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Eine mörderische Kindheit + Antiva-Episoden - Fan-Fiction - Zevran


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134 réponses à ce sujet

#51
maradeux

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Ich habe eine weitere Kindheitsepisode in die Geschichte eingefügt: Der Tutor. Zeitlich einzuordnen nach "Im Keller" und vor "Süßes Gift"

#52
maradeux

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Antiva-Episoden

(2) Flammen

Er war auf dem Rückweg von einem Auftrag, als er ein seltsames Flackern in der Dunkelheit sah. Er folgte ihm und hörte das Klirren aufeinander schlagenden Metalls. Figuren in stummem, schnellen Tanz, ein Schwertkampf.

Ein Elf in schwarzer, geschmeidiger Lederrüstung mit einem ungewöhnlichen Metallgürtel und langen, silberblonden Haaren - es war Meister Antonio. Er bewegte sich schnell und grazil, drehte sich und schwang seine Waffen. Es war das erste mal, dass Zevran jemanden mit zwei Schwertern kämpfen sah, gleich geschickt und stark von beiden Händen geführt. Um die geschwungenen Klingen herum loderten rote Flammen.

Der Meister kämpfte gegen zwei Gegner. Als er dem vorderen den Todesstoß versetzte, drohte der zweite ihm in den Rücken zu fallen. Blitzschnell war Zevran zur Stelle und rammte dem Angreifer seinen Dolch zwischen die Rippen. Im selben Moment drehte der Meister sich um, mit dem Schwung seiner Klingen trennte er den Kopf des schon toten Mannes ab. Der Leichnahm fiel in sich zusammen, der Kopf rollte druch die Gasse.

Meister und junger Assassin standen sich gegenüber. Zevran sah Feuer in Antonios sonst ausdruckslosen Augen - flammende Leidenschaft. Sein Herz pochte vor Aufregung und Bewunderung. Er öffnete den Mund zu einem fragenden Flüstern: "Flammenschwerter?" Es war das erste mal, dass er das Gesicht des Meisters lächeln sah: "Lyriumrunen," war alles, was er sagte.

Dann führte er mit einen schnellen Bewegung sein rechtes Schwert haarscharf über Zevrans bloßen Unterarm. Die feinen blonden Härchen wurden versengt, auf seiner Haut bildete sich von der Hitze ein roter Firn. Erstaunt schaute der junge Elf auf seinen Arm, fuhr mit der rechten Hand über die brennende Stelle. Als er wieder aufschaute, war der Meister verschwunden.

Modifié par maradeux, 25 septembre 2010 - 01:17 .


#53
maradeux

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Antiva-Episoden

(3) Entspannung

Taliesen ließ sich in den Sessel fallen und stöhnte. Es war ein langer Tag - sie hatten einer Spur durch die halbe Stadt folgen und dann Stunden in einer Gasse lauern müssen, um ihr Opfer aufzuspüren. Schließlich waren sie erfolgreich: Der Gesuchte war tot, seine drei Begleiter ebenfalls. Eine böse Schnittwunde an Taliesens Unterarm war inzwischen versorgt worden, aber er hatte viel Blut verloren und sah blass aus. Zevran stellte sich hinter ihn und begann, ihm Schultern und Nacken zu massieren. "Komm, entspanne dich ein bisschen. Am besten, du legst dich auf dein Bett." lächelte er.

Taliesen murmelte und stöhnte leise: "Ich weiß genau, was du vorhast, Zev. Aber vergiss es, ich steh nicht auf Männer."

Der Elf lachte leise: "Tsk, tsk, tsk, ich will doch nur, dass du dich entspannst. Ich kann gut massieren, wirklich, glaube es mir."

"Also gut, also gut..." Der Capo gab sich geschlagen, er setzte sich müde auf sein Bett, Zevran half ihm beim Auskleiden, wies ihn an, sich hinzulegen und massierte ihn ausgiebig und gründlich. Ob Taliesen es wollte oder nicht, die Berührungen erregten ihn. Sein gesamter Körper entspannte sich, nur ein bestimmter Teil tat gerade das Gegenteil. Natürlich bemerkte das der Elf und verstärkte seine Bemühungen, bis... ja, bis es geschah...

Zevran grinste schelmisch: "Siehst du, ich wusste, dass das passieren würde."

"Bilde dir nichts drauf ein," sagte der jungen Mann müde. "Ich gebe zu, dass war die beste Massage, die ich jemals erhalten habe. Ich habe es sehr genossen, aber ich stehe immer noch nicht auf dich. Nicht auf diese Weise."

"Das ist schon in Ordnung," antwortete der Elf, immer noch schelmisch grinsend. "Ich werde nichts von dir verlangen, das du nicht zu geben bereit bist. Und im übrigen hatte ich sehr große Freude daran, dich zu erfreuen."

Taliesen schüttelte grinsend den Kopf und schloss die Augen, sich selbst die Nasenwurzel reibend: "Du bist wirklich unverbesserlich."

"Das höre ich oft," grinste Zevran. "Aber wurdest du nicht genauso ausgebildet, auch Männer verführen zu müssen wie ich?"

"Schon," gähnte Taliesen. "Aber ich hatte niemals Freude daran. Und ich bin mehr als dankbar, dass du diese Art von Jobs so gern übernimmst."

"So, so," zwinkerte der Elf. Taliesen war eingeschlafen. Zevran verließ lächelnd seinen Raum. Er fuhr sich durch sein Haar und klopfte an Gineras Tür.

Modifié par maradeux, 04 octobre 2010 - 07:24 .


#54
maradeux

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Antiva-Episoden

Teil 1 - Feuer


~~ Hitze ~~

(4) Hochsommer

Die Gassen flimmerten, die Luft über den Kanälen dampfte. Um die Mittagszeit war es unerträglich heiß und drückend in der Stadt. Wer immer es einrichten konnte, blieb im Haus. Der junge Kaufmann Lorenzo hatte die schweren Vorhänge seines Büros schließen lassen und arbeitete im Dämmerlicht. Ein paar Geschäftsabschlüsse standen an, ein Treffen mit dem Bürgermeister musste arrangiert werden, und er hatte einige Aufträge an Yago zu übergeben - den Meister seiner Krähenzelle.

Der Sohn des früheren Senators stand hinter seinem Schreibtisch, einen Bogen Papier in der Hand, den er prüfend betrachtete. Dabei tippte er sich mit den Federhalter gegen die Oberlippe. Lorenzo hatte kinnlange dunkle Locken, ein fein gebildetes Gesicht mit eine langen, schmalen Nase und dunkelblaue Augen unter dichten Augenbrauen. Den aufwärts gezwirbelten Oberlippenbart trug er erst seit ein paar Monaten. Sein weißes Rüschenhemd war nach der Mode der Saison am Kragen mit einer lockeren weißen Schlaufe gebunden. Den dunkelgrauen Frack mit den Silberknöpfen trug er offen.

Es klopfte und Martha die Manico trat ein, die Tochter des früheren Bürgermeisters. Lorenzo stand auf und ging seiner Verlobten entgegen. Er bewunderte ihren Anblick in diesem weiten, dunkelgrünen Seidenkleid. Es war in der Mitte geschnürt, so dass ihre Brüste gehoben, ihr Bauch gestrafft wurde. In sein Lächeln mischte sich ein Anflug von Sorge. "Du siehst wundervoll aus, mia dolce, aber tut dir das nicht weh?" Er streichelte ihren eingeschnürten Bauch. Martha war nicht schlank. Ihr Gesicht mit ihrer aufgeworfenen Nase und den kleinen Augen und dem zu kurzen Kinn würde man auf den ersten Blick nicht schön nennen. Als das Mädchen damals auf ihn zukam, um mit ihm über den Tod ihrer beider Väter zu reden, hätte er nicht gedacht, dass er sich einmal in sie verlieben würde. Aber ihre Energie, ihre Intelligenz und auch ihr Mitgefühl haben seinen Blick mit der Zeit verändert. Er hat sie leuchten gesehen, wie einen Engel. Und das war der Moment, in dem er sein Herz an sie verloren hatte.

