Nun gut, mein neugieriger kleiner Freund…“ Taliesen ging schmunzelnd an seinen Schreibtisch zurück. Er nahm die Schriftrolle in seine gesunde Hand und wedelte sie durch die Luft. „Das ist ein Vertrag. Ich wurde damit beauftragt… ihn zu übersetzen.“

 

Nun war es an Zevran, verwundert zu schauen. „Übersetzen? Ist dir schon so langweilig, dass du einen mickrigen Schreibjob annimmst. Und warum kommt damit überhaupt jemand zu dir. Wir haben mehr als zwei Duzend Schriftgelehrte in den Krähen-Archiven.“

 

Dem Dunkelhaarigen war eine diebische Freude darüber, die Neugier des Elfen angestachelt zu haben, deutlich anzusehen. Gleichzeitig schien er einen Augenblick mit sich zu hadern. Zevran ahnte, dass der andere womöglich ein ähnliches Versprechen geben musste wie er der Padrona gegenüber. Erhielt er nun Vertrauen für Vertrauen?

 

„Sicher, die gibt es. Aber Claudio kommt immer noch zu mir, wenn ihm etwas sehr wichtig ist.“

 

Zevran horchte auf. Er erinnerte sich, dass Taliesen einmal erwähnte hatte, der junge Prinz Claudio wäre einer seiner Tutoren gewesen. Dass er aber immer noch in Verbindung zu dem inzwischen schon sehr hochrangigen Krähenmeister stand, war ihm neu. Er kam näher heran, um das Schriftstück selbst in Augenschein zu nehmen. Es war in Ferelden verfasst, der ‚Zunge der Könige‘. Alle Krähen lernten die Grundlagen dieser in ganz Thedas als Lingua franca gebräuchlichen Sprache, aber…

 

„Soweit ich weiß, spricht Claudio sehr gut Ferelden. Wozu braucht er ausgerechnet dich als Übersetzer?“

 

Taliesen zog eine Augenbraue hoch. „Nun, dieses Schriftstück enthält einige komplizierte Formulierungen und ich… bin Muttersprachler.“

 

Überrascht blickte Zevran auf. „Aha! Ich dachte mir doch, dass ‚Taliesen‘ kein typisch antivischer Name ist. Allerdings habe ich nie einen Akzent bei dir bemerkt.“

 

„Das mag daran liegen, dass ich mein Heimatland mit sechs Jahren verlassen und seitdem nie wieder betreten habe. Offenbar war es Claudio aber wichtig, dass ich meine Muttersprache nicht verlerne. Deshalb stellte er mir einen Lehrer zur Seite, der mich in allen Eigenheiten des amtlichen Ferelden unterrichtete. Und nun… profitiert der Prinz davon. Ich übrigens auch – er zahlt ganz hervorragend.“

 

Zevran nahm das Schriftstück in die eigenen Hände, um es noch genauer untersuchen zu können. Taliesen ließ es amüsiert zu. Der Elf versuchte mit seinen bruchstückhaften Kenntnissen der fremden Sprache zu erfassen, was diesen Vertrag so besonders machte, dass nicht einmal die Schriftgelehrten im Krähenarchiv davon wissen durften. Ihm fielen zwei Siegel auf – hohe Beamte sowohl der Templer als auch der Kirche hatten den Vertrag unterzeichnet. Endlich glaubte er zu erkennen, worum es ging. „Die Überstellung von Magiern aus dem Fereldener Zirkel an unseren hier in Antiva?“

 

„Exakt“, lächelte Taliesen, „und frage mich bitte nicht, was Claudio damit zu tun hat, ich bin nur der Übersetzer.“

 

Zevran zuckte die Schultern. „Es ist Claudio, was kann es da schon sein – Macht, Geld, Mord… Vermutlich alle drei.“ Er schob die Schriftrolle auf den Schreibtisch zurück, stellte sich hinter den älteren Assassinen und begann, sanft dessen Nacken zu massieren. „Und, mein ausländischer Freund, wirst du mir verraten, wie du aus dem fernen Ferelden zu den Krähen gekommen bist.“

 

„Gern Zev, aber hör bitte nicht auf damit, du machst das perfekt.“ Taliesen gab sich den geschickten Händen des Elfen hin. Er legte seinen gesunden linken Arm angewinkelt auf den Schreibtisch, ließ sich nach vorn fallen und lehnte sich mit der Stirn auf seinen Unterarm. Er ließ es zu, dass der jüngere sich im Stuhl direkt hinter ihn setzte, spürte dessen Geschlecht fest und heiß an seinen Lenden. Es war schwer, sich so zu konzentrieren.

 

Und doch begann er zu erzählen. Von seinen Eltern, die einfache Bauern waren; von einem Hagelsturm, der ihre Ernte zerstörte; von ihrem Plan, in den Freien Marschen ein neues Leben zu beginnen. Wie ihr Schiff während der Überfahrt von Sklavenhändlern gekapert, er von seiner Familie getrennt und schließlich an die Krähen verkauft wurde.

 

„Ich weiß nicht einmal, ob meine Eltern noch leben“, schloss er seine Erzählung ab.

 

„Hast du jemals nach ihnen gesucht?“ Zevran massierte die starke Verspannung unter dem Schulterblatt der verletzten Seite. Taliesen stöhnte wohlig, bevor er fortfuhr. „Eigentlich nicht, nein. Ich hatte damals lange gewartet und gehofft, dass meine Eltern mich suchen und finden würden. Irgendwann habe ich das aber aufgegeben.“ Er drehte sich zu dem Elfen um und Zevran sah eine unglaubliche Traurigkeit in seinen braunen Augen, eine Wärme und Tiefe, die er dort niemals erwartet hätte. Ihm wurde klar, dass der andere sich ihm in diesem Moment geöffnet hatte – er hatte ihm einen Blick in seine Seele erlaubt. Doch dann drehte der Assassine sich wieder weg, schüttelte den Kopf und fing an, lautlos in sich hineinzulachen.

 

„Kannst du dir das vorstellen, Zev – wenn meine Eltern mich gefunden und von den Krähen ‚befreit‘ hätten? Ich – als Bauer? Den ganzen Tag harte Arbeit und abends ein Stück Brot und einen Teller Suppe. An meiner Seite eine unscheinbare Bauersfrau, deren größtes Talent das Stopfen alter Socken ist. Dann vielleicht noch drei, vier Blagen im Haus, die ich alle mit durchfüttern müsste. Nein, es ist schon alles gut, wie es gekommen ist. Hier hab ich Geld, Brandy, schöne Frauen, ein großes, weiches Bett. Mein junger Capo ist der bestaussehende Assassine in Antiva und ganz nebenbei noch ein hervorragender Liebhaber. Gut, ich muss ab und zu ein paar Leute töten, aber alles hat seinen Preis.“

 

Zevran schmunzelte. "Ah, lass uns das ermüdende Gespräch beenden und diesen unbequemen Stuhl gegen dein Bett tauschen. Ich hab dich vermisst.“ Er begann, sein heißes Geschlecht nun sehr deutlich gegen die Hüften des anderen Mannes zu reiben. Der stöhnte genießerisch, zog den Elfen mit seinem gesunden Arm zu sich heran und biss ihm begierig in eins seiner spitzen Ohren.

 
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Dieses Kapitel habe ich komplett neu umgeschrieben, da ich der Unterhaltung der beiden Protagonisten etwas mehr Tiefe verleihen wollte als in der ursprünglichen Fassung. Zu Taliesens Hintergrundgeschichte... Taliesen ist ein britischer - genauer ein walisischer Name. Er geht auf das "Buch Taliesins" zurück, eine bekannte Gedichtsammlung in walisischer Sprache aus dem 14. Jahrhundert. Dieser Name und der Fakt, dass Taliesen im Spiel im Gegensatz zu Zevran tatsächlich völlig akzentfrei spricht, brachten mich auf diesen "Kopfkanon".


Modifié par maradeux, 05 novembre 2014 - 05:12 .


#102
maradeux

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Antiva Episoden, Teil II
 
Kapitel 4: Die Gefangene
 
 
Durch die eng vergitterte Zellentür sah sie ein Loch in der gegenüberliegenden Wand. Dort kam Licht herein, wenn es Tag war. Der Raum war karg, dunkel und feucht. Es gab kein Bett, keinen Stuhl, auch keine Decken. Schlafen musste sie altem Stroh. Sie hatte die Tage gezählt, seit sie hier unten war. Es gab poröse Steine an den Wänden, in die sie mit ihrem Daumennagel Striche ritzen konnte. Dreiundvierzig waren es.
 
Und sie würde lange nicht mehr leben, wenn sich nicht nach den ersten drei Wochen etwas geändert hätte. Die Folter wurde eingestellt. Sie bekam täglich Wasser, Brot und etwas Suppe. Die Latrine in der Ecke wurde alle zwei Tage gewechselt. Einmal hatte sie versucht, dieses "Ausmisten" zur Flucht zu nutzen. Fast bis ans Ende des Gangs war sie gekommen, an fünf, sechs Wachen vorbei, ehe man sie wieder eingefangen hatte. Aber getötet wurde sie nicht. Seitdem waren sie vorsichtiger – sie trug nun Fußfesseln und die Wachen nahmen immer zwei Schützen mit, die gespannten Armbrüste auf sie gerichtet.
 
Sie hörte Geräusche, immer dieselben - das Rauschen von Wasser, Schreie von Gefolterten und die Verhöhnungen der Folterer. Es roch nach Urin, Fäkalien, Blut und Schweiß. Die Kerker - die Verließe unter dem weitläufigen Arainai-Quartier, kaum besser als das berüchtigte Velabanchel. Hier war sie gefangen seit dem misslungenen Anschlag der jungen Lorenzo-Zelle auf die weitaus überlegenen Gegner. Jeder wusste, dass es ein Suizid-Kommando war. Doch wer hätte es gewagt, nicht mitzugehen?
 
Yago, der Wahnsinnige, war inzwischen sicher längst tot. Oder gefangen – wie sie. Es musste einen Sinn haben, dass man sie am Leben ließ. Und sie ahnte den Grund. Auch ihre Gegner hatten Verluste. Krähen wurden oft genug wie Abfall behandelt. Dennoch steckten Jahre der Mühe und Ausbildung in jedem von ihnen. Sie waren Werkzeuge. Sie wurden gebraucht.
 
Zweiundzwanzig war sie und gehörte zu den Krähen, seit ein paar Männer sie aus dem Waisenhaus des Gesindeviertels geholt hatten. Damals schien es gut zu sein. Schläge bekam sie hier wie dort. Aber das Essen war besser, die Räume sauberer. Sie zeigte Geschick im Schleichen, Klettern und Schlösser knacken. Das Töten fiel ihr anfangs schwer. Erst im Zweikampf lernte sie es. Als es hieß - ihr Leben oder seins. Im Zweikampf wurde sie zur Furie mit einer beeindruckenden Überlebensfähigkeit.
 
