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Eine mörderische Kindheit + Antiva-Episoden - Fan-Fiction - Zevran


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134 Antworten in diesem Thema

#1
maradeux

maradeux
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Ich versuche das jetzt einfach mal, obwohl ich bisher keine "Fan-Fiction"-Posts hier im Forum gefunden habe. Ich schreibe seit ein paar Wochen "Fan-Fiction" über Zevran. Auslöser waren die "weekly competitions" im Zev-thrad drüben im englischen Forum. Dort "drüben" gibt es auch jede Menge FanFiction, natürlich alles in englisch. Auch ich habe meine Geschichten ins Englische übersetzt - so gut es eben ging. Eigentlich bin ich Deutsche und meine Geschichten sind auch ursprünglich auf deutsch geschrieben. Darum bin ich jetzt einfach mal so frei, und veröffentliche sie hier. :)

Spoiler-Warnung: Der größte Teil meiner Geschichte spielt vor der Handlung von DA:O, nämlich in Zevrans Kindheit. Allerdings gibt es sehr viele Anspielungen auf Zevrans Dialoge (denn dort erzählt er ja hauptsächlich von seiner Kindheit und seinem Leben in Antiva). Wer Spoiler grundsätzlich meidet, sollte die Geschichten deshalb lieber nicht lesen.

Eine mörderische Kindheit (Abgeschlossen)

Die Geschichte von Zevrans Kindheit, beginnend in der Zeit, als er als Sklave an die Krähen verkauft wurde, bis zu seinen ersten eigenen Mordaufträgen

  • Teil 1: Die ersten Jahre - beginnend mit einer kurzen Episode aus Zevrans frühester Kindheit im Bordell, geht es hier vor allem um seine Jahre der Ausbildung bei den Krähen: 1. Das unartige Kind; 2. Der Geruch des Todes; 3. Im Keller; 4. Der Tutor; 5. Süßes Gift
  • Teil 2: Ein Auftrag mit Folgen - etwas länger angelegte Geschichte, in der Zevran einen Spionageauftrag zu erfüllen hat: 1. Der Interessent; 2. Vorbereitungen; 3. Vorstellungen; 4. Offene Türen; 5. Hunger; 6. Schlaflos; 7. Konsequenzen
  • Teil 3: Ein Dalishes Intermezzo - Zevran will sein Leben als Krähe hinter sich lassen und flieht zu den Dalish:
    1. Ruhelose Flucht, 2. Andaran atish'an, da'len!, 3. Schwimmtraining, 4. Vir Tanadahl, 5. Das Ritual, 6. Regenzeit
  • Teil 4: Von Schicksal und Tod - Zevran hat sich gegen ein Leben bei den Dalish entschieden und kehrt nach Antiva Stadt zu den Krähen zurück. Aber was werden die tun mit einem, der weggelaufen ist? Die Geschichte ist abgeschlossen: 1. Prolog: Stadtgeflüster, 2. Was bist du?, 3. Ein Grund zu leben, 4. Symbole, 5. Kurze Einblicke, 6. Der Blutrote Engel, 7. Glück im Unglück, 8. Die Zeichen von Falon'Din

    Epilog: Sûls letzter Winter - beschreibt die letzten Monate des Dalish-Elfen aus seiner eigenen Sicht


Antiva Episoden

„I was the best Crow in Antiva, I believed, and I bragged of my conquests often… both as an assassin and lover."
(Zevrans Dialoge, DA:O)

Die Kindheitsgeschichte von Zevran ist nun abgeschlossen. Die "Antiva-Episoden" werden von seiner Zeit als junger Assassine erzählen. Manche werden nur kurze Augenblicke beschreiben - Bilder der Erinnerung, die kurz aufflackern. Andere werden länger angelegt sein. Sie werden an dem Tag enden, an dem Zevran seine Reise nach Ferelden antritt...

[*]Einstimmung - 1 - Erinnerungen; 2 - Flammen; 3 - Entspannung;


  • TEIL 1 - FEUER (abgeschlossen!)

    "Some people simply need assassinating. Or do you disagree?"
    (Zevrans Dialoge. DA:O)

  • Hitze - Es ist Sommer in Antiva. Aber die Sonne ist nicht die einzige Ursache für die aufsteigende Hitze: 4 - Hochsommer; 5 - Rogelio
  • Glut - In diesem Teil kommt es zu entscheidenen Veränderungen - sowohl für Zevran und Taliesen, als auch für Martha und Lorenzo: 6 - Die Entscheidung (1),(2); 7 - Beweislos; 8 - Der Meister und sein Herr
  • Stichflammen - sie züngeln hoch und höher... 9 - Der Angriff; 10 - Krähen-Krieg; 11 - Einsatzfähig; 12 - Antonios Pläne; 13 - Die Weihe; 14 - Meisterkampf
  • Flächenbrand - Wer Feuer legt, zerstört oft mehr, als ihm lieb ist... 15 - Drei Betten; 16 - Tot oder lebendig; 17 - Geschmolzene Erinnerungen; 18 - Auf dem Weg; 19 - Lorenzo
  • Zwischenspiel - Marthas Brief


  • TEIL 3 - TOD
  • Kapitel 1 - Grajo Dorato
  • Kapitel 2 - Königskinder
  • Kapitel 3 - Dunkles Wasser
    (Fortsetzung folgt)



    weitere Zevran-Geschichten

    Ich habe noch einige andere "Schnipsel" zu Zevran geschrieben, die zeitlich nach den Ereignissen aus "mörderische Kindheit" liegen; und außerdem absichtlich in einem "alternativen Universum". Tenuvien ist ein Charakter, den ich nur für die Prompts im Zevran-Thread nutze. Der Zevran der Antiva-Episoden wird einen anderen Grauen Wächter treffen (wenn es einmal soweit ist ;)). Diese Geschichten werde ich nicht hier im Thread veröffentlichen, daher ein Link auf meine Blogeinträge:

    [list]
  • Ein einfacher Auftrag - eine Episode aus Zevrans Zeit als junger Assessin in Antiva (könnte auch im Universum der Antiva-Episoden spielen)
  • Die Waffen eines Mannes - die junge Stadtelfenschurkin Tenuvien beobachtet Zevran bei seiner Morgentoilette
  • Eine kostbare Nacht - verbringen Tenuvien und Zevran ;)
  • Es wird Zeit... - Tenuvien macht sich auf ihren letzten schweren Weg in die Tiefen Wege. Was wird wohl Zevran dazu sagen?
  • Der Tod eines Meisters - geschrieben für das Prompt "Zevran's Tod"

Gedichte

  • Von Piraten und Krähen - Gedicht. Zevrans Abschiedsgruß an Isabela
  • An Assassin's Domain - Zevrans Gedanken über die Schurken-Spezialisierungen - geschrieben auf Englisch (bei Interesse würde ich eine deutsche Version schreiben)
  • So, tell me about Antiva - Kann ich in Versform antworten? Nicht? Wie schade... Aber sicher! - geschrieben auf Englisch (bei Interesse würde ich eine deutsche Version schreiben)

Geschenke

Gedichte und kurze Prosastücke, die ich als Preise oder Geschenke für befreundete Autoren geschrieben habe. <3

  • Ein Lied für Keiran - ein Gedicht zu einer Geschichte von Korina1982 (mit mp3) ;)
  • Little Wild Bird - Interior monologue of Zevran about a Dalish warden he's fallen in love with - prompt prize for wildannie
  • Ciela's Song - This song I wrote for Shadow of Light Dragon and her wonderful story "The Kill" - Ciela Tabris is a character of this story.

Bearbeitet von maradeux, 25 Juni 2013 - 07:24 .


#2
maradeux

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Eine mörderische Kindheit

Teil 1: Die ersten Jahre

1. Das unartige Kind

In seinem Zuhause wohnten viele Frauen. Keine von ihnen war seine Mama. Es war ein großes Haus mit ganz vielen Zimmern. Die Frauen waren alle sehr hübsch, trugen schöne Kleider, malten ihre Gesichter an und lockten sich ihre Haare. Es gab immer viele Besucher und es wurde viel gelacht.

Das einzige Problem war, dass er störte. Er sollte sich immer verstecken, nicht zu hören und nicht zu sehen sein. War er es doch, dann gab es Schläge - meistens von Olinda, einer Frau, die nicht ganz so schön war, weil ihr Gesicht Falten hatte und zu stark angemalt war. Aber Olinda war auch die Frau, die ihm und den anderen Kindern Essen gab. Deshalb wusste Zevran nicht genau, ob er sie mögen sollte oder nicht.Es gab eine Frau, die er ganz bestimmt mochte, und das war Dimeloé. Die schaute immer traurig, wenn Olinda eines der Kinder schlug. Oft nahm sie dieses Kind danach mit zu sich ins Zimmer und erzählte ihm eine Geschichte. Grund genug für Zevran, dafür zu sorgen, dass Olinda ihn sehr oft bestrafen musste...

"Warum hast du nur die Tapete abgerissen, du Dummerchen?" fragte Dimeloé seufzend, während sie die blauen Flecken an seinen Beinen mit einem feuchten Tuch kühlte.

Der blonde Elfenjunge antwortete mit einem tieftraurigen Blick aus seinen Bernsteinaugen "Ich weiß selber nicht, warum ich immer so böse bin."

Dimeloé stiegen die Tränen in die Augen beim Anblick des kleinen Engelsgesichtes "Wenn deine Mutter sehen würde, wie du hier leben musst, sie würde sich im Grabe umdrehen." schniefte die junge Elfin.

"Du kanntest meine Mama?" fragte er Junge und hing an ihren Lippen.

"Natürlich kannte ich sie. Wir waren die besten Freundinnen. Sie war wunderschön, hatte blonde Haare, genau wie du. Aber ihre Augen waren tiefgrün - wie die Seen im Arlathan-Wald."

"Alata-Wald?"

Dimeloé kicherte "Arlathan - das ist Dalish und heißt soviel wie 'Ich liebe diesen Ort' Deine Mutter war eine Dalish-Elfin. Sie trug Zeichen in ihrem Gesicht - geschwungene Ornamente auf Stirn und Wangen. Ich habe keine Ahnung, was sie bedeuteten, aber sie sah damit wunderschön und geheimnisvoll aus. Sie war sehr beliebt hier, weißt du?"

"Warum ist meine Mama denn nicht im Wald gebleiben?"

"Sie hatte sich in einen Mann aus der Stadt verliebt und für ihn ihren Stamm verlassen."

"Dieser Mann, war das mein Papa?"

Dimeloé zögerte mit ihrer Antwort. "Das, mein Kind, weiß nur der Erbauer. Aber deine Mutter - ich weiß, sie hätte dich geliebt. Sie hat sich gefreut auf ihr Kind, obwohl sie sehr viele Schmerzen hatte."

"Was ist ihr denn passiert?"

"Als sie dich zur Welt gebracht hat, hat der Erbauer sie zu sich geholt."

"Das ist aber gemein von ihm!"

Dimeloé lachte gerührt, als sie das wütende Gesicht des kleinen Jungen sah. Doch dann wurde sie wieder ernst und sprach sehr leise weiter. "Weißt du, man sagt, dass der Erbauer nur die allerbesten seiner Geschöpfe so früh zu sich holt."

In goldbrauen Kinderaugen bildeten sich Tränen. Dimeloé nahm den kleinen Jungen auf ihren Schoß und umarmte ihn, summte ihm ein Lied, das sie selbst als kleines Mädchen von einer der Huren gelernt hatte - auch sie war hier aufgewachsen, ohne ihre Mutter gekannt zu haben. "Du hast doch diese Handschuhe, nicht wahr, Zevran?" Der Junge nickte still und zog seinen Schatz verstohlen aus seiner Hosentasche - fein gearbeitete, kunstvoll bestickte Damenhandschuhe aus einem sehr dünnen Leder. "Die gehörten deiner Mutter. Sie hat sie sehr oft getragen. Es war die einzige Erinnerung an ihre Heimat. Solange du diese Handschuhe bei dir trägst, wird auch immer ein Stück von deiner Mama bei dir sein."

Bearbeitet von maradeux, 11 Februar 2011 - 10:08 .


#3
maradeux

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(die ersten Jahre)

2. Der Geruch des Todes

Was ist das für ein Geruch? Im Grunde widerlich, stechend, verursachte Tränen und Übelkeit. Und doch... faszinierend. Zevran schlich aus dem Haus. Er war ein guter Schüler, vor allem in diesen Dingen... Sich im Schatten verbergen. Kein Anfänger, der erst noch lernen musste, seine Schritte vorsichtig zu setzen. Seine Füße fanden instinktiv den besten Pfad. Seine schmale Figur verschmolz mit den Schatten. Es war erst ein paar Wochen her, seit er verkauft wurde. Und schon war er ein Musterschüler, vielen älteren Krähenkindern überlegen.

Gestern brachten sie ihn in die neue Unterkunft, besser als die erste: Er hatte hier ein eigenes Bett. Das Training war hart, aber er trainierte mit Neunjährigen, obwohl selbst erst sieben. Und nun hatte er sich hinausgeschlichen - abends nach dem Essen. Es war verboten, das Haus zu verlassen, aber er musste erfahren, woher dieser Geruch kam. Er musste es einfach wissen.

Er folgte den Schatten der engen Gassen, bis er das Kanalufer erreichte. Der Geruch war hier so widerlich, dass sich sein Magen umdrehte und er schlucken musste, um sich nicht zu übergeben. Und dann sah er es -  in der Dämmerung für seine scharfen Augen noch gut erkennbar: Rahmen mit aufgespannten Tierhäuten, Holzblöcke, Kübel mit stinkender Lauge, weitere, in denen Felle in Wasser schwommen, Gefäße mit Asche und zahlreiche rätselhafte Werkzeuge, wie er sie noch nie gesehen hatte.