Martha küsste ihren Verlobten kurz, aber zärtlich: "Mach dir keine Sorgen, Lorenzo, es tut nicht weh. Mir geht es gut. Und ich freue mich, dass dir das Kleid gefällt. Ich habe es aus Val Royeaux kommen lassen." Sie ging zu seinem Schreibtisch und warf einen Blick auf die Papiere, mit denen er sich beschäftigt hatte. "Du willst dich mit Curantigno treffen? Sei vorsichtig!" sie schaute besorgt zu ihm herüber.

Lorenzo lächelte: "Keine Sorge, Yago wird mich begleiten und mindestens eine seiner Gruppen. Ich glaube nicht, dass Arainai mich offen angreifen wird, dafür ist er zu raffiniert." Er strich seiner Verlobten eine Haarsträhne aus der Stirn. Er war es, der ihr empfohlen hatte, ihre hellblonden Haare anders frisieren zu lassen, nicht mehr so eng an den Kopf gedrückt. Ein Coiffeur zauberte ihr jeden Morgen mit dem Brennstab eine herrliche Lockenpracht. Die Prozedur dauerte lange und tat ein bisschen weh, aber um ihrem Verlobten zu gefallen, nahm sie diese kleinen Mühen gern auf sich.

Martha seufzte: "Ich hoffe, du hast Recht." Sie dachte daran, wie sie gemeinsam den Mord an ihren Vätern hatten aufklären wollen. Denn dass es Mord war, stand für sie beide außer Frage. Die Spuren führten schnell zu Arainai, verdächtiger umso mehr, da einer seiner Günstlinge den Bürgermeisterposten übernommen hatte. Nur nachweisen konnten sie ihm nichts. Es musste Spione in ihren Häusern gegeben haben. Martha hatte ihren jungen Hauslehrer in Verdacht, und ihn bald nach den Geschehnissen entlassen.

Einen Moment hatte sich auch an den blonden Küchenjungen gedacht, da er eine Empfehlung des Hauslehrers gewesen war. Aber diese Idee verwarf sie wieder - er war noch so jung, sah halb verhungert aus und wirkte immer so müde. Dass er in keinem der Waisenhäuser zu finden war, hatte sie eher in Besorgnis um ihn versetzt, als ihn verdächtig erscheinen lassen. Er hatte ihr leid getan, und sie hoffte nur, dass er noch am Leben war und irgendwo anders Arbeit gefunden hatte.

Modifié par maradeux, 19 février 2011 - 11:30 .


#55
Goli71

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Modifié par Goli71, 21 septembre 2010 - 01:12 .


#56
maradeux

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(5) Rogelio

Beschwingt ging er den Weg am Fischerkanal entlang, in einem roten Gehrock mit langen Ärmeln. Ein warmes Bekleidungsstück an einem so heißen Tag, aber gut geeignet, um seine Waffen zu verstecken. Sein Gesicht war mit einem bronzenen Puder überschminkt. Zevran war gut gelaunt. Er hatte in der Nacht einen schnellen kleinen Auftrag erfüllt - ein Schmied und Waffenhändler. Es hat sogar einen kleinen, erfrischenden Schwertkampf gegeben. Es hatte ihm Spaß gemacht, er war unverletzt gebleiben. Das Opfer lag tot in seinem Laden - getötet mit einem seiner eigenen Schwerter. Die Mordaufklärung in Antiva gehörte erfahrungsgemäß nicht zu den besten - Selbstmord, Unfall oder Krähen - wen interessierte das schon? Tot ist tot.

Den Rest der Nacht hatte sich der Assassin im "Angelo Sanguigno" von seiner Lieblingshure Lovianne verwöhnen lassen. Nun lief er lächelnd durch die Gassen des Hafenviertels und bestaunte, wie sich das in der Sonne leuchtende Gold der Kuppel des Königlichen Palastes gegen den sattblauen Himmel abzeichnete. Er spürte eine Berührung am Arm und hatte augenblicklich eine Hand an seinem Dolch.

"Rogelio!" rief eine vertraute Stimme freudig. Die Erinnerung führte ihn zwei Jahre zurück - Rogelio war sein Deckname im Hause der Manicos. Der Name klang fremd in seinen Ohren, er wurde selten so genannt - meist riefen sie ihn einfach "Junge". Die Stimme, die diesen Namen gerufen hatte, gehörte der Signora. "Rogelio, mein Engel, ich habe dich überall gesucht!" Er hätte die Frau nicht wieder erkannt. Wo waren ihre Schönheit und Lebendigkeit geblieben? Die Haare wirkten stumpf und leblos, die Augen trübe. Das Gesicht war aufgedunsen, die Figur wirkte schlaff und krumm. Sie schien um viele Jahre gealtert zu sein.

Entscheidung in Sekunden - weitergehen oder stehen bleiben? Leugnen oder sich zu erkennen geben? Leben lassen oder töten? Der Elf war trainiert genug, sich seinen Schreck nicht anmerken zu lassen. Natürlich war er nachlässig gewesen, hatte sich nicht versteckt, zu wenig auf die Umgbung geachtet. Etwas, das ihm nicht hätte passieren dürfen. Nun blieb nicht viel übrig, als möglichst wenig aufzufallen. Sie waren ein ungleiches Paar - der junge Elf in teurem Samtanzug, die noble, aber ungepflegt wirkende Dame.

Der Assassin hatte sich entschieden. Er küsste die Signora und zog sie in eine Nebengasse. Ihr Gesicht verzerrte sich zu einem irren Lachen, die gespreizten Finger ihrer zitternden Hand strichen wie Spinnenbeine über sein Gesicht.  "Aber da bist du ja, da bist du endlich!" Die Frau war offensichtlich geisteskrank. War das eine Folge des Verlust ihres Ehemanns? Wer würde ihr glauben, wenn sie erzählte, ihm begegnet zu sein? Und doch - konnte er es riskieren? Er nahm ihre Hand in die seine und streichelte sie. "Ihr seid immer noch wunderschön, Signora, genau wie damals." Wieder küsste er sie, auf eine Weise, die ihr den Atem nehmen musste. Sie krallte sich in seinen Arm, verlor fast die Besinnung. "Mein Engel, was tust du? Mir ist... so schwindlig."

Zevran hielt die Frau fest in seinen Armen. "Das ist nur die Hitze, Signora." Er zog eine kleine kristallene Flasche aus seinem Gehrock. "Hier, trinkt etwas davon, das wird Euch helfen." Sie nahm das Fläschchen, roch daran, begann zu trinken. Es schien ihr zu schmecken. Nach ein paar Schlucken zog der Assassin die Hand der Frau lächelnd  weg. "Nicht so viel, Signora, das reicht." lachte er. "Ihr seht schon viel besser aus." Er streichelte ihr Gesicht. "Ich muss jetzt leider gehen. Ihr kommt doch allein zurecht, nicht wahr?" flüsterte er und gab ihr einen letzten, flüchtigen Kuss.

