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Eine mörderische Kindheit + Antiva-Episoden - Fan-Fiction - Zevran


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134 respuestas en este tema

#76
maradeux

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Antiva-Episoden

12. Einsatzfähig

Rayinne schlug dem Assassin mehrmals kräftig auf die Wangen und nutzte ein Fläschchen mit Riechsalz, um ihn zu wecken. Er verzog angewidert das Gesicht, dann öffneten sich seine Augen. Unsicher suchten sie die Umgebung ab nach Antworten, wo er sich befand und warum er hier war. Er spürte Übelkeit und Schmerzen.

"Siehe da," Zevran hob den Kopf, griff sich an die pochenden Schläfen, um ein Schmunzeln bemüht. "Ich erwache auf einer Streckbank, werde von einer entzückenden jungen Frau geschlagen... Welch süße Kindheitserinnerungen..."

"Sei froh, dass du noch am Leben bist. Es fehlte nicht viel." erwiderte die Heilerin hart. "Du kannst hier nicht bleiben, aber pass auf, wenn du aufstehst."

Mit emotionsloser Miene reichte sie dem Assassin einen Kübel. Zevran setzte sich auf. Ihm wurde schwindlig, der Mageninhalt drängte erbarmungslos nach oben. Er musste sich übergeben, erbrach dabei auch Blut.

"Wie gesagt, es war knapp." Die Heilerin betrachtete das schaumige Rot, sie zeigte dabei weder Ekel noch Mitleid. "Der Stich war sehr tief. Ich hab getan, was ich konnte. Alles andere liegt in den Händen des Erbauers." Der Assassin schaute die Heilerin kritisch an. Eine solche Aussage aus ihrem Mund war nichts anderes als ein Todesurteil.

Die junge Frau schien von seinem Blick keine Notiz zu nehmen. Mit einer raschen Bewegung ihrer Hände straffte sie ihre dunklen Haare und band sie zu einem festen Pferdeschwanz. "Es war übrigens eine ausgesprochen dumme Idee von dir, den Dolch herauszuziehen."

Zevrans Augen verengten sich. "Die Klinge war vergiftet, meine Liebe. Ein Schlangengift mit lähmender Wirkung. Was meinst du, was passiert wäre, wenn ich regungslos in der Gasse gelegen hätte?

"Da du die ersten Sekunden überlebt hast, bezweifle ich, dass das Gift gefährlicher gewesen wäre als der Blutverlust." Die Heilerin griff an Zevrans Hals, um den Puls zu fühlen. Er war immer noch sehr flach und zu rasch. "Du solltest viel Wasser trinken, am besten mit Zucker und Salz. Aber sei vorsichtig mit Essen."

"Ich habe ohnehin keinen Appetit." Allein der Gedanke an Essen verstärkte den Brechreiz. "Wo ist Taliesen?"

Rayinne zuckte die Schultern. "Nach oben gegangen sicherlich. Er hat mir nicht gesagt, was er vorhat."

Zevran atmete tief ein und stand auf. Er biss die Zähne zusammen gegen die Schmerzen, hielt sich an der Streckbank fest. Seine Beine zitterten, der Boden schien sich zu bewegen. Vor seinen Augen tanzten schwarze Punkte. Sein Magen routierte, er musste sich ein weiteres Mal übergeben. Der Assassin senkte den Kopf auf die Brust und atmete mehrmals tief durch. Endlich ließ das Schwanken nach, er wagte den Gang in einen der angrenzenden Räume.

Hier gab es mehrere große Bassins, die mit Wasser gefüllt waren. Rohre führten zu den kleinen Zellen, an die er sich noch sehr genau erinnern konnte. Es war einfaches Kanalwasser, trübe und kalt. Zevran hatte das starke Bedürfnis, sich zu reinigen, den Mund auszuspülen, etwas zu trinken. Aus einem Regal am Rand nahm er ein Handtuch, stieg vorsichtig in einen der Bassins und begann, sich Gesicht und Arme zu waschen.

"Nicht baden mit der Bauchwunde" rief die Heilerin, die inzwischen mit einem anderen Verletzten beschäftigt war.

Zevran grinste. "Ich könnte Hilfe gebrauchen, jemanden, der meinen Rücken reibt.“  Er bekam keine Antwort und seufzte bedauernd.

Die alte Rüstung konnte er nicht mehr benutzen. Rayinne hatte sie zerschnitten, um möglichst schnell an seine Wunde zu gelangen. Als billigen Ersatz erhielt der Elf in der Kleiderkammer eine einfache Lederweste. Gänzlich ungerüstet wollte er sich nicht durch das Haus bewegen - wer wusste, ob es nicht bereits Eindringlinge gab?

Sein Schwert war verschwunden. Er fand nur seinen Dolch und den seines Widersachers und nahm beide mit sich. Gegen Übelkeit und Schwindel ankämpfend, die Schritte aber schon sicherer, lief er durch Korridore und Treppen bis hoch zu den Zimmern der Capos. Dort begegnete er Taliesen im Gang, der ihn mit einem spöttischen Lächeln begrüßte. "Du siehst entzückend aus, Zevran. Als würdest du jeden Augenblick wieder umkippen. Und das alles nur, weil du deine Augen mal wieder nicht von einem Paar hübscher Wölbungen lassen konntest."

"Es wäre jammerschade gewesen zu sterben, ohne diesen Busen gesehen zu haben," erwiderte Zevran, ebenfalls grinsend.  Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, versuchte, diese Haltung möglichst ungezwungen aussehen zu lassen. "Wie ist die Lage?"

"Ruhig. Die Lorenzos haben sich verzogen. Die wenigen, die überlebt haben." Taliesens Augen blitzten in stolzer Verachtung. "Meister Antonio hat die Capos zu sich gerufen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Ich wollte gerade..."

"Ah... nett von dir." Zevran lächelte säuerlich. "Aber danke, eine Vertretung ist nicht mehr nötig." Er nahm eine weitere Treppe, gegen Schwäche und Müdigkeit ankämpfend, um feste Schritte bemüht. Auf keinen Fall sollte irgendjemand an seiner Einsatzfähigkeit zweifeln.

Editado por maradeux, 07 noviembre 2010 - 02:04 .


#77
Xena Hiwatari

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ich bin hellauf begeistert von deinen geschichten *sich erfürchtig verbeug* schreib bitte auf jedenfall weiter, ja?

#78
maradeux

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Freut mich, dass dir die Geschichten gefallen. :) Und natürlich schreibe ich weiter - die nächsten Kapitel sind bereits in Planung. Allerdings habe ich durch den neuen Job jetzt weniger Zeit. Ich denke, am Wochenende poste ich wieder eine neue Episode. :)

Editado por maradeux, 26 octubre 2010 - 06:00 .


#79
Xena Hiwatari

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;) danke und ja das kenne ich, ich schreib selbser ein bisschen, vor allem rpgs und da kann es manchmal auch ein wenig stressig werde, die hauptsache ist, dass überhaupt weitere kapitel kommen :D

#80
maradeux

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Antivan Episodes

13 - Antonios Pläne

Der Angriff war zurückgeschlagen worden, sechsunddreißig tote Gegner wurden gezählt. Einige von Lorenzos Leuten hatte man gefangen genommen, um sie zu verhören. Dagegen waren die Verluste in der Arainai-Zelle vergleichsweise gering. Es gab acht Tote, zehn schwere Verletzungen. Mit Zevran wären es elf gewesen, aber der Assassin, der seinen rechten Unterarm in betonter Lässigkeit auf eine hohe Stuhllehne gestützt hatte, war sehr darum bemüht, seine Stichwunde trivial erscheinen zu lassen. 

Der Krähenmeister erläuterte seinen Plan für den Gegenangriff. Die Capos zeichneten Skizzen ab, machten sich Notizen. Es war an ihnen, die Aufträge möglichst präzise an ihre Gruppen weiterzuleiten. „Wir müssen schnell sein", bemerkte der Meister abschließend. "Yago und seine Leute dürfen keine Zeit haben, sich zu erholen und nachzurüsten. Spätestens in zwei Tagen stehen eure Teams. Seht zu, dass sich eure Verwundeten, sofern ihr sie braucht, bis dahin ausreichend regeneriert haben.“ Antonios undurchschaubarer Blick schweifte von einem der Capos zum nächsten. An Zevrans Gesicht blieb er länger als gewöhnlich hängen. „Ich werde selbst dabei sein. Yago gehört mir.“  Mit einem einfachen Wink seiner rechten Hand signalisierte der Meister das Ende der Versammlung. Die Teamleiter begannen, das Büro zu verlassen.

"Zevran, einen Moment noch..." rief der Meister dem jungen Assassin hinterher. Dem Elf fuhr der Schreck in die schmerzende Magengrube. Erneut stieg eine bedrohliche Übelkeit auf. Würde der Meister ihn nun auf seine Verfehlung im Kampf und die Verletzung ansprechen?

„Ja?“ fragte er mit einer Stimme, die sowohl fest als auch entspannt klingen wollte. Er schluckte und atmete gegen Schmerzen und Brechreiz an, hoffend, dass es nicht auffallen würde.

Einige der anderen Capos schauten sich verwundert um, aber Antonios Ton war nicht zu entnehmen, um welche Art von Angelegenheit es sich handelte. Außerdem würde es niemand von ihnen es wagen, sich länger als erlaubt im Büro des Meisters aufzuhalten. Sie gingen, die Tür schloss sich. 

Der Meister wies Zevran mit einer Kopfbewegung an, ihm näher zu kommen. "Dies ist eine gefährliche Situation. Wenn es Yagos Absicht ist, die Zelle zu schwächen, bin ich eines seiner Hauptziele." Der Meister stellte sich mit verschränkten Armen vor das Fenster, schaute hinaus. Die untergehende Sonne ließ sein Silberhaar rötlich schimmern. "Unser ältester Capo, Javiero, ist außer mir der einzige in unserer Zelle, der die Meisterweihe durchlaufen hat. Damit ist er bisher mein einziger möglicher Nachfolger." Antonio sprach in neutralem Ton. Zevrans einzige Reaktion bestand im Hochziehen einer einzelnen Augenbraue.

Der Meisterassassine drehte sich um, kam ein paar Schritte auf den Jüngeren zu. "Wie alt bist du jetzt?"

"Neunzehn in ein paar Wochen."

"Du bist zwanzig, falls dich jemand fragen sollte." Antonio fixierte Zevran mit seinen rätselhaften dunkelblauen Augen. "Ich möchte, dass du die Meisterweihe durchläufst, um im Falle meines Todes als Nachfolger bereitzustehen. Zwanzig ist das Mindestalter, sowohl  für die Weihe, als auch für das Amt eines Krähenmeisters."

***

Zevran hatte sich mit einem leichten Gift betäubt, um ruhig schlafen zu können. Im Morgengrauen trat Antonio persönlich in sein Zimmer, ohne vorher anzuklopfen. Jove war gerade bei dem jungen Assassin, um seine Wunde neu zu verbinden. Äußerlich war es nur ein kleiner Einstich, die Naht war sauber. Doch der Elf wirkte blass und fiebrig. Der alte Heiler trug eine Paste mit Heilkräutern auf, ehe er den neuen Verband anlegte.

Antonio sagte nichts zu alledem. "Wir müssen gehen," waren die einzigen Worte, die er sprach, nachdem der Heiler mit einem stummen, demütigen Gruß an den Meister den Raum verlassen hatte.

Zevran nickte kurz, legte wortlos seine Kleidung an, jedes Anzeichen von Schmerz oder Schwäche dabei sorgfältig vermeidend. Bevor sie aufbrachen, wagte er eine Frage: "Warum ich?"

Der Meister zog den linken Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach oben, seine Augen blitzten kurz auf. Dann drehte er sich um und verließ das Zimmer, die Tür hinter sich aufhaltend. Zevran ahnte, dass er von Antonio womöglich niemals eine greifbare Antwort erhalten würde.

Editado por maradeux, 07 noviembre 2010 - 01:39 .


#81
maradeux

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So, weil heute Halloween ist, poste ich noch ein (etwas) grusliges Kapitel der Geschichte. ;)
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Antiva-Episoden

14 - Die Weihe

Vor dem Haus wartete eine schwarze Kutsche mit dunkel verhangenen Fenstern. Zwei Zevran unbekannte Männer - ihren Tätowierungen nach hochrangige Krähen - warteten darin. Dem jungen Assassinen wurden die Augen verbunden, der Ort war geheim. 

Es war ein kahler, fensterloser Raum. Boden, Wände und Deckengewölbe bestanden aus einfachen, unbearbeiteten Steinen. Ein leichtes Tröpfeln, kleine Rinnsale stinkenden Wassers ließen Zevran ahnen, dass er sich unter der Erde befand, irgendwo im Gewirr von Antivas Kanälen. Hunderte von Kerzen auf Sockeln, Tischen, in Ecken und Nischen waren die einzige Licht- und Wärmequelle des ungewöhnlichen Ortes. Auf einem Altar in der Mitte lag ein junger Mann. Er lebte, seine Brust bewegte sich ruhig auf und ab, seine Augen waren geschlossen, als würde er friedlich schlafen.

"Es ist wichtig, dass er noch lebt“, sprach ein Elf mit dunkler, klangvoller Stimme. In einer langen, nachtblauen Robe ging er langsam auf die Besucher zu. Zevran hatte ihn noch nie zuvor gesehen. „Ich bin Meister Dendayar. Und Magier. Komm hier herüber. Ich muss dich vorbereiten."