Ihre Ausbilder wussten lange nicht, was sie mit ihr anfangen sollten, denn sie weigerte sich - allen schmerzhaften Bestrafungen zum Trotz - hilflose Opfer zu töten. Kein Anschleichen im Schlaf, kein Vergiften, kein Durchtrennen einer ahnungslosen Kehle. Sie nahm - bis heute - keine Aufträge für Kinder, Alte oder Kranke an. Sie bevorzugte die schwierigen Kämpfe - Wachleute, Piraten, Sklavenhändler, gegnerische Krähen. Sie forderte ihre Gegner zum offenen Kampf. Sie schrie ihnen ins Gesicht, dass sie den Auftrag hatte, sie zu töten.
 
Geräusche von Schritten und einem leisen Gespräch rissen die junge Frau aus ihren Gedanken. Jemand kam auf ihre Zelle zu - es war eine ungewohnte Zeit. Die Tür öffnete sich und ein junger Elf trat ein - allein. Mutig, dachte sie leise grinsend. Sie betrachtete den Besucher. Er war nicht besonders groß, schlank; hatte sorgfältig frisierte blonde Haare und ein hübsches Gesicht mit auffallend leuchtenden, rotgoldenen Augen. Auf seiner linken Wange war ein markantes Tattoo, wie sie es in dieser Art noch nie gesehen hatte. Der Elf schien zu bemerken, dass sie ihn betrachtete und ein verschmitztes Lächeln bildete sich um seinen stolzen Mund. Er lehnte sich lässig mit dem Rücken gegen die Zellentür und begann nun auch seinerseits, sein Gegenüber genau in Augenschein zu nehmen. Warum sagte er nichts?
 
"Seid Ihr hier, um mir zu verraten, womit ich diese Vorzugsbehandlung verdient habe?" fragte sie und bemerkte, wie rau ihre Stimme war - sie hatte sie tage- vielleicht wochenlang nicht mehr benutzt.
 
Der junge Elf löste sich von der Tür und ging ein paar Schritte auf sie zu, immer noch lächelnd. "Rinna, nicht wahr? Aus dem Hause Lorenzo... dem ehemaligen Haus Lorenzo..."
 
Er hatte eine sehr angenehme, weiche Stimme. Ein Verführungsspezialist, vermutete sie und zog spöttisch die  linke Augenbraue hoch. Er schien eine Antwort abzuwarten, doch Rinna hob nur ihr Kinn - fragend, abwartend.
 
Der Elf räusperte sich kurz, legte den linken Unterarm auf den Rücken und deutete eine Verbeugung an, ohne die junge Frau dabei aus den Augen zu lassen "Mein Name ist Zevran. Ich bin Assassine und Capo im Haus Arainai. Und ich bin hier, um dir ein Angebot zu machen, meine Schöne."
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Zevran sagte "Schöne", denn er würde jede Frau "Meine Schöne" nennen. Ein ins Ohr gehauchtes mia bella war ein Zauberwort, dem kaum eine Dame widerstehen konnte. Die junge Frau vor ihm war groß für eine Elfin, vielleicht größer als er selbst.  Ihre schwarzen Haare waren staubig und zerzaust. Gesicht und Körper waren von Abschürfungen und langsam heilenden Folterwunden übersäht. Sie war knabenhaft schmal, verfügte kaum über weibliche Formen. Und doch war etwas an ihr, das ihn außerordentlich faszinierte. Denn sie wirkte trotz ihrer kargen Statur keineswegs schwach  – Gazellenbeine von enormer Schnelligkeit und Sprungkraft; dünne, aber sehnige Arme, die – wie er wusste - mühelos Waffen schwingen und Bögen spannen konnten. In ihrem Gesicht fielen die markant breiten Wangenknochen, die lange schmale Nase, aber vor allem ihre großen Augen auf. Sie blitzen hell, stolz und kalt. Ihr ganzes Wesen schien allen Strapazen der Gefangenschaft zum Trotz vor Energie Funken zu sprühen. 
 
Rinna hob ihren Blick mit einem skeptischen Blinzeln. „Ihr seid Zevran Arainai?“
 
„Oh, du hast also von mir gehört?“, ein wenig Stolz schwang mit in seinem mokierenden Ton.
 
Ein höhnisches Blitzen. „Schau an. Meister Antonios rechte Hand… Ich hätte gedacht, Ihr wärt größer. Und älter. Und im Übrigen tot.“
 
Zevrans Mundwinkel zuckten amüsiert: „Du bist eine wahre Meisterin der Komplimente, Rinna.“
 
„Ximo prahlte damit, Euch getötet zu haben. Da hat er sich wohl geirrt.“
 
Genauso wie Taliesen irrte in der Annahme, er hätte meinen Angreifer getötet, dachte Zevran.
 
„Nun gut, Zevran Arainai…“, die stolze Elfin atmete tief durch, „Dann nennt mir Eure Offerte.“
 
Er lächelte. "Ich biete dir an, dich meiner Gruppe anzuschließen.“
 
Die Elfin wirkte nicht überrascht. Ihre Stimme war ruhig. „Nehmen wir an, ich sage zu, was hätte ich davon?“
 
„Du würdest dieselben Privilegien genießen wie alle meine Leute – ein eigenes Zimmer mit Kamin und einem großen Bett, hervorragende Ausrüstung, lukrative Aufträge, meine Gesellschaft… Du könntest weiterhin tun, was du am besten kannst –in der besten Gruppe dieser Zelle."
 
Ein kurzes, spöttisches Lachen löste sich von Rinnas Lippen. "Der besten, ja? –Und woher wollt Ihr wissen, was ich kann?"
 
Zevran schmunzelte amüsiert. Sie war so wild und trotzig, das gefiel ihm "Soweit ich weiß, warst du der stärkste Capo unter Yago. Eine geschickte Kämpferin mit Schwert und Dolch. Notfalls auch ohne Waffen, wie unsere Wachen hier lernen durften. Du kannst komplizierte Schlösser knacken und sollst sehr schnell sein."
 
Rinna atmete tief und hörbar durch die Nase ein. "Ich sollte wohl nicht verwundert sein, dass jemand wie Ihr so gut unterrichtet ist?"
 
"Ah, du hast mich durchschaut. Ich liebe Bettgeschichten. Das ist immer noch der beste Weg, schlüpfrige Geheimnisse zu erfahren."
 
"Um anschließend mit einem Dolch im Rücken zu enden."
 
Er seufzte ironisch. "So will es der Beruf.  Aber erst nach dem Liebesspiel. Ich bin doch kein Unmensch." 
 
Ein leichtes Zucken ihres rechten Mundwinkels war Rinnas einzige Reaktion auf Zevrans Geplänkel. Dann war es eine Weile lang still zwischen den beiden. Eine Stille, die nicht peinlich wirkte. Der Elf wirkte ruhig und geduldig in seiner abwartenden Pose. Ab und an spielte er wie zufällig mit einem seiner Dolche. Er wusste, dass ihre hellen Augen jeder seiner Bewegungen genau folgten. 
 
"Was passiert, wenn ich ablehne?", fragte sie endlich in neutralem Ton.
 
Der Elf zuckte die Schultern und deutete an, sich gleichgültig umzudrehen und die Zelle zu verlassen. "Dann suche ich mir einen der anderen Gefangenen aus."
 
Rinna räusperte sich. „Die Anderen…“, ihre Stimme zitterte leicht, „Was passiert mit ihnen, wenn ich zusage?“
 
Zevran hob überrascht eine Augenbraue. Dass die Elfin sich um ihre früheren Kameraden sorgte, war eine Sache. Dass sie bereit war, ihm gegenüber ein solches Gefühl, eine solche Schwäche zu offenbaren, eine ganz andere. Hatte er wirklich weise gewählt?
 
Sein Lächeln wurde süßlich. „Ah, Schönheit und Mitgefühl in einem. Du bist eine wahrhaft faszinierende Frau, Rinna. Sei unbesorgt. Sie werden in den nächsten Tagen ähnliche Angebote erhalten, allerdings nicht von mir. Dieses Privileg genießt nur du allein.“
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Rinna senkte den Blick. Sie dachte nach. Zevran war nicht irgendeine Krähe. Seit Jahren kursierten die fantastischsten Anekdoten über ihn – wie er ganz allein einen Handelsprinzen überwältigt oder eine Magierin in den Selbstmord getrieben haben soll. Er sei so schön, wurde behauptet, dass keine Frau und kein Mann ihm zu widerstehen vermochte. All diese Geschichten schienen nicht so recht zu dem Elf zu passen, der hier vor ihr stand. Er sah ohne Zweifel gut aus, aber er war doch noch ein halbes Kind – wahrscheinlich nicht einmal zwanzig. Dann sein arrogantes Gehabe, die ständige Schmeichelei. Das sollte der Zevran sein? 
 
Allerdings – wie viele andere Optionen hatte sie? Und immerhin war er ein Elf. Das konnte von Vorteil sein. Für einen Moment wanderten ihre Gedanken zu ihrem früheren Capo, ein junger Mensch und ein Sadist, der insbesondere seine elfischen Untergebenen mit Füßen trat. 
 
Endlich schaute sie wieder auf. Sprühend helle Augen in der Farbe von splitterndem Eis trafen Zevrans bernsteinbraune. "Wenn ich mich Euch anschließe, bekomme ich ein Tattoo im Gesicht, nicht wahr?"
 
Der junge Capo hob eine Hand und deutete auf den kleinen schwarzen Bogen an seiner Schläfe. "Ja, hier, über deiner Braue. Es ist ein recht unauffälliges Zeichen. In meiner Gruppe ist eine Elfin, die ihre Locken immer so geschickt frisiert, dass es kaum zu erkennen ist."
 
Rinna schüttelte den Kopf. "Nein, es ist gut so. Es soll zu sehen sein. Jeder sollte erkennen können, wer wir sind; was wir sind." Sie strich ihre langen schwarzen Haare zurück. "Also... Ich bin einverstanden. Ich schließe mich Euch an."
 
 
 
 
 
 

Modifié par maradeux, 12 novembre 2014 - 07:26 .


#103
merrycherry

merrycherry
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Rinna! *___*
Ich bin schon gespannt wie es weitergeht :D

#104
Xena Hiwatari

Xena Hiwatari
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Hmmm*grins* mehr, bitte, ich will wissen wie es weitergeht. ^^

#105
maradeux

maradeux
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merrycherry wrote...