Er ließ die Frau in der Gasse zurück. Sie blieb und berührte lächelnd ihre Lippen "Rogelio, süßer Engel" flüsterte sie. Augenblicke später ging sie los in Richtung Hafen. Sie schwankte, lallte und lachte. Einige Passanten drehten sich kopfschüttelnd nach der anscheinend Betrunkenen um. Als sie schließlich zusammenbrach, dauerte es lange, bis jemand stehen blieb, um nach der Frau zu schauen, die tot am Kanalufer lag.

Modifié par maradeux, 04 octobre 2010 - 08:55 .


#57
Goli71

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Modifié par Goli71, 21 septembre 2010 - 01:12 .


#58
maradeux

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Kleine Aktualisierungen: Ich habe die letzte kurze Episode noch einmal herausgenommen, weil ich sie zeitlich anders einordnen möchte. Und ich habe dem Kapitel "Die Zeichen von Falon'Din" einige Absätze hinzugefügt. Die morgendliche Eingebung wollte es so. ;)

#59
QueenOfFerelden

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 Also ich bin zwar erst auf seite 2 beim lesen finde die story aber toll, kann mich gar nicht mehr los reißen. :wub: Ich hoffe du schreibst fleißig weiter.  :D

#60
maradeux

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Danke, Queen. :) Zur Zeit arbeite ich an einem inoffiziellen DLC mit, daher steht die Arbeit an meiner Geschichte gerade ein wenig still. Aber Ideen habe ich noch genug. ;)

#61
QueenOfFerelden

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Schön zu hören. Du meinst nicht zufällig den über Zevran oder? (ich meine den inoffiziellen DLC) :)

#62
maradeux

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Das meine ich: http://social.bioware.com/group/2854/ ;)

#63
QueenOfFerelden

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Ah den meine ich auch, bin schon der gruppe beigetreten. Weißt du ob die noch hilfe brauchen?

#64
maradeux

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Hm... wir brauchen voice artists mit einem spanischen/italienischen/lateinamerikanischen Akzent. Oder solche, die einen Akzent wie diesen gut nachahmen können. Concept artists werden auch noch gesucht - also Leute, die gut Rüstungen, Waffen, Einrichtungen entwerfen und zeichnen können.

#65
maradeux

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Modifié par maradeux, 25 septembre 2010 - 01:04 .


#66
maradeux

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Große Veränderungen, ich bitte um Verzeihung! :blush: Ich habe das Konzept der "Antiva-Episoden" noch einmal verändert, und dadurch viele Beiträge hier gelöscht. Diese Geschichten sind nicht verloren, ich werde sie aber wahrscheinlich in eine andere Reihenfolge bringen und Zwischenepisoden einbauen.

Bitte wundert euch auch nicht über die gelöschten Beiträge von Goli - ich hatte ihn darum gebeten, da ich meine Beiträge verändert habe, und seine Kommentare deshalb aus dem Zusammenhang gerissen erscheinen mussten.

Die Geschichte, die nun den Abschluss von Zevrans Kindheitsgechichte darstellt, ist hier zu finden: "Sûls letzter Winter".

Die "Antiva-Episoden" haben ein neues kurzes Eröffnungskapitel bekommen: "Erinnerungen". "Flammen" ist nun die zweite Episode.

#67
maradeux

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Ich habe etwas Neues geschrieben, das allerdings ganz und gar aus der Zeitrechnung der derzeitigen Geschichte herausfällt, und somit in der Übersicht auch unter "Sonstiges" aufgeführt ist:

Es wird Zeit... - Tenuvien macht sich auf ihren letzten schweren Weg in die Tiefen Wege. Was wird wohl Zevran dazu sagen?

Modifié par maradeux, 28 septembre 2010 - 05:44 .


#68
maradeux

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Drei kurze Episoden eingefügt - zwei davon brandneu. Beginnend hier. Viel Spaß beim Lesen! ;)

#69
maradeux

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Antiva Episoden

Teil 1 - Feuer


~~ Glut ~~

(6) Die Entscheidung I

"Ich will mein eigenes Team."

Der Elf hatte diesen Satz ruhig und bestimmt vorgebracht. Es war für ihn interessant zu sehen, wie sich in Taliesens gewohnt arrogantes Gesicht Verblüffung und Ärger mischten. Der Capo hatte sicherlich mit vielem gerechnet, als Zevran ihn um ein Gespräch unter vier Augen gebeten hatte. Damit nicht... Doch dauerte es nur wenige Augenblicke, bis er wieder zu seiner gewohnten Stimmung fand. Er begann, leise zu lachen: "Hälst du das wirklich für eine gute Idee, Zevran? Du bist geschickt mit dem Dolch und ein Meister im Verführen, aber ein großer Stratege bist du nicht gerade. Zum Capo gehört mehr als ein hübscher Titel." Er verzog verächtlich den Mund.

Der Angesprochene blieb gelassen, nur seine Augen verengten sich spöttisch. "Ich weiß, was ich kann, ich brauche keine Bestätigung deinerseits. Ich dachte nur, es wäre angemessen, dir davon zu erzählen, ehe es allgemein bekannt ist."

Sie waren in Taliesens Zimmer. Er war großzügiger geschnitten als die Quartiere der einfachen Assassine. Der Kamin bleib im Sommer ungenutzt. Taliesesn setzte sich in den Sessel, der davor stand, legte das linke Bein angewinkelt auf das rechte Knie und betrachtete den jüngeren aus stechenden, grau-blauen Augen. Die Abendsonne schien durch die hohen Fenster und ließ Zevrans Haare rötlich leuchten. Der Elf trug keine Rüstung, nur ein leichtes, locker sitzendes Hemd und eine schmal geschnittene Hose zu seinen Stiefeln. Einen Arm hatte er in die Seite gestemmt, die andere Hand ruhte auf dem Fenstersims. Die Geste sollte vielleicht selbstbewusst und nachdrücklich wirken, sie wirkte aber vor allem betörend...

 "Aber... warum?" Der Capo klang ungewohnt zögerlich. Eine Zornesfalte bildete sich über seiner Nasenwurzel. "Du hattest zugestimmt, zu meinem Team zu gehören. Wir arbeiten doch gut zusammen. Oder nicht? Ich dachte... die Sache mit Sergio wäre längst geklärt."

Taliesen erschrak bei seinen eigenen Worten und beobachtete aus den Augenwinkeln, was die Erwähnung seines ehemaligen Ausbilders bei Zevran auslösen würde. Im Gesicht des Elfenassassins war keine Regung zu erkennen. "Es geht hier nicht um Sergio. Der ist lange tot." Zevran sprach mit fester, zwangloser Stimme. Taliesen atmete innerlich auf.

"Ich möchte mein eigener Herr sein. Meister Antonio hat mich ermutigt." In den Augen des jungen Assassin glühten Entschlossenheit und Stolz. "Ich werde mir nicht die Chance entgehen lassen, der jüngste Capo zu werden, den es jemals bei den Krähen gegeben hat."

Taliesen biss sich auf die Lippen. Er war bisher der jüngste Capo der Zelle gewewsen. Er selbst etwas Besonderes. Natürlich verstand er Zevran. Doch ihn einfach so gehen lassen? "Hast du vergessen, was ich für dich getan habe?" Er quetschte den Satz zwischen seinen Zähnen hervor, kämpfte mit seiner Wut.

Zevran lachte: "Du meinst, wie du mich erst fast hast zu Tode foltern lassen und mich anschließend gerettet hast? Nein, wie könnte ich das vergessen." Seine Augen blitzten, aber es war kein Hass, es war Herausforderung.

