Von Schicksal und Tod
7. Kapitel: Glück im Unglück(Teil 1)
Eine rasiermesserscharfe Haarnadel mit einem sofort tödlichen Gift im Haar zu tragen, war äußerst riskant, aber in diesem Fall notwendig. Und es würde nicht auffällig sein, wenn sich der junge Elf in einem Moment höchster Extase ins eigene Haar griff. Dann kam es nur noch darauf an, die Nadel so schnell und geschickt an der richtigen Stelle im Hals zu versenken, dass dem Opfer für einen Schmerzensschrei keine Gelegenheit mehr blieb...
Trinibelli streichelte das Gesicht des hübschen Elfen. Plötzlich wurden unter dem Make Up dunkle Linien sichtbar. Der Handelsprinz stutzte und hob den Kopf vom Kissen: "Moment mal, du bist tätowiert?"
Zevran blieb äußerlich völlig gelassen. Aber da er nackt auf dem Bauch seines Opfers lag, war es schwer möglich, sein schnell pochendes Herz zu verbergen: "In der Tat, ich habe mir das Gesicht verschönern lassen. Olinda war sich nicht sicher, ob es den Kunden gefällt, darum sollte ich es verdecken. Mögt Ihr es? Ich könnte mich abschminken, wenn Euch das lieber ist."
Doch Trinibelli ließ sich durch die hübsch vorgebrachte Lüge nicht beruhigen, er wirkte äußerst skeptisch. Würde er die Wache rufen? Zevran blieb keine Zeit, lange zu überlegen. Er griff sich ins Haar, doch die Geste wirkte in diesem Moment alles andere als "natürlich". Der Kaufmann versuchte aufzustehen, seine Lippen öffneten sich zum Schrei. Blitzschnell verschloss Zevran den Mund mit der linken Hand. Der Kaufmann wehrte sich mit Händen und Füßen. Er war kein geübter Kämpfer, aber er war stark! Keine Chance für Zevran, mit seiner Nadel den Hals zu erreichen. Im Gegenteil, er musste aufpassen, sich nicht selbst zu berühren. Er schaffte es, die Nadel in den linken Arm des Kaufmanns zu stechen, der seine Hand behindert hatte. Trinibelli zog erschrocken den Arm weg, was dem Assassin die Gelegenheit bot, in dessen Hals zu stechen. Doch er traf nicht den richtigen Punkt, der Kaufmann war deutlich geschwächt, aber er wehrte sich immer noch, versuchte, die Hand auf dem Mund loszuwerden, biss hinein. (Gut, dass die Krähe gelernt hatte, Schmerz stumm zu ertragen.) Der Assassin zog die Nadel aus dem Hals und versenkte sie noch einmal direkt im Herz des Handelsprinzen. Endlich ließ der Mann von ihm ab. Das Zucken ließ nach, er war tot.
Zevran schwitzte und war völlig außer Atem. Er schüttelte die schmerzende linke Hand, sie blutete sogar von Trinibellis Bissen. Und er hatte Angst - hatte man vor der Tür etwas mitbekommen? Würde jeden Moment eine Wache hereinstürmen? Er schloss die Augen, konzentrierte sich, zwang sich zur Ruhe. Im Vorraum blieb es still, aber viel Zeit würde ihm nicht bleiben. Es war ausgemacht, dass die Wachen nach spätestens einer halben Stunde anklopften und nachfragten, ob alles in Ordnung sei. Wie viele Minuten waren vergangen, seit er das Zimmer betreten hatte?
Der Assassin entfernte die Haarnadel aus der Brust seines Opfers und steckte sie vorsichtig in die eigenen Haare zurück. Sein Blick fiel auf den Ohrring, den der Kaufmann trug. Eine kleine goldene Kreole mit einem winzigen Saphir. Sicherlich nicht teuer, aber raffiniert, ein Liebhaberstück. Zevran nahm ihn an sich. Er hatte keine Erinnerung an Sergio, so würde er wenigstens eine an dessen Mörder haben.