Rinna! *___*
Ich bin schon gespannt wie es weitergeht :D


Noch nicht gleich mit Rinna, aber bald. ;)

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Antiva-Episoden; Teil 2

 

Kap. 5: Hochmut
 
Mit Beginn des Monats Ferventis begannen die Kanäle zu dampfen. In den engen Gassen staute sich stickig heiße Luft. Am königlichen Palast klangen die Glocken lang und dumpf. Bereits zum vierten Mal in diesem Jahr war ein wichtiges Mitglied der königlichen Familie plötzlich und unverhofft verschieden. Gerüchte über die Intrigen eines niedrigen Prinzen verbreiteten sich schon seit Wochen.
 
Die Felicisima Armada brachte von ihren Beutezügen wertvolle Erze, Felle und frische Sklaven in den Hafen. Sie begleiteten auch Handelsschiffe, die bereit waren, ein hohes Schutzgeld zu zahlen. Händler, Huren und Krähen bereiteten ihnen einen würdigen Empfang. Kurz - es war der Beginn eines ganz gewöhnlichen Sommers in Antiva.
 
In einer der zahlreichen Krähenzellen der Stadt stellte sich der neue Meister seinen Gefolgsleuten vor. Meister Empio war jung, gerade Anfang dreißig. Ein mittelgroßer, athletisch gebauter Mensch, der anstelle der üblichen Lederrüstung eine reichlich bestickte Brokatweste, dazu edle Hosen und akribisch polierte schwarze Schuhe trug. Die hellbraunen Haare waren sorgfältig aus dem Gesicht frisiert. Seine Haut wirkte sehr gepflegt, glatt rasiert. Die Brauen über den glasblauen Augen waren perfekt geformt. Während Empio mit sonorer Stimme in kühl distanziertem Ton eine ausschweifende Rede über zukünftige Pläne und Absichten hielt, stellte sich Zevran vor, wie der junge Meister wohl unter seiner Brokatweste aussehen mochte und geriet über diesen Gedanken in träumerisches Schmunzeln.
 
"Zevran..."
 
Durch die Nennung seines Namens wurde der junge Assassine aus seinen Tagträumen gerissen. "Ja, Meister. Ihr wünscht?" säuselte Zevran mit einem süßlichen Grinsen.
 
Empio kam auf den jungen Elfen zu, den er um etwa einen halben Kopf überragte. Er musterte ihn abwertend. "Wenn Ihr auch nur die geringste Chance haben wollt, unter meiner Leitung Capo zu bleiben, solltet Ihr mir wenigstens zuhören, wenn ich spreche!" Seine Stimme schwoll gegen Ende des Satzes an, sein glattes Gesicht wurde dunkelrot.
 
"Aber selbstverständlich habe ich zugehört, Meister." antwortete der Elf gelassen. Sein Lächeln wurde noch um eine Nuance breiter. "Ihr bevorzugt einen straffen Führungsstil, alle Vorschriften werden exakt eingehalten. Wer bei Euch Capo sein möchte, muss sich erst bewähren können. Ihr werdet mit der hier eingezogenen Schlamperei gründlich aufräumen und es wird unter Eurer Leitung auch keine Ausnahmen  und Verhätschlungen mehr geben."
 
"Und damit" schloss sich Empio Zevrans lapidar vorgetragenen Ausführungen an "meinte ich insbesondere Euch kleinen Mistkäfer. Ich habe keine Ahnung, was Antonio in Euch gesehen hat. Die Berichte, die ich lesen musste, sind haarsträubend. Widerspenstigkeit, Tötung eines Kameraden, feige Flucht, wochenlange Krankheits- und Verletzungspausen. Auf diese Weise wurde man unter Antonio zum Capo?"
 
"Ich könnte Euch einige meiner Qualitäten zeigen, Meister" schlug Zevran vor, "Trinibelli hat sich keineswegs beklagt, soweit ich mich entsinne und Signora di Manico genauso wenig." Er wirkte ruhig und seiner sicher.
 
Empio nickte ungerührt. "Auch davon habe ich gelesen. In der Tat, recht clever für einen fünfzehnjährigen Hurensohn. Spaß gehabt mit Mutter und Tochter, ja? Und was den guten Handelsprinz aus Rivain anging - der stand auf Knaben, nicht wahr? Nun, Zevran, vielleicht fällt Euch ja auf, dass Ihr für die beiden Aufträge, in denen Ihr so brilliert habet, bereits jetzt zu alt wärt." Der Meister seufzte gekünstelt. "Das tragische Schicksal aller Wunderkinder - sie werden irgendwann erwachsen. Und seitdem... seid Ihr leider nichts Besonderes mehr."
 
"Also wenn es Euch nach etwas Besonderem lüstet, hätte ich durchaus ein paar Vorschläge..." warf Zevran ein.
 
"Und was diesen Lorenzo betrifft“, unterbrach ihn der Meister, "Fast zwei komplette Gruppen und horrende Ausgaben, um einen einzigen Mann zu töten? Das hätten andere besser gekonnt. Zevran... Möglicherweise wart ihr ein Wunderknabe. Aber es war ein Fehler eures alten Meisters, in sentimentaler Erinnerung daran festzuhalten. Wisst Ihr - Krähen altern früh." (Zevran fand es äußerst amüsant, solche Worte aus dem Munde des glattgebügelten jungen Meisters zu hören) "Habt Ihr die Linien auf Eurer Stirn bemerkt? Bald werden es Falten sein - noch ehe Ihr die Mitte der zwanzig erreicht... Ihr könnt Euch sicher sein - mit mir als Eurem neuen Meister sind die Zeiten, als Euch jemand Zucker in den Hintern geblasen hat, endgültig vorbei. Und dieses arrogante Grinsen werde ich Euch auch noch abgewöhnen. Wegtreten!"
 
Zevran verbeugte sich betont tief vor dem neuen Meister. "Ganz wie Ihr wünscht, Meister Empio." Er behielt sein Lächeln noch lange bei, nachdem er den Raum verlassen hatte. 
 
***
 
Später, während des Gruppentreffens, lachten alle viel über Zevrans lebendige Beschreibung dieses Zusammentreffens.
 
„Trotzdem – sei vorsichtig“, warf Taliesen ein, „Er ist nun unser Meister. Und so wie du ihn beschreibst, wird er nicht davon zurückschrecken, seine Macht auf jede ihm verfügbare Art zu demonstrieren.“
 
Was soll ich machen, lachte Zevran, der Typ hat einfach so viele Steilvorlagen geliefert, die zu gut waren, um sie ungenutzt zu lassen. Und dann noch der Name! Wie soll man jemanden ernst nehmen, der sich einen solchen Namen gibt?
 
Taliesen stimmte in das Lachen ein und schüttelte gleichzeitig den Kopf „Zevran, deine Arroganz wird dich eines Tages deinen hübschen Elfenkopf kosten.“
 
***
 
„Treib es nicht zu weit, Azrin!“
 
Der Angesprochene lehnte sich in seinem hohen Stuhl zurück, das Weinglas hielt er etwas schräg in seiner Hand und studierte amüsiert das aufgebrachte Gesicht des jungen Mannes, der da vor ihm stand. Groß, athletisch, mit seinem jungen und dennoch markanten Gesicht, den Bartstoppeln, den weichen, dunklen Locken und diesem feurigen Blick seiner dunklen Augen.
 
„Was hast du vor, Bruderherz, mich in meinem eigenen Haus bedrohen?“
 
„Es ist auch mein Haus, falls du das vergessen hast.“
 
Azrin stand auf und fuhr sich mit der Hand durch sein rotbraunes Haar. Er war etwas kleiner und schmaler als sein jüngerer Bruder und doch ging er selbstbewusst in väterlicher Manier auf den anderen Mann zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
 
„Claudio, das muss dich doch nicht kümmern. Du bist mir nicht im Weg Oder… du willst doch nicht etwa auch auf den Thron?“
 
Der Dunkelhaarige schob ärgerlich die Hand seines Bruders weg. „Sei nicht albern, Azrin. Ich bin Krähenmeister. Eines Tages werde ich Talon sein. Ein ganzes Handelsimperium gehört mir. Was kümmert mich dieser lächerliche Thron?“
 
Der ältere lachte und nahm einen großen Schluck aus seinem Weinglas. „Nun, dann kann es dir doch egal sein, wer darauf sitzt.“
 
Claudios Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er packte den älteren Bruder fest am Kragen, so dass sein Glas überschwappte und das edle Getränk ihm über die Finger lief. „Nun hör mir mal zu, Bruder. Du hast Samir getötet und Venis.“ Hass flackerte in seinen dunklen Augen. „Das ist unsere Familie. Wie kannst du nur so etwas tun? Wer ist der nächste auf deiner Liste – Vater? Feranna? Du musst damit aufhören!“
 
Azrin versuchte, sich aus dem festen Griff seines Bruders zu befreien. Da es ihm nicht gelang, klang seine Stimme gedrückt. „Und wenn nicht, womit willst du mir dann drohen, Brüderchen? Mit deinen Krähen? Du weißt doch – ich habe selbst eine Zelle.“
 
Nun war Claudio derjenige, der zu lachen begann. Gleichzeitig entließ er seinen Bruder aus dem festen Griff. „Ach Azrin… Du mit deiner albernen kleinen Zelle. Du hast keine Ahnung, welche Macht ich habe.“ Dann wurde sein Gesicht wieder ernst und ebenso seine Stimme. „Und ich rate dir ernsthaft, mich nicht herauszufordern.“
 
Damit verließ er die Gemächer seines Bruders mit forschen Schritten. Dieser blieb eine Weile lang verwundert stehen, bis das Klirren von Glas ihn aus seiner Lähmung riss. Er hatte das Weinglas in seiner eigenen Hand zerdrückt. Eilig wickelte er eine Serviette um eine kleine, aber rasch blutende Schnittwunde. „Fredi!“, rief er seinen Diener, einen dunkelhaarigen Elf, der schnell herbeieilte. „Räum das hier weg. Und dann ruf nach Feranna. Sag ihr, es sei dringend.“
 

_________________________________
*Ferventis
– 6. Monat im Thedas-Kalender

Empio - ital. (Antivan): ruchlos


Modifié par maradeux, 30 octobre 2014 - 08:38 .