Der junge Capo schaute den Elf an, dann weg von ihm zur Tür. Er hatte ihm nie offenbart, was ihn wirklich dazu bewegt hatte, sich damals so sehr für ihn einzusetzen - bis hoch zum Meister der Zelle. Taliesen hatte den jungen Elf beobachtet, schon bevor Ginera vom ihm erzählt hatte, seine Entwicklung, seine Begabung. Er hatte Sergio um dieses junge Talent beneidet. Er wollte ihn haben, unbedingt, ihn besitzen und in seinem Sinne einsetzen. Zevran war für ihn das Juwel, der Schatz, den er hatte erobern wollen.

Den Tod Sergios hatte er zuerst als "glückliche Fügung" betrachtet. Als Zevran plötzlich verschwunden war, begann er zu ahnen, dass der andere Capo für den Jungen mehr gewesen sein muss, als nur ein Vorbild, zu dem er aufschaute. Und dass der Elf neben all seinen Stärken auch seine schwachen Seiten hatte. Emotionalität und Impulsivität sind Charakterzüge, die schwer in das Leitbild einer guten Krähe passten. Etwas, das dem Jungen "ausgetrieben" werden ste, sofern er dafür nach seiner Flucht noch eine Chance haben würde.


Taliesen bekam diese Chance und hätte ihn dabei beinah zum zweiten mal verloren... Er dachte noch einmal an diese schweren Tage und Wochen. An die komplizierten Gespräche, in denen er begründen musste, warum es ihm so wichtig war, den halbtoten Jungen zu retten. Er erinnerte sich an sein kostspieliges Gebot auf Trinibelli - er wollte unbedingt die Organisation für diesen Auftrag übernehmen, um an Zevran heranzukommen.

Alles in allem ein hoher Einsatz, der sich letztlich gelohnt hatte. Sein Schützling hatte ihn nicht enttäuscht. Eine ganze Reihe erfolgreicher Missionen hat das Taliesen-Team innerhalb nur eines Jahres zum wichtigsten der Zelle werden lassen. Antonio betrachtete den jungen Capo als seine rechte Hand. Aber der Meister wusste auch sehr genau, wem diese Erfolge hauptsächlich zu verdanken waren.

"Du kannst mich nicht halten, ich habe ein Recht darauf, mein eigenes Team zu bilden" betonte Zevran noch einmal. "Ich habe mich bereits nach Leuten umgeschaut. Ich habe einen talentierten Späher und Schlossknacker an der Hand. Außerdem habe ich einige Leute aus dem letzten Abschlussjahrgang im Visier. Sie sind interessiert."

Taliesen schaute zu Boden, darum bemüht, seine Gefühle zu verbergen. Natürlich hatte der Elfen-Assassin Recht. Er selbst hätte genauso gehandelt. Was für eine Möglichkeit - Capo mit siebzehn. Wer würde sich das entgehen lassen? "Das wird sowas von schief gehen..." Er lachte leise, schüttelte den Kopf. "Aber in Ordnung. Ich lasse dich gehen. Nur... ich möchte, dass wir kämpfen."

Nun war die Verwunderung auf Zevrans Seite. "Wie meinst du das, kämpfen?" fragte er skeptisch.

Der Capo erhob sich und kam seinem bisherigen Schützling näher. Stemmte nun ebenfalls die Hände in die Seiten. Mensch und Elf standen sich nah gegenüber, beider Blicke entschlossen. Der Größenabstand war deutlich. "Nicht bis zum Tod," sagte Taliesen ruhig. "Bis der erste in einer ausweglosen Situation ist. Nur wir zwei, unter uns. Es geht um eine Entscheidung, meine Entscheidung."

Der Elf überlegte, was Taliesen planen könnte. Schließlich zuckte er die Achseln. "In Ordnung, ich scheue die Auseinandersetzung nicht. Aber du hast kein Recht, mich zu halten, selbst wenn du den Kampf gewinnst."

"Das weiß ich," sagte Taliesen. "Gehen wir?"

Modifié par maradeux, 19 février 2011 - 11:31 .


#70
maradeux

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(7) Die Entscheidung II

Sie trafen sich im Trainingsraum. Es war Nacht, sie waren allein. Einige Wandleuchter spendeten ein diffuses Licht. Sie hatten sich auf einfache Kleidung geeinigt und je nur einen Dolch. Nun standen sie sich gegenüber und lauerten, jeder abwartend, wer als erstes angreifen würde.

Taliesen wagte den ersten Schritt, Zevran wich aus. Der Capo parierte den Gegenangriff des Jüngeren mit dem Arm. Zevran sprang zurück.

Sie tanzten und die rangen. Zwei, die sich so gut kannten. Die Bewegungen des anderen ahnten, die eigenen planten. Der eine überlegen an Größe und Stärke, der andere an Schnelligkeit und Geschick. Sie wichen aus, parierten, duckten sich, sprangen weg und wieder aufeinander zu. Der Kampf dauerte lange. Beide waren schon außer Atem, schwitzten, in ihren Augen glühte der Wille zum Sieg.

Wer würde zuerst straucheln, zuerst müde werden? War das ein Zittern in Zevrans Hand? Taliesen sprang vorwärts, der Elf zurück. Der Capo wankte und schon war Zevran hinter ihm, sprang ihm in den Rücken. Der Mann strauchelte und fiel, Zevran im Nacken, seinen Dolch an der Kehle. Das war die aussichtslose Situation. Taliesen gab sich geschlagen.

"In Ordnung," schnaufte er. "Du hast gewonnen. Ich habe mich entschieden..."  Der Elf stand auf und gab den jungen Mann frei. Taliesen drehte sich um, setzte sich mit ausgestreckten Beinen auf den Boden, sich dabei nach hinten auf seinen Armen abstützend. Er warf den Kopf in den Nacken und rang nach Atem. Dann schaute der dem Jüngeren ins Gesicht: "Ich gebe meine Stellung als Capo auf, ich schließe mich deinem Team an."

Zevrans Augen wurden groß vor Erstaunen. "Ist das dein Ernst? Du willst kein Teamleiter mehr sein?" Er schluckte.

"ich werde mich nicht wiederholen." presste Taliesen zwischen seinen Zähnen hervor. "Nimmst du nun an oder nicht?"
Der Elf bot dem Älteren seine Hand, um ihn in den Stand zu ziehen. "Ich nehme dein Angebot an." Sein Ton war formal, verriet kein Gefühl.

***

"Ginera ist dir sehr ähnlich, was ihre Fähigkeiten angeht..." bemerkte Taliesen. "Nahkampf, Gift, Verführung."

Zevran grinste: "Das hat bisher nie gestört. Warum sollte es mich jetzt stören? Sie ist die perfekte Ergänzung, mein Gegenstück für alle Männer und Frauen, die weibliche Rundungen bevorzugen." Der Elf lächelte und deutete entsprechende Formen mit seinen Händen in der Luft an.

Der ehemalige Capo und der neue hatten sich zusammen gesetzt, um die Zusammensetzung des neuen Teams zu beraten. Eine Besprechung in der großen Runde war vorausgegangen. Die Verwunderung über Taliesens Entscheidung war groß, aber die meisten seiner Teammitglieder waren einverstanden, mit ihm zusammen zu Zevran zu wechseln.

"Wen willst du noch aufnehmen?" fragte der junge Mensch.

"Diebe und Schlossknacker..." merkte der Elf an: "Ich habe da einen sehr talentierten Jungen, den ich von meiner Ausbildung her kenne, Genaldo. Und die zwei Experten aus deiner Gruppe." Zevran unterbrach seine Rede und schob ein paar Schnipsel auf dem Papier hin und her, das er auf dem Tisch ausgebreitet hatte. "Fernkämpfer bringst du genug mit. Ich habe allen weiteren, die sich interessiert haben, abgesagt."