Der Fluchtweg war sorgfältig geplant, aber äußerst gefährlich: So lautlos wie möglich musste das Fenster geöffnet werden. Der nackte Elf musste der einzelnen Wache unter dem Fenster so auf den Kopf springen, dass dieser möglichst sofort tot, oder wenigstens ohnmächtig zusammenbrach. Er hätte nicht gedacht, dass es so weh tun würde, mit nackten Füßen auf einem Stahlhelm zu landen. Aber der Sprung schien gelungen, der Wächter kippte stumm vorwärts. Zevran fiel im selben Moment nach hinten mit dem Rücken gegen die Hauswand. Das gab ein paar fiese, blutige Schleifspuren, und wieder galt es, den Schmerz wegzubeißen. Nun musste der nackte Assassin über den Hof schleichen bis zu dem Strauch an der Mauer, in dem ein Paket für ihn versteckt war mit Kleidung, Schuhen und zwei Dolchen. Am Hinterausgang griffen ihn vier Wachen an. Sie hatten gegen die Krähenscharfschützen, die auf den Dächern und im gegenüber liegenden Gebäude postiert waren, keine Chance. Zevran konnte entkommen.
***
Der Arzt, der ihn schon während seiner Krankheit betreut hatte, versorgte seine Hand, seinen Rücken und ein paar Stichwunden, die Zevran beim Kampf gegen die Wachen hatte einstecken müssen. Der junge Elf nutzte die Gelegenheit, um sich von fachkundiger Hand ein hübsches Ohrloch stechen zu lassen, und legte seine neue Eroberung gleich an.
Taliesen, Antonio und - so hieß es - auch Arainai selbst waren mit dem Ausgang von Zevrans erster eigener Mission mehr als zufrieden. Nachdem der junge Elf die Hauptperson erledigt hatte, griffen mehrere Krähengruppen Trinibellis Anwesen an. Nach dem Tod ihres Dienstherrn flohen viele seiner Wachen, nur seine ergebensten Diener verschanzten sich im Haus und boten sich mit den angreifenden Krähen einen erbitterten Kampf. Es soll ein großes Gemetzel gegeben haben, doch die Verluste waren vergleichsweise gering. Die meisten der geflohenen Wachen wurden von weiteren Krähen-Gruppen in den Straßen und am Hafen abgefangen. Sonderprämien gab es für jeden erledigten Verräter.
Zevran wurde aus dem großen Kampf herausgehalten, er sollte sich ausruhen - es gab einen neuen Fall, um den er sich baldmöglichst kümmern sollte. Für Taliesen bedeutete der von seiner Gruppe arragierte Erfolg einen bedeutenden Aufstieg innerhalb der Zelle.
(Teil 2)
"Neuer Auftrag..." sagte Antonio im neutralen Ton eines Geschäftsabschlusses. "Ein Magier, dass sich für Arainais Geschmack zu sehr in die Stadtpolitik eingemischt hat. Für morgen ist seine Rückkehr in den Zirkel angekündigt. Er wird in der Kutsche nur von einer einzelnen Wache begleitet. Das sollte kein Problem für dich sein." Er reichte dem jungen Assassin eine Schriftrolle mit den Informationen zum Fall.
"Ein Magier?" fragte der Assassin skeptisch. Einiora und Shannon waren die einzigen Magier, die Zevran bisher erlebt hatte. Sie beherrschten Naturzauber wie das Herbeizaubern von Glühwürmchen und Stechfliegen; sie konnten sich die natürliche Umgebung zu Diensten machen, um ihre Feinde vorübergehend zu wurzeln oder zu lähmen. Aber den legendären Magiern, von denen Zevran gehört hatte, schossen Blitze und Feuer aus den Händen.
Antonio zog seinen Mundwinkel nach unten: "Stich einfach schneller zu, als er die Hände bewegen kann" war sein abschließender Rat.
***
Der Assassin war verkleidet als Botschafter des Bürgermeisters mit dem Auftrag, eine Nachricht zum Zirkel der Magi zu bringen, und es wurde arrangiert, dass er in der Kutsche des Magiers mit reisen durfte. Zu seiner Überraschung war der "Magier" eine zauberhafte junge Dame mit rotblonden Locken und fantastischen langen Beinen. Sie trug eine reichlich bestickte Robe aus elfenbeinfarbener und goldener Seide. Er unterhielt sich mit ihr und ihrem Wächter, sie scherzten viel und tranken Wein. Als die Magierin schlief, erlitt ihr Wächter einen plötzlichen Herzstillstand. Dummerweise fiel der tote Wächter auf die Magierin, die davon erwachte. Erschrocken schrie die junge Frau auf, als sie bemerkte, dass der Wächter nicht eingeschlafen, sondern tot war! Zevran hielt ihr den Mund zu. "Ruhig, mein Kind, ganz ruhig."