#106
merrycherry

merrycherry
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Nun musste ich die ganze Zeit beim lesen Grinsen xDD
Zev ist einfach zu geil..kein Wunder das der neue Meister rot sieht *lol*
Wieder großartig geschrieben^^

#107
maradeux

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Danke dir fürs Mitlesen, merrycherry. :) Wird wohl leider wieder eine etwas längere Pause bis zum nächsten Update, da ich momentan (mal wieder) beruflich sehr stark eingespannt bin. Hätte gern mehr Zeit zum Schreiben. :(

#108
pia_car

pia_car
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Hey! Toll, dass du wieder was geschrieben hast :-) Macht nichts, wenn du viel zu tun hast, ich kenne das auch sehr gut. Ich schau immer mal wieder rein. Waren wieder tolle Neuigkeiten von zevran. Danke dir :-)

#109
Saegenbrecher

Saegenbrecher
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Jemand hat das geklaut und auf seine Website gepackt (hier) :o

#110
maradeux

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Es tut mir leid, dass ich so wenig Zeit zum Schreiben habe. Vielleicht gelingt mir über die Feiertage mal wieder ein Kapitel. (Den Spambeitrag über mir habe ich übrigens gemeldet. Auch wenn ich mir wenig Hoffnung mache, dass in dem trägen Forum hier etwas passiert - hatte mal vor über einem Jahr einen Doppelpost, der mir selbst versehentlich passiert ist, gemeldet. Der wurde bis heute nicht gelöscht :-/)

#111
merrycherry

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Sägenbrecher ist ein kleiner Trottel :D
Hoffentlich findest du Feiertage etwas Zeit, ich liebe deine Story einfach *gg*
*Zev luv*

#112
maradeux

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Ja, ich bin zurück!  Dazu musste ich erst mein zweites Examen bestehen und einen schweren Arbeitsunfall überstehen. Aber nun bin ich wieder da und schreibe die Geschichte weiter. :)
_____________________________________________________________________________________

6. Die Symphonie in dir



Die Arainai-Zellen hatten sich bis zum Sommer 9:25 vollständig von Lorenzos Angriff erholt. Abgesehen vom Tod des landesweit gefürchteten und hochverehrten Meisters Antonio, waren die Verluste gering und die Ränge rasch wieder aufgefüllt. Zevrans Gruppe hatte lediglich einen Späher verloren - den ruhigen, unauffälligen und zuverlässigen jungen Elf Ordo. An seiner Stelle war die Elfin Rinna aufgenommen worden.

Acht Wochen später war Taliesen immer noch hin und hergerissen zwischen Anerkennung  und Verwunderung über die Wahl seines Capos. Rinna war eine starke, geschickte Kämpferin, die ihre Gegner mit überraschender Geschwindigkeit überwältigen konnte. Allerdings schränkte ihre sture Weigerung, Aufträge auf vermeintlich schwache Gegner zu übernehmen, ihre Einsatzmöglichkeiten enorm ein. Er wunderte sich, wie sie mit dieser Einstellung bei den Krähen bisher überhaupt hatte überleben können. Davon abgesehen hatte die Gruppe mit Zevran, Ginera und ihm selbst eigentlich schon genügend Nahkämpfer. Wäre er in der Verantwortung gewesen, hätte er eher nach einem weiteren guten Bogenschützen gesucht. Aber offenbar setzte der Capo andere Prioritäten.

Letzteres ließ zumindest Zevrans ununterbrochenes Interesse an der großgewachsenen Elfin vermuten.Wahrscheinlich war es nur der sportliche Ehrgeiz eines Meisterverführers, diese scheinbar uneinnehmbare Festung zu bezwingen. Aber um ehrlich zu sein - Taliesen fühlte sich vernachlässigt. Nachdem er sein so lange uneingestandenes Verlangen nach Zevran enthüllt hatte, gab es Wochen heißer, leidenschaftlicher Intimität. Nur die Erinnerung an jene Momente erregte ihn so sehr, dass ihm schwindlig wurde. Aber seitdem Rinna da war... Nicht, dass sie es seitdem nicht mehr getan hätten, aber es war anders, kälter, spielerischer von Seiten des Jüngeren. 

Was es noch schlimmer machte - Ginera hatte sich, seitdem sich Taliesen offen zu Zevran bekannt hatte, von ihm nach und nach zurückgezogen. Sie hatte nun einen anderen Fisch am Haken - einen großen und mächtig arroganten: Der eitle "Ich mache keine Ausnahmen"-Meister Empio hat sich von der schönen Elfin im Handumdrehen um den Finger wickeln lassen. Sie war derzeit häufiger in seinen Quartieren als in ihrem eigenen Zimmer zu sehen. Zevran schien kein Problem damit zu haben. Immerhin hat sie dem Team auf diese Weise ein paar sehr lukrative Aufträge verschafft.

***



Zevran streckte sich und atmete tief durch, als die laue Nachtluft seine Haut umschmeichelte. Die Tage um den Funalis-Feiertag waren die heißesten des gesamten Jahres. Tagsüber pflegte die Stadt im gesamten Monat Matrinalis beinah ausgestorben zu sein. Fensterläden waren geschlossen, Türen verrieglt. Jeder, der es sich leisten konnte, flüchtete von den kochend heißen Straßen in den Schutz der schattigen Gebäude. Bettler stritten sich um die schattigen Plätze unter den Kanalbrücken. Das eigentliche Leben begann erst nach Sonnenuntergang. Dann öffneten sich Türen und Fenster, die Stadtbewohner verließen ihre Häuser, um die wenigen kühlen Stunden zu nutzen, die ihnen die kurzen Nächten als Erholung boten. Stimmengewirr und Kinderlachen erfüllte Straßen und Plätze. In den Kirchen erinnerten Mahnwachen an das tragische Schicksal der heiligen Andraste. Gedenkfeuer leuchteten rot in den nächtlichen Himmel. Nach Mitternacht füllten Festtagsparaden die Straßen - Gestalten in langen Umhängen mit schauderhaften Totenmasken bewegten sich langsam im Rhythmus dumpfer Trommelschläge. Überall wurde gefeiert - an jeder Straßenecke, in jedem Viertel der Stadt. 

Salvails Gartenparty gehörte zu den angesagten Ereignissen der gehobenen Gesellschaft. Der schlanke, großgewachsene und außerordentlich sorgfältig gepflegte Edelmann war mit seinen zweiundvierzig Jahren immer noch Junggeselle. Das mochte an seiner Vorliebe für ältere Damen des höheren Standes liegen, die selten unverheiratet waren. Drei Jahre lang hatte er mit der Witwe des verstorbenen Senators Lorenzo zusammengelebt. Heimlich, versteht sich. Selbst für eine junge Witwe war es in Antiva undenkbar, noch einmal zu heiraten. Es war Brauch, dass eine Witwe bis an ihr eigenes Lebensende Trauerkleidung trug und nie wieder einen anderen Mann begehren durfte. Witwer auf der anderen Seite wurden bereits nach kurzer Zeit wieder ganz selbstverständlich als Junggesellen wahrgenommen. Nicht, dass Salvail darüber viel nachdenken würde. Ein Leben als reicher Junggeselle hatte durchaus Vorzüge und trug sicherlich einiges zu seinem Ruf als charmanter und überaus beliebter Gastgeber bei.

Zevran zählte zu den Stammgästen des Hauses Salvail. Angeregt plauderte der Hausherr mit dem hübschen Elfen über die Vorzüge einer gewissen Signora Valandrez. Salvail wusste, dass der junge Elf ein Assassine war. Es war ein seltsames Verhältnis zwischen der wohlhabenden Gesellschaft Antivas und den Krähen: Adlige, Händler, Bankleute, Politiker waren ebenso oft Auftraggeber wie sie Opfer waren. Es war eine morbide Spannung, hatte etwas geradezu aufreizend Dekadentes an sich, wenn einer ihrer Assassine zugegen war. Und es war immer einer zugegen. Es soll schon leicht angetrunkene Damen der Gesellschaft gegeben haben, die sich einem von ihnen vor die Füße geworfen haben, flehend um einen Todeskuss. Salvail zweifelte nicht daran, dass dem jungen Elfen solch ein Ereignis gefallen würde. Gleichzeitig hoffte wohl jeder der Anwesenden - einschließlich dem Gastgeber selbst, dass nicht er der Grund für das Erscheinen der Krähe war.

Zevran entschuldigte sich freundlich bei dem charmanten Edelmann, als er ein bekanntes Gesicht ein paar Tische weiter erblickte: Signora Neva Sedina, eine wohlgeformte Dame mit seidig strahlendem Teint und dunkelbraunen Locken. Mit ihren knapp dreißig Jahren war sie zu jung, um Salvail zu gefallen. Signora Sedina grüßte die beiden Herren freundlich mit ihrem erhobenen Sherry-Glas. Salvail deutete eine Verbeugung an, Zevran lächelte und schlenderte ihr nonchalant entgegen. Neva und er hatten schon einige zwanglose Nächte miteinander genossen. Auch heute hielten sich die beiden nicht lange mit Geplauder auf, sondern zogen sich schon bald in eines der großzügigen Gästegemächer des Hauses zurück.

***

Die rassige Frau eines Seidenhändlers kannte Zevran seit dem letzten Sommer. Beide genossen sie ihre gelegentlichen Begegnungen voller Leidenschaft. Zevran konnte in ihren Armen vergessen, wer er war. Neva gab ihm die Illusion, etwas Wert zu sein, ihr ebenbürtig; ein junger Mann, der eine reiche junge Frau berühren, küssen, sie beglücken durfte. Aber vor allem - auch von ihr beglückt wurde. Das war das Besondere an ihr, machte sie so anders als andere reiche Frauen, denen er begegnet war: Die Art, wie sie ihn anstrahlte, geradezu schüchtern zu ihm aufschaute. Als wäre es ihr wichtig, dass er sich wohl fühlte, dass es ihm gut ging in ihren Armen. Als wäre Zevran für sie mehr als nur eine Flucht vor ihrem steifen Ehemann. Der Mann, der sie nie zu solchen Feierlichkeiten begleitete, da er solch sinnloses Amüsement verabscheute. Derselbe Mann, der...

Irgend etwas, Neva spürte es, war anders in dieser Nacht - sein Lächeln, sein Blick. Er wirkte distanziert, beinah kühl und war doch zärtlicher als jemals zuvor. Jedes unbewusste Zeichen beachtete er, folgte ihrem leisen Stöhnen, erfüllte ungesagte Wünsche. Neva ahnte es, begann zu verstehen... Sie spürte, wie alles ganz nah kam, die warme Nachtluft, der schwere Duft von Hibiskusblüten, die träumerischen Melodien der Lilo-Flöten... Nein, sie würde sich nicht wehren, würde nicht schreien, nicht flehen. Es war sinnlos, das wusste sie. Ihre Lippen bewegten sich, flüsterten Worte in sein Ohr. Verse, unter Tränen, zwischen heißen Atemstößen, als seine Hände zwischen ihren Beinen, seine Zunge an ihrem Hals sie zur Ekstase trieben: 


"Die Symphonie in dir, flüstert Melodien mir
Lieder von heißem Atem auf meiner Brust
Lieder von sanftem Stöhnen in meiner Näh'
Lieder von Händen, verkrampfend vor Lust 
Lieder wie ich dich in meinem Bette seh..." 