Sein kleines Herz pochte bis zum Halse, als er näher schlich, um diese geheimnisvollen Dinge genauer zu betrachten. Da spürte er eine Berührung am Bein. Erschrocken drehte er sich um und blickte in ein zahnloses Grinsen - eine alte Frau, eine Bettlerin mit zerfurchtem Gesicht, grauem Kopftuch und zerlumpter Kleidung, die am Boden hockte. Der Schreck über die eigenen Unvorsicht fuhr ihm in die Glieder. Er rannte zurück zu seinem Haus. Unentdeckt, dachte er.

"Wo warst du?"

Das Flüstern kam aus dem Bett über ihm - Goisar, ebenfalls ein Elfenjunge, etwas älter und größer als er mit schwarzen Haaren und Augen und einer Narbe über der linken Augenbraue.

"Was geht dich das an?"

zischte Zevran ärgerlich.

"Ich verrate es Sergio, wenn du es mir nicht sagst."

Sergio war ihr Trainer, Zevran blieb stumm. Lautlos zog er etwas aus einem Bündel unter seinem Bett: ein Paar Handschuhe. Zart strichen seine Finger über die feine Stickerei. Er legte seine Wange auf das weiche Leder und schlief ein.

Als Zevran am nächsten Tag aufwachte, waren die Handschuhe verschwunden. Er suchte das Bett danach ab, suchte unter dem Bett, suchte in jeder Ecke des Zimmers. Er spürte einen Blick im Nacken, drehte sich um und traf Goisars Augen - eiskalt über dem zynisch schiefen Mund. Zum ersten Mal in seinem Leben verspürte Zevran den tiefen Wunsch, jemanden zu töten...

Bearbeitet von maradeux, 11 Februar 2011 - 10:11 .


#4
maradeux

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(Die ersten Jahre)

3. Im Keller

Von festen Händen
gehalten sein
in den Augenblicken
mit dir allein

In deinen Augen
versinke ich
von deiner Stimme
erbebe ich

Deine Arme, so stark
Deine Haut, so glatt
Dein Duft nimmt mir den Atem

Oh, schau mich doch
noch einmal an
Ich kann es kaum erwarten

Zevran hatte durchaus bemerkt, dass Goisar ins Zimmer gekommen war. Es hatte ihn nicht davon angehalten, sein Gedicht in aller Ruhe zu Ende zu schreiben. Auch als der Elfenjunge zu kichern begann und nach dem Papier griff, ließ er sich davon nicht beunruhigen.

"Was ist das?" fragte Goisar amüsiert

"Das, mein Lieber, ist ein Gedicht. Und ich habe es zum Zwecke der Verführung geschrieben."

"So so... feste Hände, starke Arme? Welche Frau willst du damit beeindrucken?"

Zevran blieb ungerührt.

"Du weißt ganz genau, mein Lieber, dass wir nicht nur darauf eingestellt sein müssen, Frauen zu verführen. Wie weit bist du eigentlich mit deinen Verführungs-Hausaufgaben? Wenn ich mein Gedicht jetzt bitte wieder zurück haben dürfte?"

Und ruhig lächelnd streckte er die Hand aus. Etwas verdutzt gab Goisar das Blatt zurück.

***

Kampftraining.

Goisar und Zevran sollten gegeneinander anzutreten. Zevran trainierte weiterhin mit den älteren. Im Gegensatz zu seinem vierzehnjährigen Kampfgefährten durfte er aber als Zwölfjähriger noch keinen scharfen Dolch führen - ihm musste eine Holzattrappe zur Verteidigung genügen. Goisar kämpfte erbittert. Er war geschickt und schnell, doch Zevran wich allen Schlägen aus.

"Gut gemacht, Zevran!" lobte Sergio, als er an den beiden vorbeiging. Zevran lächelte.

Goisar fletchte die Zähne, die schwarzen Augen sprühten Funken. Er drehte sich einmal und rannte dann, den Kopf voran, auf Zevran zu. Zevran wich zur Seite aus, wurde aber, als Goisar an ihm vorbei flog, von dessen Dolch am Oberarm getroffen. Erschrocken zog er den blutenden Arm zurück, drehte sich um. Goisar hatte seinen Schwung geschickt in einen Überschlag verwandelt, war schon wieder auf den Beinen und rannte nun aus der anderen Richtung auf Zevran zu.

"Aus! Aus!"

Die Jungen hörten Sergios scharfen Ruf durch die Halle dringen und hielten sofort ein. Sergio stand nun vor den Jungen, ein strenger Blick ging von einem zum anderen. Aus halb geöffneten Augen, äußerlich völlig gelassen, beobachtete Zevran den jungen Mann. Die glatte, braune Haus, die sich über die hohen Wangenknochen spannte, die scharf geschwungenen Augenbrauen, die lange, grade Nase, die weichen, fast weiblichen Lippen, dann wieder das energische, breite Kinn mit dem Grübchen. Weiche, braune Locken, stahlblaue Augen, ein Körper wie aus Marmor gemeißelt. Zevran kannte seinen Ausbilder nun seit fünf Jahren. Damals noch ein Jüngling, nun ein junger Mann, Mitte zwanzig, die Muskeln stärker ausgebildet, jede perfekt definiert, sich deutlich abzeichnend unter dem geschmeidigen Lederhemd. Zevran hätte jeden Zentimeter dieses Körpers beschreiben und noch hundert weitere Gedichte darüber schreiben können.

"Goisar," wandte sich Sergio an den älteren der beiden "Was war das bitte für ein Kampfstil? Wir sind Assessine, keine Stiere. In den Keller!"

Bei dem Wort "Keller" zuckte Goisar kurz. Dann legte er ohne zu zögern seinen Dolch in Sergios ausgestreckte Hand  und verließ die Halle.

"Und du, Zevran" wandte er sich an den jüngeren. Hatte sich sein Blick gewandelt? Wirkte er etwas milder? Der strengen Stimme war keine Veränderung anzumerken.

"Was tut eine junge Krähe, wenn sie im Training verletzt wird?"

"Sie ruft "aus", damit der Kampf sofort unterbrochen wird und lässt die Wunde versorgen, Sir"

Sergio nickte. "Du gehtst die Wunde versorgen lassen, dann ebenfalls in den Keller."

Zevran lächelte Sergio ruhig ins Gesicht "Natürlich, Sir." und verließ die Halle mit eleganten Schritten.

***

Der Keller.

Zevran war nicht zum ersten Mal hier, aber er kann sich an das erste Mal noch genau erinnern - er war gerade zwei Tage hier und Goisar hatte verraten, dass er sich aus dem Haus geschlichen hatte. Dafür kamen sie beide in den Keller: Zevran, weil er gegen das Ausgehverbot verstoßen hatte, Goisar, weil er einen Kameraden verraten hatte. Nun waren sie wieder beide hier. Zevran war allein in der Kleiderkammer, Goisar war wohl schon in seiner Zelle. In der Kleiderkammer mussten die Jungen alle Kleidung, bis auf die Unterhose, ablegen. Berta, eine kleine, dicke Frau von undefinierbarem Alter, Gesicht und kurze Haare speckig glänzend, Arme und Beine wie Baumstämme, wies ihm seine Zelle zu.

Diese nur einen Quadratmeter kleinen Kabinen waren vollständig gefliest und ohne Lichtquelle. Licht drang nur durch einige kleine Löcher in der Tür, die von außen verriegelt wurde. Diese Löcher hatten aber noch einen anderen Zweck: Von Zeit zu Zeit wurde ein Schlauch hindurch gesteckt, aus dem mit hohem Druck kaltes Wasser auf den Insassen gespritzt wurde. Dieses Wasser konnte man, wenn man geschickt war, auffangen und  trinken, wenn man ungeschickt war, konnte man es von Wänden und Fußboden lecken. Essen gab es keines.

Zevran wusste, am besten ist es, möglichst lange stehen zu bleiben, denn die Wände waren eiskalt. Wenn man nicht mehr stehen konnte, hockte man sich in eine Ecke, lautlos zitternd mit blauen Lippen. Wenn man Glück hatte, schlief man ein. Dann musste man besonders acht geben, nicht laut aufzuschreien, wenn man unverhofft vom kalten Wasser geweckt wurde.

Die Länge der Strafe variierte zwischen einigen Stunden bis zu höchstens drei Tagen. In der Regel war es eine Nacht. Jeder Schmerzenslaut verlängerte die Pein um eine Stunde. Von Zevran war in dieser Nacht kein Laut zu hören...

Es war Sergio selbst, der Zevran am nächsten Morgen aus seiner Zelle holte. Goisar musste, weil er einmal nachts gestöhnt hatte, länger bleiben. Es war Zevran an keiner Regung anzumerken, ob er irgend etwas darüber dachte oder fühlte. In der Kleiderkammer konnte sich Zevran frisch einkleiden. Zu seiner Überraschung wartete Sergio vor dem Keller, um ihn nach oben zu begleiten.

"Heute ist mein letzter Tag hier, ich verlasse das Haus" sagte Sergio im neutralen Ton einer Mitteilung. Aber es war unüblich, so etwas überhaupt zu erwähnen. Ausbilder kamen und gingen, es wurde nie erklärt oder gefragt, warum. Zevran fragte auch nichts, aber er schaute dem jungen Mann ruhig in dessen Augen, die beinah traurig wirkten. Plötzlich lächelte Sergio, bleib stehen und legte eine Hand auf Zevrans Schulter.

"Du warst der beste Schüler, den ich je erlebt habe. Enttäusche mich nicht, hörst du? Und nun, geh zum Frühstück"

Damit ließ er den Knaben vor dem Treppenhaus stehen und ging selbst den Korridor hinunter zu den Ausbilderquartieren.

Bearbeitet von maradeux, 11 Februar 2011 - 10:17 .


#5
maradeux

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(die ersten Jahre)

4. Der Tutor

Dies war kein normales Kampftraining. Sie wurden in einen Raum im Keller geführt, alle neun Jungen. Zevran war wieder einmal der jüngste, dreizehn nun, im letzten Jahr seiner Ausbildung. Sie hatten einmal alle zusammen in einem Schlafsaal gelebt, damals waren sie noch zu sechzehn. Die anderen sieben Jungen hatten die Ausbildung nicht überstanden, waren bei Unfällen gestorben oder irgendwann einfach "verschwunden". Seit gut einem Jahr lebten sie in den Quartieren der Senior-Schüler, je zu dritt in einem Zimmer. Zu seinem Zimmer gehörte neben Goisar noch der Menschenjunge Genaldo.

"Seid ihr bereit zu töten?" fragte der neue Tutor in eisigem Ton. Er war ganz anders als Sergio, ein kalter, strenger Typ, etwa fünfzig, grauhaarig und mager. Er hatte sadistische Tendenzen und nahm regelmäßig Jungen zu sich ins Zimmer, um sie persönlich zu betreuen. Wem das passierte, verlor hinterher kein Wort über das, was geschehen war.

Durch die flachen, vergitterten Kellerfenster fiel fahl und schwach das Tageslicht in schrägen, hellgrauen Streifen auf den dunklen Steinboden. Eine Tür öffnete sich quietschend und das Klirren von Ketten war zu vernehmen. Es waren Sklaven, die hineingebracht wurden, zehn an der Zahl, alte und junge, Menschen und Elfen. Sie waren schwach und mager, hatten Verletzungen oder wirkten schwer krank.

Die Jungen standen mit ihren Dolchen in der Hand, auch Zevran durfte nun einen führen. "Trefft Eure Wahl" sagte der Tutor. Die Jungen zögerten. Sie wussten, dass sie zu Assassinen ausgebildet wurden. Aber dies war das erste mal, dass sie aufgefortert wurden, jemanden zu töten.

Schließlich war Genaldo der erste, der vortrat. Er ging ohne einen Augenblick zu zögern auf den Sklaven zu, der am ältesten und schwächsten wirkte, trat seinen Körper mit Füßen, bis er am Boden lag und versenkte den Dolch dann zielsicher im Herz des alten Mannes. Er zog ihn heraus, reinigte die Klinge an der Kleidung des Toten und steckte den Dolch wieder ein. Dann trat er in die Reihe der Jungen zurück. Er schaute zu Boden und atmete schwer. Der Tutor nickte kurz.

Als Zevran bemerkte, dass Goisar losgehen wollte, trat er einen Schritt vor. Goisar schaute irritiert, der jüngere Elf lächelte nur. Dann ging er auf die Reihe der Sklaven zu. Er hatte seine Wahl getroffen - es war ein Mädchen, eine Elfin, etwa in seinem Alter, ihr Gesicht war schmutzig und von Tränen verschmiert, ihre Haare zerzaust. Sie war völlig abgemagert, ihr rechter Fuß war stark angeschwollen, mit Eiter und Pusteln bedeckt. Der Elfenjunge hockte sich zu dem Mädchen und lächelte es an. Er hob ihr Kinn und wischte eine Träne weg. Dann beugte er sich vor, umarmte sie und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Das Mädchen brach zusammen und war tot. Während er noch flüsterte, hatte er ihr den Dolch im Rücken zwischen den Schulterblättern ins Herz geschoben.

Der Tutor ließ Zevran nicht in die Reihe der Jungen zurück gehen, er hielt ihn am Handgelenk fest und wies ihn an, neben ihm stehen zu bleiben. Von dieser Position aus beobachtete Zevran den Rest des Trainings. Nachdem alle Jungen ihre Auswahl getroffen hatten, lagen neun Leichen im Keller, ein Sklave war noch am Leben. Ein Mann, der kräftiger wirkte als die anderen, mit einem mürrischen Gesicht und einem Vollbart. Er hatte während der ganzen Zeit nicht einen Laut von sich gegeben.