Er wies auf einen einfachen Holzstuhl, der neben einem Tisch mit merkwürdigen Instrumenten und Gerätschaften stand. Bauchige Flaschen und Tiegel in verschiedenen Größen, Zangen, Löffel, Messer, Schalen... Ein beißender Geruch ging von diesen Dingen aus, der Zevrans Übelkeit verstärkte.

Während sich Zevran zu dem ihm zugewiesenen Platz begab, hielt Antonio den Magier kurz auf und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dendayar nickte und ging langsam auf den jungen Assassinen zu. Es war schwierig, das Alter des Elfenmagiers zu bestimmen. Eine Kapuze verdeckte die Haare, ihr Schatten fiel tief in sein Gesicht. Stechend grüne Augen blickten forschend in das blasse Gesicht des verwundeten Elfen. Kühle Hände berührten dessen fiebrige Stirn und fühlten den fliegenden Puls an seiner Halsschlagader. Schließlich wies der Magier Zevran an, sein Hemd zu öffnen und die Bandagen zu entfernen.

Der Meister fokussierte seine Hände auf die Wunde am Bauch des Assassins. Die Hände begannen, blau zu leuchten. Zevran spürte, wie eine warme Energie seine Organe durchströmte. Ein wohliges, heilsames Gefühl, als ob seine Wunde sich auf der Stelle schließen würde. Schmerz und Übelkeit ließen nach. Sein Herz schlug wieder in seinem gewohnt ruhigen und kräftigen Takt. Zurück blieb lediglich ein metallener Geschmack in seinem Mund. 

"Besser?" fragte der Magier schmunzelnd. 

"Danke." Zevran nickte anerkennend. "Euer Können ist beeindruckend. Und ziemlich nützlich, möchte ich sagen." 

"Nichts von dem, was du hier erfährst, wird diesen Raum verlassen." Die Stimme des Magiers klang scharf und drohend. Dendayar griff nach Zevrans linkem Handgelenk, rieb die Innenseite seines Unterarms mit einer blau schimmernden Flüssigkeit ein. Sie prickelte auf der Haut, ein Gefühl zwischen Kitzeln und Brennen. Der Magier nahm ein Messer, ritzte Zevrans Armvene auf und sammelte etwas von dessen Blut in einer Schale. Ein kurzes Auflegen seiner Hand genügte, um die kleine Wunde wieder zu schließen. 

Der Assassine schaute kopfschüttelnd auf die Stelle, an der nichts mehr zu sehen war, nicht einmal eine winzige Schramme. Es erschien so sinnlos, eine solche Macht verdeckt zu halten. Ein Magier mit derartigen Fähigkeiten in ihrer Zelle könnte so viele Tode verhindern, so viele Genesungszeiten verkürzen. Das Geschick der ihm bekannten Wundärzte erschien dagegen geradezu lächerlich.

Mit der Schale in seinen Händen ging Dendayar zu dem jungen Mann auf dem Altar, schnitt in eine Ader an dessen Hals und ließ auch von seinem Blut etwas hineinfallen. Er stellte das Gefäß auf einen steinernen Tisch, öffnete eine Phiole mit einer violetten Flüssigkeit und ließ einige Tropfen in das Blutgemisch fallen. Dann konzentrierte er sich, murmelte Worte in einer fremden Sprache. Aus seinen Händen schossen kurze Blitze. Sie verwandelten die dunkelrote Flüssigkeit in eine tiefschwarze Substanz. Diese brachte er dem jungen Elfen: "Trink das!"

Zevran zögerte: "Blut? Ich soll Blut trinken?"

"Es ist nicht einfach Blut“, sagte der Meister. "Es ist ein magisches Gemisch. Und du musst es trinken, solange es warm ist, sonst war alles umsonst." Er legte die Schale in Zevrans Hände. Sein Blick duldete keinen Widerspruch.
Der Elf nahm das Gefäß an seine Lippen, schloss die Augen und trank. Die Substanz schmeckte widerlich. Sie brannte im Hals und in seinem leeren Magen. Zevran hatte seit zwei Tagen nichts gegessen. Es fiel ihm schwer, den Brechreiz zu unterdrücken. Er überlegte, wie die Wirkung wohl ausgesehen hätte, wäre er nicht vorher noch geheilt worden.

"Gut“, sagte Dendayar. "Spürst du schon etwas?"

"Nein“, antwortete Zevran ehrlich. "Nichts außer Brechreiz und einem Brennen im Magen."

Der Meister lachte auf: "Das ist die ehrlichste Antwort, die mir je jemand gegeben hat." Er wies einen Assistenten an, Zevran wieder die Augen zu verbinden. Der Assassine wurde blind durch den Raum geführt. Schließlich drückte ihm jemand einen Dolch in die Hand: "Finde ihn“, hörte er die sonore Stimme des Magiers. "Finde ihn und töte ihn."

Zevran sah in der Dunkelheit seiner verbundenen Augen einen diffusen roten Ring und ging darauf zu. Als er näher kam, wurde der Ring schärfer, Runen im Rand wurden sichtbar. Vielleicht uralte elfische Symbole? Sie zogen ihn an. Der Ring war sein Ziel, er stach in dessen Mitte. Ein kurzer Aufschrei war zu vernehmen. Dendayar nahm Zevran die Augenbinde ab. Sein Dolch steckte genau im Herzen des jungen Mannes auf dem Altar.

"Gratuliere, das war gut“, sagte der Meister zufrieden. "Nicht jeder trifft beim ersten Mal sein Ziel so akkurat, du hast Talent. Dies ist jetzt deine Gabe. Du musst dich konzentrieren, dann kannst du deine Ziele auf magische Weise markieren und wirkungsvoller treffen."

"Der Junge hat nicht einfach geschlafen, oder?" fragte der Assassin.

"Natürlich nicht. Der magische Schlaf war ein Teil des Rituals. Und nun - nutze deine Gabe, wie es dir gefällt. Ab und zu macht es Sinn, das Ritual zu wiederholen. Du wirst spüren, wenn das notwendig ist. Aber achte immer darauf, dass die Substanz rein ist. Verdorbenes Blut würde dich töten."

Dann wandte Dendayar sich Antonio zu, der das gesamte Geschehen stumm beobachtet hatte. Er saß in einem hohen Lehnstuhl, in einem dunklen Winkel hinter dem Altar. "Wie sieht es bei dir aus, mein Freund?" fragte der Magier. "Ich hätte noch eine junge Frau für dich. Süße zwanzig, blond..."

Der Krähenmeister zog seinen linken Mundwinkel nach unten. "Nicht heute, Dendayar."

Editado por maradeux, 09 julio 2013 - 09:52 .


#82
Checkermaster

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ich finds hammer das einer so viel arbeit für einen wie Zevran auf nimmt. ich selbst bin leider kein fan von Zevran aber hoffe auch das du vielleicht über die anderen charakter sowas schreiben kannst Peace der Checkermaster ps. mach weiter so

#83
maradeux

maradeux
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Checkermaster wrote...

ich selbst bin leider kein fan von Zevran


Dabei ist dein Profilfoto ihm nicht ganz unähnlich. ;) Danke dir! :)

Editado por maradeux, 26 diciembre 2010 - 08:53 .


#84
maradeux

maradeux
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Kaum hab ich Urlaub, ist auch die Muse zurück. ;) Hier Teil 15 der Antiva-Episoden - viel Spaß beim Lesen und frohe Weihnachten! ;)
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Antiva-Episoden

15 - Meisterkampf

Was jede Krähe braucht - Blutdurst. Die Lust zu jagen und zu töten. Ehrgeiz und Präzision. Talent und Eleganz. Nicht jeder ist zur Krähe geeignet. Die Rekruten werden sorgfältig ausgewählt. Unter Sklaven, Straßenkindern und Waisen. Sie müssen schön sein und stark. Sie brauchen dieses Feuer in ihren Augen. Sonst werden sie nicht alt. Und alt... alt ist man bei den Krähen mit dreißig.
Das Ansehen steigt mit jedem Jahr. Manche junge Krähe wird für ihr Talent bewundert, manche für ihr Glück. Doch die wahre Stärke eines Assassins zeigt sich in seiner Überlebensfähigkeit.

Du bist achtundvierzig, Meister Antonio. Du hast bereits alles bewiesen. Deine Kampfeskunst, deinen Ehrgeiz. Ein Sklave, ein Elf, der es bis an die Spitze einer der einflussreichsten Zellen geschafft hat. Was tust du hier? Warum setzt du dich dieser leichtsinnigen Gefahr aus? Warum trittst du diesem Unwürdigen selbst gegenüber? Diesem Möchtegern-Meister, dem Emporkömmling Yago? Du hättest ihn deinen Capos überlassen können. Zevran und Javiero hätten ihn mit ihren Gruppen einkesseln und vernichten können. Aber du hast sie nur den Weg räumen, das Gebäude sichern, die Wachen töten lassen - bis zu dieser Tür. Diese hast du allein geöffnet, dich von niemandem begleiten lassen. Du betrachtest dies als persönliche Angelegenheit. Auge in Auge mit deinem Herausforderer.

Da steht er, der Mensch Yago. Sicher fünfzehn Jahre jünger, zwei Köpfe größer - ein Bär von einem Mann. Du bist überrascht, dass er nicht mit Hammer oder Schwert, sondern mit zwei Dolchen kämpft - den einfachen, schlanken Krähendolchen. Yago ist nicht nur stark, er ist auch schnell und geschickt. Seine dunklen Augen flackern genau wie deine - Wut, Leidenschaft, Blutdurst...

Ob ihn deine Flammenschwerter beeindrucken, lässt er sich ebenso wenig anmerken wie du dir die Überraschung über sein Kampfgeschick. Ihr seid beide Profis. Du hast noch eine voll funktionsfähige Zelle - trotz einiger Verluste. Er, Yago, hat nichts mehr. Alle seine Leute sind tot, geflohen oder gefangen in den Kerkern unter dem Arainai-Komplex. Eigentlich ist der Kampf längst entschieden. Und trotzdem wird der Jüngere sich nicht geschlagen geben. Das weißt du, das spürst du. Er wird kämpfen bis zum letzten Atemzug - deinem oder seinem.

 Auf seiner Seite - Jugend, Stärke und die Wut eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat. Auf deiner... die besseren Waffen - mit Lyrium verzauberte Elfenschwerter - leicht zu führen, schnell, scharf und beinah unzerstörbar.  Und deine Erfahrung... jene Erfahrung, dass dein Herz schneller ermüdet, deine Muskeln eher schmerzen als dies noch vor fünf, sechs Jahren der Fall war. Du hättest es nicht tun müssen, dieses Wagnis eingehen, dieses Risiko. Und doch tust du es, weil du gar nicht anders kannst. Du bist der Meister - dies ist dein Kampf. Nur, wenn du diesen Emporkömmling schlägst, kannst du den anderen und dir selbst beweisen, dass du des Meistertitels noch würdig bist. Es hat mit Stolz zu tun, mit Ehrgeiz und Blutdurst.

 Also blitzen deine Augen, die Schwerter fliegen. Dein Puls rast und du ignorierst den stechenden Schmerz in deiner Brust. Du parierst und greifst an und tanzt und bildest dir ein, das alles würde noch genauso gut laufen wie vor zwanzig Jahren. Der Schweiß rinnt über Stirn und Rücken, du atmest schwer, während der Jüngere noch frisch wirkt. Du hoffst, dass er deine Erschöpfung nicht bemerkt. Oder vielleicht doch... dass er leichtsinnig wird und vergisst, dass du das Schwert auch von links unten mit erstaunlicher Präzision  schwingen kannst.

Ein Schrei aus rauer Kehle erfüllt den Raum. Du hast seinen rechten Unterarm getroffen, Sehnen durchtrennt. Ein Dolch fällt zu Boden. Yago braucht Zeit, sich zu sammeln. Aber die lässt du ihm nicht. Dein rechtes Schwert stößt du dem im Schmerz nach vorn gebeugten Mann in den Rücken. Mit einem kurzen, gurgelnden Geräusch des Unglaubens fällt er zu Boden. Eine Blutlache bildet sich auf dunklem Holz.

Du hast es bewiesen, du hast es geschafft. Zitternd erreichst du den wuchtigen Lehnstuhl an seinem Schreibtisch und fällst hinein. Dein Puls beruhigt sich nur langsam. Dein Atem schmerzt und schmeckt nach Blut. Aber dein Widersacher ist tot. Wie viele solcher Kämpfe wirst du noch bestehen können? Wie lange kannst du so noch leben?

Stechend blaue Augen durchsuchen den kleinen Raum, überblicken Bücher, Papiere, Waffen und eingestaubte Schränke. Sie bleiben an einem Fellbündel hängen, dass in der hinteren Ecke über einem Rüstungsständer liegt. Langsam, mühevoll erhebst du dich und gehst hinüber, streichst anerkennend über die Tierhaut, riechst daran. Gutes Material für eine Winterrüstung. Du nimmst es an dich, schaust noch einmal hinüber zu der Leiche am Boden. Dein Blick, den du hier vor niemandem mehr verbergen musst, verrät nur Erleichterung, keinen Triumph. Bevor du den Raum verlässt, ist deine Miene wieder undurchsichtig, der Schweiß getrocknet, der Puls still.

Editado por maradeux, 25 diciembre 2010 - 04:26 .


#85
QueenOfFerelden

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Ach super hab schon drauf gewartet. :D Frohe Weihnachten wünsch ich dir.