Er wartete bis zu ihrem Höhepunkt, bis sie unter ihm explodierte, sich atemlos wölbte und vibrierte, mit einem kurzen Schrei der Lust, dem ein letztes, tieftrauriges Seufzen folgte. "Was für ein liebliches Gedicht, mia bella." Seine Stimme war so kalt wie der Dolch zwischen ihren Rippen. Lächelnd küsste er eine Träne von ihrem sterbenden Gesicht. "Ich werde es mir merken."
______________________________________________
Martinalis - der 8. Monat des Thedas-Kalenders
Funalis, auch "All Souls Day" - ein Gedenktag zu Beginn des Martinalis, ehemals dem alten Gott der Stille Dumat gewidmet. Inzwischen ein in ganz Thedas begangener Feiertag zur Erinnerung an die Toten und an das Vermächtnis Andrastes. 

Modifié par maradeux, 27 juin 2013 - 11:55 .


#113
Xena Hiwatari

Xena Hiwatari
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So erstmal freut es mich natürlich, dass du alles was dir wiederfahren ist offenbar recht gut überstanden hast.
Und dann bleibt mir eigentlich nur noch zu sagen: Das warten hat sich (mal wieder) gelohnt!

#114
maradeux

maradeux
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Schön, dich zu sehen, Xena. Und ich freue mich, dass dir meine Geschichte immer noch gefällt. :)

#115
Xena Hiwatari

Xena Hiwatari
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Natürlich, als du so lange nichts von dir hast hören lassen habe ich schon befürchtet das du aufgehört hast. Es war eine positive Überraschung als ich die Benachrichtgung bekommen habe das hier wieder ein Beitrag eingestellt wurde.

#116
maradeux

maradeux
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Ich habe die Geschichte auch irgendwie vermisst, Xena. Wollte doch selber wissen, wie es weiter geht. :lol:
Neues Kapitel ist schon fertig (diesmal mit einem kleinen Figurenkommentar im Anschluss *grins*)

_______________________________________________________________________________

 II.7 Schwarzer Apollo


"Autsch!" Zevran rieb sich seine linke Schulter mit schmerzverzerrtem Gesicht. "Ich hab zwar schon ein paar Zwergenhändler im Hafenviertel gesehen, aber ich hätte nicht gedacht, dass Zwerge so gut kämpfen können." 

Rinna lachte herzlich. "Was hast du gedacht beim Anblick ihrer Äxte und Rüstungen? Dass sie dich zum Tee einladen?" 

Der junge Elf zuckte seine unverletzte Schulter. "Man kann nie wissen. Auch die rausten Gesellen haben irgendwo tief in sich eine Libido." 

Nun prustete die Elfin laut und schüttelte den Kopf. "Du bist unmöglich Zev, so was wie dich hab ich noch nie erlebt."

 Zevran gab seiner Kameradin einen schelmischen Seitenblick. "Oh, war das ein Kompliment? Ich höre gern Komplimente von schönen Frauen, die dabei noch so unglaublich stark und verwegen sind."

Die beiden Assassinen waren einige Wegstunden südlich der Stadt bei einem Handelsposten. Sie hatten eine ungewöhnliche Mission erfolgreich beendet: Lyriumschmuggler im Auftrag der Kirche zu stellen. Die hatte normalerweise ihre eigenen Kämpfer, aber offenbar war diese spezielle Truppe von Zwergenkämpfern zu stark für ihre Templer. Also hatten sie die Aufgabe an die Krähen weiter gegeben. Es war ein Kampf nach Rinnas Geschmack: Schwierig, langwierig, schweißtreibend -  eine Herausforderung. Sie hatte sich gefreut, dass sich neben Taliesen und den vier Fernkämpfern des Teams auch der Capo angeschlossen hat; sie hatte den Elf bisher noch nie in einem offenen Kampf erlebt. Er hatte sich viel geschickter dabei angestellt, als sie erwartet hatte und sie war sich sicher, dass ein großer Teil seines Gejammers wegen der Schulter Schauspielerei war.

"Verstehe ich das richtig,“ Rinna stellte sich vor den jüngeren Elf, als würde sie eine Festrede halten wollen „Der legendäre Zevran Arainai, der schon als Jüngling Handelsprinzen und Magier im Zweikampf ausgeschaltet hat, jammert, wenn ihn ein simpler Zwergenschild trifft?" Spott funkelte hell in ihren Augen.

 "Aaah, was soll ich machen? Ich bin ein schwacher Mann. Schau mich an! Ich würde mich niemals freiwillig einem offenen Kampf stellen – nicht ohne deine Hilfe, versteht sich. Sieh nur, ich kann den Arm gar nicht mehr bewegen. Ohne dich wäre ich vollkommen verloren. Du beschützt mich doch auf dem Heimweg, ja?"

Rinna wunderte sich, wie jemand es schaffen konnte, gleichzeitig herzzerreißend zu seufzen und verführerisch zu lächeln. Schließlich stand sie auf und stütze sich dabei absichtlich auf Zevrans linker Schulter ab. "Vergiss es, Schwächling. Wenn du unbedingt schon in die Stadt zurück willst, lauf Taliesen hinterher. Sie schob ihr Kinn in Richtung der vier Gestalten, die sich mit zügigen Schritten in nördlicher Richtung entfernten. „Ich bleib noch hier und genieße den Tag.“ Damit lief sie quer über die Wiese und ließ den Elf, der sich kopfschüttelnd seinen Arm rieb, am Wegrand sitzen. 

***

"Ich möchte dich etwas fragen, Zevran..." 

Natürlich war der junge Elf ihr gefolgt. Sie hatten den Nachmittag mit Kräuter sammeln, belanglosen Gesprächen und spielerischen Zweikämpfen verbracht. Die Stunden waren wie im Flug vergangen. Nun, als sie auf einer Anhöhe saßen, die den Blick auf das Meer freigab, stand die rotgoldene Sonne schon tief am Horizont. "Warum nimmst du solche Aufträge an? Ich meine... wie den auf die Frau dieses Seidenhändlers? Das ist einfach, bringt kaum Geld, jeder könnte das.“

"Mag sein, dass es einfach war, sie zu töten, Rinna. Aber darum ging es nicht. Gerade bei dieser Frau... ich kannte sie." 

In Rinnas neugierigen Blick mischte sich eine Spur Entsetzen: "Du kanntest sie und hast auf ihren Auftrag geboten? Warum… Hast du sie gehasst?"

Zevran biss sich auf die Unterlippe und schaute über das ferne Wasser. "Rinna, du weißt genau wie ich - wenn die Krähen einen Auftrag annehmen, wird er durchgeführt. Es gibt kein Entkommen. Jeder andere... wäre einfach hingegangen, hätte ihr in einer Gasse aufgelauert, ihr einen Bolzen durch die Kehle gejagt, ihr Frühstück vergiftet oder was auch immer. Das wollte ich verhindern, um jeden Preis. Mir war es wichtig, weißt du, dass ihre letzten Stunden glücklich waren. Dass sie einen schönen Tod haben würde." 

Rinna ließ den Blick ihrer eishellen Augen lange auf ihm ruhen. Glaubte er das wirklich? Meinte er allen Ernstes, etwas Gutes zu tun? "So etwas wie einen schönen Tod gibt es nicht, Zevran." 

Sie wartete, ob der junge Elf etwas erwidern wollte, aber es sah nicht danach aus. Zevran hatte sich auf der Wiese ausgestreckt; den Kopf auf seinen rechten Unterarm gelegt. Er kaute an einem Grashalm herum. Da er seine Lederweste abgelegt hatte und nur noch ein ärmelloses Hemd trug, konnte man erkennen, dass sich die Haut an seiner linken Schulter großflächig schwarz-blau verfärbt hatte. 

„Weißt du, Zevran, ich denke, uns geht es gut. Im Vergleich zu den meisten anderen Elfen, meine ich. Wir haben ein Dach über dem Kopf, bequeme Betten, Geld, genug zu essen... Wir können einen Nachmittag in der Natur verbringen. Tage sogar, wenn wir das wollten.“ Sie beschrieb mit ihrem Arm einem weiten Bogen über die Landschaft. „Ich genieße diese kleinen Freiheiten, Zevran. Aber ich vergesse auch nie, wer wir sind.“

Sie begann, die Kräuter, die sie am Nachmittag gesammelt hatten, in drei unterschiedliche Bündel zu sortieren. Dabei summte sie, begann schließlich leise zu singen. Sie hatte eine klare, feste Stimme. Ungewöhnlich tief für eine Frau. Klangvoll, warm...

Siehst du die Linien
auf meiner Hand
Folge den Spuren
Asche gebrannt

Seelen verloren
eisiger Wind
als Staub schon geboren
lebensblind

düsteres Grollen
duckend im Moos
schwarzer Apollo
lässt dich nicht los

Zevran hatte ihr schmunzelnd zugehört. "Ah, ich muss träumen, “ säuselte er, als sie ihr Lied beendet hatte und nun still mit schnellen Bewegungen ihrer schlanken, braunen Hände die kleinen Pflanzenbündel verschnürte, um sie in ihrer Gürteltasche zu verstauen. „Ein bezaubernder Abend, eine wunderschöne Elfin singt mir ein Liebeslied…“ 

"Kein Liebeslied!" antwortete Rinna. Ihre Stimme klang ärgerlich. Sie atmete einmal tief durch und redete in einem leisen, neutralen Ton weiter: "Der schwarze Apollo ist ein Schmetterling, der in den Grünen Dales lebt. Das ist die Gegend, aus der meine Mutter stammt. Man sieht ihn selten, aber wenn, dann ist es zu dieser Jahreszeit. In den letzten warmen Tagen, bevor der große Regen beginnt. Die Einheimischen halten ihn für einen Todesboten - ein dunkler Engel, der die Gestorbenen durch das Nichts führt."

"Also ist er eine Art… Symboltier von Falon Din?"

Rinna schaute den jungen Elf überrascht an: "Du kennst die Götter der Dalish?"

Zevran deutete ein Lachen an: "Nicht wirklich. Man sagte mir zwar, dass meine Mutter eine Dalish war. Aber was ich von meinem Volk weiß, passt auf einen Daumennagel. Ich  habe mal ein paar Wochen bei einem ihrer Clans gelebt. Da hatte ich von diesem Falon Din gehört, dem Gott des Schicksals und den Todes. Auch die Krähe... soll irgendwie mit ihm verbunden  sein."

Rinna rückte näher an ihn heran: "Du hast bei den Dalish gelebt? Wie kam es dazu? War das ein Auftrag?"

Zevran schmunzelte. Wie neugierig sie ist… "Aaaah, das ist eine lange Geschichte, meine liebe Rinna.“ Er nutzte die Nähe, um ihr ins Ohr zu raunen: „Perfektes Thema für ein Bettgespräch, findest du nicht?"