Der Tutor wandte sich Zevran zu: "Du warst der Beste heute, das ist deiner. Bestimme, was mit ihm geschieht." Der junge Elf atmete tief durch. Dann ging er zu dem Sklaven und sprach ihn an: "Warum bist du hier? Du wirkst nicht so krank wie die anderen?" Der Mann antwortete nicht, er zog nur hörbar seinen Rotz hoch und spuckte dem Elfenjungen vor die Füße. Zevran wandte sich an den Tutor: "Ich habe entschieden," sagte er. "Dieser hier akzeptiert sein Schicksal nicht. Er soll seine Chance bekommen. Entfernt ihm die Fesseln, danach ist er zum Töten frei gegeben." Daraufhin ging Zevran zurück in die Reihe der Jungen. Der Mann hat den Raum nicht lebend verlassen.

"Was hast du ihr gesagt?" flüsterte Genaldo abends, als sie in ihren Betten lagen.

"Ich habe ihr gesagt, dass ich sie sehr hübsch finde. Und ich habe ihr versprochen, dass es nicht weh tun wird."

Bearbeitet von maradeux, 11 Februar 2011 - 10:21 .


#6
Demetra11

Demetra11
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Oh fein, deutsche Fanfiction, das ist was seltenes.
Danke das du mit uns teilst, werd die story gespannt verfolgen!

#7
maradeux

maradeux
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@Demetra11: Leser sind noch seltener, fürchte ich. ;) Umso glücklicher bin ich, dass es wenigstens eine interessierte Leserin gibt. :)
____________________


(die ersten Jahre)

5. Süßes Gift

Zevran, inzwischen vierzehn, hatte seine Grundausbildung abgeschlossen. Er wurde zu ersten Einsätzen geschickt - es waren noch keine Mordaufträge, er wurde als Späher eingesetzt. Nebenher nutzte er die Möglichkeiten, sich weiterzubilden und zu trainieren, wie es auch die anderen jungen Krähen taten.

Es war gut, sich der eigenen Stärken bewusst zu sein, ebenso seiner Schwächen. Die Mahlzeiten der jungen Krähen waren reichhaltig, Kraft und Ausdauer wurden täglich trainiert. Trotzdem blieb Zevran klein und schmächtig, sogar im Vergleich zu anderen Elfen. Er war flink, geschickt, wendig, aber er war nicht stark. Seine Schläge mit Keulen und Hämmern waren gut platziert, nur fehlte ihnen die Durchschlagkraft. Seine bevorzugten Waffen wurden Dolch und Degen - leicht und flink zu führen. Dennoch brauchte es mehr, um einen körperlich überlegenen Gegner zu überwältigen. Und eines der wirksamsten Mittel, die Zevran zu diesem Zweck für sich entdeckt hatte, waren Gifte.

Er las Bücher, sammelte Zutaten und hielt sich im Laboratorium auf, studierte Rezepte, probierte unterschiedliche Mischungen aus und testete winzige Mengen, um die Wirkung kennen zu lernen und sich selbst zu immunisieren.

Es gab aber noch einen anderen Grund, ins Laboratorium zu gehen: Lange Beine, wallende Locken, knospende Brüste. Bis vor einem Jahr war Zevran nicht bewusst, dass es bei den Krähen auch Frauen und Mädchen gab. Es waren deutlich weniger und sie wurden von den Jungen getrennt aufgezogen, das Labor aber wurde gemeinsam genutzt.

Das brünette Elfenmädchen, das im hinteren Teil des Labors ebenfalls mit Giften operierte, sah Zevran schon zum zweiten Mal. Er schloss die Phiole, mit der er zuletzt gearbeitet hatte, schwang sich elgant auf und ging zu ihr herüber:

"Mir war nicht klar, dass es solchen Liebreiz unter den Krähen gibt."

Das Mädchen zwinkerte "Eure Zunge ist schon gut geschult für so ein junges Bürschlein."

"Ich schule meine Zunge nur an den besten."  Er verbeugte sich mit schiefem Lächeln. "Zevran Arainai..."

Sie erwiderte das Lächeln. "Ich heiße Ginera und ich muss jetzt gehen."

Bevor sie das tat, nahm sie das Gesicht des hübschen Knaben in beide Hände und drückte ihre weichen Lippen auf die seinen.

Fasziniert blieb Zevran stehen, schaute der jungen Elfin hinterher, die sich mit federnden Schritten entfernte. Er leckte mit der Zunge über seine Lippen. Sie schmeckten süß, betörend... Er spürte, wie ihm schwindlig wurde, das Herz schlug schnell, immer schneller, ihm wurde schwarz vor Augen. Rasch lief er zum Waschzuber, wusch sich sein Gesicht und trank einen großen Becher Wasser. Er ging zurück zu seinem Platz, kramte seine Sachen zusammen und lief, so schnell er konnte, in seine Unterkunft zurück.

Er musste sich die ganze Nacht lang übergeben.

***

Am nächsten Morgen fühlte sich Zevran schwach. Er war mit Mühe aufgestanden, stütze sich an der Frisierkommode ab. Im Spiegel ein bleiches Gesicht, fiebrige Augen, viel zu große Pupillen. Sein Magen drehte sich, die Hände zitterten, an Essen war nicht zu denken. Und er hatte heute einen Auftrag... Er war froh, dass er nun sein eigenes Zimmer hatte. Nicht auszudenken, wenn Goisar seine Schmach miterlebt hätte.

'Verfluchtes Miststück'  zischte er lautlos durch die Zähne.

Es klopfte...

"Ja?"

Es war Sergio. Ausgerechnet Sergio... Er hatte seinen ehemaligen Musterschüler in sein Truppe geholt. Gut gelaunt stieß der junge Mann die Tür auf und hob an in jovialem Ton:

"He, ich hab dich beim Frühstück vermisst, Kommst du..." er stoppte mitten im Satz, als er Zevran sah "Stimmt was nicht?"

"Keine Ahnung" sagte Zevran "Bin krank oder so. Nicht gut geschlafen."

Sergio wirkte unsicher. Dann näherte er sich und legte eine Hand an Zevrans Stirn. Sie war heiß.

"Brasca!" sagte er ärgerlich und schüttelte seine Hand zum Abkühlen durch die Luft. Er zögerte, als müsste er überlegen, was er nun sagen oder tun sollte.

Krankheit galt als Schwäche bei den Krähen. Wer als Kind oft krank war, wurde 'aussortiert'. Die Kinder verschwanden einfach. Zevran wusste nicht, was mit ihnen passierte. Und er hatte keine Ahnung, ob Sergio es wusste. Nur eines war ihm klar: Über Krankheiten spricht man nicht. Und am besten wurde man gar nicht krank. Aber zuzugeben, dass man sich hat übertölpeln und vergiften lassen - das wäre undenkbar gewesen.

Sergio schloss die Tür von innen, behielt die Klinke in der Hand und schaute Zevran lange an. Seine Stimme klang ungewöhnlich mild:

"Du wirst am besten schnell gesund. Ich brauch dich heute Abend. Ruh dich aus."

Damit verließ er das Zimmer.

Zevran atmete tief durch. Er nahm sich einen Becher Wasser, musste ihn mit beiden Händen halten, stellte ihn auf den Nachtschrank und legte sich auf sein Bett. Das Zimmer drehte sich vor seinen Augen, immer wieder jagten Schatten von Halluzinationen über Decken und Wände. Und ihm war immer noch übel. Aber er musste bis zum Abend bereit sein, seinen Job zu erledigen. Und das würde er auch.

***

Seine Kräutersammlung hatte ihm geholfen: Mit Ephidra und Koffein aufgeputscht, schlug sein Herz beängstigend schnell und unregelmäßig, seine Pupillen waren immer noch viel zu groß, über seinen Magen mochte er nicht nachdenken. Aber seine Sinne waren hellwach. Jahrelanges Training half ihm, sich zu konzentrieren und seine Bewegungen zu koordinieren, so gut es eben möglich war. Es musste gehen.

Zevran war Sergios bester Späher. Er gab die Signale weiter: Gasse ruhig, zwei Wachen am Eingang. Sergio gab das Zeichen an seine Scharfschützen: Die Wachen fielen um, ihre Kehlen von jeweils einem einzigen, starken Pfeil durchbohrt. Goisar knackte das Schloss, Zevran erkundete den dunklen Gang. Die Küchenmagd überwältigte er selbst mit einem Narkotikum und gab den Gang frei. Von hier an nahm Sergio nur Goisar und einen seiner Scharfschützen mit. Zevran sollte weiterhin Gang und Gasse bewachen.

Es blieb lange Zeit ruhig, aber dann sah er eine Bewegung - knapp hundert Meter entfernt. Zevran gab ein Zeichen an die Scharfschützen auf dem Dach und schlich näher heran...

Aus gut zwanzig Meter Entfernung konnte er beobachten, was für einen Unkundigen wie ein Liebespaar aussah: ein Edelmann und eine Elfenfrau eng umschlungen in einem tiefen Kuss. Zevran erkannte die Elfin sofort: Es war Ginera. Er schaute sich um, konnte aber niemanden auf den Dächern oder in Hauseingängen erkennen - die Elfin schien allein unterwegs zu sein. Wie leichtsinnig!

Zevran schlich sich an. Er beobachtete, wie ihr Opfer lautlos zu Boden sank und nutze den Moment aus. Blitzschnell hatte er die junge Frau überwältigt. Sie lag auf dem Bauch, der linke Arm auf ihrem Rücken verdreht, so dass Zevran ihr mit einer winzigen Bewegung große Schmerzen zufügen könnte. Ihr Kopf linksseitig auf den Boden gepresst, sein rechter Fuß fixierte ihre rechten Unterarm. Sein linkes Knie drückte er in ihre Lendenwirbelsäule. Sein Dolch war nicht auf ihre Kehle, sondern auf ihr Wange gerichtet.

"Eine Bewegung und dein hübsches Gesicht ist ruiniert," zischte er "Welches Toxin?"

Ginera lächelte süßlich: "Belladonna, Conium, Amantin. Und sehr viel Honig."

Zevran wusste nicht, ob er die Elfin bewundern oder für verrückt erklären sollte. Gleich drei der stärksten bekannten Toxine, jedes einzelne schon in geringsten Dosen tödlich - und sie schmierte sich so etwas auf die Lippen?

"Keine Sorge, Süßer, die Dosis war nicht tödlich. In ein paar Tagen geht es dir besser." Sie lächelte immer noch. Er ließ sie los. Sie erhob sich mit feengleicher Eleganz, ging mit langsamen Schritten rückwärts. Ihr verführerisches Lächeln war in sein immer noch fiebriges Gesicht gerichtet.

"Pass auf, wen du küsst. Und leck dir niemals deine Lippen, junge Krähe."

Damit drehte sie sich um und verschwand mit raschen, lautlosen Schritten in der Dunkelheit. Zevran widerstand mit Mühe dem Impuls, sich seine Lippen zu lecken.

***

Es war Zevran deutlich anzumerken, dass er noch nicht gesund war. Aber er würde kein Wort darüber verlieren, wenn Sergio es nicht tat. Normalerweise standen die Späher bei Besprechungen dieser Art. Aber Sergio hatte ihm einen Platz angeboten und Zevran nahm dankbar an. Er trank einen Schluck Wasser. Zum Glück zitterten seine Hände nicht mehr.

"War noch etwas?" fragte Sergio routiniert, nachdem Zevran seinen Einsatzbericht beendet hatte.

"Ja, es war offenbar noch eine zweite Gruppe an dem Abend unterwegs. Ich habe ein Elfenmädchen beobachtet, wie es einen Mann tötete. Ich kannte sie aus dem Labor: Ginera."

Sergio warf ihm einen wissenden Blick zu: "Ginera? Ich kenne sie. Sie gehört zu Taliesens Leuten. Hübsches Mädchen," er lächelte "aber ein bisschen alt für dich. Sie ist achtzehn."

Zevran erwiderte das Lächeln. "Was für ein süßes Alter."

"Danke, Zevran. Du kannst dann gehen. Und..." Ein Anflug von Besorgnis war in Sergios Augen und Stimme "Du solltest etwas essen."

Zevran senkte lächelnd seinen Blick, während er das Zimmer verließ "Ich weiß."

Bearbeitet von maradeux, 11 Februar 2011 - 10:22 .


#8
maradeux

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Eine mörderische Kindheit

Teil 2: Ein Auftrag mit Folgen

1. Der Interessent

"Meine süße Ginera hat mir erzählt, du hast einen Elfen in deiner Truppe..." Der junge, groß gewachsene Mann mit den kurzen dunklen Haare und dem markanten Gesicht zog einen Stuhl an der Lehne durch das Zimmer, bis er schräg vor dem Sessel, in dem Sergio saß, zu halten kam. Dann setzte er sich rittling auf jenen Stuhl. "Sie sagte, er sähe aus wie ein vierzehnjähriger Knabe, aber er soll die Schnelligkeit eines Geparden und die Zunge einer dreizigjährigen Hure haben." Der junge Mann schaute seinen Gesprächspartner fragend an.

Sergio grinste, er winkelte das linke Bein an, legte den Fuß auf sein rechtes Knie und rekelte sich gemütlich, die Arme hinter dem Nacken verschränkend "Ah, du meinst Zevran. Der ist wirklich noch sehr jung, erst fünfzehn."

Der junge Mann auf dem Stuhl hob überrascht eine Augenbraue "Oh... Deshalb hat er noch keine Tätowierungen? Ich hatte mich gewundert."