#86
maradeux

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Danke, Queen! :)



Wie lange es bis zum nächsten Update dauert, kann ich noch nicht sagen - ich habe einige Ideen für spätere Kapitel, teilweise auch schon ausformuliert, aber gerade der nächste Abschnitt ziert sich und mag noch nicht geschrieben werden. (kann ja was werden mit so einem launischen Kapitel *tz*)

#87
maradeux

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Endlich wieder ein paar freie Stunden zum Schreiben gefunden...
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Antiva-Episoden

Teil 1 - Feuer

~~ Flächenbrand ~~

16 - Drei Betten

Die Regenzeit hielt sich in diesem Jahr nicht an ihr kalendarisches Ende. Es war schon Blütezeit, doch es regnete immer noch unablässig. In Antiva Stadt waren viele Uferstraßen und sogar Teile des Königlichen Palastes überflutet.

Eine schlanke Gestalt huschte durch die regnerische Nacht, verschmolz mit den fliehenden Schatten an Häuserwänden, bewegte sich schnell und geschickt. Ein Elf, ein Assassine, eine der berüchtigten Krähen Antivas, vielleicht die beste von ihnen. Zevran schlüpfte durch eine Dachluke ins Haus. Bevor er in sein Zimmer ging, bat er den Dienstjungen im Gang um einen Zuber mit heißem Badewasser. Er schloss die Tür hinter sich, öffnete die oberste Schublade seiner Kommode und ließ eine verschnörkelte silberne Gürtelschnalle  in eine gut gefüllte Schachtel aus Silvanholz fallen. Dann begann er, seine Rüstung abzulegen, was in ihrem nassen Zustand schwierig war. Ärgerlich warf er die durchnässten Stiefel in eine Ecke - schon das zweite unbrauchbar gewordene Paar in diesem Jahr. Zum Glück waren es nicht seine besten.

Ein paar Zimmer weiter auf demselben Gang lag ein anderer junger Assassine in seinem Bett. Seine Augen waren geschlossen, die Haut über den Wangenknochen und dem breiten Kiefer wirkte angespannt. Schmale Elfenhände fuhren durch seine kurzen schwarzen Haare. Taliesen öffnete seine Lider und ließ seinen Blick über Gineras  feine Züge wandern -  die glatte, hellbraune Haut, grazil geschwungene Brauen, die zierliche Nase, die warmen Lippen. Seine Hand fuhr durch ihre weichen, braunen Locken. Schließlich liebkoste er mit seinen Fingerkuppen die Spitze ihres linken Ohrs. Die junge Elfin neigte ihren Kopf in Richtung der Hand, schloss die Augen und gab ein Schnurren von sich. Er kannte sie so gut. Leidenschaftlich bedeckte sie Hals und Oberkörper des stattlichen Mannes mit kleinen Küssen, streichelte seine empfindlichsten Stellen. Doch ihre Bemühungen erschienen fruchtlos.

"Komm, entspanne dich. Du machst dir zu viele Gedanken. Dass sollte sein Job sein, nicht deiner."
Taliesen seufzte leise und eine Falte bildete sich zwischen seinen dichten Brauen. "Du hast ja Recht, aber... er hat sich nicht einen Tag Ruhe gegönnt. Nicht einmal nach seiner schweren Bauchverletzung. Ich war bei ihm, er war fast tot."
"Warum so besorgt, Taliesen? Seine Wunde ist doch erstaunlich schnell geheilt, findest du nicht?"
Der junge Mann zuckte die Schultern. "Meister Antonio hat ihn am nächsten Tag mitgenommen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der einige Heilmagier in Antiva kennt."
Ginera schnaubte in leiser Verachtung. "Vorzugsbehandlung für das Schoßhündchen – wieder einmal." In einer unbewussten Bewegung strichen die Finger ihrer linken Hand über ihre eigene noch frische Narbe am Bauch. Sie war gut verheilt, allein aufgrund des Könnens der zelleneigenen Wundärzte. Für sie hatte man keinen Magier geholt.
Taliesen lachte tonlos. "Diese Missgunst steht dir nicht gut, meine Hübsche, sie lässt dich alt aussehen."

Es klopfte und Zevran trat ein, ohne lange abzuwarten. Wie es nach einem Bad oft seine Gewohnheit war, trug er nur eine einfache Leinenhose, sein Oberkörper war nackt. Seine Haut dampfte noch vom warmen Wasser und verströmte einen angenehmen Duft im Raum. Die Haare hatte er aus dem Gesicht gekämmt. So nass wirkten sie dunkler als gewohnt. Taliesen fiel wieder einmal auf, wie verdammt gut dieser junge Elf aussah - der schlanke, sehnige Körper, auf dem die Narben hier und da wie bewusst gesetzte Verzierungen wirkten, das fein geschnittene Gesicht , dessen Züge durch die tätowierten Linien auf der linken Seite dezent betont wurden. Aber da er den Elfen gut kannte, bemerkte er auch die Anzeichen von Müdigkeit um seine Augen. Die Stelle an Zevrans Oberkörper, in der der vergiftete Dolch gesteckt hatte, war zu Taliesens Erstaunen narbenlos. Allerdings war der Bereich deutlich gerötet. Der junge Mann fragte sich, ob das etwas mit der Heilmagie zu tun hatte oder womöglich Zeichen einer Entzündung war.

„Wenn man vom Teufel spricht…“ sagte Taliesen breit grinsend.
Um Zevrans Mundwinkel formte sich sogleich ein anzügliches Lächeln. "Oh? Genau der Anblick, auf den ich gehofft hatte. Lasst euch nicht stören, ich suche nur meine zweite Rüstung. Ich glaube, die hatte ich bei dir gelassen.“ Der Elf begab sich zu einer Nische im hinteren Teil des Raums, in der sich ein großer Kleiderschrank und mehrere Truhen befanden und begann, diese zu durchsuchen.
"Wozu brauchst du denn jetzt die Rüstung?" fragte Taliesen skeptisch.
"Ich muss noch mal los heute." Der Elf setzte seine Suche fort. "Und so reizvoll es erscheinen mag - ich wollte nicht unbekleidet aufbrechen."
"Noch eine Mission? Du bist gerade erst von einer zurückgekehrt. Entspann dich doch mal!"
Zevran lachte. "Ah, mach dir keine Gedanken, das ist nur ein einfacher kleiner Auftrag - der Kapitän eines Piratenschiffs. Ich habe seine Frau kennengelernt und glaube mir, mehr brauche ich zur Entspannung nicht." Er lächelte in offensichtlicher Vorfreude.
"Also wieder eine Solomission? Vergisst du, dass du ein Team hast, Zevran?"
Der Elf lachte "Nein, keineswegs. Ich brauch euch noch früh genug. Sobald ein Bote Nachricht von unseren Spähern in Treviso bringt, startet der Einsatz gegen Lorenzo. Bereitet euch vor und ruht euch aus, ich brauche euch in Bestform. Ah, da ist die Rüstung ja!" Zevran nahm ein großes Bündel an sich und schlenderte langsam am Bett vorbei in Richtung Tür. "So schweigsam heute meine Schöne?", lächelte er Ginera an.
"Falls es dir noch nicht aufgefallen ist - du störst. Und ich habe kein Interesse, deinen Aufenthalt hier durch unnötige Worte zu verlängern." Statt den Elf anzuschauen, wandte sie sich Taliesen zu und liebkoste die weiche Stelle hinter seinem Ohr mit ihrer Zungenspitze.
"Hm, ich liebe es, wenn du so schnippisch bist, Ginera." grinste Zevran. "Aber leider habe ich keine Zeit mehr, dir weitere dieser reizenden Worte zu entlocken. Isabela erwartet mich." Mit schwungvollen Schritten verließ er das Zimmer, nicht ohne dem Paar im Bett noch einen letzten gierigen Blick und ein bedauerndes Seufzen zuzuwerfen.

"Du begehrst ihn." sagte Ginera nach einigen Sekunden des Schweigens.
Taliesen stutzte "Wie kommst du darauf? Weil ich mir Sorgen gemacht habe? Das ist eine dumme Marotte aus alter Gewohnheit - betrachte ihn wohl immer noch als meinen Zögling."
"Nein, weil das hier…", sie unterstrich ihre Worte, indem sie sein das Zeichen seiner Erregung mit ihrer Hand sanft drückte, "genau in dem Moment hart geworden ist, als dein Blick über seinen Körper wanderte.
Der junge Mann schaute die Elfin verwirrt an. Sein Blick wirkte - wie - überrascht, ertappt? "Aber ich habe nie... ich meine - nein, ich stehe nicht auf Männer! Ich wurde oft genug gezwungen und habe es immer gehasst."
Ginera lachte leise." Sei nicht albern, Taliesen. Das steht dir nicht.“

***

Es war ein schönes Anwesen, das sie in der Nähe von Treviso erstanden hatten – direkt an der Steilküste mit Blick aufs Meer. Im ausgedehnten Garten standen die Mandarinenbäume in voller Blüte. Sie hatten von den starken Regenfällen in der Hauptstadt gehört. Hier weiter im Norden war der Himmel sternenklar. Die hohen Fenster des Schlafzimmers waren weit geöffnet. Die leichten weißen Gardinen flatterten in der milden Nachtluft. Martha vernahm das Rauschen des Meeres, das Zirpen von Grillen, einen leisen Wind in den Bäumen, der betörenden Blütenduft zu ihr trug. Doch da war noch ein Geräusch – irgendein Knarren in der Ferne, das sie hatte hochschrecken lassen aus ihrem leichten Schlaf. In Panik sprang sie auf, rannte zu den weit geöffneten Fensterflügeln und schloss sie mit zitternden Armen. Dann lehnte sie sich atemlos, keuchend gegen den Fensterrahmen. Lorenzo war wach geworden, hatte sich im Bett aufgesetzt und schaute seine Frau fragend an. „Martha? Was ist los? Ist was passiert?“
Die korpulente Frau schüttelte den Kopf, schniefte, als sich Tränen in ihren Augen bildeten. „Das Fenster… so… gedankenlos. Während…“ Die Tränen schüttelten sie und ließen ihren Satz unbeendet. Sie rutschte am Fensterrahmen hinunter, bis sie mit angewinkelten Beinen am Boden saß. Ihr Mann stand auf und ging langsam Richtung Fenster, hockte sich zu ihr und umarmte sie. „Ja… ich weiß. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass du hier sicher bist… ihr beide, meine ich. Er berührte mit einer zärtlichen Geste ihren runden Bauch und küsste ihn. „Das ist kein Leben mehr so. Du sollst so nicht leben müssen – in ständiger Angst, dass sie uns aufspüren und töten könnten. Darum gehe bitte, wie wir es geplant hatten, ja?“ Lorenzo streichelte eine ihrer roten Wagen und küsste eine Träne weg.  „Die Kutsche bringt dich morgen früh zum Hafen, das Schiff legt noch vor der ersten Morgenmesse ab. In ein paar Wochen bist du in den Freien Marschen und in Sicherheit. Hörst du? Ich komme später nach. Sobald… ich hier alles erledigt habe.“
Martha nickte zunächst, schüttelte dann aber wieder den Kopf, hob ihn und schaute ihrem Mann unter Tränen ins Gesicht. „Ich habe Angst, dass dies unsere letzte Nacht ist. Dass ich dich nie wieder…“ Noch einmal erstickten die Tränen ihre Worte. Lorenzo umarmte seine Frau – so fest, so liebevoll er nur konnte. Sein Blick aus dem Fenster in die Nacht war voller Trauer und Sorge.

***

Irgendwo im ausgedehnten  Gebäudekomplex der Arainai-Zelle in Antiva Stadt lag ein Elf in seinem Bett. Er schlief unruhig, rang nach Luft. Die Wangen waren blass und eingefallen, die langen hellen Haare schweißnass.

Editado por maradeux, 19 febrero 2011 - 11:35 .


#88
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17 - Tot oder lebendig

Der erste Versuch ging schief. Zevran konnte froh sein, dass er mit heiler Haut davon kam - und wenig mehr. Im immer noch unablässig fallenden Regen flüchtete Zevran nackt aus Isabelas Kabine, rannte über das Deck der Sirenengesang, sprang ins Hafenbecken und versteckte sich unter dem Anlegesteg, bis die wütenden Rufe des gehörnten Ehemanns - der sein Ziel gewesen war – endlich zur Ruhe kamen. Im kalten Wasser zitternd überlegte er, wie er wieder an seine Ausrüstung käme.


Es war natürlich dumm von ihm, nicht geduldig im Schatten lauernd auf die Rückkehr des Mannes zu warten, wie es sich für einen guten Meuchelmörder gehört hätte, sondern sich die Zeit mit Isabela zu vertreiben. Die rassige Piratenbraut, die mit ihrer Zunge ebenso geschickt wie mit ihren Dolchen war, hatte ihn sehr erfolgreich abgelenkt. Und hätte sie mit ihrem Mann unter einer Decke gesteckt, würde Zevran nun nicht mehr leben. Doch er hatte Glück im Unglück - einmal wieder. Während Isabela aufsprang und ihren aufgebrachten Mann umarmte, um ihn zu beruhigen, konnte Zevran einen seiner Dolche greifen und durch das Bullauge der Kabine entkommen.
Der wütende Kapitän stieß seine Frau zurück und verfolgte den Flüchtenden, spannte seine Armbrust - aber da war der Übeltäter schon aus seinem Gesichtsfeld entschwunden. Er lief zur Reling, schaute am Schiff hinunter, schaute über das regengraue Meer, auf die Decks der benachbarten Schiffe am Hafen. Weit sehen konnte er ohnehin nicht in dieser regnerisch trüben Nacht. Dieser reichlich tätowierte, langhaarige Elf, den er im Bett seiner Frau erwischt hatte, schien spurlos verschwunden. Aber war er nicht gänzlich unbekleidet?