Rinna sprang auf und verdrehte die Augen: „Kann man mit dir nicht einmal ein ernsthaftes Gespräch führen?“ Zevran öffnete den Mund, aber sie wartete seine Antwort nicht ab. Mit einer wegwerfenden Handbewegung drehte sie sich um. „Kommst du mit? Ich will in der Stadt sein, ehe die Tore schließen." 

Zevran schaute der jungen Frau hinterher, wie ihr drahtiger  Körper sich bewegte - schnell, kraftvoll mit langen, federnden Schritten. Ganz anders als Ginera in ihrer grazilen Eleganz. Diese Rinna war ein wahrhaft faszinierendes Geschöpf. 







________________________
Zev: Bald hab ich sie, bald hab ich sie...
Autorin:  ~_~ 
Rinna: Das Lyrium, das die Zwerge bei sich hatten, bringt mindestens tausend Andris auf dem Schwarzmarkt.

Modifié par maradeux, 31 mai 2013 - 11:40 .


#117
Xena Hiwatari

Xena Hiwatari
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maradeux wrote...
Zev: Bald hab ich sie, bald hab ich sie...
Autorin:  ~_~ 
Rinna: Das Lyrium, das die Zwerge bei sich hatten, bringt mindestens tausend Andris auf dem Schwarzmarkt.


;)

#118
maradeux

maradeux
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 Hehe, Xena. ;)
______________________________________________________________________________________

Ich habe das Kapitel "Späte Erkenntnis" ein wenig überarbeitet. Die alte Version hatte mir nicht mehr gefallen. Vom Sinn her steht dasselbe drin, aber die Beziehung zwischen Zev und Taliesen kommt meiner Meinung nach nun besser rüber.

Neues Kapitel ist auch schon in Planung, aber da es etwas länger und komplizierter wird, kann es evtl. noch ein, zwei Wochen dauern, bis ich es posten kann. :)

#119
maradeux

maradeux
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ANTIVA-EPISODEN

Teil III. TOD


"Death happens. And when I get paid for it, death happens more often." (Zevran's dialogues, Dragon Age: Origins)

III.1 "Grajo Dorato"

Im Sommer des Jahres 9:28 begann Zevran's siebtes Jahr als Assassine im Dienste der Krähen. Sein Todeskuss galt Huren und Piraten, Bankleuten und Händler, Handwerkern, Fischern, Politikern und einmal sogar einer Schwester der Kirche, die im Angesicht des Todes bereit war, ihr "Antiya Nagrano" zu vergessen. In ganz Antiva schien es nur eine einzige Person zu geben, die seinen Avancen zu widerstehen vermochte. 

Die Schachtel in seiner Schublande war längst zu klein geworden für all seine Trophäen. Nur die wichtigsten seiner Erinnerungestücke sammelte er immer noch dort - wie Sûls Messer oder die Schuhschnalle der Magierin. Alle anderen hatte er längst mit in den Gürtel geschmiedet, den er von Antonio geerbt hatte. Mit jedem neuen Mord wuchs seine Macht und ebenso der Ruf seines Trägers.

Sie nannten ihn "Grajo Dorato", die "goldene Krähe". Berüchtigt ebenso für seine Schönheit wie für seine Tödlichkeit. In der hohen Gesellschaft erzählte man Geschichten über ihn, die mit jedem Mal phantastischer klangen. Die Spielleute besangen ihn in ihren Liedern; und wenn die Kinder in den Straßen Krähe und Opfer spielten, wollte jeder Junge Zevran sein. Es kam sogar vor - gar nicht selten - dass der Assassine Liebesbriefe von heimlichen Verehrern erhielt.

Doch er hatte nicht nur Bewunderer, sondern auch Feinde. Und einer von denen, die ihn mit großer Inbrunst hassten, war Meister Empio. Sein Hass war noch gewachsen, seit Zevran im letzten Sommer zwanzig geworden war. Patron Arainai hatte im Solis 9:27 Zevrans lange zurückliegende Meisterweihe für gültig erklärt. Seitdem wurde Empio bei jedem Treffen mit seinen Patrons klar gemacht, wie zerbrechlich seine Macht war - wie viel lieber sie den jungen Elfen an der Spitze ihrer Zelle sehen würden. Immer wieder passierte es in den letzten Monaten, dass Verträge an ihm vorbei direkt an den jungen Elfen gegeben wurden. Ein Ärgernis, das er nur zu gern abstellen würde.

Modifié par maradeux, 25 juin 2013 - 06:24 .


#120
maradeux

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III.2 Königskinder

Mit dem Spätherbst des Jahres 9:28 begann einer der härtesten Winter, die Antiva je erlebt hatte. Es regnete beinah unablässig seit Parvulis* und nun - gegen Mitte Umbralis war der Regen so kalt geworden, dass ein großer Teil der Pflanzen im immergrünen königlichen Garten von Antiva Stadt eingegangen war. Aus den südlichen Regionen des Landes waren sogar leichte Schneefälle gemeldet worden. Solche Temperaturen ungewohnt, wussten sich die meisten Antivaner nicht anders zu helfen, als mehrere Hosen, Hemden und Jacken übereinander zu tragen - sofern sie so viel Kleidung besaßen. Die Ärmsten litten am meisten und eine Welle schwerer Katarrhe überzog das Land. 

Auch die stolzen Krähen blieben davon nicht verschont. Alle in Zevrans Gruppe waren während der letzten Wochen krank gewesen oder waren es immer noch. Rinna hatte sich von ihrer schweren Erkältung inzwischen erholt. Auch Genaldo, der sich zuerst bei ihr angesteckt hatte, ging es inzwischen wieder gut. Aber nun hatte es Kemen voll erwischt, Urbano lag mit hohem Fieber im Bett und seit gestern schniefte auch der zweite Scharfschütze der Gruppe, der Halbelf Valentin. Taliesen litt seit Tagen unter einem hartnäckigen Husten und Zevran quälte sich mit einer Halsentzündung. Niemand von ihnen hatte die Satinalia*-Feierlichkeiten in diesem Jahr genießen können.

Aber all das durfte jetzt keine Rolle spielen. Der wichtigste Auftrag ihrer bisherigen Laufbahn stand ihnen bevor. Morgen würden alle Zeitungen des Landes von diesem legendären Angriff berichten - Krähen, die in den königlichen Palast eindrangen, um Mitglieder der königlichen Familie zu töten. Jahrelang hatte das Königshaus scheinbar unbeeindruckt zugeschaut, wie die Reihen der Thronerben nach und nach ausgedünnt wurde. Vielleicht kam ihnen der eine oder andere dieser Todesfälle sogar ganz Recht, Aber nun hatte Prinz Azrin offenbar eine wichtige Grenze überschritten. Wenn auch nur die geringste Gefahr bestand, dass dieser Taugenichts oder seine flatterhafte Schwester Ferenna bald selbst auf dem Thron sitzen würden, musste dem umgehend Einhalt geboten werden. 

Ein Angriff wie dieser geschah nichts zum ersten Mal in der Geschichte Antivas. Man erinnere an die Ermordung von Königin Magrigal im letzten Jahr des Erhabenen Zeitalters. Oder an den legendären Mord an König Guiomar den Jüngeren im Jahr zweiundzwanzig des Schwarzen Zeitalters durch Callisto di Bastion - eine der berühmtesten Krähen aller Zeiten. Sie war auch unter dem Namen Finesse bekannt. 

Wer jenen Legenden nacheifern, wer in solche Fußstapfen treten wollte, konnte sich keine Krankheit erlauben. Heilerin Rayinne half mit Kräutern, Zevran mit Giften, die Schmerzen und Hustenreiz für Stunden unterdrücken konnten. Das beste Heilmittel - so wussten sie alle - würde der Kampf selbst sein. Die Aufregung, die Todesgefahr, das Adrenalin, das ihr Blut auch ganz ohne Fieber zum Kochen brachte - es würde sie alle retten an diesem Tag, auch wenn die Erschöpfung danach umso größer sein würde. Daran durfte und wollte gerade niemand denken.

Der Auftrag kam vom König höchstpersönlich. Einer seiner Söhne, der junge Prinz Claudio - gleichzeitig eine der ranghöchsten Krähen Antivas - führte den Angriff auf seinen Bruder Prinz Azrin, den Verräter. Auf seine Anordnung ging es auch zurück, dass die Arainai-Krähen unter der Führung von Zevran das zweitwichtigste Ziel angreifen sollen: Prinzessin Feranna. So sehr es Meister Empio auch ärgerte, er musste dem Ranghöheren gehorchen, und der bestand auf Zevran, den er für den besten Assassinen seiner Zelle hielt. Aber Empio hatte noch einen Trumpf in der Hinterhand…

***


Sie hatten sich den Weg durch das Schloss bis zum Vorraum von Ferennas Gemächern gekämpft. Im Schatten des Korridors schauten sie auf den Saal, in dem ein Duzend stark bewaffneter und gerüsteter Wachen standen - Ferennas Leibgarde. 

"Brasca, wo sind Javieros Leute?" flüsterte Zevran heiser, "Das sind zu viele für uns." Taliesen zuckte ratlos mit den Schultern. Sie waren seit über zwei Stunden unterwegs und langsam spürte der junge Mann, wie sein Hustenreiz wiederkehrte.  Ärgerlich drückte er die flache Hand auf sein Brustbein.  Ihre Gruppe war sowieso schon kleiner als sonst. Urbano hatte so hohes Fieber, dass er unmöglich mitgehen konnte. Ginera war auch nicht dabei. Empio hat sie in seiner eigenen Gruppe mitgenommen, die mit Claudio zusammen zur selben Zeit Azrin angreifen würde.

Der Elf überlegte. "Also gut, wir haben keine Zeit und können nicht riskieren, entdeckt zu werden. Ich werde versuchen, die Wachen so gut es geht auf mich zu lenken. Valentin, Kemen“, sprach er seine Scharfschützen an, "Ihr gebt mir Rückendeckung. Taliesen, Rinna, Genaldo - Ihr versucht in meinem Schatten zur Prinzessin vorzudringen. Alles klar?" 

Alle wirkten geschockt. Wollte er sich umbringen? Zevran war kein Krieger, nicht der Typ für einen offenen Kampf. Taliesen war besorgt. Ebenso ging es Rinna, auch wenn sie es sich nur schwer eingestehen konnte. Doch welche Möglichkeit hatten sie? Die versprochene Verstärkung blieb aus und jeder Augenblick, den sie länger warteten, würde ihre Erfolgschancen weiter schmälern. Wenn sie sich alle zusammen erst den Wachen widmeten, konnte die Prinzessin in der Zwischenzeit entflohen sein. Außerdem konnten jeden Moment weitere Wachen eintreffen. So verrückt Zevrans Plan war, es schien keinen anderen Weg zu geben.  