Sergio schmunzlete, nicht ohne Stolz "Er war einer meiner Schüler. Der beste, um genau zu sein. War früher mit seiner Ausbildung fertig. Was ist mit ihm?"

"Ich könnte ihn für einen Auftrag gebrauchen," sagte Taliesen knapp.

Er war im Anschluss an die Tagung ihrer Zelle auf Sergio zugegangen und hatte ihn gefragt, ob er ihn kurz unter vier Augen sprechen könnte. Sergio hatte ihn in sein Zimmer eingeladen. Sie waren beide capi di gruppo - Leiter kleinerer Unterabteilungen der Zelle, in Diensten von Master Antonio für das Haus Arainai. Taliesen war der jüngste capo der Zelle, erst neunzehn, wirkte aber älter mit seinen dunklen Bartstoppeln und dem breiten Brustkorb. Dass sein Gegenüber bereits acht Jahre älter war, sah man beiden Männern nicht an.

Sergio lachte "Also wenn du den Auftrag mit deiner Truppe nicht schaffst, ich übernehme ihn gern."

Talisen lässt im Ausatmen die Luft hörbar durch die Lippen entweichen "Es ist ein großer Auftrag, wir sind schon lange dran. Spionage... Ich bräuchte jemanden wie diesen Zevran für ein, zwei Wochen. Als Kontaktperson."

"Dann nimm mich mit ins Boot, ich bin dabei."

Taliesen schüttelte langsam den Kopf, schaute nachdenklich auf den Holzfußboden "Die Bezahlung würde nicht reichen für zwei vollständige Teams... Zwanzig Prozent Anteil" feilschte er.

Sergio schüttelte den Kopf "Kein Anteil... Zwanzig Andris für jeden Tag. Und wehe, ihm passiert was. Er ist mein bester Späher."

Nun war es Taliesen, der lachte "Wenn er gut ist, passiert ihm nichts. Passiert ihm was, war er das Geld nicht wert." Taliesen stand auf, zog dabei den Stuhl wieder zurück an seinen ursprünglichen Position und blieb an der Tür stehen, die Hand schon an der Klinke. "Er soll Donnerstag zur Besprechung kommen."

Sergio war ebenfalls aufgetanden, schaute dem Jüngeren ins Gesicht. "Das zählt als erster Tag. Und ich möchte hundert Andris im Voraus."

Taliesen zögerte, nickte dann aber: "In Ordnung, das Geld bekommst du morgen früh," und verließ das Zimmer.

Bearbeitet von maradeux, 11 Februar 2011 - 10:24 .


#9
AstroVan

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Eine sehr amüsante Lektüre...... lol

#10
maradeux

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@AstroVan: Freut mich, dass es dir gefällt. :)
___________________

(Auftrag mit Folgen)

2. Vorbereitungen

Zevran machte sich fertig zum Kampftraining. Lederhemd und Stiefel hatte er bereits angezogen. Zuletzt nahm er die Handschuhe und schaute sie einen Augenblick lang nachdenklich an. Schmucklos, aber gut gearbeitet, aus weichem Leder. Er fuhr mit dem Daumen über die Seitennaht. Letzte Nacht hatte er von den Handschuhen seiner Mutter geträumt. Wieder einmal... Als er aus dem Zimmer trat, lief prompt Goisar vorbei.

"Wir sehen uns in der Trainingsraum," sagte Zevran leise

Goisar drehte sich zu ihm um, traf ihn mit einem schneidenden Blick und nickte, eher er weiter ging. Hass war ein Trainingspartner, den sie beide zu schätzen wussten.

***

Eine Sache ärgerte Zevran gewaltig - er hatte immer noch keine Tätowierung und war damit immer noch keine "vollständige" Krähe. Obwohl er die Ausbildung früher abgeschlossen hatte als die meisten seinen Kameraden, musste er auf seine Einweihung warten, bis er sechszehn ist. Warum nur so sinnlose Regeln? Hatte er nicht längst bewiesen, wie gut er ist?

Er stand vor dem Spiegel und zeichnete mit der Spitze seines Dolches das halbmondförmige Zeichen an seiner Schläfe nach, das er dort bald tragen würde. Würde er gut damit aussehen? Natürlich würde er das! Er lächelte in sein eigenes Antlitz, fuhr sich noch einmal mit der Hand durch den blonden Schopf und machte sich dann auf den Weg, um pünktlich bei Taliesens Besprechung zu erscheinen.

***

Taliesen bewegte sich um den Elfen, als würde er ein Tier auf dem Markt begutachten. Oder einen Sklaven... Zevran beschloss, es mit Humor zu nehmen, setzte ein schiefes Grinsen auf und nutzte die Zeit, den Menschen seinerseits zu begutachten. Er war groß, stattlich, gutaussehend. Wenn auch lange nicht so gut wie Sergio.

Taliesen blieb endlich stehen, hob Zevrans linken Arm, schaute sich die Innenseite an, wie sich die Sehnen unter der Haut abzeichneten und umfasste Zevrans Oberarm locker mit seiner Hand. "Beim Erbauer, bist du dünn!"

Zevran riss sich blitzschnell los, griff nach Taliesens Handgelenk und drehte den Arm auf dessen Rücken. "Dünn vielleicht, aber nicht schwach," lachte er.

"Ich würde dir raten, sofort loszulassen," drohte Taliesen.

Zevran lockerte augenblicklich den Griff und hob die Arme in einer entschuldigenden Geste. Lachte aber unverändert in sich hinein. Taliesen drehte sich um, schüttelte den Arm und massierte sein Handgelenk.

"Spezialisierungen?"

"Schleichen, Gifte, Dolche, Degen. Und Verführung." Zevran betonte das letzte Wort und schaute Taliesen aus halb geschlossenen Augen amüsiert an.

Talisen lächelte und nickte. "Wie sieht es mit Schlösser knacken aus?"

Zevran lachte leise. "Nie gebraucht. Bisher haben sich mir alle Türen geöffnet." Er lächelte schief.

Taliesen seufzte "Also nicht. Dann lass dir was einfallen. Ich brauch Abschriften aller Briefe zwischen dem Bürgermeister und Senator Lorenzo. Abschriften, wie gesagt. Die Originale sollen bleiben, wo sie sind. Niemand soll etwas bemerken."

Zevran zuckte die Achseln und ging in Richtung Ausgang. Er machte sich keinerlei Sorgen um den Erfolg seiner Mission.

Bearbeitet von maradeux, 11 Februar 2011 - 10:26 .


#11
maradeux

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3. Vorstellungen

Der Küchenjunge im Haus des Bürgermeisters war plötzlich erkrankt. Und das kurz vor Funalis, einem wichtigen Feiertag in Antiva. Es sah nach Ruhr oder Cholera aus. In diesem Zustand konnte der Junge jedenfalls keinesfalls im Haus bleiben! Was für ein Glück, dass der kürzlich angestellte Hauslehrer der Tochter einen Ersatz wusste und ihn noch am selben Nachmittag vorstellen konnte: Ein ausgesprochen hübscher Elfenjunge mit blonden Haaren und ungewöhnlich edler, sauberer Kleidung. Er verbeugte sich höflich "Zu Euren Diensten, Signora" und lächelte der Hausherrin ins Gesicht.

Diese war eine schöne Frau, etwa Mitte dreißig. Sie hatte üppige, weibliche Formen, ohne dabei dick zu wirken: Große, weiche Brüste, runde Hüften und Schenkel. Das Kleid mit dem tiefen Ausschnitt und der engen Taille betonte ihre Vorzüge. Das braune Haar war reizend frisiert: eine komplizierte Hochsteckfrisur mit Perlen und Bändern, einige Locken kräuselten sich um Schläfen und Ohren. Sie betrachtete den Elfen mit einem langen Blick von oben nach unten und wirkte zufrieden. Dann gab sie den Befehl, dass der neue Junge nicht nur in der Küche aushelfen, sondern auch die Mahlzeiten servieren sollte.

"Was immer Ihr wünscht, Signora!" Zevran verbeugte sich erneut mit einem charmanten Lächeln. Seinen ersten Auftrag hatte er damit bereits erfüllt.

***

Die Arbeit in der Küche entsprach ganz und gar Zevrans Vorstellungen - leider. Getriezt von einer hartherzigen Köchin und ihrem tollpatschigen Sohn, und selbst von der eigenen Artgenossin gehasst - da er dem Elfenmädchen Siania ihren geliebten Posten als Serviermädchen genommen hatte, so dass sie jetzt viel mehr Zeit in der ungeliebten Küche verbringen musste. Zevran konnte es nur Recht sein, denn Töpfe scheuern und Kübel schleppen, waren ebenso anstrengende wie langweilige Arbeiten.

Viel interessanter fand er das Kochen an sich - wie sich unter den geschickten Händen der Küchenmeisterin Gemüse, Fleisch und Gewürze zu duftenden Köstlichkeiten verwandelten. Wenn er abends Zeit fand, und er unbeobachtet war, machte er sich Notizen zu den einzelnen Vorgängen oder schrieb sich Rezepte aus dem dicken Kochbuch ab, das auf einer Ablage neben dem Herd lag.


***

Als er das Dinner servierte, lernte Zevran den Rest der Familie kennen. Der Bürgermeister, Signore di Manico, war ein Berg von einem Mann, um die fünfzig, mit spärlichen, fettigen Haaren, einem breiten Gesicht, hellen, buschigen Augenbrauen und einer knolligen, kurzen Nase. Über dem engen Kragen quoll das Fleisch des Doppelkinns hervor, die Knöpfe des dunkelbraunen Sakkos spannten bedrohlich über der enormen Leibesfülle. Aber das rote Gesicht wirkte - bei aller Gesetztheit - gutmütig, der Mund wusste zu lächeln.

Die Tochter der Familie, die siebzehnjährige Signorina Martha, kam leider nicht nach ihrer schönen Mutter, sondern ganz nach dem Vater. Eine kurze Himmelfahrtsnase, kleine, unruhige, hellblaue Augen, die Brauen weißblond, kaum zu erkennen, in dem feisten, rosig-glänzenden Gesicht. Die Haare von der gleichen Farbe lagen eng am Kopf an, mittig gescheitelt, zwei fest geflochtene Zöpfe waren als stramme Schnecken am Hinterkopf befestigt, gaben freien Blick auf den kräftigen, roten Nacken. Der Bauch war dicker als die Brüste, legte sich schon im Stehen in zwei Wülste. Über dem ausladenden Hinterteil spannte sich das zu enge Kleid, sie lief breitbeinig, behäbig, die Schenkel rieben bei jedem Schritt hörbar aneinander.

Nach den üppigen Mahlzeiten wurde noch ein süßer Nachtisch serviert. Anschließend versammelten sich die Herren im Raucherzimmer, während die Damen entweder im Salon oder in ihren persönlichen Räumen verschwanden. Gäste waren fast immer anwesend. So auch dieses mal - der Herr Operndirektor Valandrez mit seiner Gattin. Sie gehörten nicht in seinen Aufgabenbereich, trotzdem hörte Zevran den Gesprächen aufmerksam zu, und machte sich später, als er zum Wein holen in den Keller geschickt wurde, heimlich Notizen.

Seine Erscheinung und sein gute Benehmen fielen auf. Die Tochter Martha warf ihm immer wieder scheue Blicke zu, die er mit einem offenen, freundlichen Lächeln und einer leichten Verbeugung zu beantworten wusste. Signora di Manico betrachtete ihn mit Wohlwollen und Zufriedenheit.

Nach dem Dinner, im Salon schlug Signora Valandrez verzückt die Hände aufeinander: "Du musst mir unbedingt verraten, woher du diesen Elfenjungen hast, meine Liebe. Der ist ja allerliebst." wandte sie sich an die Hausherrin.

Diese lächelte begeistert: "Ja, nicht wahr? Dabei ist er nur ein Ersatz für unseren armen Paolo. Aber am liebsten würde ich ihn ja für immer behalten." Sie betrachtete ihn mit einem verträumten Blick, als wäre er eine ihrer kleinen Porzellanfiguren, deren umfangreiche Sammlung drei Vitrinen im Salon füllte.

Zevran erwiderte das Kompliment mit seinem freundlichsten Lächeln, verbeugte sich tief: "Darf ich den Herrschaften vielleicht noch ein Gläschen Dessertwein kredenzen?"

"Hach, und was für entzückende Manieren" entfuhr es Signora Valandrez wie ein Seufzen.

Bearbeitet von maradeux, 29 Mai 2013 - 10:33 .


#12
maradeux

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4. Offene Türen

Er betrat ihr Zimmer, wie ihm befohlen worden war. Sie saß in einem Lehnstuhl neben ihrem Himmelbett, ein Buch in ihrem Schoß, lächelte ihm entgegen.

"Da bist du ja, Junge. Sag, kannst du lesen."

Zevran lächelte "Aber selbstverständlich kann ich lesen, Signora, ich kann viele Dinge."

"Oh" sie klang überrascht "Wie außergewöhnlich für einen Küchenjungen. Ebenso wie deine hervorragenden... Manieren."

Zevran seufzte gekünstelt "Nun, um ehrlich zu sein, ich war nicht immer ein Küchenjunge. Ich bin ein Waise, leider. Meine Eltern sind vor zwei Jahren ums Leben gekommen, ein tragischer Unfall. Davor war ich an einer der besten Schulen der Stadt, der Santa Maria."

Die Signora nickte anerkennend. Sie schien sich nicht darüber zu wundern, wie ein Elfenkind eine so gute Schule besuchen konnte. "Und, wo lebst du jetzt?"

Zevran seufzte erneut, sein Gesicht bekam einen tieftraurigen Ausdruck. "Im Waisenhaus, Signora. Ich habe keine weiteren Verwandten in der Stadt. Und eine Schule kann ich auch nicht mehr besuchen. Aber was soll ich machen? Ich bin froh, Arbeit in einem so guten Haus gefunden zu haben. Ich habe hier jeden Tag zu essen, sonst musste ich so oft hungern."