Der Dunkelhaarige nickte: "Valentin und Kemen sind die besten - beide noch aus Sergios Team." Noch einmal richtete sich Taliesens Blick prüfend auf den Elf. Aber Zevran blieb auch diesmal ohne Rührung.

"Das sollte reichen," meinte Taliesen. "Denke daran, je größer die Gruppe ist, desto teurer ist sie auch."

Zevran zwinkerte: "Dann müssen wir eben sehr aktiv und erfolgreich sein, nicht?"

#71
maradeux

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Mal wieder etwas aus der Reihe "Passt überhaupt nicht in den Zeitablauf" - und dann ist es noch nicht mal mein eigener Warden. ;)

Korina1982 hat für die wöchentliche Competition im Zevran-Thread eine nette kleine Story geschrieben über Zevran, der die Barden-Spezialisierung erlernen soll. Dafür soll er zunächst ein Lied über die Heldentaten seiner Begleiter dichten. Stattdessen schreibt unser frecher Assasssin lieber ein unanständiges Gedicht über seinen Geliebten - einen Dalish-Elfen namens Keiran. In der Geschichte wird es der Imagination des Lesers überlassen, wie dieses Gedicht genau aussieht. Tja... meine Imagination sah dann so aus... Ein Lied für Keiran (mit mp3 ;))

Modifié par maradeux, 05 octobre 2010 - 10:28 .


#72
maradeux

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8. Beweislos

Die Frau am Straßenrand hatte Glück. Es gab etwas, das sie davor bewahrte, in den Kanal oder eines der Massengräber am südlichen Stadtrand geworfen zu werden, so wie es mit unzähligen Leichen passierte: Sie sah reich aus. Und neben der Tatsache, dass bald alle Knöpfe und Perlen von ihrem Kleid verschwunden, ihre Taschen geleert waren, gab es so ein bestimmtes Interesse der Administration, ihre Identität zu ermitteln, damit ihre Angehörigen für das Räumen der Leiche und ihre Bestattung finanziell aufkommen mögen. So kam es, dass die sterblichen Überreste der Signora di Manico in Senator Piorentins Haus gebracht wurden. Dieser war für die Finanzwirtschaft der Stadt verantwortlich. Der Senator erkannte die Frau als Gastgeberin zahlreicher Bankette und ließ umgehend nach Lorenzo und seiner Verlobten schicken.

Martha war allein, als Piorentins Bote bei ihr eintraf. Lorenzo war unterwegs zu einem Geschäftstermin. Sie ging ins Haus des Finanzsenators, um die Leiche ihrer Mutter zu sehen. Die Verwesung hatte bereits eingesetzt, aber sie erkannte sie. Das Gesicht wirkte friedlich und entspannt. Für die Tochter war es ein altvertrautes Antlitz, eine Erinnerung an glücklichere Zeiten. Als hätte sie im Tod zu ihrer früheren Anmut zurück gefunden. Martha schossen Tränen in die Augen. Ihre Mutter trug eines ihrer Lieblingskleider aus gelber Seide - es war zerrissen, schmutzig, die Knöpfe fehlten. Mit zitternden Händen strich die junge Frau über den vertraut zarten Stoff. Als sie schließlich die kalte steife Hand der Toten berührte, zog sie ihre Finger erschrocken zurück. Signora di Manico war nicht einmal vierzig geworden. Wie war sie gestorben?

Der Senator zuckte die Schultern. "Wahrscheinlich Hitzschlag, es war ja sehr heiß in den letzten Tagen. Spuren von Gewalt sind nicht zu erkennen."

"Gab es denn keine Augenzeugen? Niemand, der etwas bemerkt hatte?"

Piorentin zog die Augenbrauen nach oben. "Es gab keine Veranlassung für eine Befragung."

Keine Veranlassung? Wenn die Witwe des früheren Bürgermeisters einfach so tot zusammenbricht? "Wo wurde sie gefunden? Ich will die Stelle sehen."

Der Senator nahm die junge Frau mit in sein Arbeitszimmer. Er breitete eine Stadtkarte auf seinem Schreibtisch aus und presste seinen Zeigefinder auf einen Punkt im Hafenviertel.

"Danke." Martha verließ das Haus. Sie war aufgewühlt und Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie dachte nicht einmal daran, wie gefährlich es für sie war, sich allein durch die Stadt zu bewegen. Vielleicht war es ihr Glück, dass sie keinen engen Gassen folgen und nicht weit gehen musste - Lorenzos Domizil lag nur wenige hundert Meter von der Villa des Senators entfernt im selben edlen Stadtviertel, an der Via di Santa Michaela.

Lorenzo fand seine Verlobte weinend in ihrem Zimmer, in ihrem Sessel sitzend, mit dem Rücken zur Tür...

"Martha?" Er umarmte sie und hockte sich ihr. "Was ist passiert?" Sie schaute ihn an, ihr Gesicht von Tränen verquollen. "Sie haben Mutter gefunden. Im Hafenviertel am Kanal. Sie ist tot!" Sie schluchzte, lehnte sich an die Schulter ihres Verlobten. Der streichelte sie, versuchte sie mit sanften Worten zu beruhigen: "Es tut mir so leid, Martha. Was könnte deine Mutter im Hafenviertel gewollt haben?" wunderte er sich.

Martha schüttelte den Kopf. "Ich habe keine Ahnung." Sie versuchte, sich zu beruhigen, schniefte leise. "Ich hätte sie nicht allein lassen dürfen. Wir hätten sie mit zu uns ins Haus nehmen sollen. Ich wusste doch, dass sie... Vaters Tod nicht verkraftet hat. Ich hätte auf sie aufpassen müssen.."

Die Tränen flossen, sie konnte es nicht verhindern. Warum nur hatte sie zugelassen, dass ihre Mutter allein zurückblieb. Die Dame hatte darauf bestanden, in ihrem Haus zu bleiben, aber in ihrem Zustand... das war unverantwortlich. Auf die Diener offensichtlich kein Verlass. Als Martha zusammen mit ihrem Verlobten am nächsten Tag das Stadthaus der Manicos aufsuchte, fand sie es in desolatem Zustand. Das Personal war verschwunden. Und mit ihm Gemälde, Schmuck, Besteck... Martha war sich nicht sicher, ob das alles in den letzten Tagen, seit dem Verschwinden der Hausherrin, oder sogar schon vorher passiert war. Sie machte sich große Vorwürfe, dass sich nicht öfter nach ihrer Mutter geschaut hatte.

***

Martha bestand darauf, dass sie zusammen den Ort aufsuchten, an dem ihre Mutter gestorben war. Es war eine Gegend, in die sie sich sonst nie wagen würden - stinkend, schmutzig und arm. Martha setzte ihre Schritte vorsichtig, sie fürchtete, von Ratten gebissen zu werden oder in Unrat zu treten. Mit Grauen beobachtete sie, wie der Saum ihres teuren Kleids vom Straßendreck besudelt wurde. Und doch ging sie weiter - es musste doch irgendetwas zu finden sein?

Das Paar suchte jeden Fleck in der Straße und den Nebengassen ab. Sie fragten alle Passaten, die sie trafen, alle Bewohner, die vor den Türen standen oder aus Fenstern schauten, sogar die Bettler. In der Tat fanden sie einige, die sich an die Frau erinnern konnten. Dass sie betrunken gewirkt hatte und dann umgefallen sei. Sonst wusste niemand etwas zu sagen.