Der junge Capo atmete einmal tief durch, dann trat er in den geräumigen Saal: Er schaute sich Wände und Decken an, als würde er ein Museum besuchen: "Nett hier. Sehr geschmackvoll eingerichtet. Und sind das Waldnymphen auf der Tapete?" Die lauten Worte brannten wie Flammen in seinem entzündeten Hals. Doch verfehlten sie die beabsichtigte Wirkung nicht.  Vierundzwanzig Augen richteten sich auf den Elfen. Die Wachen waren zu sehr überrumpelt, um sofort anzugreifen. Im Augenblick des Zögerns fielen zwei von ihnen um – hingerichtet von den scharfen Bolzen aus Kemens und Valentins Armbrüsten.  

Zevran wusste, dass seine Schützen Zeit zum Nachladen brauchten. Er tanzte mit Dolch und Degen durch die Reihen der Wachen. Sein Ziel war eines der bodentiefen Fenster an der Westseite des Saals. Er wollte das Tageslicht im Rücken, die Position nutzen, um von den Wächtern schlechter gesehen zu werden. Mit seinen geschmeidigen, raschen Bewegungen wich er Pfeilen und Schlägen aus, so gut er konnte. Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen, dass Genaldo, Rinna und Taliesen an den Wachen vorbei schleichen konnten. Genaldo war dabei, die Tür zu Ferennas Gemächern zu öffnen.

Rinnas wollte es sich selbst gegenüber nicht zugeben. Und sie verstand es auch nicht. Aber sie zitterte vor Angst und Ungeduld. Immer wieder wanderten ihre Augen zu Zevran. Genaldo brauchte ungewöhnlich lange für das Schloss. "Nun mach schon," flüsterte sie tonlos – mehr zu sich selbst als zu dem jungen Schlossknacker. Wenn sie zu lange brauchten, war Zevrans riskantes Manöver umsonst. Ein leises Klicken signalisierte endlich Genaldos Erfolg. Die zwei Wachen hinter der Tür erledigten Taliesen und Rinna rasch und nahezu lautlos.

***

Wenn viele Männer auf einen gehen, stehen sie sich leicht gegenseitig im Weg. Dennoch war die Situation für Zevran heikel. Es gelang ihm, die meisten Angriffe abzuwehren. Er konnte sogar einige tödliche Dolchstiche setzen. Seine Scharfschützen hinten im Gang erledigten weitere Männer - vor allem die Fernkämpfer unter den Wachen waren von ihnen schnell ausgeschaltet worden. Dennoch wurde der Elf mehrfach verletzt. Ein Pfeil streifte seinen Oberarm, ein Schwert traf ihn am Bein. Das Fenster hinter ihm war von mehreren Fehlschlägen seiner Angreifer zerschlagen worden - es steckten nur noch einige Glassplitter am Rahmen fest. Ein kalter Windzug fegte durch den Raum. 

***

Rinna schlich voran in die Gemächer der Prinzessin. Die junge Frau hockte in einer Ecke ihres Schlafzimmers. Sie hatte einen Degen in der Hand und zitterte. "Lasst mich in Ruhe. Bitte... Ich hatte mit der ganzen Sache nichts zu tun. Das war allein Azrins Idee. Bitte… tut mir nichts“, weinte sie. Rinna zögerte. Ein Pfeil aus Genaldos Bogen durchbohrte die Kehle der Prinzessin. Taliesen zischte die Elfin wütend an: „Du gefährdest unsere Mission! Was soll das?“ Hustend untersuchte er Ferennas Leiche, nahm ihren Degen und ihren Familienring an sich. Genaldo und Rinna überprüften in der Zeit die Nebenräume, fanden dort nur ein verängstigtes Kammermädchen. Rinna hielt Genaldo zurück: „Lass sie am Leben. Dies ist keine verdeckte Mission. Es ist nicht nötig, Zeugen zu töten.“ 

***

In dem großen Saal waren nur noch wenige Wachen übrig. Zwei waren auf die beiden Krähen-Scharfschützen zu gerannt, die sich nun im Nahkampf verteidigen mussten. Ein großer, bulliger Mann griff Zevran mit einem zweihändigen Hammer an. Der erschöpfte Assassine konnte dem Hieb nicht vollständig ausweichen. Obwohl seine linke Schläfe von dem Hammer nur leicht wurde gestreift wurde, war der Elf einen Augenblick lang benommen und ihm wurde schwarz vor Augen. Der schwere Mann wurde vom seinem eigenen Schwung vornüber gerissen. Er stürzte aus dem Fenster und riss den Elfen mit sich. Zevran spürte, wie sich ein Glassplitter in seine linke Wade bohrte. Dann fiel er... 

Die Gemächer der Prinzessin waren im zweiten Stockwerk des Palastes, der sich inmitten der Stadt auf einem Felsen über dem Fluss erhob. Die starken Regenfälle hatten den Fluss so stark anschwellen lassen, wie sonst erst gegen Ende der Regenzeit. Die Strömung war stark, das Wasser schmutzig und trübe. Es würde tief genug sein, um Zevrans Fall zu dämpfen. Und im Gegensatz zu der Wache, die mit ihm fiel, trug er keine Plattenrüstung, sondern nur das gewohnte leichte Leder. Mit etwas Glück, schoss es ihm durch den Kopf, könnte ich überleben.

***

Die drei Krähen liefen so schnell wie möglich in den Vorraum zurück, um ihren Capo im Kampf gegen die Wachen zu unterstützen. Doch die Kampfgeräusche waren verstummt. Zwischen den elf geschlagenen Leibwächtern lag auch Kemen regungslos am Boden. Der Krähenschütze war tot. Valentin stand am zerstörten Fenster und schaute hinunter. Er berichtete seinen Kameraden, was passiert war. Taliesen musste erneut husten. Als er wieder sprechen konnte, befahl den sofortigen Rückzug aus dem Schloss. Ihr Auftrag war erfüllt. Nun galt, Zevran zu retten... 
_________________________________________________
* Frumentum, 10. Monat; Umbralis, 11. Monat des Thedas-Kalenders
Satinalia – großer Festtag in ganz Thedas, wird zu Beginn des Monats Umbralis gefeiert.




~*~ Autorin singt: Es warten zwei Königskinder, die hatten einander so lieb... ~*~

Modifié par maradeux, 25 juin 2013 - 06:30 .


#121
maradeux

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III.3 Dunkles Wasser


Tief... tief... Er fiel. Ließ seine Waffen los. Drehte er sich in der Luft so gut er konnte. Mit den Armen voran, den Körper gestreckt, tauchte er ein in den schmutzig braunen Fluss. Tief... tief... Das kalte Wasser ließ sein Herz stocken. Auftauchen, ich muss auftauchen! Er drehte sich im Wasser. Suchte das Licht, schwamm in seine Richtung. Keine... Luft... aushalten... Die Oberfläche!

Er atmete tief in seine hungrigen Lungen, hustete und spuckte Wasser. Kämpfte, bis er besser Luft bekam. Schaute sich um. Über ihm erstreckte sich steil das Felsufer. Nicht weit stromabwärts waren gefährliche Strudel - bedrohlicher als sonst, da das Wasser so hoch stand. Er musste zum anderen Ufer schwimmen. Das waren etwa dreihundert Meter mit der Flut. Vielleicht etwas mehr. Nicht viel für einen gesunden jungen Mann. Eine Ewigkeit für jemanden, der schwer verletzt war. Nicht weit von sich hörte Zevran den Leibwächter um Hilfe schreien.

Schwimmen - Zug um Zug. Sein Arm schmerzte, sein Bein... der Schnitt an seiner Wade brannte wie Feuer. Das Blut pochte hinter seinen Schläfen. Kalt... das Wasser ist so kalt... Ihm fielen die Augen zu. Nicht einschlafen, Zevran, du musst weiter! Zug um Zug. Nein, du drehst dich! Der verletzte Arm ist zu schwach. Gegensteuern. Dort musst du lang. Achte auf die Strömung. Pass auf!

Rinna... Er hörte ihre Stimme. Rinna, die junge Elfin. Temperamentvoll, stark, lebendig. Ginera nannte sie Mannsweib. Taliesen hasste sie. Rinna war anders. Verrückt, dickköpfig, unnahbar. Er hatte sie auf jede denkbare Art umworben - mit Geschenken, Humor, Anzüglichkeiten, Charme. Sie blieb kalt, blieb auf Distanz. Faszinierende Rinna mit ihrem eisig glühenden Augen...

Nicht träumen, nicht einschlafen! Wie kann das Ufer immer noch so weit entfernt sein? Weiter schwimmen. Zug um Zug...
______________________________________

Auf dem Weg hinaus stießen sie kaum auf Widerstand. Die meisten Wachen im Palast unterstützten die Aktion, auch wenn sie sich nicht daran beteiligten. Auf dem Vorplatz trafen sie unverhofft auf Javiero und seine Gruppe. Taliesen ging direkt auf den Capo zu:

"Was machst du hier? Warum warst du nicht bei Ferenna?"

Javiero schaute verblüfft, duckte sich vor dem wütenden Mann. "Befehl von Empio. Wir sollten hier Wache halten."

"Hier draußen? Gegen wen denn?"

Der Capo zuckte die Schultern.

"Da waren zwölf Wachen im Vorraum, zwölf. Wir waren nur zu sechst. Der Plan war, dass ihr mit dabei seid."

"Nun, der Plan wurde halt geändert. Was kann ich dafür."

Taliesen war fassungslos. Hier stand der andere Capo mit seiner vollständigen Gruppe - acht Mann - und bewachten einen leeren Platz.

Rinna griff ein: "Lass ihn. Wir dürfen keine Zeit verlieren."

Taliesen hätte diesen Feigling am liebsten mit seinem Schwert bekannt gemacht. Sie hatten Kemen verloren. Und Zev... er wollte nicht daran denken. Aber Rinna hatte Recht - sie mussten weiter, wenn sie Zevran helfen wollten.

Es wurde Abend und es würde eine kalte, dunkle Nacht sein. Dick und schwer hingen die Regenwolken über der Stadt. Nebel stand über dem Fluss, erschwerte zusätzlich die Sicht. Sie mussten stromabwärts suchen. Taliesen nahm an, Zevran würde auf die andere Flussseite schwimmen. Sofern er das konnte... Also überquerten sie die prunkvolle Palastbrücke zum nördlichen Ufer. Die königlichen Wachen ließen die passieren.

Taliesen hustete in immer kürzeren Abständen. Sein Atem rasselte.

"Du solltest wirklich zu Jove gehen damit,"  meinte Rinna mit einem Seitenblick.