Luis zuckte die Schultern und schlenderte gemächlich zu seiner Kapitänskajüte, wo er seine Waffen aufbewahrte. Mit den Zähnen zog er den Korken aus der angebrochenen Branntweinflasche, die er immer bei sich trug, trank einige Schlucke und murrte über die Untreue der Frauen. Mit einem langen Schwert am Gürtel begab er sich zur Kabine seiner Gemahlin. Dort lagen noch die Sachen des Betrügers. Hier würde er ihm auflauern. Er stellte sich hinter die Tür, das Schwert gezückt und wartete… Nach einigen Minuten gähnte er und rieb sich seinen Arm. Ach, das Schwert kann ich doch auch noch ganz schnell ziehen, wenn er kommt. Zur Probe steckte er das Schwert in die Scheide und zog es, so schnell er konnte. Er nickte zufrieden und wiederholte den Versuch einige Male. Darüber vergingen weitere Minuten. Er lauschte, aber es blieb still vor der Tür.

Isabela erwachte und drehte sich murrend um: „Luis? Was machst du hier?“

„Schweig still, Weib! Du verdirbst sonst alles!“

Isabela zuckte die Schultern „Mach, was du willst, aber sei leise dabei, ich will schlafen.“ Sie drehte sich auf die andere Seite und schlief wieder ein.

Luis seufzte. Er wartetet weitere Minuten, gähnte immer wieder. Seine Beine fühlten sich schwer an. Ich kann doch auch ganz schnell aufspringen, sobald ich etwas an der Tür höre. Der Kapitän setzte sich auf dem Boden neben den Kleiderstapel des Assassinen. Da der Waffengurt drückte, löste er ihn und legte ihn neben sich. Weitere Minuten später streckte er seine Beine aus und nahm noch ein paar Schlucke aus seiner  Branntwein-Flasche. Und es war immer noch nichts zu hören…

Zevran schlich sich so leise auf das Schiff, wie es ihm in seinem schutzlosen und unterkühlten Zustand nur möglich war. Es war ihm klar, dass der Kapitän einen Hinterhalt gelegt haben könnte. Aufmerksame Augen suchten nach Fallen. Die Kabinentür erreichte er schadlos. Der Regen hatte endlich nachgelassen, aber ein kühler Wind strich über Zevrans bloße Haut und ließ ihn schauern. So vorsichtig es mit seinen steif gewordenen Händen ging, öffnete er die Tür – und musste aufpassen, nicht laut loszulachen bei dem Anblick, der sich ihm offenbarte.

Im Bett lag Isabela und schlief. Am Fußende ihres Bettes lehnte der Kapitän und schnarchte sehr laut. Neben ihm eine leere Branntweinflasche und sein Gürtel mit dem Schwert. Der Mann hatte sich – wohl aus Bequemlichkeit, Jacke und Hemd geöffnet. Ein Büschel dichter Brusthaare lugte hervor. Zevrans Dolch war blitzschnell – ein kurzes alkoholisiertes Stöhnen und der Kapitän der Sirenengesang war tot.
Isabela ließ sich davon in ihrem Schlaf nicht stören. Nachdem der Assassin sich angekleidet hatte, küsste er die Wange der schönen Frau und verließ das Schiff im Morgengrauen.

Zevran lief durch die Gassen des Hafenviertels. Hier kannte er jeden Winkel, beinah jeden schmutzigen Stein. Da gab es die Ecke, an der Signora di Manico starb, am Flussufer die Stelle, an der er Sûls Leichnam gefunden hatte. Und gleich da drüben, an der Straße, die zum Marktplatz führte, stand das Angelo Sanguino - das Hurenhaus, in dem er seine ersten Lebensjahre verbracht hatte. Zwei Lieblinge hatte er dort, die er regelmäßig besuchte - das Elfenmädchen Lovianne mit den sanft-braunen Augen und Cibellio, einen jungen Mann, der ihn an Sergio erinnerte. Er hatte fast die gleichen hellbraunen Locken und große blaue Augen. Sogar Statur und Größe waren ähnlich. Nur die Stimme - die passte ganz und gar nicht. Darum durfte Cibellio nie sprechen, wenn sie zusammen waren. Täte er es doch, würde Zevran ihm die Zunge herausschneiden.

Der Elf war müde, ihm war kalt. Und doch hatte er keine Eile, in sein Krähenquartier zurückzukehren. Er kannte die Agonie nach einem beendeten Auftrag. Das Gefühl von Leere, von Kälte, von Tod…  Es gehörte nicht zu den Dingen, die er jetzt ertragen könnte. Er wollte sich spüren, irgendetwas spüren. Doch lebendig fühlte er sich nur noch auf der Jagd nach einem Opfer, im Augenblick des Tötens. Oder in Momenten der sexuellen Erregung und Ektase. Aber es war zu spät für einen weiteren Auftrag und zu früh für das Angelo. So erreichte Zevran das Gebäude der Arainai kurz nach Sonnenaufgang und fragte den Jungen im Gang zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden nach heißem Badewasser.

Der Zuber kam rasch. Zevran stieg in das warme Wasser, tauchte tief hinein und spürte, wie sich eine angenehme Wärme in seinem Körper ausbreitete. Er schloss die Augen, als er hörte, wie jemand ins Zimmer trat – wohl bekannte Schritte. Zevran änderte seine entspannte Haltung nicht, öffnete noch nicht einmal die Augen. „Was willst du, Taliesen? Mir Gesellschaft leisten? Es ist noch…“ Den strengen Geruch des lähmenden Gifts nahm er erst wahr, als das Tuch ihm Mund und Nase verschloss. War es das nun?  Eine Krähe musste auf Betrug und Tod gefasst sein. Jeden Tag konnte es passieren, jedem, überall. Es gab keine Sicherheit, keine echten Freunde, kein Vertrauen.

Aber Zevran starb nicht. Er erwachte in seinem Bett. Es war heller Tag – die Regenwolken hatten sich verzogen. Eine hungrige Sonne tauchte Antiva in goldenes Licht. Aber der Elf war nicht allein und hatte keine Augen für die Sonne. Seine Arme waren an die Bettpfosten gefesselt, und auf ihm saß Taliesen – so nackt wie er selbst und deutlich erregt. "Guten Morgen!“ Der junge Mann grinste und strich mit dem Daumen über eines der gefesselten Handgelenke „Verzeih mir, ich hoffe, es ist nicht zu unbequem. Aber wenn du dir selbst keine Ruhe gönnst, muss ich dich wohl dazu zwingen."
Zevran lachte. Die Fesseln waren nicht wirklich fest. Es wäre für ihn kein Problem gewesen, sich daraus zu befreien. Aber warum, wenn es gerade so interessant wurde? "Ich wusste, dass das irgendwann passieren würde." Grinste er selbstzufrieden und wartete gespannt.

Taliesen war nicht zärtlich. Er agierte hitzig, grob in seiner aufgestauten, lang nicht eingestandenen Leidenschaft. Zevran genoss die Intensität seiner festen Griffe, Bisse und Schläge, das beinah brutale Eindringen. Sie erregten ihn auf neue, prickelnde Art. Dass er gefesselt und ausgeliefert war, verstärkte dieses Gefühl. Es ließ ihn vergessen, wo er war, wer er war. In diesem süßen Schmerz war eine Freiheit, wie er sie seit seiner Vision vom Fliegen nicht mehr gespürt hatte. Dem Höhepunkt folgte eine tiefe, zufriedene Müdigkeit und Schlaf - so ruhig, so fest wie lange nicht.

Als er aufwachte, war es wieder dunkel. Er war allein im Zimmer und seine Handgelenke frei. Sie waren noch rot, an manchen Stellen aufgerieben von dem groben Strick. Grinsend strich er über die Spuren. Dann begann er, sich anzukleiden. Er stutzte, als er Schritte im Gang hörte, diesmal unvertraut. Sie hielten vor seinem Zimmer. Zevran kannte den Mann, der eintrat, hatte ihn bisher aber nur stumm und stehend erlebt – er war einer der persönlichen Leibwächter Antonios.

 „Zevran? Der Meister wünscht Euch zu sprechen. Es eilt!“


Editado por maradeux, 21 agosto 2014 - 02:51 .


#89
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18 - Geschmolzene Erinnerungen

Zevran warf sich eilig ein Hemd über, dann rannte er durch Gänge und Treppen zu Antonios Büro. Der Meister hatte sonst immer einen Boten geschickt, wenn es etwas zu besprechen gab, noch nie seinen Leibwächter. Was war passiert?

Im Büro brannte eine einzige kleine Kerze  auf dem Schreibtisch. Der Meister stand in einer dunklen Ecke gegenüber dem Eingang. Er ließ nicht erkennen, ob er den Eintretenden bemerkt hatte, hob weder zum Reden an, noch bewegte er sich. Zevran schloss die Tür und ging zögernd einige Schritte auf den älteren Elf zu. Als der immer noch nichts sagte, begann Zevran selbst: "Meister Antonio? Euer Leibwächter rief mich. Er sagte, es sei dringend?"

Der Meister nickte. "Richtig. Ich wollte dich noch einmal sehen, bevor ich sterbe."

Die Worte, vor allem aber der Ton, in dem sie gesprochen wurden, ließen Zevran erschauern. Die Stimme des Meisters war ein mühevolles Röcheln, und da er nun den Kopf hob, bemerkte der Assassine im schwachen Licht, dass Antonio schwer krank war - das Gesicht ausgemergelt und grau, die Wangen hohl. In seinen Augen brannte Fieber. Er rang nach Luft, musste Husten.
 
War es eine Lungenentzündung? "Ihr müsst nicht sterben, Meister. Ich war selbst einmal sehr krank und habe es überstanden. Ihr braucht Ruhe und Medizin."

Antonio schüttelte langsam den Kopf, dann hob er eine Hand - an den Fingern waren schwarze Geschwüre. "Es ist keine Lungenentzündung, Zevran. Es ist Milzbrand."

Vielleicht war es Zufall, dass das Fell in Yagos Büro verseucht war. Doch der Verdacht lag nahe, dass Lorenzos Meister das Fell bewusst dort platziert hatte  - als letzte Chance, seinen Mordauftrag noch auszuführen, auch wenn er diesen Triumph selbst nicht mehr erleben würde. Antonios Haut, seine Lungen, sein Blut wurden von der Seuche zerfressen. Es gab keine Überlebenschance.

"Was ist mit Heilmagie?", fragte Zevran, "Meister Dendayar - könnte er Euch nicht helfen?"
Antonio lehnte an der Wand. Ein Hustenanfall schüttelte seinen hageren Körper. Er senkte den Kopf auf die Brust. Das Sprechen fiel ihm merklich schwer. "Dendayar ist ein Meister seines Fachs. Aber der Heilmagie sind Grenzen gesetzt. Bei Schnitt- und Stichwunden, sogar solchen, die sonst tödlich wären, vollbringt er wahre Wunder. Ist ein Heilmagier sehr mächtig, gelingt es ihm sogar, Knochenbrüche zu heilen. Aber gegen Krankheiten und Gifte braucht es zusätzliche Mittel - Heilkräuter, Säfte, Tinkturen... Und gegen manche Seuchen hilft gar nichts.“ Antonios Stimme war schwach, seine Rede wurde immer wieder von Husten unterbrochen. Und doch fuhr er fort… „Erinnerst du dich, wie Dendayar deine Wunde schloss? Die Verletzung heilte augenblicklich, die Entzündung, die sich gebildet hatte, aber nicht. Wenn ich mich nicht täusche, hattest du noch einige Tage lang damit zu tun. Vielleicht sogar immer noch?“ Er schaute prüfend in die Augen des Jüngeren, doch der hielt seinen Blick verschlossen. „Nun, zumindest als wir in Lorenzos Quartier waren, wirktest du noch angeschlagen. Ich habe die Anspannung in deinem Gesicht bemerkt."

Zevran seufzte. Er ärgerte sich, dass er so leicht zu durchschauen war. "Und ich dachte, es wäre eine Folge des Blutrituals gewesen…“

Der Meister legte dem Jüngeren eine Hand auf die Schulter - sie zitterte. "Du hast diesen Schmerz ertragen und hast gekämpft. Selbst krank bist du noch schneller als viele andere. Und keine Sorge - du bist ein Meister im Verbergen deiner wahren Gefühle. Du täuschst Heiterkeit vor. Das lässt dich sympathisch wirken, öffnet dir Türen. Du wirst von deinen Gegnern unterschätzt, das macht dich gefährlich. Du hast Dinge fertig gebracht, die dir niemand zugetraut hätte. Das war schon so, als du erst zwölf warst. Und ich denke, nun hast du auch die Antwort auf die Frage, die du mir vor einiger Zeit gestellt hattest."

Zevran schluckte. Worte des Lobes waren selten unter Krähen. Eine solche Rede auf seine Fähigkeiten hatte er noch nie gehört und niemals für möglich gehalten. Es mochte an Antonios hohem Fieber liegen, an der Nähe seines Todes. Aber auch, wenn die Situation unheimlich war – diese Worte taten gut. Eine Bestätigung für das, was er war, wie er war – für seine Art, den Weg einer Krähe zu gehen.