Die Signora ließ den Blick keinen Augenblick von seinem Gesicht. Was für ein hübsches, engelsgleiches Antlitz mit diesen honigfarbenen Augen und den blonden Locken. Ihre Augen waren feucht von Tränen. "Ein Waisenjunge, ach, komm doch näher."

Als er vor ihr steht, streichelte sie mit einer leichten Bewegung über seine linke Schulter und seinen Arm. Dann drückte sie ihm das Buch in die Hand. "Ich möchte, dass du mir vorliest. Bisher hat das mein Mädchen Sabine gemacht, aber ihre Stimme ist so langweilig."

Sie war aufgestanden und bot ihm mit einer fließenden Bewegung den Platz an. "Fang schon an, ich rufe Sabine, dass sie mir beim Umkleiden hilft."

Sabine, ein schüchternes, mageres Mädchen mit blasser Haut und aschgrauem Pferdeschwanz betrat den Raum und knickste "Sehr wohl, Madame" sie hatte einen orlaisianischen Akzent.

Sabine stellte einen Paravan auf und begann mit der komplizierten Umkleideprozedur. Zevran hatte es sich in dem Lehnstuhl bequem gemacht und begann zu lesen. Zu seiner besonderen Freude waren es frivole kleine Geschichten, die Signora als Bettlektüre bevorzugte. Er las langsam, deutlich, seine Stimme schnurrte durch die Zeilen. Zwischendurch erlaubte er sich immer wieder kleine Sprechpausen, um Blicke durch die halbdurchsichtigen Stoffwände des Paravan zu werfen und sich an den verführerischen Schatten dahinter zu erfreuen.

Schließlich war die Signora fertig und trat hinter dem Paravan hervor. Sie trug ein langes, fließendes, weißes Nachtkleid, auch dieses tief ausgeschnitten. Die braunen Locken, nun offen, ergossen sich über Schultern, Rücken und den üppigen Busen. Was für ein Anblick! Zevran konnte die Augen nicht von ihr lassen. Die Bewunderung war ihm ins Gesicht geschrieben: "Signora, Ihr seid wunderschön!"

Signora di Manico errötete leicht und lächelte. Sie dreht sich zu ihrem Mädchen um "Sabine, du kannst jetzt gehen." Das Mädchen knickste, räumte den Paravan zur Seite und verließ mit den Kleidungsstücken ihrer Herrin über dem Arm das Zimmer.

Die Signora machte es sich in ihrem Bett bequem, ihre Haare ergossen sich über die Seidenkissen, ihr freundlicher Blick ruhte auf Zevran "Lies die Geschichte doch bitte noch zu Ende. Dann darfst du gehen."

So las Zevran dann weiter die Geschichte von dem Ritter und dem Blumenmädchen, und gerade als es zur entscheidenden Szene in der Gartengrotte kam, war Signora eingeschlafen. Zevran war selbst sehr müde. Er war seit fünf Uhr früh auf den Beinen und nun musste es gegen Mitternacht sein. Auch am nächsten Tag würde er wieder sehr früh aufstehen müssen, wenn seine Tarnung als Küchenjunge glaubhaft bleiben sollte. Bevor er sich aber zur Ruhe begeben konnte, hatte er noch eine letzte Aufgabe zu erfüllen.

Er legte das Buch zur Seite, das dazugehörige Lederbändchen hatte er in die zuletzt gelesene Seite gelegt. Nun stand er auf, schlich sich zum Nachtschrank der Signora. Einen Augenblick nahm er sich Zeit, ihr Parfum zu genießen und den Anblick ihres schlafenden Gesichts auf den Kissen zu bewundern. Dann griff er mit geschickten Fingern die Kette mit ihrem Schlüssel und drückte ihn von beiden Seiten fest in eine Form aus festem Mürbeteig, den er aus der Küche hat mitgehen lassen. Er überprüfte im Dämmerlich der einzelnen Kerze, ob Rückstände am Schlüssel geblieben waren, dann legte er die Kette wieder zurück, darauf bedacht, dass sie genauso da lag wie zuvor. Er verstaute die Form sorgfältig in einer Jackentasche und verließ lautlos das Zimmer.

Bearbeitet von maradeux, 11 Februar 2011 - 09:51 .


#13
maradeux

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5. Hunger

Wieder einmal muss sich Zevran in seiner Kräutersammlung bedienen, um die kommenden Tage durchzuhalten. Er entscheidet sich für Ephidra, denn das half ihm auch gegen den Hunger. Hunger - das ärgerte ihn. Wollte er doch endlich mal etwas zunehmen, stattdessen wurde er hier noch dünner. Zwar bekam er regelmäßig seine Mahlzeiten, aber die waren kärglich, wie die Mahlzeiten eines Küchenjungen eben aussahen. Seine Arbeit erforderte deutlich mehr Energie, als die wenigen Stücke Brot ihm geben konnten.

Beim Servieren des Mittagessens konnte er ein Magenknurren nicht verhindern, und konnte nur hoffen, dass es niemand von den Herrschaften bemerkt hat. Die Tochter, Signorina Martha, die Zevran insgeheim "Signorina Maialina"* nannte, bestellte sich einen Nachschlag. Das war nicht ungewöhnlich und Zevran eilte, um ihren Wünschen nachzukommen. Als er ihr das Essen mit einer Verbeugung servierte, hob die Tochter den Kopf und schaute ihre Eltern an, räusperte sich verlegen:

"Vater, Mutter, ich würde gern in meinem Zimmer zu Ende essen. Wenn Ihr erlaubt..."

Der Vater schaute überrascht, die Mutter fragend. Als sie die Augen ihrer Tochter sah, glaubte sie zu verstehen, lächelte ihren Mann an und legte eine Hand auf seinen Unterarm.

"Geliebter Gatte, was macht das schon. Erfüllen wir ihr diesen bescheidenen Wunsch, Sie ist so ein liebes Mädchen."

Der Vater brummte kurz, nickte dann aber. Die Tochter drehte sich zu Zevran um: "Bring mir das Essen doch bitte auf mein Zimmer."

Zevran verbeugte sich "Ganz zu Ihren Wünsche, Signorina" und folgte dem Mädchen den Gang hinunter.

Das Mädchen schloss die Tür hinter sich und wies auf den Tisch in der linken Zimmerecke. Es war ein kleiner, runder Tisch aus dunklem Holz mit vier zierlichen Stühlen, in der Mitte stand eine Vase mit Magnolien. Er stellte den Teller auf den Tisch, trat zurück und verbeugte sich in ihre Richtung. Sie aber schüttelte den Kopf, ihr rosiges Gesicht wurde ganz und gar rot:

"Nein," sagte sie leise, "das ist für dich. Du hast Hunger, nicht wahr?"

Zevran schaute sie ungläubig an "Für mich?"

Sie nickte.

Er lächelte sie freundlich an, verbeugte sich "Oh, vielen Dank." Dann aß er die üppige Mahlzeit, bemüht, nicht zu sehr zu schlingen. Es schmeckte so gut.

Das Mädchen war mit langsamen Schritten näher gekommen und blieb hinter ihm stehen. Schüchtern streckte sie die rechte Hand aus und berührte sein Haar. Zevran drehte sich um und schaute in ein verlegenes, knallrotes Gesicht. Er lächelte:

"Das war angenehm, Signorina."

"Es... hat nicht gestört?"

Zevran lachte leise: "Aber warum sollte es mich denn stören, wenn ein so bezauberndes Mädchen meine Haare berührt?"

Martha schaute zu Boden. Ihre Verlegenheit hatte - bei all ihrer Körperfülle und Hässlichkeit - etwas Rührendes. Zevran stand auf und nahm die rechte Hand des Mädchens in seine linke, und begann, ihre Handinnenseite sanft mit seinem Daumen zu streicheln. Das Mädchen hob die kleinen, hellblauen Augen und schaute ungläubig in Zevrans lächelndes Gesicht.

"Ich bin nicht bezaubernd" flüsterte sie.

"Aber wer behauptet denn so etwas?" antwortete Zevran lächelnd, genauso leise. Er ließ die Hand des Mädchens nicht los, seine andere Hand legte er unter ihr doppeltes Kinn und streichelte mit dem Daumen über ihre heiße, rote Wange. Dann seufzte er:

"Ich muss in die Küche zurück. Die Köchin frisst mich auf, wenn ich nicht bald da bin."

Das Mädchen löste sich aus seiner Berührung, ging mit forschen Schritten zu ihrem Bett und läuterte die Glocke, die am Kopfende an der Wand hing. Sabine erschien im Türrahmen und knickste "Mademoiselle?"

"Sabine, gib doch bitte in der Küche Bescheid, dass ich den Küchenjungen heute Nachmittag als Hilfe benötige."

"Sehr wohl, Mademoiselle." Sabine knickste erneut und verschwand. Martha drehte sich zu Zevran um und lächelte ihn an "Du hast noch gar nicht aufgegessen."
_______________
Maialina = ital., sorry, Antivianisch ;) für Schweinchen

Bearbeitet von maradeux, 11 Februar 2011 - 09:50 .


#14
maradeux

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6. Schlaflos

Zevran ist zum Markt geschickt worden, um Gemüse zu holen. Eine der wenigen Gelegenheiten für ihn, tagsüber das Haus zu verlassen, und er genoss es. Das Marktreiben war bunt, lebendig und geräuschvoll. Nachdem er seine Einkäufe erledigt hatte, beschloss er, noch ein wenig herumzuschlendern, angelockt von einem bekannten, geliebten Geruch: frisches Leder. Als er sich den Ständen der Gerber näherte, mischte sich ein weiterer Geruch hinzu. Menschlicher Schweiß und... Hund.

Ein Stand von Sklavenhändlern befand sich hinter denen der Lederschneider. Einer der Wächter war ein Qunari in einer billigen, verbeulten Eisenrüstung mit einem einfachen, großen Zweihandschwert. Er schaute den Elfenjungen, der durch die Reihen ging, skeptisch an. Zevran ging weiter, angezogen von einem Gesicht...

Das Angebot der Sklavenhändler bestand aus etwa zwanzig Personen, viele waren Elfen, die Hälfte davon Kinder. Die Erinnerung an sein eigenen Schicksal ließ Zevran schlucken. Das Gesicht, das ihn anzog, war das eines Knaben, ein Elf, wie er selbst und auch in etwa demselben Alter. Seine Haut war noch etwas dunkler als die von Zevran, seine Augen braun, die Haare schwarz und zu zwei Zöpfen geflochten. Über Stirn und Nase trug er ein Tattoo in Form eines Baums: ein Dalish!

Sie standen sich eine Weile gegenüber, zwanzig Schritt entfernt, die Blicke aufeinander gerichtet, erkennend, verstehend. Zevrans Lippen öffneten sich zu einem unhörbaren Schwur: Ich hole dich hier raus. Das verspreche ich dir.

Dann musste er eilen, die Einkäufe zurückzubringen, bevor die Köchin skeptisch würde.

***

Noch in derselben Nacht lief Zevran wieder in Richtung Markt. Es war Zeit für seine nächste Besprechung mit Taliesen. Da das Haus ihrer Zelle zu weit entfernt lag, trafen sie sich regelmäßig in einem Keller am Marktplatz, etwa auf halbem Weg zwischen dem Haus des Bürgermeisters und dem von Senator Lorenzo. Es waren noch ein paar Minuten bis zur verabredeten Zeit.

Zevran kannte das Nachtquartier der Sklavenhalter. Es lag in einer Seitengasse in der Nähe des Marktes. Der schäbige Eingang, eine nierige Holztür, wurde bewacht von eben jenem Qunari , den er schon am Vormittag gesehen hatte und einem Menschen in einer Kettenrüstung aus Stahl mit Schild und Kampfaxt. Zu harte Gegner für ihn allein, und Kampfgeräusche würden weiteren Wachen aus dem Haus rufen.

Es gab aber einen weiteren Weg vom Kanal aus über die Hinterhöfe. Und an jenem Hintereingang, so stellte Zevran fest, wachten nur die Hunde. Zevran stand am anderen Ende des länglichen Hofs, weit genug entfernt, dass die Hunde nicht anschlugen. Geschickt warf er ihnen ein Bündel zu, an dem sie sogleich gierig zu schnuppern begannen. Dann entfernte er sich.

***

Talisen war spät dran. Einige Wunden an Kopf und Schultern waren frisch versorgt und er sah erschöpft aus. Der Kellerraum war spärlich eingerichtet: ein einfaches Bett, zwei Stühle, eine Kommode. Alles geeignet, um bei Bedarf schnell zu verschwinden.

Nachdem Zevran seinen Bericht beendet hatte, öffnete Taliesen ein Kästchen und reichte Zevran einen glänzenden Gegenstand: "Hier, der Nachschlüssel." Zevran steckte ihn in die Hosentasche.

Taliesen schaute den Elfenjungen forschend an. Das blasse Gesicht, die dunklen Ränder unter den Augen "Du siehst müde aus."

Zevran fing an zu lachen "Was soll ich machen? Die Damen lassen mich einfach nicht zur Ruhe kommen."

Taliesen lachte amüsiert. Dann stand er auf, ging zu Zevran hinüber, hob dessen Kinn mit einer Hand und schaute ihm genauer in die Augen: "Was nimmst du?"

Zevran zuckte die Schultern: "Ephidra... aber ich hab fast nichts mehr."