Enttäuscht kehrten die beiden nach Hause zurück. "Was denkst du?" fragte Lorenzo. Sie schaute ihm in die Augen. "Ich glaube nicht, dass meine Mutter einfach so gestorben ist. Gut - wir haben nichts gefunden, keine Hinweise, keine Zeugen, die auf einen Mord deuten würden. Aber das heißt nicht, dass sie nicht trotzdem getötet worden sein kann."
"Hast du eine Idee, wie?" fragte ihr Verlobter. 

"Ich weiß es nicht." sagte sie und senkte ihren Kopf. "Aber warum sollte sie sterben? Sie war durcheinander, vielleicht sogar mehr gestört, als ich es wahrhaben wollte. Aber körperlich war sie vollkommen gesund. Sie hätte alt werden können, sehr alt. Letztlich - es könnten die Krähen gewesen sein, genau wie bei unseren Vätern."

Lorenzo schaute seine Frau sehr ernst an. "Du weißt, ich bin immer auf deiner Seite. Aber übertreibst du in diesem Fall nicht? Wir haben wirklich keinerlei Hinweise."

"Ich weiß ja, ich weiß." Eine einzelne Träne lief über Marthas Wangen. "Nenne es Intuition oder was auch immer, ich glaube einfach nicht an einen natürlichen Tod meiner Mutter."

Er hob ihr Kinn mit einer Hand. "Ich verstehe dich ja. Und ob Mord oder nicht - die Krähen haben deine Mutter auf dem Gewissen. Denn sie ist nur krank geworden, weil sie deinen Vater getötet haben. Ich werde sie alle rächen, hörst du? Sie werden dafür zahlen, was sie uns angetan haben."

Modifié par maradeux, 14 octobre 2010 - 04:49 .


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9. Der Meister und sein Herr

"Yago." Lorenzo bat den Meister seiner Krähenzelle mit einer einladenden Geste in sein Büro, bot ihm einen Platz in einem der wuchtigen Ledersessel vor dem Kamin an und offerierte ihm einen Drink. Der Meister lehnte ab, er wollte nur ein Glas Wasser.

Lorenzo betrachtete seinen Krähenmeister mit strengem Blick, während er seine Worte sammelte. Yago war groß gewachsen, athletisch schlank, etwa Mitte dreißig. Sein Gesicht hatte etwas an sich, das ihn gefährlich erscheinen ließ. Vielleicht waren es die schmalen Lippen, vielleicht der scharfe Blick seiner gelb-grünen Augen. Seine dunklen Haare waren sehr kurz geschnitten. Eine lange Narbe, die sich vom linken Ohr aus über die Schädeldecke zog, war deutlich erkennbar. Das markante Kinn und die von kräftigen Kieferknochen geformten Wangen waren trotz regelmäßiger Rasur immer von einem leichten dunklen Bartschatten überzogen.

Yago war in Lorenzos Familiengeschichte eingeweiht. Dennoch hörte er geduldig zu, als der Senatorensohn ihm den Fall noch einmal in allen Einzelheiten darlegte. Der Kaufmann hatte geplant, eine vollständige Zelle zu erwerben, aber das stellte sich schwieriger dar, als er sich das vorgestellt hatte. Es gab keine frei operierenden Krähenzellen. Jede gehörte zum Hause einer adligen oder anderweitig einflussreichen Familie. Neue Zellen konnte man nicht vollständig erwerben, man musste sie aufbauen. Ein Freund der Familie half, in dem er eine Untergruppe seiner Zelle zur Verfügung stellte.

Der erfahrene Capo Yago hatte die Meisterweihe erhalten, konnte aber innerhalb seiner Zelle nicht weiter aufsteigen und war deshalb um Selbstständigkeit bemüht. Seine besten Teammitglieder ernannte er zu Capos, seinen engsten Vertrauten darunter bestimmte er als Nachfolger und ließ ihn die geheimnisvolle Weihe durchlaufen, ohne die keine Krähe die Meisterwürde erlangen konnte. Außenstehende wurden in diese Vorgänge nicht eingeweiht, nicht einmal die persönlichen Dienstherren.

Die Zelle befand sich noch im Aufbau. Drei Gruppen auf der Suche nach Rekruten, aber Yagos Attitüde war sehr selbstsicher, beinah einschüchternd. Lorenzo fiel es schwer, dem Blick des Krähenmeisters standzuhalten. Er räusperte sich. "Nun, du kennst also die Lage. Dieser Arainai und seine Zellen sind zu gefährlich. Sie müssen... vernichtet werden.

Yago schaute seinen Dienstherrn ungläubig an, brach schließlich in schallendes Gelächter aus. Lorenzo war verunsichert, was seine Stimme zum Überschlagen brachte "Was erlaubt du dir... in einem solchen Ton!"
Der Krähenmeister betrachtete den Senatorensohn mit einem höhnischen Grinsen. "Verzeiht. Aber ist Euch bewusst, dass Arainai die Hoheit über die beste Ausbildungsstätte unserer Zöglinge hat? Er fischt sich nicht nur die Talentiertesten heraus für seine eigenen Zellen, er hat auch ständig Nachwuchs. Seine Zellen zu vernichten ist ebenso unmöglich, wie Antivas Kanalratten auszurotten. Eindämmen, schwächen, minimieren - das geht alles, vernichten - nein. Diesen Auftrag kann ich nicht annehmen."

Lorenzo bezwang seine Wut, bemühte sich um Stand und festen Ton. "Nun gut... und Arainai selbst?"
Yago betrachtete amüsiert das Glas Wasser in seiner Hand. "Eine einflussreiche Familie. Ein Clan mächtiger Drahtzieher. Schwer heranzukommen... Wenn Ihr meinen Ratschlag hören wollt." Er stand auf und kam dem Senatorensohn näher, den er um gut einen halben Kopf überragte. "Wir schnappen uns die Meister, dünnen die Zellen aus, attackieren die Quartiere und die Ausbildungsstätten. Aber... Ihr solltet nicht in der Stadt sein, wenn dieser Angriff erfolgt. Nehmt Eure junge Frau und seht zu, dass Ihr möglichst weit weg seid. An einem Ort, den Eure Feinde nicht kennen."

Lorenzo dachte nach. Der Vorschlag seines Krähenmeisters klang vernünftig. "In Ordnung. Dann ist dies dein Auftrag. Ich werde nach einer Unterkunft für meine Familie suchen. Du bereitest deine Leute vor. Ich werde sicherlich einige Monate brauchen, bis sich etwas Geeignetes gefunden hat und eingerichtet ist. Wie sieht es bei dir aus?"

"Wir werden den Herbst und Winter über planen und die Zelle weiter aufbauen. Der Angriff könnte dann im nächsten Frühjahr beginnen, wenn Ihr damit einverstanden seid."

***

Die Beerdigung der Signora di Manico überschattete die Feierlichkeiten des Funalis. Wenige Wochen später richtete das Paar seine Hochzeit aus. Zu beiden Ereignissen waren alle großen Namen der Stadt eingeladen. Senator Piorentin erschien mit seiner Familie, ebenso Operndirektor Valandrez mit seiner offenherzigen Ehefrau, die bei beiden Anlässen gleichermaßen in Tränen aufgelöst war. Selbstverständlich waren auch die Arainais eingeladen. Yagos Zelle stand für ein Attentat bereit, aber es kam, wie der Meister es vorausgesagt hatte - lediglich Bürgermeister Curantigno erschien samt Gemahlin und ließ seinen "Onkel" entschuldigen - einmal wäre ihm ein Geschäftstermin dazwischen gekommen, beim nächsten Mal war es angeblich die Grippe.