„Ich werde sterben, Zevran“, wiederholte der Meister, nachdem der Jüngere stumm geblieben war. „Es lässt sich nicht ändern. Ich habe ein Testament aufgesetzt, laut welchem du als mein Nachfolger bestimmt bist. Das letzte Wort über die Besetzung seines Hauses hat allerdings Arainai. Ich kann nur hoffen, dass er weise entscheidet. Doch zunächst… haben wir noch einen Auftrag zu erfüllen“

Antonio ging mühsam zu seinem Schreibtisch. Zevran folgte ihm langsam, wagte es aber nicht, dem schwerkranken Mann eine Stütze anzubieten. Der Meister händigte dem Assassin eine Schriftrolle aus. "Hier sind alle Informationen darüber, wo Lorenzo sich aufhält, wie er am besten zu fassen ist. Ich möchte, dass du mit deiner Gruppe den Fall übernimmst. Aber... bevor du nach Treviso aufbrichst, wollte ich dir noch etwas geben."

Der schwerkranke Elf bot Zevran einen Sitz an. Das hatte er noch nie getan, und hatte auch selbst während der Besprechungen noch nie gesessen. Was unter anderen Umständen als Zeichen der Vertrautheit hätte gedeutet werden können, zeigte nun vermutlich nur, wie schlecht es um die Gesundheit des Meisters stand.  Antonio ließ sich mühsam in dem Lehnstuhl gegenüber Zevran nieder. Er öffnete den Gürtel, den er um seine Taille trug, ließ das glatte, kühle Metall durch seine Hände gleiten.

"Ich war noch ein recht junger Assassine, als ich bemerkte, dass es mir Glück brachte, wenn ich die Trophäen meiner Opfer als Talisman bei mir trug. Ich begann, die Gegenstände in einem Säckchen zu sammeln, das ich mit mir nahm. Aber das wurde unpraktisch mit der Zeit. Es konnte passieren, dass das Klirren mein Kommen verriet. Einmal, als ich eines meiner Ziele - einen Goldschmied - bei seiner Arbeit beobachtete, kam ich auf eine Idee. Nachdem ich ihn getötet hatte, nutze ich seine Werkstatt und sein Werkzeug, um meine Trophäen einzuschmelzen und einen Gürtel daraus zu fertigen. Am Anfang war er sehr dünn und passte gerade so um meine Taille, aber er wuchs, als ich über die Jahre immer mehr Teile hinzufügen konnte, und mit jedem Teil wuchs auch seine Macht. Er ist magisch, du wirst es spüren." Er hielt den Gürtel in die Höhe, bot ihn dem Jüngeren an.

Zevran nahm ihn zögernd an sich. „Danke sehr. Ich fühle mich geehrt.“ Er stand auf und verbeugte sich tief. Eine Geste der Anerkennung Älteren und Dienstherren gegenüber, die Zevran in seinem Training gelernt hatte, aber nur selten anwendete. Noch viel seltener war sie nicht ironisch gemeint.

Der junge Elf kannte das Gefühl der Besorgnis nicht. Es war ihm fremd und beinah peinlich, Antonio so schwach und dem Tode nahe zu erleben. Der Meister schien seine Unsicherheit zu spüren. Er wandte sich von ihm ab: "Du solltest jetzt gehen."

In einem plötzlichen Impuls ging Zevran zu Antonio hinüber, berührte seinen Arm. "Ich will Euch so nicht allein lassen. Lasst mich Euch helfen, bitte."

Des Meisters erste Reaktion war Abwehr. Es wäre nur natürlich gewesen, nach allem, was sie beide gelernt hatten, den angebotenen Arm wegzustoßen. Doch hielt er inne, nickte, senkte den Blick und ließ zu, dass Zevran ihm aufhalf. Der junge Assassin brachte seinen Meister durch die Hintertür des Büros in sein Schlafgemach. Sein Leibwächter - derselbe, der Zevran zuvor abgeholt hatte, stand stumm und regungslos neben der Tür, ließ die beiden passieren. Als Antonio sein Bett erreicht hatte, bot Zevran ihm ein Glas Wasser an.

"Danke, mein Sohn." Der Meister sah seinem Wunschnachfolger lange und tief in die Augen. Der antwortete nicht, aber Antonios letzte Worte brannten sich in sein Gedächtnis.

Zevran ging zum vergitterten Fenster des relativ kleinen Schlafzimmers. Er hielt den Gürtel in der Hand und kämpfte mit den Tränen. Besorgnis, Wut, Trauer - Gefühle, die eine Krähe nicht haben dürfte. Er ballte seine Faust und schlug sie gegen den Fensterrahmen. Sorge war nutzlos, Trauer half niemandem. Doch Wut... Wut konnte er für sich nutzen. Wut konnte zu Hass werden. Hass auf Yago war Hass auf Lorenzo, und der war sein nächstes Ziel.

Du wirst keinen einfachen Tod sterben, Lorenzo, das schwöre ich.

Editado por maradeux, 01 febrero 2011 - 04:04 .


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Kapitel 19 – Auf dem Weg

Lange blieb Zevran an jenem Fenster stehen. Er hielt immer noch den Gürtel in seiner linken Hand. Die rechte hielt einen Stapel Papiere, die er aufmerksam studierte.  Auf den Schriftrollen stand viel mehr als nur Informationen über Lorenzo. Sie enthielten einen langen Brief von Antonio an seinen Nachfolger - Hinweise über den Aufbau der Zelle, Bemerkungen über die Eigenschaften anderer Capos und ihrer Mitarbeiter, sogar über Arainai selbst. "Denke auch an die Gefangenen aus Lorenzos Zelle. Ich habe es nicht mehr geschafft, mich darum zu kümmern. Suche nach brauchbaren Kräften, die wir aufnehmen können, den Rest lasse töten." Ein weiterer Absatz war offenbar später hinzugefügt worden - die Schrift war  zittrig und nur schwer lesbar. Sein Körper, so schrieb Antonio, sollte nach seinem Tod von niemandem berührt und auf keinen Fall verbrannt werden, da sich die Seuche sonst ausbreiten könnte.

Der Assassine rollte die Papiere zusammen und verstaute sie in seiner Rüstung. Die ganze Zeit hatte er das Röcheln und Husten des Schwerkranken gehört,  nun war eine gespenstische Stille eingetreten. Zevran schaute hinüber zum Bett, auf dem der Meister regungslos lag. Bewusstlos oder schon tot? Der Assassine ging zögernd näher. Seine Hand schwebte über Antonios Gesicht   - die Haut grau, von der Krankheit gezeichnet, reif, aber immer noch fast faltenlos. "Wie gut gegerbtes Leder" flüsterte der junge Elf. Er zog seine Hand wieder zurück. Am Fußende lag eine zusammengerollte Decke. Zevran nahm sie und deckte den Meister damit zu. Dann verließ er das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.

Der Leibwächter berührte Zevran am Arm. Es war eine beinah unmerkliche Bewegung. Der Elf drehte sich um und fand einen fragenden Blick. „Meister Antonio wünscht nicht gestört zu werden“, flüsterte der junge Capo mit entschiedenem Ernst. Der Leibwächter nickte und kehrte zu seiner gewohnten Unbeweglichkeit zurück.

Im Keller war Rayinne gerade damit beschäftigt war, ihre Instrumente zu reinigen. Als Zevran in ihr Büro trat, blickte sie auf und hob beide Augenbrauen, so dass sich ihre Stirn leicht kräuselte. „Ah, die Bauchwunde. Ich habe von Eurer raschen Genesung gehört… Darf ich mal sehen?“

Zevran grinste. „Deswegen bin ich nicht hier. Aber wie könnte ich einer hübschen Frau einen solchen Wunsch verwehren?“ Er öffnete sein Hemd und gab den Blick auf seinen sehnigen Oberkörper frei. Die Heilerin betrachtete die rote Stelle kritisch und tastete sie ab. „Ich werde Euch etwas gegen die Entzündung geben“, sagte sie und verschwand im Nebenraum. Kurz darauf kam sie mit einem kleinen Päckchen zurück, das sie dem Assassin übergab. Der roch daran und schmunzelte „Kamille?“

„Es muss nicht immer gleich Magie sein. Manchmal reicht auch ein einfaches Kraut“, erwiderte die junge Frau ungerührt. „Aber weshalb seid Ihr gekommen?“

„Es geht um die Gefangenen…“ sagte Zevran und zeigte Rayinne eines der Schreiben von Antonios Hand.

***

Kurz vor Morgengrauen weckte Zevran sein Team und befahl den Aufbruch nach Treviso. Im kräheneigenen Stall am nördlichen Stadtrand  ließ er sich drei Pferde geben, für deren Miete er teuer bezahlen musste. Aber Geld würde bei diesem Auftrag keine Rolle spielen - der versprochene Lohn war fürstlich. Taliesen, Ginera und Zevran ritten voraus. Zwei ihrer Kundschafter waren bereits vor Ort, drei Fernkämpfer würden per Kutsche folgen. Sie nahmen die kürzeste Route nach Norden, durch Frühlingswiesen und blühende Wälder. Zevran gab ein hohes Tempo vor und erlaubte nur dann eine Rast, wenn die Pferde eine brauchten.

Zevran wirkte angespannt und unruhig während dieser Pausen. In der ersten Nacht schlief er gar nicht und hielt die ganze Zeit Wache. In der zweiten sollte Taliesen die erste Nachtwache übernehmen. Ginera war bald eingeschlafen, erschöpft vom langen Ritt. Doch Zevran war immer noch wach. Ein Stück abseits vom Feuer war der Elf mit seinem Bündel beschäftigt. Er suchte eine Phiole heraus und ließ einen Tropfen der hellen, durchscheinenden Flüssigkeit auf seinen Dolch tropfen. Dann ritzte er sich mit dessen Spitze den eigenen Unterarm auf, spürte das Gift brennen und schloss die Augen, erwartungsvoll.

„Ich hab's geahnt...“

„Was hast du geahnt, Taliesen?“, fragte Zevran. Seine Stimme klang müde.

„Diese Zeug, das du nimmst. Es putscht dich auf, nicht wahr? Ich hab dich beobachtet. Die ganze Unruhe, du schläfst nicht, isst kaum was…“

„Es ist nicht, was du denkst“, fiel der Elf seinem Gefährten ins Wort. „Ich putsche mich nicht auf. Ich versuche, Schlaf zu finden.“

Taliesen stutzte „Dann ist es…“ Er hockte sich zu dem Jüngeren und roch an dessen Schnittwunde. „Bist du verrückt?“ Seine Stimme klang viel besorgter als er wollte und er schüttelte den Kopf.

„Nichts anderes hat geholfen…“

Etwas in Zevrans Stimme ließ Taliesen verstummen. Einem spontanen Impuls folgend, legte er dem jüngeren eine Hand auf die Stirn. Zevran seufzte leise mit geschlossenen Augen.

Was war das nur?, wunderte sich Taliesen. Begehren? Es fühlte sich anders an. Er wollte den Elfen nicht verführen. Er wollte ihn in den Arm halten, sein Gesicht streicheln. Ein absurder Gedanke! Zevran würde ihn auslachen, wenn er davon wüsste. Das würde er im umgekehrten Fall doch auch tun. Oder?

Der junge Mann räusperte sich, stand auf und zog seine Hand wieder zurück. „Ich… gehe auf meinen Posten.“

„Hmm“, brummte Zevran, dem Schlafe nahe.

***

Treviso war eine bedeutende Hafenstadt und Handelsmetropole im nördlichen Antiva, wenn auch bei weitem nicht so einflussreich wie die Hauptstadt selbst. Die drei Krähen erreichten das südliche Stadttor am fünften Tag nach ihrer Abreise – das war ein beeindruckendes Tempo, die Postkutsche brauchte acht Tage für dieselbe Strecke. Es war heller Vormittag, die Sonne brannte von einem glasblauen Himmel. Das Klima in Treviso war wärmer als in der Hauptstadt, was vor allem am Einfluss der heißen Winde aus den Trockenlanden lag – der großen Wüste tief im Landesinneren von Antiva.

Im südlichen Stadtviertel empfing die Krähen lautes Markttreiben. Stände mit Fischen, Leder, Vieh und Tuch. Auch ein Sklavenhändler war dabei. Rechter Hand führte eine steile Straße zum Hafen hinunter. Die drei Assassinen folgten dem nördlichen Weg in die Stadt hinein und wurden kurz darauf angesprochen.

„Ein rotes Samtkleid für die Dame, Galoschen für den Herrn?“ fragte ein hagerer Händler am Straßenrand.
„Wir möchten uns die Ware näher anschauen“, erwiderte Zevran.

Die Codeworte waren ausgetauscht. Der Hagere führte die drei Assassinen durch mehrere Seitenstraßen bis zu einem Stall und danach – ohne ihre Pferde – tiefer in die Stadt. Eine Zusammenarbeit der örtlichen Krähenzellen mit denen andere Städte war selten. In diesem Fall jedoch hatte Arainai arrangiert, dass die Zelle eines befreundeten Handelsprinzen seinen Assassinen Kost und Logis gewährte. Auf diese Weise konnten sie sich besser auf ihren Auftrag konzentrieren, als wenn sie in einem Gasthaus untergekommen wären.