Taliesen zögerte einen Moment. Dann ging er zur Kommode, öffnete ein Schubfach und reichte Zevran ein kleines Päckchen: "Das ist stärker als Ephidra, sei vorsichtig damit. Wenn alles gut läuft, solltest du in zwei, drei Tagen fertig sein. Dann kannst du ausruhen."

Er öffnete die Tür "Wenn sonst nichts mehr ist... ich würde jetzt auch gern schlafen."

Zevran erhob sich elegant, steckte das Päckchen ein. Im Hinausgehen berührte er Taliesens linke Hand und schaute ihm keck in die Augen. "So ganz allein?"

Taliesen grinste und holte mit der rechten Hand aus, als wollte er Zevran schlagen: "Mach bloß, dass du wegkommst!" lachte er.

***

Die Hunde schliefen tief und alle anderen in der engen, stinkenden Unterkunft ebenso. Es war nicht mehr als ein Stall - Lehmboden, ein wenig Stroh. Und sein Geschäft verrichtete offenbar jeder, wo er gerade stand. Zevran setzte seine Schritte mit äußerster Vorsicht.

Den Dalish-Jungen hatte er bald gefunden, hielt ihm den Mund zu, als er ihn weckte, und gab ihm ein Zeichen, das dieser wortlos verstand. Zevran durchtrennte die Fesseln mit seinem Dolch und lachte dabei lautlos in sich hinein: Diese Sklaven waren mit einfachem Stricken gefesselt und nicht in der Lage, sich zu befreien? Das würde ihm nicht passieren. Zumindest jetzt nicht mehr.

Zevran führte den Jungen über die Hinterhöfe zum Kanal. Als sie sich weit genug entfernt hatten, blieb er stehen.

Der Dalish schaute ihn an. "Danke. Ich weiß nicht, warum du mir geholfen hast, aber danke. Mein Name ist Sûl, das bedeutet Wind."

Zevran schaute ernst, dachte nach. "Zevran. Und ich habe keine Ahnung, was das bedeutet... Meine Mutter war auch eine Dalish. Zumindest sagte man mir das so."

Sûl nickte: "Ich kann dir nichts geben für meine Befreiung."

"Vielleicht doch..." sagte Zevran "Kannst du... mir verraten, wo euer Stamm ist?"

Sûl schaute ihn lange, forschend an. Dann flüsterte er: "Drei Tagesreisen flussaufwärts ist eine Furt. Von dort einen halben Tag Richtung Nordwesten. Aber wir bleiben nur noch ein paar Wochen dort. Sobald die Herststürme einsetzen, ziehen wir nordwärts."

Zevran bedankte sich. Jeder der beiden Jungen ging seinen Weg.

***

Auch etwas, das besser war als Ephidra, konnte echten Schlaf nicht ersetzen. Nur drei, vier Stunden pro Nacht waren auf Dauer zu wenig. Und manchmal waren es noch weniger. Zevran fühlte sich, als würde er beständig durch dichten Nebel laufen. Er versuchte sich zu konzentrieren. Der Gedanke, dass es nur noch wenige Tage waren, dass es auf seine eigene Geschwindigkeit ankam, half ihm.

Die Tage waren anstrengend - Arbeit in der Küche, gutes Benehmen bei Tisch, und abends der Signora vorlesen oder Signorina beglücken. Dieser Spionage-Job war aufreibend. Sie zu töten, wäre viel einfacher gewesen.

Es kam vor, dass Signorina Martha ihn nach dem Lunch mit auf ihr Zimmer nahm, ihm Essen gab und ihn den Nachmittag in ihrem Bett verbringen ließ. Nicht dass er wirklich hätte schlafen können, aber allein eine Stunde zu liegen und mit geschlossenen Augen zu ruhen, war schon sehr viel Wert. Dafür nahm er auch ihr lautes Schnarchen in Kauf. Immerhin diente es nachts als Garant, dass sie eingeschlafen war, und er sich ins Arbeitszimmer schleichen konnte.

Die Briefe, so musste er feststellen, waren in einer Schatulle. Zum Glück war das Schloss primitiv, so dass er es mit Hilfe eines gebogenen Drahtes mühelos öffnen konnte. Und wieder schließen nach vollendeter Arbeit. In der ersten Nacht schaffte er zehn Briefe, der Stapel wirkte riesig. Aber nach drei Nächten war er tatsächlich fertig.

Bearbeitet von maradeux, 11 Februar 2011 - 09:49 .


#15
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7. Konsequenzen

Taliesen nickte "Gute Arbeit, Zevran. Hier ist dein Lohn."

Zevran nahm den Beutel entgegen, er wog schwer. Er überprüfte den Inhalt - zweihundert Andris! Das war ungewöhnlich viel für einen Handlanger. Glücklich ließ er den Beutel ein paar mal in seiner Hand hüpfen "Vielen Dank!"

Taliesen wirkte, als wollte er noch etwas sagen. Doch er räusperte sich nur und wies auf die Tür: "Du kannst dann gehen, Zevran..."

Zevran nahm seinen Beutel, sprang auf und tat, wie ihm befohlen.

Erschöpft, aber gut gelaunt, ging er zum Zimmer seines capo. Er stellte sich Sergios erfreutes und stolzes Gesicht vor, wenn er von seinem Erfolg berichten würde. Zu seiner Überraschung war es nicht Sergio, der ihm öffnete, sondern Valentin, einer seiner Schützen. Zevran schaute ihn fragend an: "Wo ist Sergio? Unterwegs?"

Valentin schaute verwirrt "Dann weißt du es nicht? Nein, du warst die ganze Zeit weg, du kannst es wohl noch nicht wissen..."

Er wies auf einen Stuhl und nahm selbst auf einem anderen Platz. Zevran setzte sich zögernd hin, eine plötzliche Ahnung schnürte ihm Magen und Kehle zu. Valentin atmete einmal tief durch und räusperte sich, ehe er Zevran in die Augen sah:

"Ein Auftrag ist schief gegangen. Sergio ist tot, und drei seiner Männer. Wir anderen konnten entkommen."

"Wann..." fragte Zevran tonlos. Seine weit aufgerissenen Augen starrten ungläubig in das Gesicht des groß gewachsenen Halbelfen.

Valentin seufzte "Vier Tage ist das jetzt her. Wir überlegen gerade, ob wir die Gruppe neu ordnen oder uns einer anderen anschließen wollen. Taliesen ist interessiert, so heißt es..."

"Wie..." Zevrans Ton blieb unverändert.

Valentin zuckte die Schultern. "Die genauen Umstände kenne ich nicht. Goisar war am nächsten dran. Er war unser Späher an dem Abend."

Zevran senkte den Blick, nickte still. Tränen waren nicht angebracht. So war das Leben einer Krähe. Entweder man erledigte seinen Auftrag, oder man starb. Jedem konnte das passieren, jeden Tag.

Er verließ stumm das Zimmer und ging in sein eigenes. Den Geldbeutel hätte er am liebsten weggeworfen. Es war ihm nun klar, warum es so viel war - ein großer Teil davon wäre Sergios Geld gewesen. Taliesen hatte es gewusst. Wer weiß, wie lange schon. Und hatte ihm nichts gesagt.

Zevran legte sich auf sein Bett, ohne sich auszukleiden, schaute aus dem Fenster in die Nacht. Trauer, Hass und Wut bildeten einen zähen, schwarzen Klumpen in seinem Magen. Auch wenn er den Ablauf des Abends nicht kannte und es nicht wissen konnte, stand für ihn fest, dass Goisar die Verantwortung für Sergios Tod trug. Und schlimmer - er, Zevran, hätte da sein müssen, er war der Späher...

Was sollte nun werden? Er war noch nicht sechszehn, ist gerade erst fünfzehn geworden. Er war nicht tätowiert, durfte keine Aufträge auf eigene Hand übernehmen. Nicht einmal als Ausbilder durfte er arbeiten, obwohl er im Trainingsraum - inoffiziell - oft die jüngeren trainierte. Und er hatte auch nicht die geringste Lust, sich einer anderen Gruppe anzuschließen. Erst Recht nicht der von Taliesen.

Eine Weile blieb Zevran liegen, erschöpft, ausgelaugt, fassungslos. An Schlaf war nicht zu denken, dennoch spukten Traumbilder durch seine Gedanken: seine frühe Kindheit im Bordell, die Imagination seiner Mutter, das Traumbild, das er von ihr hatte, ihre Handschuhe, dar Dalish-Junge auf dem Sklavenmarkt.

Die Turmuhr schlug drei, als Zevran seine Zimmertür leise hinter sich schloss. Er trug seine Lederrüstung, auch die Handschuhe und hatte ein kleines Bündel auf dem Rücken, in der Hand trug er eine Phiole. Eine andere Zimmertür öffnete sich lautlos, er schlich sich zu dem Bett in dem ein dunkelhaariger Elf lag, fest schlafend. Zevran öffnete die Phiole und ließ einige Tropfen auf dessen Lippen fallen. Der Elf regte sich im Schlaf, leckte die Tropfen ab.

Plötzlich öffneten sich die schwarzen Augen. In Todesangst fixierten sie Zevrans hellbraune. Goisar versuchte zu schreien, aber die Stimmbänder waren bereits gelähmt. Er versuchte, sich zu regen, aber die Bewegungen waren unkontrolliert, auch die Muskellähmung hat bereits begonnen. Atem und Herz würden bald folgen. Zevran schloss die Phiole vor Goisars Augen und steckte sie wieder ein. Der Ausdruck in seinem Gesicht war von eiskalter Zufriedenheit. Er flüsterte sehr leise, aber  deutlich: "Das ist für Sergio. Und für die Handschuhe. Addio, compagno mio!"

Zevran verließ lautlos das Haus und folgte den dunklen Gassen in Richtung Flussufer.

= Ende =

Bearbeitet von maradeux, 11 Februar 2011 - 10:26 .


#16
Raredith

Raredith
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Vielen Dank fuer diese Einblicke in Zevrans Kindheit. Ich mag den Kerl ja eigentlich nicht, aber deine Geschichten sind Guete erster Klasse. Wirklich toll geschrieben und so spannend ^^



Freue mich auf weitere Teile :D

#17
Demetra11

Demetra11
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Gut gemacht, danke das ich das hier finden konnte!

#18
Ylenja

Ylenja
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das ist echt klasse .. überhaupt weil er mein lieblings char is ;)



vielen dank fürs schreiben =D

#19
maradeux

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Ich freue mich wirklich, dass die Geschichten euch gefallen. :)

Ich schreibe gerade an zwei weiteren, weiß aber nicht genau, wie lange die noch brauchen - einige Teile sind fertig, aber leider nicht der Anfang, sondern eher das Ende *lach*

Es ist jedenfalls ein schönes Gefühl, Leser für seine Geschichten zu haben. :happy:

#20
Raredith

Raredith
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Gut Ding will Weile haben, wie man immer so schoen sagt ^^



Lass dich jetzt bloß nicht unter Druck setzen :P

#21
maradeux

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Huch, ich hab ein ein sticky bekommen! :o Danke, wer auch immer das war. ;)

Bearbeitet von maradeux, 01 September 2010 - 04:04 .


#22
maradeux

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Ein Dalishes Intermezzo

1. Kapitel: Ruhelose Flucht


Sein Weg aus der Stadt hinaus führte am Haus der Manicos vorbei. Und da er immer noch im Besitz des Schlüssels war, ließ er aus der Vorratskammer einen Laib Brot und einen Schinken mitgehen. Während seiner Zeit als Küchenjunge im Haus wäre das undenkbar gewesen. Die Köchin wachte mit Argusaugen über ihre Vorräte. Mehr als ein paar gestohlene Happen hier und da wäre zu auffällig gewesen. Nun mochte sie jemand anderen verdächtigen. Bei der Vorstellung ihres wütenden Gesichts, wenn sie den Verlust am nächsten Tag bemerken würde, grinste Zevran vor Schadenfreude. Er schlief in einer verlassenen Scheune am Stadtrand, die er von seinen Spähgängen her kannte - wenige ruhelose Stunden. Zu groß war die Angst, dass die Krähen ihm schon auf den Spuren waren.

Am nächsten Morgen öffnete er sein Bündel, er zog eine einfache Leinenhose, ein schäbige Jacke und eine Mütze heraus, mit der er Haare und Ohren bedecken konnte. Seine Rüstung und einen der zwei Dolche, die er als einzige Waffen bei sich trug, verstaute er im Bündel. Der andere Dolch war in seinem Stiefelschaft. In seiner Verkleidung fiel er in der Stadt kaum auf. Er hätte jeder beliebige Straßenjunge sein können. Die Torwachen nahmen keine Notiz von ihm, als er die Stadt verließ.

Was Sûl verschwiegen hatte: Der Weg "flussaufwärts" führte auch beständig bergauf. Antiva City lag in der Ebene am Meer der Rialto-Bucht. Aber nur wenige Meilen weiter westlich begann das Hochland, das sich nördlich bis in die Trockenlande und westlich bis zu den Ausläufen des Pillar-Gebirges erstreckte. Das Klima war anders, als er es aus der Stadt gewohnt war: Die Tage waren jetzt, im Monat des Königswegs*, immer noch sehr heiß, aber in den Nächten wurde es deutlich kühler.

Zevran kam gut voran. Sein Essensvorrat würde für drei Tage reichen. Brot und Schinken ergänzte er mit Waldbeeren, die er am Wegrand fand. Wasser gab ihm der Fluss, dessen Lauf er stromaufwärts folgte. Das einzige Problem blieb der Schlaf: Die Wildnis nicht gewohnt und aus Angst, ihn könnte ein wildes Tier angreifen, suchte er sich in der ersten Nacht eine Baumhöhle, die - wie er feststellen musste - von sehr vielen Ameisen bewohnt war. In der zweiten Nacht kletterte er auf einen Baum und fiel im Schlaf herunter.