Den gesamten Herbst und Winter über war das junge Ehepaar auf einer ausgedehnten Hochzeitsreise, die sie nach Rialto, Treviso, Ayesleigh und sogar nach Brynnlaw führte. Lorenzo machte sich Sorgen um seine Frau. Sie redete wenig, zog sich zurück und er sah sie ständig etwas knabbern - Kekse, Konfekt, salziges Gebäck. Wenn er sie darauf ansprach, so behutsam wie möglich, reagierte sie empfindlich und wütend, warf die Keksdose, oder was immer sie gerade in den Händen hielt, durch den Raum, knallte die Türen. Sie nahm deutlich zu. Das störte Lorenzo weniger. Er vermisste ihren liebenswürdigen, starken Charakter. 

Der Kaufmann zog Experten zu Rate, die an ihr die verschiedensten Behandlungen ausprobierten - Aderlass und Egelschröpfen, allerlei Säfte und Tinkturen. Er reiste zum Turm der Magier, um zu erfahren, ob Martha vielleicht von einem Dämon besessen sei. Die Magier fanden im Nichts keine Anzeichen für eine Besessenheit, empfahlen aber eine langwierige und kostspielige Behandlung mit Heilmagie. Das führte letztendlich zu dem Entschluss, dass Lorenzo ein Anwesen in der Nähe von Treviso erwarb und sich dort mit seiner Frau niederließ. Ein Bote überbrachte die Nachricht nach Antiva zu Master Yago. Es war im Monat Drakonis - dem dritten des Jahres, kurz vor dem Ende der Regenzeit.

Modifié par maradeux, 25 juin 2013 - 11:28 .


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Teil 1 - Feuer


~~ Stichflammen ~~

10. Der Angriff

Das Domizil der Arainaizellen bestand aus einem Komplex mehrerer miteinander verbundener Gebäude in einem mittelständischen Stadtviertel. Hier lebten außer Krähen vor allem Handwerker und niedere Beamte. Die Bauten bestanden aus Kalksteinziegeln, viele waren mit Marmorsplitt verputzt, was ihnen ein sehr edles Aussehen gab. Aber Marmor war ein in dieser Gegend reichlich verfügbaren Baustoff und der Splitt nur ein Abfallprodukt. Die Stadt erstrahlte in einem täuschenden Reichtum. Die Häuser hatten drei bis vier Stockwerke. Fensterreihen und kleine Balkone waren gewöhnlich durch Gesims verbunden. In der oberen Etage gab es gemeinhin größere Terrassen. Viele Dächer waren flach, die Gassen eng. Über sie hinweg führten Verbindungsgänge von einem Haus zum anderen. Das Innenleben der Gebäude bestand aus langen, verwinkelten Korridoren, engen, hohen Treppen. Die meisten Räume waren klein und einfach eingerichtet.

Seit vielen Jahren lebten, arbeiteten und lernten hier die Arainai-Krähen. Es gab keinen Grund, den Standort zu verheimlichen oder zu wechseln. Die Krähen waren zwar keine offizielle Behörde, aber sie waren gesellschaftlich etabliert, mit Geld, Macht und Adel verwoben bis hoch zum Königshaus. Es gab niemanden, den man als Krähe zu fürchten brauchte, außer anderen Krähen. Zu nächtlichen Operationen bewegte man sich oft über den Dächern der Stadt. Sie erlaubten schnelle Bewegung und Übersicht. Die Dachluken der Arinai-Gebäude waren vermutlich häufiger frequentiert als die Hauseingänge.

Als Ginera sich aus der Dachluke erhob, um zu einem nächtlichen Auftrag zu starten, traf sie ein Pfeil an der Schulter. Kurz darauf ein zweiter in den Bauch. Weitere Pfeile surrten nur knapp an der Elfin vorbei. In Windeseile schlüpfte sie wieder durch die Luke ins Haus. Noch spürte sie keine Schmerzen, war lediglich in ihrer Bewegung eingeschränkt, aber sie wusste, die würden kommen... Während sie sich die enge Stiege hinunter in die dritte Etage bewegte, verzog sie verächtlich ihren Mund. Das waren Krähen, ohne Frage, aber sie waren schlecht. Wären das Scharfschützen ihres Teams gewesen, wäre sie nicht mehr am Leben...

Sie klopfte an Taliesens Tür, wieder einmal "vergessend", wer ihr Capo war. Aber es rief sie niemand herein, die Tür war verschlossen. Leise fluchend, die Schmerzen wurden spürbar, schleppte sie sich über den Gang zur nächsten Tür. Zevran öffnete mit einem charmanten Lächeln und hochgezogener Augenbraue: "Hmmm?" Dann bemerkte er die Verletzungen, und sein amüsiert arrogantes Gesicht wurde ernst. Er rief nach Taliesen, der sich in seinem Zimmer aufgehalten hatte. Der Ältere sollte das Team zusammen rufen und den Heiler holen; er selbst würde Ginera in ihr Zimmer bringen. Er bleib bei der Elfin, ließ sich den Vorfall auf dem Dach genau schildern. Zevran kam das Gespräch mit der jungen Magierin in der Kutsche in den Sinn, er hatte es fast schon vergessen.

Nach wenigen Minuten erschien Jove, der alte Heiler der Arainais, in Begleitung einer jungen, schwarzhaarigen Frau, offenbar seine Aspirantin. Zevran kannte die Frau - sie hatte vor einigen Jahren zu seinen Folterern gehört. Sie war keine von der sadistischen Sorte, hatte ihre Arbeit eher gleichgültig und routiniert verrichtet. Die Augen des Capo verengten sich. "Oh, eine Folterin wird zur Heilerin? Wie ungewöhnlich?"

"Beides erfordert gute anatomische Kenntnisse." antwortete die Angesprochene mit teilnahmsloser Stimme und berührte den Capo mit einem kurzen kalten Blick aus grauen Augen. "Hier festhalten, Rayinne," sagte der Alte. Die junge Frau drückte ihre Handflächen fest auf Gineras Bauch, während Jove den Pfeil mit einer raschen Bewegung herauszog. Er schloss die klaffende Wunde sofort mit einer Kompresse. Die Elfin bemühte sich, jeden Schmerzenslaut zu unterdrücken, nur ihre angestrengten Gesichtszüge verrieten, wie sehr sie litt.

"Wie sieht es aus?" wandte sich Zevran an den älteren Heiler.

"Die Aussichten sind gut. Die Wunden sind nicht tief, die Rüstung hat die größte Wucht abhalten können. Allerdings waren die Pfeilspitzen vergiftet."

Zevran nickte. Der Geruch nach Todeswurzel war ihm nicht entgangen. "Ich muss zur Gruppenbesprechung," sagte er knapp und verließ das Zimmer.

Der Elf hatte einen guten Stand als Capo, obwohl er jünger war als die meisten seiner Leute. Er wurde respektiert, von manchen gefürchtet, von anderen bewundert. Ginera war die einzige, die nach fast einem Jahr immer noch Schwierigkeiten hatte, den jüngeren als neues Oberhaupt anzuerkennen. Der junge Assassin in seiner immer heiteren Stimmung, mit seinen nonchalanten Blicken und der galanten Attitüde wurde von Außenstehenden oft unterschätzt. Wer ihn - wie Taliesen - besser kannte, wusste, wie ehrgeizig er war. Es gelang ihm nicht nur, die lukrativsten Aufträge für seine Gruppe zu ergattern, er übernahm außerdem zahlreiche Einzelmissionen und unterrichtete an drei Vormittagen Jungkrähen im Nahkampf. Auch selbst war er im täglichen Training bemüht, seine Fähigkeiten zu verbessern. Er gönnte sich nur wenig Freizeit. Seine Lieblingsmethode der Entspannung war jedem bestens vertraut. Und wer noch nicht selbst von dem Capo erwählt worden war, war eifrig darum bemüht, ihn auf sich aufmerksam zu machen.