Sofort nach seinem Eintreffen beriet sich Zevran mit seinen Kundschaftern und erkundigte sich nach der Lage des örtlichen Laboratoriums. Später sortierte er seine Waffen und Gifte und resümierte in Gedanken seinen Plan. Lange nicht mehr - seit seinem ersten Mordauftrag an jenem Handelsprinzen aus Rivain - hatte er eine Begegnung so herbeigesehnt.

Editado por maradeux, 08 febrero 2011 - 09:23 .


#91
Fortu1981

Fortu1981
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Danke für ein weiteres Kapitel. Ich freue mich immer wieder, wenn ich etwas von dir lesen kann. Lese ansonsten gar keine Fanfiction (meistens wirken die einfach flach, wenig durchdacht und schon gar nicht stimmig, sodass sie eher destruktiv wirken), aber nicht so deine Geschichte.
Durch diese habe ich einen anderen, erweiterten Zugang zu einem DA-Charakter erhalten, der ansonsten völlig an mir "vorbeigegangen" wäre.

Leider bin ich wohl einer der wenigen, der einen Kommentar hinterlässt - finde ich schade. Überhaupt scheint die deutsche Com. viel ruhiger zu sein als die englische, vielleicht sind hier alle ein wenig schreibfaul :) Glaube, Kurzgeschichten, Witze / Oneliner, Oberweitenvergleiche, FSK-Schnittberichte und "omfg, DA2 ist das ENDE!!!!"-Threads hätten wesentlich mehr Comments (insgeheim hoffe ich das ja nicht :huh: )

Wieso ich das Thema "Kommentare" anschneide? Weil Feedback wichtig ist und mir auffiel, dass hier so gut wie gar nich reagiert wird.
Ich selbst schreibe ebenfalls, wenn auch nicht hier, und ohne "Rückkanal" würde ich es bald aufgeben. Was soll ich auch für ein Publikum schreiben, dass nur konsumiert aber mir keine Möglichkeit gibt, Texte zu verbessern? Oder mir zumindest einen Tipp gibt ob ich auf dem richtigen Weg bin?
Gut, ich bin auch nicht besser. Aber ich gelobe Besserung und hoffe, dass es mir andere gleich tun :) Immerhin macht sich jemand die ganze Arbeit und ein "Danke" kann nicht schaden :)

Also, nochmals Danke und mach bitte weiter so! :) Ich mag zwar nicht von Zevran träumen - keinesfalls - zumindest jedoch von einem Antiva, das lebendiger wirkt als die ganzen leblosen Massenthreads mit ihren Oberflächlichkeiten und Whine-trauben über die kommende Fortsetzung :)


Fortu

Editado por Fortu1981, 09 febrero 2011 - 01:53 .


#92
maradeux

maradeux
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Hallo Fortu! Ich danke dir für deinen ausführlichen Kommentar, habe mich sehr darüber gefreut. :) Aber - sei mal nicht so hart zu meinen Lesern hier. ;) Es stimmt schon - ich bin manchmal traurig, wenn ich mehrere Kapitel hintereinander poste und es kommt kein Feedback. Aber ich habe auch schon sehr liebe Rückmeldungen in diesem Thread bekommen - ist eben nur schon eine Weile her.

Nun aber zum nächsten Kapitel. Schnelles Update, da die letzten beiden eigentlich ein Kapitel waren, dass ich noch einmal umgeschrieben, erweitert und schließlich geteilt habe.


Warnung: Das folgende Kapitel enthält einige sehr brutale Szenen. Wer auf Gewaltbeschreibungen empfindlich reagiert, sollte das lieber nicht lesen! Für alle, die lieber nicht lesen möchten, werde ich am Anfang des nächsten Kapitels den Inhalt kurz zusammen fassen.
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Antiva-Episoden

Kapitel 20 - Lorenzo


Lorenzos Anwesen am Strand war gesichert wie eine Festung. Seine Stadtresidenz, in der sich sein Büro befand, war ebenfalls stark bewacht. Es gab eine Schwachstelle, an der er angreifbar war - das war sein täglicher Weg zur Arbeit. Seine Berater hatten ihm schon vor Wochen geraten, entweder ganz in die Stadt umzuziehen, oder seine Geschäfte von zu Hause aus zu erledigen, um die Gefahr für sich selbst geringer zu halten. Lorenzo meinte jedoch, er wolle sich nicht sein restliches Leben lang einsperren. Von seinen Fluchtplänen in die Freien Marschen verriet er vorsichtshalber niemandem etwas. Die Vorbereitungen waren fast abgeschlossen, in wenigen Tagen würde er Martha nach Süden folgen können.

Vorerst holte ihn immer noch jeden Morgen eine Kutsche ab. Sie hielt genau um neun Uhr dreißig vor seiner Einfahrt. Es gab je zwei Wachen vorn und hinten - sie trugen Rüstungen aus Silberit mit dem Familienwappen der Lorenzos und waren stark bewaffnet. In der Kabine selbst saß Lorenzos persönlicher Leibwächter und ein Dienstknabe. Wie immer stieg Lorenzo gemeinsam mit seinem Leibwächter um neun Uhr vierzig ein und setzte sich in seinen komfortablen Sitz, während Wache und Diener hinter einem Vorhang auf einer schmalen Holzbank saßen. Und wie immer ließ er sich genau um neun Uhr fünfzig ein Glas Wein reichen.

Lorenzo stutzte, denn der Wein, den er an jenem Morgen bekam, hatte einen unangenehm stechenden Geruch. Er schaute seinen Diener fragend an - zum ersten mal überhaupt. Er hatte sich noch nie für die Gesichter seines Personals interessiert. Dieser kleine, schmächtige Jüngling grinste, stieß Lorenzo  mit einem kräftigen Griff seiner linken Hand fest in den Sitz, drückte gleichzeitig seinen Unterkiefer herunter und schüttete das Glas vollständig in den weit geöffneten Mund. Das war ein unsagbarer Schmerz, der  brannte und wühlte - auf der Zunge, im Mundraum, die Speiseröhre hinunter. Lorenzo wollte schreien, aber seine Stimme versagte.

Voller Entsetzen, hustend, starrte er in das Gesicht des Mannes, der sich als sein Diener eingeschlichen hatte "was..?" ächzte er tonlos. Er erntete ein brutales Lachen. Der Elf, wie sich nun herausstellte, nahm den tarnenden Hut ab, blondes Haar quoll hervor. Er wischte sich mit der flachen Hand das Makeup aus dem Gesicht und zeigte die Zeichen auf seiner Wange: "Die Arainai-Krähen entbieten ihre Grüße! Und das, mein Guter, das war Königswasser. Für ein so wertvolles Ziel wäre alles andere zu gering gewesen." Der Elf trat einen Schritt zurück und öffnete den Vorhang. Lorenzo erblickte seinen Leibwächter mit einem Messer in der Brust – der Körper war zur Seite gesunken. Der Elf setzte sich neben die Leiche und betrachtete sein Opfer spöttisch. "Natürlich waren es nur ein paar Tropfen davon in einem feinen Glas Wein. Es würde sonst zu schnell töten, und das würde mir den ganzen Spaß an der Sache verderben."

Die Kutsche fuhr weiter und weiter. Merkten denn die Wachen draußen nichts? Müssten sie nicht längst angekommen sein? Lorenzo versuchte aufzustehen, der Elf stieß ihn brutal zurück. "Aber, aber... Wo wollen wir denn hin? Oh, die Kutsche fährt gar nicht in die Stadt? Überraschung, das Ziel hat sich geändert."

Lorenzo kämpfte mit Brechreiz, Schwindel und unsäglichen Schmerzen. Als er sich übergeben musste, sprang der Assassine zur Seite. Der Vergiftete erbrach sich auf seine eigenen Beine. Dabei verätzte die Säure zum zweiten Mal Speiseröhre, Mundraum und nun auch - durch die Kleidung hindurch - seine Haut. Ein zweiter Versuch zu schreien endete in einem heiseren Grunzen. "Wie...?" Wie war das nur möglich? Es war seine Kutsche, die Zeit stimmte, die Uniformen...

"Oh, der Plan interessiert euch?" Zevran schob den toten Leibwächter von der Sitzbank und setzte sich wieder hin, lehnte sich an und schlug die ausgestreckten Beine übereinander. Er sah keine Notwendigkeit, sein Opfer zu fesseln. Würde Lorenzo versuchen, aus der Kutsche zu springen, würde er entweder gleich bei dem Sturz sterben, oder seine Leute - als Wachen verkleidet - würden ihn erschießen. Und der Assassine hatte genug Selbstvertrauen, sich gegen Angriffe des Schwerverletzten wehren zu können. "Nun - wir werden noch eine Weile fahren. Und während die Säure sich weiter durch Euren Körper frisst, kann ich Euch gern mit der Erzählung unseres Überfalls unterhalten. Diese Gelegenheit zum Zeitvertreib kommt mir ganz recht.

Wisst Ihr - es geht nichts über eine exakte Planung - durchkalkuliert in allen Facetten. Man muss genau wissen, wann die Kutsche losfährt, wann sie das Stadttor passiert, welche Route sie nimmt, und welcher Platz sich am besten für einen Anschlag eignet. Natürlich hätte die Zeit nicht gereicht, sich nach dem Töten der Wachen erst deren Rüstungen anzulegen. Da mussten vorher Kopien angefertigt, oder - besser noch - Originale ausgeborgt werden - Rüstungen, die beim örtlichen Schmied zur Reparatur abgegeben wurden, zum Beispiel. Oder man könnte ja auch eine Bestellung früher abholen. Alles eine Frage der Organisation, nicht wahr?

Dann braucht man gute Reiter, die von ihren Pferden auf die Kutsche springen und die Führung der Pferde übernehmen können, sobald der Kutscher tot ist. Scharfschützen, die fähig sind, Wachen in einer schweren Rüstung mit einem einzigen Schuss tödlich zu treffen."

Zevran seufzte theatralisch "Zu schade, dass wir keine Zuschauer hatten für unser perfektes Spektakel. Aber wir sind noch nicht fertig. Man braucht genug Leute - solche, die sich um die Beseitigung der Leichen kümmern können. Solche, die als angebliche Wachleute die Kutsche begleiten - und solche, die am Zielort alle Vorbereitungen treffen."

Der junge Elf grinste auf so grausame Art, dass Lorenzo das Herz im Leib erfrieren wollte. Endlich hielt die Kutsche an. Es öffnete ein Lorenzo unbekannter Mann in einer Lederrüstung - großgewachsen, athletisch, dunkelhaarig.

"Aussteigen!" befahl der Elf in eisigem Ton. Lorenzo versuchte aufzustehen, doch der Schmerz und die Angst waren so unermesslich, dass ihm die Beine versagten. Mit überraschender Stärke zog der schmal gebaute Elf Lorenzo am Arm in den Kniestand und stieß ihn mit den Füßen aus der Kutsche. Lorenzo brach am Boden zusammen, hustete und spuckte Blut und Schleim.

"Nun, wie fühlt sich das an, von innen zerfressen zu werden?" Der Elf schlich um sein Ziel wie ein Raubtier um seine Beute. "Bringt ihn rüber!" rief er seinen Leuten zu. Mehrere Arme griffen nach dem Kaufmann, banden seine Handgelenke und seine Füße fest zusammen. Dann trugen sie ihn ein Stück in den Wald hinein und legten ihn in einen Holzkasten. Was war das? Ein Sarg?

Lorenzo schaute ungläubig in das irre grinsende Gesicht des Elfen. Der begutachtete sein Opfer. "Hm, genau wie vorgesehen. Aber Halt!" Der Elf griff nach Lorenzos linker Hand, streichelte den großen Siegelring an dessen dritten Finger. "Den hier... brauch ich noch." Der Assassine machte einen halbherzigen Versuch, den Ring vom Finger zu ziehen. "Oh, er sitzt zu fest? Wie schade!" Er hielt die Hand fest, holte mit seinem Dolch aus und durchstach mit der Klinge zielsicher den Fingerknochen. Dennoch war der Finger nicht gleich abgetrennt. Mit brutaler Langsamkeit drehte Zevran die Klinge mehrere Male, bis die Amputation vollständig war. Ein rauer, kehliger Ton war der einzige Schmerzenslaut, zu dem Lorenzo fähig war. Die eingeflößte Säure fraß sich weiter und weiter durch sein Gewebe. Die Schmerzen waren unermesslich. Wann nur, wann würde es endlich vorbei sein? Töte mich, bitte! flehte sein Blick.

Der Assassine stand auf, verstaute seine Beute in einer Tasche an seinem metallenen Gürtel. Dann ließ er einen hölzernen Deckel auf den Kasten setzen und ihn zunageln. Es war dunkel um Lorenzo. Nur durch winzige Lücken zwischen den Holzbalken drangen schmale Streifen Licht zu ihm. Der Kasten war groß genug, dass er sich darin regen, dass er darin atmen konnte - solange die Säure noch nicht an seinen Lungen fraß. Er spürte, wie der Sarg bewegt wurde. Kurz darauf hörte er, wie Erde auf den Deckel fiel. Sie gruben ihn ein, sie taten das wirklich! Wie lange würde seine Qual dauern? Wie lange würde er noch am Leben bleiben hier unten, während die Säure seinen Körper verzehrte, seine verstümmelte Hand schmerzte und blutete. Erbauer, Andraste, nehmt mich zu Euch, bitte! Nehmt mir doch wenigstens das Bewusstsein, damit ich die Schmerzen nicht mehr ertragen muss... Martha! Mit einem mal glaubte er, ihren Geruch wahrzunehmen, ihre warmen Berührungen zu spüren. Als er die Augen schloss, fühlte, wie die Tränen auf seinen Wangen brannten, sah er sie lächeln. Martha... ich hoffe, du bist in Sicherheit.