"Lass es. Erwähne es nicht einmal. Du warst diejenige, die uns das eingebrockt hat."

Rinna schaute überrascht: "Du gibst mir die Schuld?"

"Wem sonst, du warst die erste, die krank war. Statt dich in irgendeinem Loch zu verkriechen, hast du es zu uns gebracht."

Rinna zog die Augenbrauen zusammen. "Fein, gib mir die Schuld, wenn dich das glücklich macht."

"Halt lieber die Augen offen. Habt ihr schon was gesehen, Genaldo, Valentin?"

Der Halbelf zuckte die Schultern. Er zitterte im kalten Regen und musste niesen. Genaldo schüttelte den Kopf.
_____________________________

Er hatte keine Ahnung, wie lange er geschwommen war oder wie er es überhaupt geschafft hatte. Irgendwann griff seine Hand in matschige Erde und Gras. Mit letzter Kraft zog er sich an Land. Er roch den modrigen Boden, drückte sein Gesicht in das Gras und atmete schwer. Dann endlich, gab er der Müdigkeit nach.

______________________________

Sie waren seit Stunden unterwegs - suchten den Fluss mit den Augen ab, untersuchten jeden Strauch und jeden Baum am Ufer. Rinna rief immer wieder seinen Namen in die Dunkelheit. Taliesen war wütend. Sie sollte still sein - nicht auffallen, keine Aufmerksamkeit. "Wir sind Krähen, keine Fischweiber!" Rinna verstummte.

"Es hat so keinen Zweck“, wandte Genaldo ein. "Man kann die Hand kaum vor Augen sehen. wir sollten irgendwo übernachten und morgen weiter suchen." Valentin stimmte sofort zu. Taliesen zögerte und Rinna wollte protestieren. Aber als sie sich noch einmal umschaute, war ihr klar, dass er Recht hatte: Sie würden ihn in dieser Nacht nicht finden. Bei Tageslicht hatten sie bessere Chancen.

Taliesen führte die Gruppe zu einem Fischerdorf in der Nähe. Sie drangen in das beste Haus ein und zwangen die Bewohner, ihnen Unterkunft zu gewähren. Der Fischer - überglücklich, dass sie ihn und seine Familie nicht töteten, nahm Frau und Kinder und lief zu seinen Nachbarn. Die vier Krähen hatten das Haus für sich. Sie schürten das Feuer, plünderten die Speisekammer. Sie legten die nassen Sachen ab und suchten sich trockene Tücher. Schließlich legten sie sich schlafen. Taliesen überließen sie das einzige Bett. Die anderen übernachteten auf Stroh und Decken am Boden.

Ruhig war die Nacht nicht, da Taliesen ständig hustete, Valentin schniefte und nieste. Aber es war trocken in der Hütte. Trocken und warm.

Rinna schaute zur niedrigen, weiß geputzten Decke. Ihre Gedanken waren bei Zevran. So sinnlos es erschien, sie wäre am liebsten da draußen geblieben, ihn weiter zu suchen. Sie konnte nicht aufhören, an ihn zu denken. Seit nunmehr drei Jahren warb der junge Elf um sie. Unablässig. Aber was bedeutete das schon? Er flirtete mit allem und jedem. Sie war hartnäckig geblieben - die ganze Zeit.

Als sie krank war, wollte er, dass sie im Bett blieb. Er brachte ihr Tee und Suppe. Natürlich konnte sie nicht im Bett bleiben. Selbst wenn sie keine Aufträge übernahm, hatte sie ihre Pflichten als Ausbilderin junger Krähen. Und natürlich war das wieder nur eine weitere Verführungstaktik von ihm. Trotzdem - wenn er abends neben ihrem Bett saß und sie fragte, ob es ihr schon besser ging - das war schön. Sie hatte ihn gern in ihrer Nähe.

War es langsam Zeit, sich das zu gestehen? Wenigstens vor sich selbst? Dass sie ihn mochte - sein Gesicht, seinen Körper, seine Stimme, seine Bewegungen. Seinen Geruch... Dass sie davon träumte, von ihm berührt zu werden, umarmt, geküsst. Sie schloss die Augen und schluckte, als sie spürte, wie ihre Brüste sich bei dem Gedanken spannten, wie es zwischen ihren Beinen kribbelte. Sie presste ihre Scham zusammen und zog ihre Knie hoch zum Bauch. Ja, sie mochte ihn. Sie hatte Angst um ihn und hoffte so sehr, ihn lebend zu finden. Aber nachgeben würde sie ihm nicht. Sie würde nicht zu einer seiner Trophäen werden. Niemals.
______________________________________________

Als er zu sich kam, dämmerte der Morgen. Er hörte Kinderlachen und spürte, sie jemand an seinen Füßen zog. Ein kalter Schmerz zuckte durch sein verletztes Bein. Er riss die Augen auf und sah nichts als tanzende Punkte. Sein Magen drehte sich. Er wollte sich bewegen, etwas sagen, aber sein Körper gehorchte ihm nicht. Schwach, Schmerzen, Kälte... Kalte Füße... Stiefel! Seine Stiefel! Wieder wurde ihm schwarz vor den Augen. Wieder schwand sein Bewusstsein.
_______________________________________________

Mit dem ersten schwachen Licht am Horizont stand Rinna auf und weckte die anderen. Eilig zogen sie sich an und verließen das Haus. Es regnete nicht mehr, aber kalter weißer Nebel stand über Wasser und Land. Sie liefen in Richtung Flussufer, teilten sich auf. Valentin und Genaldo liefen zurück flussaufwärts. Vielleicht waren sie gestern zu früh dort oder hatten in der Dunkelheit etwas übersehen. Rinna und Taliesen liefen weiter den Fluss hinab.

Taliesen hustete fast ununterbrochen. Einmal lief er ein Stück von ihr weg zwischen ein paar Sträucher und sie hörte, dass er sich übergeben musste. Aber sie wusste nun, dass es besser war, so zu tun, als würde sie nichts bemerken.

Nach nur einer weiteren Stunde Suche fanden sie Zevran - am Ufer liegend im Gras zwischen zwei Bäumen. Das Herz sank Rinna in den Magen vor Angst, als sie ihn dort so regungslos liegen sah. Zitternd näherte sie sich, hockte sich zu ihm, berührte ihn. Was für eine Freude, seinen Atem zu spüren! "Er lebt“, rief nun auch Taliesen, ebenso erleichtert wie erschöpft.

Rinna lief zum Fluss und mit den Händen zu einem Trichter über ihrem Mund geformt ahmte die den Ruf einer Krähe nach. Dreimal schickte sie den Ruf über den Fluss. Das verabredete Signal für Genaldo und Valentin. Dann hockte sie sich wieder zu Zevran. Sie untersuchte ihn und fand den garstigen Schnitt an seiner Wade. Er blutete nicht mehr, aber es war klar, dass er viel Blut verloren haben musste. Das Gewebe um die Wunde herum war rot und dick angeschwollen. Rinna biss sich auf die Unterlippe - das sah gar nicht gut aus. Sie suchte in ihrer Gürteltasche und fand getrocknete Elfenwurzel. Sie nutzte Stoffstreifen, um die Wunde zu verbinden. 'Auch die Verletzungen an Arm und Oberschenkel versorgte sie.

Taliesen bemühte sich in derselben Zeit immer weiter darum, Zevran zu wecken. Gemeinsam drehten sie ihn vorsichtig auf den Rücken, sprachen ihn an, drückten seine Hände. Endlich flatterten seine Lider, seine Augen öffneten sich einen Spalt und seine Lippen bewegten sich. "Zevran?" fragte Rinna und ihr Herz sprang vor Hoffnung. Sie näherte sich mit ihrem Ohr seinen Lippen, um verstehen zu können, was er sagte. "Meine Stiefel... diese... Bastarde... haben... meine... Stiefel... geklaut!"

Rinna lachte und weinte und sie schüttelte den Kopf. Nur Zevran konnte in einer solchen Situation zuerst an seine Stiefel denken.

Modifié par maradeux, 25 juin 2013 - 06:32 .


#122
Xena Hiwatari

Xena Hiwatari
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Hm, mein Kommentar hat ja diesmal ein wenig auf sich warten lassen, nun ja kann man nichts machen und bevor ich hier kommentiere will ich dir eingentlich erstmal danken. Dadurch, dass du die Fan-Fiction wieder weiter geführt hast bin auch ich dazu inspiriert worden mein (lange schlafendes) Projekt wieder aufzunehmen. Also danke dafür.

Was soll ich eigentlich noch sagen, wieder sehr gut zu lesen, das mit den Stiefel ist einfach zu herrlich. ;)
Da fällt mir auf, du hast die Kapitelüberschriften in ihrer Machart geändert, hast du vor den Rest auch noch zu ändern?

#123
maradeux

maradeux
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Xena Hiwatari wrote...

Hm, mein Kommentar hat ja diesmal ein wenig auf sich warten lassen, nun ja kann man nichts machen und bevor ich hier kommentiere will ich dir eingentlich erstmal danken. Dadurch, dass du die Fan-Fiction wieder weiter geführt hast bin auch ich dazu inspiriert worden mein (lange schlafendes) Projekt wieder aufzunehmen. Also danke dafür.


Was denn für ein Projekt? *neugierig bin*

Was soll ich eigentlich noch sagen, wieder sehr gut zu lesen, das mit den Stiefel ist einfach zu herrlich. ;)


Vielen Dank! :)

Da fällt mir auf, du hast die Kapitelüberschriften in ihrer Machart geändert, hast du vor den Rest auch noch zu ändern?


Mir ist einfach aufgefallen, dass mit dem Azrin-Kapitel ein neuer Abschnitt beginnt. Darum habe ich einen neuen Teil daraus gemacht, obwohl Teil 2 dadurch nur 7 Kapitel hat. ich hoffe, es stört nicht. :blush: (Kann durchaus sein, dass ich auch die anderen Überschriften noch ändere. ich fummel ja öfter mal an meinen alten Kapiteln herum. Perfektionist eben - niemals fertig. :innocent:)

#124
Xena Hiwatari

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maradeux wrote...
Perfektionist eben - niemals fertig. :innocent:)


Ja das kenne ich :D

Nja und was mein Projekt angeht. Ich habe mir fest in den Kopf gesetzt das Spiel aus der Sicht meines Charakters zu "verschreiben". Ehrlich gesagt fallen mir gerade keine vernüftigen, oder nachvollziehbaren Gründe ein warum ich das machen möchte.....es ist einfach so ein inneres Bedürfnis....

#125
maradeux

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Warum nicht? Spielbegleitende Fanfiction ist bei weitem die beliebteste - sowohl bei den Schreibern als auch bei den Lesern. ;) Hast du vor, das hier im Forum zu veröffentlichen?