Zevran sandte seine Späher aus und befahl allen, sich kampfbereit zu halten. Er rannte die Treppen hinauf zum Büro des Meisters.  Er fand Antonio im abgedunkelten Raum, er schaute aufmerksam in Richtung Fenster. Zevran folgte seinem Blick. Man brauchte ein sehr geübtes Auge, um in der Abenddämmerung durch das enge Gitter überhaupt etwas zu erkennen. Er bemerkte einen flüchtigen Schatten auf dem gegenüber liegenden Dach.

"Yagos Leute?"

Der Meister nickte.

"Gab es eine Warnung?"

"Ich nehme an, das ist die Warnung." Er schaute den Jüngeren an. Ich berufe ein Treffen ein, im hinteren Beratungsraum. Alle Capos, in fünf Minuten."

Modifié par maradeux, 19 février 2011 - 11:32 .


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11. Krähen-Krieg

Es gab die Schützen auf den Dächern und Schurken, die in den Schatten der Gassen lauerten. Zevrans Späher zählten mindestens dreißig Personen. Keiner von ihnen war im Gesicht tätowiert - Haus Lorenzo hatte andere Regeln - sie trugen ihre Zeichen an den Händen, meist von Handschuhen verborgen. Nicht jeder hatte so viel Glück wie Ginera - in den ersten Minuten des überraschenden Angriffs hatte es mehrere Todesfälle gegeben.

Es war keine alltägliche Situation für die Zelle, aber auch nicht so ungewöhnlich, dass es die in emotionaler Kontrolle geschulten Meuchelmörder aus der Ruhe gebracht hätte. Die Gruppen besprachen sich, die Verteidigung wurde organisiert. Bogenschützen postierten sich an den Fenstern, auf Balkonen und Terrassen, suchten nach günstigen Winkeln, um ihre Gegner anvisieren zu können, ohne dabei selbst getroffen zu werden.

Eine Gruppe von Assassinen nutzte einen Geheimgang, der vom Keller aus zu einem nahen Kanal führte. Von dort aus wollten sie versuchen, ihre Widersacher aus dem Hinterhalt zu überwältigen. Taliesen und Zevran gehörten zu dieser Gruppe. Der Elf gab seine Befehle mit stummen Zeichen. Die Gruppe teilte sich auf. Es gelang ein beinah simultaner Schlag - zeitgleich stachen sechs Assassine aus dem Schatten zu und sechs Männer waren auf der Stelle tot.

Aber der Erfolg der Gruppe war gleichzeitig ihre Enttarnung. Von den Dächern wurde geschossen - die Arainaikrähen antworteten mit Pfeilen und Bolzen aus ihren Häusern heraus. Die Nahkämpfer boten sich einen offenen Krieg in den Gassen. Metall klirrte, Blut floss, Schreie ertönten. Die Kämpfe zogen sich lange hin. Der Morgen brach an. Bürger traten aus den Häusern, ihrer täglichen Arbeit nachzugehen, reagierten verstört, verwundert, aber auch neugierig auf den Kampfszenen. Manche blieben stehen und starrten, als würde es sich um ein spannendes Theaterstück handeln.

"Guilio!" Zevran hörte die laute, verzweifelte Frauenstimme in unmittelbarer Nähe. Einen Moment lang ließ er sich ablenken, wandte seinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Er sah einen Mann zusammenbrechen, ein Pfeil hatte seine Brust durchstoßen. Er trug keine Rüstung, die ihn hätte schützen können, nur den einfachen Anzug eines Händlers aus dem Hafenviertel. Die Frau, die zu dem sterbenden Mann eilte, war sehr hübsch - lange dunkle Locken, Rehaugen, goldbraune Haut. Ein langer bunter Rock, eine feine Bluse umschmeichelten die zarte Figur. Sie humpelte leicht.

"Zev, pass auf!" rief Taliesen. Doch die Warnung kam zu spät. Zevrans Gegner hatte die Unaufmerksamkeit ausgenutzt, um seine Verteidigung zu durchbrechen. Der Elf  griff nach dem Dolch, der in seinem Bauch steckte, während er zusammen sackte - seine Beine wollten ihm nicht mehr gehorchen. Taliesen stürzte sich auf den Widersacher seines Freundes. Er stieß ihn mit den Füßen, bis er in einer Hausecke kauerte, unfähig zu entkommen. In grauen Augen blitzte die Wut, als der junge Mann mit einem scharfen Streich seines Dolches die Kehle des anderen durchtrennte. Taliesen ließ ihn blutend zurück, rannte zu Zevran. Der Elf kniete immer noch an derselben Stelle, hatte den Dolch aus seinem Bauch gezogen, die linke Hand auf die stark blutende Wunde gedrückt. Er sah bleich aus.

"Kannst du laufen?" fragte Taliesen.

"Nicht ohne Hilfe, fürchte ich."

Taliesen hockte sich neben Zevran, legte seinen linken Arm um dessen Taille, Zevran legte seinerseits den rechten Arm um Taliesens Schultern, Halt suchend. Die Männer erhoben sich, der Elf unterdrückte einen Schmerzenslaut. Aufgrund des Größenunterschieds musste Taliesen leicht geduckt bleiben.

Sie waren in der Nähe des kleinen Hauses am Kanal, von dessen Keller aus der Geheimgang zu ihrem Quartier führte. Während der Krieg in den Straßen weiter tobte, brachte Taliesen seinen verletzten Capo zurück. Die Wunde blutete stark, die Schritte des Elfen waren unsicher, seine Beine zitterten. Als sie im Keller ihres Hauses ankamen, rief Taliesen laut um Hilfe.

Rayinne war da. Sie unterbrach die Folter an einem ihrer Schützlinge und wies Taliesen an, Zevran auf eine der Streckbänke zu legen. Der Elf war kaum noch bei Bewusstsein, seine blutüberströmte Hand rutsche langsam vom Bauch.

"Drück die Wunde ab!" wies Rayinne Taliesen knapp an. Sie verschwand kurz und kam dann mit Bandagen und einer Tasche mit Instrumenten zurück: Zangen, Messer, Scheren - alle sorgfältig verstaut und gereinigt. Gut möglich, dass sie oft zur Folter verwendet wurden. Nun schlossen sie sehr geschickt die Wunde an Zevrans Bauch. Ohne Betäubung. Die wäre auch dann nicht notwendig gewesen, wäre der Elf nicht bewusstlos gewesen. Jeder hätte ihn ausgelacht, wenn er sich dabei auch nur einen Schmerzensschrei erlaubt hätte.

"Rayinne?" rief eine Stimme aus dem Nebenraum.

"Ja?" rief die junge Frau zurück, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.

"Was soll ich denn jetzt mit dem Jungen hier machen?"

"Noch eine Stufe erhöhen für zehn Minuten. Dann kann er in die Oubliette bis morgen." Nach kurzer Sprechpause ergänzte sie leiser, im Nebenraum sicher nicht mehr hörbar: "Vielleicht hat er Glück und ein paar Tage Ruhe, während Jove und ich mit den ganzen Verwundeten beschäftigt sind."