Taliesen schüttelte den Kopf. "Du bist verrückt, Zevran, komplett verrückt."

Der Elf schmunzelte. "Es hat doch alles großartig funktioniert. Ganz nach Plan. Findest du nicht?"

"Schon... Aber die Art, diese Brutalität war unnötig. Seit wann... das kenn ich von dir einfach nicht." Er schüttelte den Kopf, lächelnd, fragend.

Zevran schaute dem jungen Mann ernst in die Augen. "Sagen wir einfach - es gehörte zum Auftrag." Er drehte sich noch einmal um und spuckte auf das frisch geschlossene Grab - irgendwo am Waldrand, gut zwei Stunden von Treviso entfernt.

Editado por maradeux, 13 febrero 2011 - 03:50 .


#93
Xena Hiwatari

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*kleinlaut* protest!!!!

ich freue mich über jedes neue kapitel das rauskommt und verschlinge es mit nahezu fanatischer aufregung

ich weiß ja selbst wie störrisch geschichten ein ums andere mal sein können (zum beispiel wenn sie sich ziehen wie kaugummi und einfach nicht fertig werden wollen) desshalb bewundere ich die kontinuität mit der die kapitel rauskommen, aber soll ich jedesmal etwas zu dem kapitel schreiben selbst wenn es nichts zu meckern gibt? wenn ja erkläre ich mich gerne dazu bereit....aber mal ernsthaft, wenn mir irgendwas aufällt was verbeserungswürdig ist würde ich es natürlich sagen, bis jetzt war dem aber noch nicht so gewesen, deshalb....ach ich schwafel, ich lasse es besser bleiben



auf jedenfall war es wieder ein tolles kapitel

#94
maradeux

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*lach* Xena, du bist echt süß. ;)

#95
maradeux

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Leider wieder weniger Zeit. :( Ich arbeite an einer kleinen Zwischenepisode, die - ähnlich wie "Sûls letzter Winter" - nicht unmittelbar zur Geschichte gehört, aber die Möglichkeit gibt, einige Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Außerdem habe ich in der Zwischenzeit meiner Geschichte ein neues Anfangskapitel gegeben. Es nennt sich "Das unartige Kind". Und für diejenigen, die sich auch für Zevran-Geschichten von mir interessieren, die außerhalb des hier inszenierten Universums spielen - "Der Tod eines Meisters" ist eine kurze Episode die ich für einen Schreibauftrag mit dem Thema "Zevran's Tod" geschrieben habe. Noch einmal betone ich ausdrücklich, dass es sich hierbei um ein "alternatives Universum" handelt - das heißt, es ist kein Spoiler in bezug auf das Ende meiner Geschichte hier (dasselbe gilt für sämtliche Tenuvien-Schnipsel, die ich für ähnliche Prompts geschrieben habe). ;)

#96
maradeux

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Antiva-Episoden

Zwischenspiel - Marthas Brief

Mein Liebster,

so viele Wochen sind vergangen, seit ich ohne dich aufgebrochen bin. Auch wenn mein Herz es zu gern hoffen möchte - ich rechne nicht damit, dich jemals wiederzusehen. Ich weiß nicht, ob du je daran geglaubt hast. Dennoch kann ich es nicht lassen, Woche für Woche zu unserem verabredeten Treffpunkt zu gehen - zu der kleinen Taverne am östlichen Stadttor. Jeden Donnerstag sitze ich den ganzen Abend dort an dem kleinen Tisch in der Nische hinter dem Kamin - argwöhnisch beäugt vom Wirt, da ich mich die ganze Zeit an einem einzigen Glas Wein aufhalte.

Ich weiß nicht, ob ich dir danken soll, dass du mich fortgeschickt hast. Ich bin am Leben, das Kind in mir auch. Aber wir sind allein, und ich habe nichts mehr. Meinen Namen darf ich nicht nennen, das wenige Geld, das ich hatte, ist aufgebraucht. Ich kann auch nicht auf direktem Wege mit meinen Verwandten korrespondieren - weder mit denen in Antiva noch mit denen in Orlais. Gustave hat dir die vereinbarte verschlüsselte Nachricht sofort nach meinem Eintreffen hier zusenden lassen. Wenn sie dich nicht mehr erreichen sollte, können wir nur hoffen, dass niemand anders sie zu deuten weiß. Und während ich hier sitze und einen Brief schreibe, den ich nicht abschicken darf, weiß ich nicht, was schlimmer ist - immer noch Hoffnundg zu haben oder alle Hoffnung aufzugeben.

Die Reise in die Freien Marschen verlief ruhig, war aber sehr anstrengend. Du weißt ja, wie schlecht ich Seereisen vertrage. Und dann diese Angst... An jedem Hafen, an dem hielten - Antiva, Rialto, Salle, Bastion - machte ich mir Gedanken, ob Krähen mir schon auf der Spur wären und mich auf dem Schiff aufspüren könnten. Doch nichts passierte.

Ich erreichte Hercinia am zwanzigsten Tag des Justanian und nahm die Postkutsche ins Landesinnere. Auf dem Weg ist mir aufgefallen, wie sehr sich die hiesige Vegetation von unserer heimischen unterscheidet. Ich vermisse die sanften Weinberge, die Lavendelfelder, die Palmen. Kannst du dir vorstellen, dass es im Winter hier so kalt ist, dass die Pflanzen sterben oder ihre Blätter verlieren? Selbst jetzt, im Sommer, wirkt alles weniger bunt und lebendig, als ich es von zu Hause gewohnt bin. Aber das Klima hat auch Vorteile – es ist weniger heiß hier um diese Jahreszeit. Das vertrage ich gut, gerade in meinem derzeitigen Zustand… Noch vier Monate, dann kommt unser Kind zur Welt – so der Erbauer es will.

Onkel Gustave hat mich zunächst zu sich ins Haus genommen. Er hat mir geholfen, eine Anstellung als Gesellschafterin bei einer älteren Dame zu finden. Diese war sehr freundlich - ich fühlte mich wohl bei ihr. Wir redeten viel, über alle möglichen Dinge - Ihr Leben, ihre Reisen, ihre Familie, ihre Krankheiten sogar. Es fühlte sich so vertraut an, als wären wir Freundinnen. Doch als ich ihr gestand, dass ich schwanger bin (du weißt, man sieht es mir nicht so schnell an), hat sie mich umgehend entlassen. So etwas könne sie in ihrem Haus nicht gebrauchen, und wer überhaupt der Vater sei.

Ach, ich war so naiv... Gustave hat nichts gesagt, aber man konnte ihm den Ärger ansehen. Wenige Tage später hat mir mitgeteilt, dass ich nicht länger bei ihm wohnen könnte, da das zu gefährlich sei - sowohl für ihn als auch für mich. Und er hatte Recht - wir sind zwar nur sehr entfernt verwandt, aber es ist immer noch eine Spur, der die Krähen folgen könnten.

Noch einmal hat er mir geholfen. Ich habe im anderen Teil der Stadt unter neuem Namen eine Anstellung als Hauslehrerin für ein junges Mädchen gefunden und kann im Haus der Familie zur Untermiete wohnen. Auch hier wird sicher irgendwann meine Schwangerschaft zum Problem werden. Hoffen wir, dass ich sie noch lange geheim halten kann.

Gut für mich, dass die Referenzen der Hauslehrer hier genauso schlecht geprüft werden wie einst bei uns. Kannst du dich noch an meinen Hauslehrer Velvetio erinnern? Wie klug und gebildet er war - was für feine Manieren, wie gut er aussah. Wie sollte man je darauf kommen, dass er Mitglied einer Assassinengilde war; ein ehemaliger Sklave? Natürlich wusste ich von den Krähen - aus den Geschichten, die den Kindern in Antiva erzählt werden - mysteriöse, blutrünstige Gestalten, die mit den nächtlichen Schatten verschmelzen, aus denen sie sich in tückischer Mordgier auf ihre Opfer stürzen. Ich hätte damals nicht einmal gedacht, dass Krähen überhaupt sprechen können. Warum lehrt man die Kinder nicht, was diese Gilde wirklich ist und welche Macht sie besitzt? Manchmal denke ich, diese Sklaven hatten eine bessere Schule als wir.

Wie dumm waren wir, Lorenzo... Wie dumm ist es, sich an einem Krähenmord rächen zu wollen, indem man sich derselben Mittel bedient? Haben wir wirklich nicht gesehen, dass wir damit alles nur noch schlimmer machen? Unsere Väter sind gestorben, aber wir - wir hätten leben und glücklich werden können. Oder ist auch dieser Gedanke zu einfältig? "Nei fiori cova la serpe." So ist unser Antiva - ein Feld wunderschöner Blume, zwischen denen eine Schlange lauert. Und wer immer versucht, eine der Blumen zu berühren...


Die junge Frau beendete den Satz nicht mehr. Sie zog ihre Feder zurück und blieb in dieser Position sitzen - der Blick aus dem Fenster in eine sternenklare Nacht gerichtet, eine Hand auf dem runden Bauch, die andere das Schreibgerät haltend, während sich das schwach flackernde Licht einer kleinen Kerze in den Tränen auf ihren Wangen spiegelte. Endlich wischte sie sich mit dem Handrücken die Tränen weg, steckte die Feder in den Halter, faltete den Brief sorgfältig zusammen und verstaute ihn in ihrer Schreibtischschublade.

#97
maradeux

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Antiva-Episoden

Zusammenfassung Teil I:

Zevrans erste Jahre als junger Assassin sind sehr erfolgreich. Gefördert sowohl von seinem Capo Taliesen als auch von seinem Meister Antonio gelingen ihm zahlreiche schwierige Missionen. Mit nur siebzehn Jahren wird er selbst zum Capo - also zum Anführer einer der Untergruppen seiner Zelle. Taliesen gibt seinen Posten freiwillig auf, um sich Zevrans Gruppe anzuschließen.

Lorenzo und Martha, deren Väter einer Intrige des Hauses Arainai zum Opfer gefallen sind (nachzulesen in: "Ein Auftrag mit Folgen" sowie "Von Schicksal und Tod"), sinnen auf Rache. Senatorensohn Lorenzo erwirbt eine eigene Krähenzelle und startet einen Angriff auf Haus Arainai. Dabei werden die Assassinen Ginera und Zevran schwer verletzt. Zevrans Verwundung kann nur mit Hilfe eines Magiers geheilt werden.

Meister Antonio fürchtet um sein Leben. Damit im schlimmsten Fall ein würdiger Nachfolger zur Verfügung steht, lässt er Zevran ein Blutritual durchführen, das als Meisterweihe dient, obwohl sein Wunschkandidat noch nicht das erforderliche Mindestalter von zwanzig Jahren hat.

Schließlich gelingt es Antonio, den gegnerischen Meister Yago zu töten. Allerdings infiziert er sich an einem mit Milzbrand kontaminierten Fell und stirbt wenige Wochen später. Zevran erhält den Auftrag, Lorenzo zu töten und erfüllt diese Aufgabe auf grausame Art. Lorenzos schwangerer Frau Martha gelingt die Flucht in die Freien Marschen, wo sie unter einem Decknamen ein neues Leben beginnt.


*********************************************************

Teil II NEULAND

"As my tutor used to say, 'keep your eyes to the rear in the ambush and the bedchamber and not otherwise.' Words to live by." (Zevrans Dialoge. Dragon Age: Origin)

Kapitel 1: Ein eisiger Empfang

Die Arainai-Krähen hatten es nicht eilig mit ihrer Rückreise in die Hauptstadt. Treviso hatte viel zu bieten – schöne Menschen, gute Läden, zahlreiche Gaststuben und Freudenhäuser, die alle erkundet werden wollten. In der Hafenbar „Zur roten Bucht“ gab Zevran eine großzügige Runde Antivanischen Branntweins an seine Leute und die Helfer aus der befreundeten Krähenzelle aus. Er war so ausgelassen, wie man ihn lange nicht mehr gesehen hatte.

Erst drei Tage später verließen sie die Stadt auf ihren guten Reitpferden. Ein paar ihrer Leute hatten am Vortag die Postkutsche genommen. Die Reise war herrlich. Es war die schönste Zeit des Jahres, der traumhafte Frühling Antivas - die volle Pracht der Sonne, aber noch ohne die drückende Hitze des Sommers. Zevran genoss jeden Augenblick. Er verdrängte die Fragen, die nach ihrer Rückkehr geklärt werden mussten.

Es war ein Gefühl von Freiheit in diesen warmen Tagen und lauen Nächten. Es gab keinen Auftrag, den sie noch erfüllen, keinen Zeitplan, dem sie folgen mussten. Sie hatten ausreichend Geld und Verpflegung. Eine kurze Begegnung mit einer kleinen Bande unglücklicher Straßenräuber in der dritten Nacht brachte genau das Stück abenteuerlicher Würze, das ihrer Reise zuvor noch gefehlt hatte - es trieb das Adrenalin in die Höhe, füllte ihre Taschen um weitere Geldstücke und gab ihren Gesprächen ein zusätzliches, amüsantes Thema. Selbst Ginera wirkte ausgesprochen gut gelaunt – statt Eifersucht gab es vergnügte Dreisamkeit.