Am Abend des dritten Tages erreichte er die Furt. Das Wasser war hier gegen Ende des Sommers sehr flach. Zevran zog seine guten Stiefel aus, band sie zusammen mit seinem Bündel an einen Stock, den er über den Schultern trug, während er barfuß durch die Furt lief. Die Steine waren glatt und in der Flussmitte war die Strömung stark, so dass er mehr als einmal drohte, den Halt zu verlieren. Er hatte nie schwimmen gelernt, deshalb konnte er sich glücklich schätzen, als er das andere Ufer mit nassen Sachen, aber unbeschadet, erreichte.

Die Nacht brach an. Zevran wechselte die nassen Sachen und legte nun wieder seine Rüstung  und die Stiefel an. Er setzte sich auf einen umgekippten Baum am Flussufer und schaute, wie sich die Sterne im Wasser spiegelten. Es war eine helle, klare Vollmondnacht. Der Weg war gut zu erkennen. Er war müde, aber in Anbetracht der vorhergehenden nächtlichen Erlebnisse,  beschloss er, weiterzugehen, solange es ging...

***

Zevran gähnte, immer wieder fielen ihm die Augen zu. Nordwestlich lief er. Seit Stunden schon durch eine immer gleiche Gegend - Hochebene, Wald, dazwischen hin und wieder ein Stück offene Steppe. Beinah jeden Baum überprüfte er: Die Wetterseite, wo die Rinde rauer war, das Moos sich sammelte - das ist die Richtung, in die er gehen musste. Auch kannte er einen Stern am Firmament, der immer im Norden stand, während sich alle anderen Gestirne um ihn herum bewegten. Er war in der Stadt aufgewachsen. Aber auch dort mussten die kleinen Krähen lernen, nachts in einer unbekannten Gegend ihr Ziel zu finden. Und nicht überall war der hohe Turm des königlichen Palasts zu sehen, der - wann immer möglich - als Orientierungspunkt galt. Nordwestlich war es also. Aber wie genau ist diese Angabe schon? Vielleicht war er schon weit an diesem Dorf vorbei gelaufen? Zevran seufzte, blieb stehen und  lehnte sich an einen Baum. Er war todmüde, die Beine wollten ihn nicht mehr tragen, er konnte die Augen nicht mehr offen halten. So, wie er stand, sackte der Elf in sich zusammen und war sofort eingeschlafen.

Geweckt wurde er von einem Heulen, einem sehr nahen Heulen... Er riss die Augen auf und sah vor sich eine hundeähnliche Kreatur - hellbraun wie das Gras der Hochebene mit einer dunklen Zeichnung auf dem Rücken wie die Schatten der Sträucher und Bäume, eine lange, spitze Schnauze und dreieckige Ohren. Die Kreatur hatte aufgehört zu heulen und knurrte ihn an. Die spitzen Reißzähne blitzten. Aus dem Schatten der Bäume trat eine weitere dieser Kreaturen hervor.

Zevran war augenblicklich hellwach und auf den Beinen, die Dolche in den Händen. Alle seine Nerven schalteten sofort um auf "Kampf" - eine wohlbekannte Situation für ihn. Er sah dem Tier genau in die Augen und wartete. Es rührte sich nicht. Stattdessen näherte sich das andere Tier von der Seite. Zevran hatte sich blitzschnell umgedreht. Jede Kreatur hat eine Kehle, dachte er und rammte seinen Dolch in den Hals des Tieres, welches laut aufheulte und dann leblos zu Boden fiel. Nun kam auch das andere Tier näher. Zevrans nahm seinen zweiten Dolch aus der linken Hand in die rechte. Er wartete den Ansprung des Tiers ab, duckte sich und traf mit dem Dolch das Herz. Das Gewicht des sterbenden Tiers riss den jungen Elf zu Boden. Zevran fühlte den zuckenden, noch warmen Körper auf sich. Blut tropfte ihm auf Kopf und Haare. Er bemerkte, dass das Tier gar nicht so sehr nach Hund roch, eher nach Wald und vermoderter Erde. Zevran schob den Kadaver zur Seite und zog seinen Dolch aus dessen Brust. Dann sah er, wie zwei weitere dieser Wesen sich anschlichen und nahm seine Verteidigungshaltung mit dem Rücken zum Baum wieder ein.

***

Vhenan saß auf einem Hochstand in der Baumkrone einer Korkeiche. Der Clan hatte die kleine Plattform schon vor Jahren errichtet. Jeden Sommer wurde sie von den Jägern genutzt, um den Südausgang des Dorfes zu bewachen. Es war ein ruhiger Posten. Es war überhaupt ein ruhiger Lagerplatz. Die nächste menschliche Siedlung lag mehr als eine Tagesreise entfernt am Südufer des Flusses und Kontakte waren selten - man ging sich aus dem Weg. Es kam auch selten vor, dass sich Tiere dem Lager näherten, sie mieden die Elfen und ihr Feuer. Nur manchmal wagte ein Rudel Rotwölfe einen Angriff auf die Halla.

Eine weitere ruhige Nacht war fast beendet. Der östliche Horizont färbte sich bereits rot - die Sonne würde bald aufgehen. Vhenan hatte es sich auf dem Hochsitz bequem gemacht, sich an einen starken Ast gelehnt, die Beine ausgestreckt und aß eine Banane, als - nicht weit entfernt, ein Heulen zu vernehmen war. Mit einem Seufzen legte Vhenan die Banane zur Seite und nahm den Bogen zur Hand. Zu früh auf das Schichtende gefreut...

***

Zevran versuchte, ohne die Augen von den beiden "Hunden" zu lassen, mit der linken Hand seinen zweiten Dolch aus dem Hals des toten Tieres zu ziehen. Es wollte nicht gelingen. Und die beiden kamen bedrohlich näher. Zevran schaute sich um und griff einen Ast, der am Boden lag. Warum auch nicht. Er hatte lange genug mit Holzatrappen kämpfen müssen, dachte er grinsend. Der rechte "Hund" knurrte und sprang dann mit weit aufgerissenem Maul auf ihn zu. Er nahm den Ast in beide Hände, hielt sie weit auseinander und schob den Ast kraftvoll zwischen die Kiefer des Biests. Das desorientierte Tier schüttelte den Kopf, aber wurde den Stock nicht los. Das andere Biest sprang Zevran seitlich an und warf ihm um - die Zähne seiner Kehle gefährlich nahe.

Plötzlich surrte ein Pfeil durch die Luft, das getroffene Tier heulte vor Schmerzen auf. Es wandte sich von Zevran ab, diesen Moment nutze die junge Krähe, um den Dolch tief im seitlichen Hals des Tieres zu versenken. Es heulte nur noch einmal auf, sank dann ins sich zusammen. Ein weiterer Pfeil surrte und auch das letzte der Hundewesen, das immer noch mit dem Stock im Maul gekämpft hatte, fiel tot um.

Zevran stand auf, noch außer Atem. Er wischte sich mit dem Unterarm Schweiß und Blut aus dem Gesicht. An Hals und Armen hatte er mehrere kleine Bisswunden. Er reinigte seinen Dolch, so gut es ging, indem er ihn in den moosigen Boden rammte. Dann ging er zum ersten Tier, das er erlegt hatte, kniete sich auf dessen Körper und zog mit einer kräftigen Bewegung den zweiten Dolch aus dessen Hals. Gleichzeitig schaute er immer wieder neugierig in die Richtung, aus der der Pfeil geflogen war. Eine schlanke Gestalt hatte sich aus den Bäumen gelöst, einen gespannten Bogen in den Händen kam sie langsam auf ihn zu. Ein Dalish! Zevran steckte seine Dolche in die Scheiden und ging dem Fremden mit offenen Händen entgegen. Er stellte fest, dass es sich bei dem Dalish um eine Frau handelte. Eine sehr junge Frau mit knabenhafter Figur und kurzen schwarzen Haaren. Sie trug eine leichte, grün gefärbte Lederrüstung, die Bauch und Arme frei ließ. Ihre Haut war braun, etwas dunkler noch als Zevrans eigene. Ihr Gesicht war nicht hübsch, eher herb mit strengen Zügen und starken, dunklen Augenbrauen. Die schräg stehenden, grünen Augen wirkten exotisch; unter der schmalen, leicht gebogenen Nase war ein dünner, kleiner Mund.

Zevran lächelte: "Was habe ich doch für ein Glück! Mein Leben wird gerettet und noch dazu von einer wunderschönen Frau!" Er verbeugte sich "Gestatten, mein Name ist Zevran."

"Bleib, wo du bist, Fremder!" rief die Dalish knapp.

Zevran lachte leise, bleib aber stehen "Oh, nicht nur schön, auch gefährlich und stark. Aufregend!"

Die Dalish bleib unbeeindruckt "Was willst du hier, Fremder?"

Zevran hob lächelnd seine Arme: "Aber warum denn so feindselig, gute Frau? Ich suche einen Freund, einen Dalish, den ich in der Stadt kennen gelernt habe. Sûl ist sein Name."

Die Jägerin schaute skeptisch, ließ aber ihren Bogen sinken. "Sûl, sagst du?" Sie schien einen Augenblick nachzudenken. Schließlich sagte sie: "Du kannst mit mir kommen, aber gib mir die Dolche."

Zevran zögerte, leise lachend "Aber aber, was soll ich denn tun, wenn mich noch so ein..." er wies auf die Tierleichen "Biest angreift? Was waren das überhaupt für... Hunde?"

Die Jägerin verzog spöttisch den Mund, den Bogen hatte sie wieder gespannt: "Leg die Dolche auf den Boden oder mein Pfeil durchbohrt dein Herz."

Zevran bezweifelte das. Er hätte immer noch Möglichkeiten gesehen, seine Angreiferin zu überwältigen. Allerdings passte keine davon in seinen Plan und so beschloss er, das Risiko einzugehen. "Nun dann" seufzte er und legte seine Dolche auf die Erde.

"Zurück" sagte die Elfin "Bis zu dem Baum und da stehen bleiben."

Zevran tat, wie ihm befohlen, dabei wich keinen Augenblick das Lächeln von seinem Gesicht. Die Elfin sammelte seine Dolche auf und steckte sie ein. Dann schaute sie den jungen Elf an, dieses hübsche, vorlaute Flachohr mit den blutverschmierten Haaren. "Das waren Rotwölfe. Die gewitzten Jäger der Hochebene. Und du hattest Glück, dass es nur ein kleines Rudel war. Komm jetzt. Ich bringe dich zu unserer Hüterin." Sie wies ihm mit einer Handbewegung den Weg.

_______________
* Monat des Königswegs (kingsway) - 9. Monat des Thedas-Kalenders (=September)

Bearbeitet von maradeux, 07 September 2010 - 03:18 .


#23
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Ein Dalishes Intermezzo

Kapitel 2: Andaran atish'an, da'len!*


Als Vhenan mit Zevran im Dorf ankam, waren bereits alle wach und auf den Beinen. Ein Elf arbeitete an einem neuen Bogen aus Korkeiche, ein weiterer schabte Fleischreste von einer aufgespannten Tierhaut, andere bereiteten Frühstück für ihre Familien vor. Von der Wasserstelle klang Kinderlärm herüber.

Hüterin Einiora saß vor ihrem Aravel und war in ein stilles Gebet vertieft, als Vhenan sie erreichte. Einiora war eine Greisin. Die weißen Haare waren fest zu einem einzelnen Zopf geflochten, der lang an ihrem Rücken herunterfiel. Ihr zerfurchtes Gesicht, von zahlreichen Tätowierungen überdeckt, wirkte wie die Rinde eines uralten Baums. Sie trug ein schlichtes Gewand aus dünnem, grün und gelb gefärbtem Leder mit schwarzen Federn an den Schultern.

Hinter Vhenan und Zevran hatte sich eine Traube neugieriger Elfen gebildet - viele hatten Arbeit oder Spiel unterbrochen und waren ihnen gefolgt. Vhenan wartete respektvoll, bis die Hüterin ihr Gebet beendet hatte, die Augen öffnete und sich erhob. "Aneth ara, Vhenan, wen bringst du mir da?"

"Aneth ara, Hahren Einiora!" Vhenan verbeugte sich leicht "Dieses Flachohr habe ich im Wald gefunden, nur wenige Pfeilschüsse vom Dort entfernt. Ein Rudel Rotwölfe hatte ihn angegriffen. Er sagte, er würde Sûl kennen."

"Ma serannas, Vhenan." sagte die alte Hüterin. Dann ging sie ein paar Schritte auf Zevran zu, stützte sich auf ihren Stab und betrachtete den Elfen skeptisch, aber nicht unfreundlich: "Wie ist dein Name, Da'len? Und woher kennst du unseren Sohn Sûl?"

"Zevran!" rief eine junge Stimme aus der Traube von Dalish-Elfen "Lethallin!" Sûl schob sich durch die Menge und strahlte Zevran glücklich an."Du bist tatsächlich gekommen."

Die Hüterin schaute den Elfenburschen streng an, der sich in vermeintlicher Respektlosigkeit in das Gespräch eingemischt hatte. Dann aber ließ sie die beiden Jungen ihre Geschichte erzählen. Zevran -  nach seiner Familie gefragt - behauptete, dass er ein Waise und ein Botenjunge sei. Von den Krähen erwähnte er kein Wort.

"Meine Mutter war eine Dalish“,  sagte Zevran zum Schluss, "Sie verließ ihren Stamm vor vielen Jahren, da sie sich in einen Stadtelfen, einen Holzfäller verliebt hatte. Aber ich habe meine Eltern niemals kennen gelernt. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, mein Vater schon davor." Auch von dem Bordell erzählte er nichts. Er schaute die Hüterin fragend an: "Kanntet Ihr vielleicht... meine Mutter?"