"Du tötest mich doch nicht, oder? Bitte nicht.." flehte sie ihn an.
Der junge Assassin stutzte. Dass ihn jemand um sein Leben anflehte, war neu für ihn. Seine bisherigen Opfer fanden ihren Tod im Kampf. Oder der Mord geschah so unvermittelt, dass sie sich nicht mehr hatten wehren können. Und dann eine Frau wie diese... sie mochte höchstens zwanzig sein, hatte ein wunderschönes Gesicht, ihre Haut war zart wie Seide, ihre Augen wie tiefe grüne Seen der Unschuld, sie duftete wie eine Rose im Mai. Könnte es nicht irgend eine Möglichkeit geben, sie zu verschonen? "Keine Angst, Süße. Ich töte dich nicht."
"Aber du wolltest, nicht wahr? Das war doch dein Auftrag."
Nun war Zevran verwirrt "Wie kommst du denn darauf, mein schönes Kind?"
"Ich bin nicht dumm," sagte die junge Magierin bestimmt. "Ich habe keinen Augenblick geglaubt, dass du ein Botschafter bist."
"Warum..." Der Assassine geriet nun wirklich ins Grübeln "...hast du dann zugelassen, dass ich mit euch komme in der Kutsche? Warum hast du die Wache nicht gewarnt, warum hast du geschlafen."
Sie schnaubte leise: "Ich habe nicht geschlafen. Ich habe gewartet, was passiert. Und als du meinen Wächter getötet hast, war mir klar, dass ich micht nicht geirrt hatte - sie haben mir die Krähen auf den Hals gehetzt!"
"Woher weißt du so viel? Für wen arbeitest du?" fragte der Assassin.
Sie nahm sanft seinen Kopf und zog ein Ohr an ihre Lippen: "Lorenzo ist interessiert, eine eigene Krähenzelle zu erwerben. Er plant den offenen Krieg gegen Arainai. Du steckst da mitten drin, nicht wahr? Vielleicht könnten wir ja zu einer Einigung kommen, von der wir alle profitieren können?"
Plötzlich ruckelte der Wagen, die Pferde scheuten, die Kutsche bewegte sich sprunghaft vorwärts und kippte schließlich um. Die Magierin, die beinah auf Zevrans Schoß gehockt hatte, wurde rückwärts mit dem Genick gegen die Rückbank geschleudert. Zevran hörte ein deutliches Knacken. Er flog selbst durch die Gegend, konnte den Fall aber mit Armen und Beinen abfangen. Einen Moment lang war alles ruhig. Dann hörte der Assassin Schritte. Jemand klopfte gegen die Kutsche "Oh beim Erbauer, alles in Ordnung da drinnen?" fragte der Kutscher in seinem breiten Provinz-Dialekt "Ist jemand verletzt?"
Der junge Assassin schaute sich um und fand die Magierin eingeklemmt zwischen den Sitzbänken. Ihr Kopf lag in einem sehr ungesunden Winkel zum Körper. Er krabbelte aus einem der zerschlagenen Fenster, rieb sich die Prellungen an Armen und Beinen, er hatte auch zahlreiche kleine Schnittwunden: "Mir geht es gut. Aber ich befürchte, die beiden anderen sind tot." sagte er mit einem Gesichtsausdruck tiefsten Bedauerns.
"Oh, bei Andraste, was mach ich nur, was mach ich nur?" Der Kutscher stand neben seinem Wagen und schüttelte den Kopf in Verzweiflung.
"Wo sind wir denn, guter Mann, und was ist überhaupt passiert?" fragte Zevran und legte dem Kutscher tröstend eine Hand auf die Schulter.
"Eine Schlange, eine Schlange war auf dem Weg. Die Pferde haben verrückt gespielt, sie sind mir durchgegangen... Wir sind kurz vor Genellan," sagte der Kutscher.
"Genellan? Ich dachte, wir wären auf dem Weg nach Treviso?" fragte der Assassin mit ungetäuschter Überraschung.
Der Kutscher zuckte die Schultern: "Es war eine Anweisung der jungen Dame."
Zevran musste aufpassen, dass er nicht laut zu lachen begann. Was immer die Magierin in Genallan vorhatte - eines war klar, sie hatte ihn angelogen. Was für ein hinterhältiges kleines Miststück, dachte er, das Schicksal ist schon eine gerissene Schlampe...