Die Hüterin überlegte, schüttelte den Kopf. Dann sagte sie in feierlichem Ton "Andaran atish'an, da'len! Betrete diesen Ort in Frieden. Aber du bist verwundet. Komm in mein Zelt, ich schau mir das an."

Während sie die Bisswunden an Zevrans Hals und Armen wusch und mit Umschlägen versorgte, erzählte Einiora: "Deine Mutter war nicht von unserem Clan. Aber es kommt selten vor, dass eine Dalish ihr Volk verlässt. Bei unserer letzten Zusammenkunft, die nun neun Jahre zurück liegt, wurde ihre Geschichte erzählt. Sie soll eine sehr schöne Frau gewesen sein. Wenn ich mich recht entsinne, zieht ihr Clan durch den Arlathan-Wald. Das ist sehr weit weg, und einen genauen Ort kann ich dir nicht sagen."

"Danke" sagte Zevran. Er wirkte traurig und nachdenklich.

***
Vor dem Zelt der Hüterin wartete Sûl mit einer Frau und einem Mann mittleren Alters. Die Frau, deren herbe Gesichtszüge Zevran bekannt vorkamen, sprach ihn freundlich an. "Mein Name ist Morneryn, ich bin Sûls Mutter. Das ist Tathar, mein Mann. Wir möchten dich einladen, in unserem Aravel zu wohnen, solange du bei unserem Clan weilst. Der Retter unseres Sohns ist uns herzlich Willkommen."

Zevran lächelte und deutete eine Verbeugung an "Ich sehe, wem Sûl sein gutes Aussehen zu verdanken hat. Euer Angebot nehme ich gern an. Ehrlich gesagt - ich bin sehr müde."

Die Aravels waren die Wagen, mit denen die Dalish über das Land zogen. Sie wurden von den Halla, den von ihren verehrten weißen Hirschen gezogen. Von den Menschen wurden die stattlichen Gespanne als "Landschiffe" bezeichnet. Hatte ein Clan seinen Lagerplatz erreicht, wurden auf den Aravels und um sie herum Zelte aufgeschlagen.

Zum Aravel von Sûls Familie gehörten ein Wohn- und ein Schlafzelt. Da das Schlafzelt zu eng gewesen wäre, um noch einer weiteren Person Platz zu bieten, zogen die Eltern mit ihren Schlafplätzen in das Wohnzelt um. Für Zevran wurde ein Schlafplatz neben dem von Sûl und dessen Schwester Vhenan eingerichtet.

Zevran legte sich auf seinen Schlafplatz und schlief sofort ein. Abends wachte er kurz auf, nahm am Abendessen der Familie teil, und legte sich danach gleich wieder hin, um noch einmal fast zwölf Stunden bis zum nächsten Vormittag zu schlafen. Die Dalish begannen sich zu wundern und fragten sich, ob das bei den Flachohren so üblich wäre, oder ob seine Verletzungen schwerer waren, als sie aussahen. Aber nach zwei Tagen normalisierte sich Zevrans Schlafrhythmus. Er schaute sich im Dorf um, ließ sich viel zeigen, sowohl von Sûl als auch von dessen Eltern. Er interessierte sich für das Handwerk, besonders für das Gerben von Leder und die Kräuterkunde. Zevran lernte, wie die Dalish ihre Bögen führen. Sie waren anders gearbeitet als die Bögen, die Zevran von den Krähen her kannte: Sie waren länger, gleichzeitig leichter und sie hatten kein Visier; man zielte über die Pfeilspitze. Die Pfeile wurden selbst hergestellt, ihre Stein-, Holz- oder Knochenspitzen wurden oft in Gift getränkt. Auch hier lernte Zevran neue Rezepte, die er begierig in sein Repertoire aufnahm.

***
"Du lügst!" Vhenans Stimme war streng, ihr Ton misstrauisch.

Zevran saß vor dem Aravel der Familie und war gerade damit beschäftigt, einige Kräuter in einer kleinen Schale zu zerbröseln. Nun schaute er fragend auf.

Vhenan hatte eine Hand in ihre Seite gestemmt. "Ich glaube dir nicht, dass du ein Botenjunge bist. Ich habe dich kämpfen sehen. Wo hast du das gelernt?"

Zevran stellt die Schale mit den Kräutern beiseite und stand auf. Er nahm eine entspannte Haltung ein, lächelte: "Ein Stadtjunge muss sich wehren können. Die Straße ist der beste Lehrmeister."

"Und die Waffen? Und die Lederrüstung?" fragte Vhenan

Zevran lachte leise und zwinkerte: "Nun, ich habe auch stehlen gelernt."

"Mögen die anderen dir deine Lügen glauben, ich jedenfalls nicht!" beendete Vhenan das Gespräch und ging mit forschen Schritten davon.

Zevran schaute ihr mit einem schwärmerischen Blick hinterher, schüttelte lächelnd den Kopf und seufzte: "Was für eine entzückende Person!"

"Nimm es ihr nicht übel." Sûl war an den Freund herangetreten und legte eine Hand auf dessen Arm. "Es ist keine leichte Zeit für sie. Vor kurzem hat sie ihren Mann verloren - er starb bei der Jagd." Sûl legte eine Sprechpause ein, schaute seiner Schwester hinterher, wie sie zwischen den Zelten verschwand. "Sie lebten bei einem benachbarten Clan, aber nach seinem Tod kehrte sie zu uns zurück." Sûl schaute Zevran an: "Sie hat ihn sehr geliebt, musst du wissen. Vor Kummer hat sie sich ihre Haare abgeschnitten."

"Nun." sagte Zevran und schaute immer noch lächelnd in die Richtung, in die Vhenan verschwunden war: "Ich würde sie ja trösten."
___________________________________
*in diesem Kapitel verwendete elfische Begriffe:

Andaran atish'an: Betrete/t diesen Platz in Frieden. Eine respektvolle elfische Begrüßungsformel, vor allem gegenüber Fremden
Aneth ara: eine vertraute Begrüßungsformel, wie sie unter Clanmitgliedern üblich ist.
Da'len: Kind
Hahren: alter Mann /alte Frau. Respektvolle Anrede einer Person hohen Alters (ebenfalls die Bezeichnung für den Ältesten in einem Gesindeviertel)
Lethallin: Freund (männlich)
Ma serannas: danke

Bearbeitet von maradeux, 07 September 2010 - 09:27 .


#24
maradeux

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3. Kapitel: Schwimmtraining

"Schau, das wollte ich dir zeigen."

Der Wald hat sich geöffnet und zwischen den Bäumen glitzerte blau das Wasser eines klaren Sees. Die warme Septembersonne tanzte in hellen Flecken auf den kleinen Wellen.

Sûl zog sich aus und sprang ins Wasser "Komm nur rein, es ist warm." Mit wenigen schnellen Schwimmzügen war er in der Mitte des kleinen Sees.

Zevran grinste, legte seine Sachen ab und ging ins Wasser. Tatsächlich war es sehr warm, der feine Sand angenehm weich unter seinen Füßen. Er setzte sich in das flache Wasser, streckte sich gemütlich aus und schnurrte wohlig mit geschlossenen Augen. Die Sonne streichelte sein Gesicht. Er lebte gerade erst seit einer Woche bei dem Dalish Clan. In Bezug auf Sûl kam es ihm schon viel länger vor. Sie verbrachten viel Zeit miteinander, es hatte sich schnell eine Vertrautheit zwischen ihnen entwickelt, wie der junge Assasin sie nie zuvor erlebt hatte. Und zuweilen kam es Zevran vor, als wäre da noch mehr...

Sûl schwamm zu ihm: "Warum kommst du nicht in die Mitte, da ist es noch schöner."

Zevran öffnete die Augen und zuckte lächelnd die Achseln "Ich kann nicht schwimmen."

Der Dalish Elf brach in Gelächter aus "Du kannst nicht schwimmen? Jedes kleine Kind bei den Dalish kann das. Komm her, ich bring es dir bei."

Er führte Zevran in etwas tieferes Wasser, so dass es ihm selbst bis zum Bauchnabel ging und wies ihn an, sich flach auf den Bauch zu legen. Er unterstützte ihn mit den Unterarmen. "Genau so, den Kopf über Wasser lassen, dann die Arme so und die Beine..."

Zevran war vergnügt. Es war ihm überaus angenehm, von dem hübschen Elfenjungen berührt zu werden. Doch er hatte das Gefühl, dass nicht nur er selbst Gefallen daran fand.

"Oh, was ist denn das?" Zevran hielt sich an Sûls Schultern fest und stand langsam auf. Er lächelte dem Freund ins Gesicht und tastete nach seiner Hand, begann sie zu streicheln. Sûl wich nicht zurück. Er schaute Zevran an. Dann bewegte er zögernd seine noch freie Hand und griff nach der freien von Zevran, so dass sich beide Jungen Hand in Hand gegenüber standen, ganz nah.

Sûl näherte sich Zevrans Gesicht, schloss seine Augen und vorsichtig, ganz leicht berührten seine Lippen die des anderen Jungen. Dann zog er sein Gesicht zurück und schaute fragend. Zevran lächelte. Er ließ Sûls linke Hand los, strich sanft seinen Arm entlang bis zur Schulter. Dann legte er seinen Unterarm um Sûls Nacken, zog den Jungen zu sich heran und küsste ihn.

"Dieses Schwimmtraining gefällt mir außerordentlich gut." hauchte er.


***

Die beiden Jungen saßen nebeneinander auf einer kleinen Erhebung am Rande des Sees. Sie hatten sich angekleidet, die Haare waren noch nass. Die milde Abendsonne tauchte ihre Gesichter in ein warmes Rot.

"Wie bist du eigentlich auf den Sklavenmarkt gekommen?" fragte Zevran den Gefährten.

Sûl schaute nach unten. "Ich sollte heiraten."

"Heiraten?" fragte Zevran. Er schaute verwundert. "Wie alt bist du?"

"Ich bin sechszehn" sagte Sûl. "Aber so ist es Brauch. Wenn ein Junge sein erstes Tier tötet, ob das mit sechszehn oder erst später der Fall sein mag, wird er als Mann betrachtet." Er legte den Kopf zur Seite und wrang sich die letzten Wassertropen aus den langen, schwarzen Haaren. "Man führt dann ein Ritual durch, bekommt sein Vallaslin." Er wies auf die Zeichen auf seiner Stirn "Das ist unsere Blutschrift. Und es wird erwartet, dass der Jäger sich eine Frau sucht. Oder von einer erwählt wird."

Zevrans Miene wechselte zwischen Neugier, Erstaunen und Beunruhigung: Würde man dasselbe auch von ihm erwarten, da er nun bei den Dalish lebte? "Aber kannst du nicht sagen, dass du damit warten möchtest, bis du zwanzig bist oder dreißig?" fragte er schließlich.

Sûl schaute auf seine eigenen Hände, die gefaltet in seinem Schoß lagen: "Das ist es nicht, das wäre kein Problem. Man kann so lange warten, wie man möchte. Unser Leben ist lang, länger als das von Stadtelfen." Er streifte den Freund mit einem kurzen Blick, ehe er wieder auf die eigenen Hände sah: "Also, es geht nicht darum, dass ich mich zu jung dafür fühle. Es gab auch Mädchen, die sich für mich interessiert haben. Aber..." Sûl schaute Zevran an. Unsicher, zögernd "Mir... hat keine gefallen."

Zevran lachte leise "Oh, wählerisch. Das muss ich dann wohl als Kompliment betrachten. Also... wolltest du anderswo nach einer Braut für dich suchen?"

Sûl schüttelte langsam den Kopf: "Nein... ich denke..." Er schluckte. Seine Stimme wurde zu einem tonlosen Flüstern: "Ich denke, ich mag überhaupt keine Frauen. Gar nicht. Nur Männer." Er stand auf, griff einen Stein und warf ihn über den See. Er hüpfte über das Wasser, hinterließ eine Spur sich vermehrender Ringe.

"Nun", fragte Zevran und zuckte die Schultern "Was ist dabei? Dann wählst du dir eben einen Mann."

Sûl schaute Zevran irritiert an. Er schüttelte den Kopf. "Nein, das geht nicht. So etwas gibt es nicht. Nicht bei uns." Er ging bis zum Rand der Anhöhe. Die Arme hatte er vor der Brust verschränkt. Die Sonne verschwand hinter den Bäumen am anderen Seeufer. Sterne blinkten auf und die Geräusche der Nacht setzten ein.

Zevran stand nun ebenfalls auf, fuhr sich mit beiden Händen durch die feuchten Haare und lief zu seinem Freund hinüber, um ihm in die Augen schauen zu können. "Also... bist du weggelaufen?"

Sûl nickte.

"Aber nun bist du wieder hier. Was hast du jetzt vor?"

Der Elf zuckte die Schultern. "Ich denke, ich werde heiraten müssen. Irgendwann... Vielleicht... kann ich es ja lernen, Frauen zu lieben?" Er schaute dem Gefährten fragend in die Augen: "Du... magst beides, nicht wahr? Ich habe gesehen, wie du meine Schwester anschaust..."

Zevran lachte "Oh ja, ich bin da ziemlich offen. Aber ich war schon immer so. Ob man das lernen kann?" Er zuckte die Schultern. "Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich war auch bei den... in meinem Freundeskreis etwas Besonderes."

Sûl schaute ihn lange an: "Ja, du bist etwas Besonderes. Das stimmt."

Bearbeitet von maradeux, 09 September 2010 - 01:35 .


#25
Goli71

Goli71
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Besser als die Bücher zu Dragon Age!

*Daumen Hoch*

Wird man später auch was über andere Charaktere hören?