"Ich nehme mir eins deiner Pferde, guter Mann, ich muss meinen Auftrag erfüllen." Seine Reitausbildung bei den Krähen lag schon eine Weile zurück. Es waren wenige Monate im letzten Ausbildungsjahr. Es hatte ihm sehr viel Spaß gemacht, und er konnte sich noch gut an alles erinnern. Allerdings hatte er sich bis zum heutigen Tag gefragt, wofür er sie überhaupt brauchen würde. Er löste eines der Pferde von der Kutsche, schwang sich auf das sattellose Tier und testete, ob es auf den Druck seiner Beine reagierte. Es tat - es war einen Reiter gewohnt.
Der Kutscher blieb hinter ihm zurück und winkte ratlos ab. Was für ein schönes Schlamassel...
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Ein paar Anmerkungen zu diesem Kapitel: Wer Zevrans Dialoge gut kennt, wird erkannt haben, dass ich hier seine ersten zwei Missionen schildere: den Handelsprinzen aus Rivain, vom dem Zevran sagt, er sei seine allererste Mission gewesen, und als er ihn tötete, trug er einen einzelnen, juwelenbesetzten Ohrring, und sonst nichts. Und die Magierin in der Kutsche, von der Zevran sagte, sie sei sein zweiter Auftrag gewesen.
Die Story des Handelsprinzen habe ich ausführlicher gestaltet und besonders wichtig erscheinen lassen, weil ich einen logischen Grund brauchte, warum die Krähen Zevran überhaupt wieder in ihren Reihen akzeptiert haben, nachdem er zu den Dalish geflohen war. Im Grunde gibt es in Zevrans Erzählungen einige Ungereimtheiten, dies ist eine davon: Er sagt immer wieder, die Krähen würden jedes ihrer Mitglieder als "entbehrliches Objekt" behandeln, man wäre im Grunde nichts wert - wenn man eine Mission nicht erfüllt, ist man "vogelfrei", wenn man versucht zu flüchten, ebenso. Wenn er also nach seinem Ausflug zu den Dalish wieder aufgenommen wurde, musste es einen besonderen Grund dafür geben, und zumindest einige höher gestellte Krähen müssten für ihn eine Ausnahme durchgesetzt haben.
Zweite Mission - auch hier gab es einige Widersprüche in Zevrans Erzählung:
1. Wie soll es nach einem Unfall ausgesehen haben, wenn Zevran zuerst den Wächter getötet hat? - Der Tod des Wächters musste also geklärt werden.
2. Wie soll der Kutscher über die Änderung des Reiseziels informiert werden (und dann noch über zwei verschiedene Reiseziele), wenn die beiden die ganze Zeit zusammen in der Kutsche sitzen? Ich habe die Erzählung dahingehend verändert, dass Zevran davon ausging, die Reise würde nach Treviso gehen (ich habe nirgends eine Angabe dazu gefunden, wo sich der Turm der Magi in Antiva genau befindet, ich habe ihn jetzt in Treviso angesiedelt. Kann ich ändern, falls es irgendwann notwendig sein sollte
); während die Magierin von Anfang an den Kutscher instruiert hatte, einen anderen Weg zu fahren.
3. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich Zevran noch auf ein Gespräch mit der Magierin eingelassen hätte, wenn diese wirklich zweimal versucht hätte, ihn zu töten - einer von beiden wäre bereits nach dem ersten Versuch tot gewesen. Ich halte das also für eine "dramatische Ausschmückung". 
Aus dem Rest der Erzählung habe ich versucht, ein einigermaßen logisches, nachvollziehbares Konstrukt zu machen. (Natürlich hätte ich eine Liebesszene einbauen können - möglich wäre sie gewesen - aber ich denke, genau das würde Zevran als erstes erfinden.) Vom Schluss her gesehen sollte die Szene nun funktionieren: Zevran war überrascht, dass die Kutsche ein anderes Fahrziel hatte als angenommen; er hat die Magierin nicht wirklich umgebracht; der Turm der Magi dürfte keinerlei Verdacht geschöpft haben, da das Ganze nun in der Tat "wie ein Unfall" aussah (glaubhaft nun auch für den Wächter); und der Meister dürfte begeistert gewesen sein.
Modificata da maradeux, 18 settembre 2010 - 11:16 .