Acht Tage nach ihrer Abreise passierten sie das Nordtor der Stadt Antiva. Sie gaben die Pferde im Stall ab und schlenderten durch die Gassen in Richtung Hafen. Die Luft vibrierte, der Frühling summte. Selbst die dreckigsten Ecken der Stadt wirkten heller und frischer als sonst. Als sie die Via Nellana betraten – einige der wenigen Straßen, die sie passieren mussten, um zu ihrem Quartier zu gelangen, befiel Zevran ein ungutes Gefühl – es war zu ruhig und ihm schien, als wäre ein Schatten über die Dächer gehuscht. Er zögerte und schaute Taliesen fragend an. Dieser signalisierte mit einem kurzen Nicken, dass er ebenfalls etwas bemerkt hatte.

Zevran drehte sich um und klopfte Ginera auf die Schultern. „Herzchen, ich hätte beinah mein Versprechen vergessen! Wir wollten doch noch ein Kleid für dich kaufen.“

„Es ist dir exakt drei Minuten früher eingefallen, als ich gedacht hätte.“ Kam abrupt ihre schnippische Antwort.

Die drei gingen wieder Richtung Norden, aber es war zu spät – mehr als zwei Dutzend Gestalten lösten sich von den Hauswänden und  kreisten die kleine Gruppe ein. Krähen - ohne Frage. Konnten Lorenzos Verbündete so schnell Kräfte für einen Racheakt organisiert haben? Der Ring der Kämpfer um die drei Assassinen verdichtete sich. Aus allen Richtungen waren Pfeile und Bolzen auf sie gerichtet. Aber Moment mal, das Zeichen an der Schläfe dieses Elfen, das war doch...

Ein großer Mann mit schulterlangen braunen Haaren löste sich aus dem Kreis und kam einige Schritte auf sie zu. Er trug eine Rüstung aus sehr weichem Leder, allerdings keine Handschuhe und - im Gegensatz zu den anderen Kämpfern - keine sichtbaren Waffen. Seine Haut war für einen Mann aus Antiva ungewöhnlich hell. "Es muss keinen Kampf geben", sagte er ruhig mit einer angenehm tiefen Stimme. "Wir haben keinen Tötungsauftrag. Wir sollen Zevran zu unserem Auftraggeber bringen. Ihr anderen könnt gehen."

Ginera grinste, hob ihre Hände halbhoch, Handflächen nach außen und trat einige Schritte zurück. "Wer will Zevran sehen?", fragte Taliesen finster. Sein Capo berührte ihn unmerklich und ging langsam, mit offenen Händen, aber provozierend amüsierter Miene auf den Langhaarigen zu "Oh? Wer ist denn so begierig, mich kennenzulernen, dass er gleich ein ganzes Bataillon als Eskorte schickt? Ich bin entzückt. Auch wenn eine freundliche Einladung auf dezent parfümiertem Papier genügt hätte."

Der Langhaarige grinste, kam  noch einen Schritt näher und streckte ihnen die bloßen Hände entgegen. Taliesen zog seine Schwerter, ein Pfeil flog in seine Richtung. Ginera drehte sich um und rannte mit erhobenen Händen hinter die Linie der Bogenschützen. Zevran schaute nach  Taliesen - der Pfeil hatte ihn an der rechten Schulter getroffen. Sein Arm hing herunter, das Schwert drohte ihm aus der Hand zu rutschen. Im selben Moment wurde es eisig kalt. Eine weiße Eiswand schob sich aus dem Nichts um sie herum. Zevran sah noch, wie außer ihm selbst auch Taliesen augenblicklich eingefroren wurde. Dann spürte er einen dumpfen Schlag an seinem Kopf und verlor sein Bewusstsein.

***

Zuerst fühlte er ein heißes Stechen und Pochen in seinen Fingern. Kein Schmerz, aber eine ungewohnte Empfindung. Er spürte er das Blut hinter seinen Schläfen hämmern. Der Assassine lag - weich, bequem, warm - in einem Bett. Vorsichtig öffnete er die Augen. Dunkelheit umgab ihn. Schemenhaft nahmen seine Augen einige Gegenstände wahr - das große hölzerne Bett, in dem er lag, eine Kommode, einige Stühle. Der Raum hatte nur eine Tür - gegenüber dem Fußende des Bettes. Fenster konnte er keine finden. Ein schmaler heller Streifen unter der Tür war die einzige Lichtquelle.

Zögernd stand er auf. Von den Kopfschmerzen abgesehen, schien alles mit ihm in Ordnung zu sein. Er trug nur eine Unterhose. Seine übrige Ausrüstung fehlte. Er tastete im Raum herum, konnte aber nichts finden. Leise schlich er in Richtung Tür, als er hörte, wie sich Schritte näherten. Zevran zog sich in eine Zimmerecke zurück, verbarg sich im Schatten. Die Tür wurde aufgestoßen, ein Kegel hellen Lichts drang in den Raum. Es war der langhaarige Magier in Begleitung von zwei Assassinen, die sich sogleich links und rechts der Tür postieren.

Zevran stand sehr ruhig in seiner Ecke. Er rechnete sich seine Chancen aus - unbewaffnet gehen zwei Assassine und einen Magier? Selbst mit Überraschungseffekt keine gute Idee. Er beschloss, erst einmal abzuwarten, was passieren würde. Hätten sie ihn töten wollen, wäre das - während er bewusstlos war - längst passiert. Worum ging es hier also?

Der Magier schaute sich verwundert um, fragte seine zwei Begleiter: "Hat jemand das Zimmer verlassen?" Sie verneinten. Der Langhaarige hob eine seiner Hände - eine Lichtkugel erschien und erleuchtete den Raum. Sorgfältig alle Ecken mit seinen Augen abtastend, sprach er in das Zimmer hinein "Zevran, wir sind keine Feinde. Jemand will euch sprechen, vertraulich. Eine sehr wichtige Person, um genau zu sein. Wir sollten euch abfangen, ehe ihr in das Quartier zurückkehrt. Es hätte keinen Kampf geben müssen."

"Oh? Es war wohl mein Fehler, zwanzig auf mich gerichtete Bögen als Angriff zu verstehen." kam eine amüsierte Stimme aus der rechten Ecke. Der Magier hob seine Leuchtkugel in die Richtung, konnte aber immer noch nichts erkennen.

"Ihr müsst verzeihen, dass ich mich verberge" Nun kam die Stimme aus einer anderen Zimmerecke. "Meine Haare sehen sicherlich grauenvoll aus und ich habe hier noch nicht einmal einen Spiegel gefunden." Zevran trat aus dem Schatten und fuhr sich seufzend mit beiden Händen durch den blonden Haarschopf. Er stand mit barem Oberkörper vor den drei Männern - ihre verblüfften Blicke genießend. "Dürfte ich fragen, wo meine Ausrüstung ist? Oder würde Euer Herr mich lieber entblößt kennen lernen?"

Der Magier lachte laut und offen. "Kosur wird Euch den Weg zum Badesaal zeigen. Dort findet Ihr auch Eure Sachen und könnt euch ankleiden."

Zevran schaute den elfischen Assassin an, auf den der Magier gedeutet hatte - ein Mann mittleren Alters mit kleinen, schwarzen Augen. Dann wandte er sich wieder an den Magier "Und Ihr seid?" Der Langhaarige lächelte nur und ging rückwärts aus dem Zimmer, um den Weg frei zu geben.

Die Gänge, durch die Zevran geführt wurde, waren mit Fackeln, Laternen und Kerzen erleuchtet. Auch hier sah Zevran keine Fenster. Ebenso wenig in dem großzügigen Baderaum. Dieser war schummerig, die Luft erfüllt von heißem Wasserdampf. Wände und Böden waren aus grauem Marmorstein - es waren angenehm warme Steine, wie Zevran mit seinen bloßen Füßen bemerkte. Aus Öffnungen in der Wand floss warmes Wasser und füllte in den Boden eingelassene Bassins verschiedener Größe und Form. An den Rändern standen Fläschchen und Schalen mit Parfüms, Seifen und Ölen.

Sobald Zevran den Raum betreten hatte, kam eine junge Frau in einer weißen Robe auf ihn zu und bot ihm an, ihn zu waschen und zu massieren. Der Assassin lächelte anzüglich. "Ich habe es geahnt - ich bin tot und weil ich immer so ein guter Junge war, bin ich in die Goldene Stadt gekommen, die der Erbauer für mich neu erschaffen hat. Und du - musst ein Geist der Schönheit sein." Die Frau kiecherte. Nutze jede Gelegenheit, die das Leben dir bietet. Wenn das eine Falle ist, ist es eine gute...

Nach dem Bad erhielt Zevran tatsächlich Rüstung und Waffen zurück. Er tastete nach einem Gegenstand in seiner Gürteltasche, wog ihn kurz in seiner Hand, bevor er ihn wieder einsteckte. Kosur, der vor dem Ausgang auf ihn gewartet hatte, führte den blonden Elfen durch weitere Gänge bis zu einer großen, von zwei Wachen flankierten Doppeltür. Zevran sollte den Raum allein betreten, die Tür wurde hinter ihm wieder geschlossen. Neugierig schaute der Assassine sich um.

Editado por maradeux, 25 junio 2013 - 06:21 .


#98
maradeux

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Antiva-Episoden; Teil 2

Kapitel 2: Die Meisterfrage
 

 

Er befand sich in einem großen, sechseckigen Raum. Außer der Doppeltür, durch die er gekommen war, gab es noch zwei weitere, kleinere linker und rechter Hand. Die Wände waren mit einer dunkelgrünen Seidentapete bespannt. Verschiedene Jagdmotive waren darauf zu erkennen, die Ränder mit Goldfäden bestickt. Der Fußboden bestand aus Marmor - unterschiedliche Tönungen bildeten ein raffiniertes Mosaik. An der himmelblauen, gewölbeartigen Decke waren weiße Wolken und Vögel im Flug so meisterhaft dargestellt, dass man glaubte, sie würden sich bewegen. Genau in der Mitte befand sich ein großes, rundes Deckenfenster. Die Frühlingssonne schien herein, es war taghell.

 

Vor der Wand gegenüber der Doppeltür, genau zwischen den beiden kleineren Türen, befand sich ein wuchtiger Schreibtisch von sicherlich zehn Fuß Länge. Davor stand der langhaarige Magier - diesmal in eine lange, prunkvolle Robe gekleidet - und neben ihm eine Frau in Plattenrüstung. Das war ein ungewöhnlicher Anblick, denn Frauen in Antiva waren – sofern sie nicht zu den Krähen gehörten - auf ein sehr traditionelles Rollenbild festgelegt. Egal ob sie zu den reichen oder den ärmsten Kreisen  des Landes gehörten - sie trugen Röcke oder Kleider. Sie galten als zart und schwach. Für Geschäfte oder Politik hielt man sie für ungeeignet. Umso mehr galt dies für harte körperliche Arbeit und Kämpfe. Eine Frau in der Rüstung eines Kriegers war ein für Zevran völlig neues Erlebnis.

 

Die Rüstung bestand aus schimmerndem Silberit und war mit goldenen Ornamenten kunstvoll verziert. Sie war passgenau auf den Körper der Trägerin gearbeitet - mit zwei Wölbungen über ihren Brüsten. Zevran konnte sich ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen, als seine Augen an eben dieser Stelle hängen bleiben, obgleich ihm der stechende Blick aus den meerblauen Augen der Besitzerin dieses Prachtbusens nicht verborgen geblieben war.

 

Diese Frau war keine Schönheit, und doch hatte ihre Erscheinung etwas Anziehendes. Sie war schmallippig mit einer langen, gebogenen Nase. Die Augen klein und eng beieinander liegend. Sie war sicherlich weit über vierzig. Das dunkle, von vielen silbernen Fäden durchzogene Haar hatte sie zu einem festen Zopf geflochten und zu einem schneckenförmigen Knoten am Hinterkopf zusammen gesteckt.

 

„Bevor wir beginnen" – ihre Stimme klang hell und scharf - "Sollte irgendetwas von dem, was Ihr hier hört oder seht, nach außen dringen, werdet Ihr sterben!“

 

Ihre Worte waren an zwei Krähen aus dem Haus Arainai gerichtet. Javiero - der älteste Capo ihrer Zelle - befand sich ebenfalls im Raum. Die beiden standen etwa fünf Fuß voneinander entfernt und fast genau in der Mitte unter dem Deckenfenster. Zevran hatte den anderen während seines Eintretens mit einem kurzen Nicken begrüßt und eine ebenso knappe Antwort erhalten. Es bestand keine Feindschaft zwischen den beiden, aber auch keine Freundschaft. Sie kannten sich gerade so gut, wie es notwendig war, wenn man im selben Haus arbeitete; und keiner von beiden hatte je das Bedürfnis gehabt, dieses Verhältnis zu vertiefen.

 

„Ich bin Arainai – für heute", fuhr die Frau mit ihrer Rede fort. "Nächstes Mal mögt Ihr ein anderes Gesicht sehen. Ihr werdet jeden von uns als Euren Herrn und Auftraggeber betrachten." Sie schaute von einem zum anderen. Die beiden Männer verbeugten sich, wie sie es ihren Herren gegenüber gelernt hatten. Sie hatten verstanden und akzeptieren die Bedingungen, die ihnen auferlegt wurden.

 

"Ihr habt mich lange warten lassen, Zevran!" Blaue Augen stachen in bernsteinfarbene, die sich davon nicht verunsichern ließen.

 

"Verzeihung, Padrona, ich bedaure. Seid versichert, dass ich sehr viel schneller bin, wenn ich nicht eingefroren und bewusstlos geschlagen wurde." Er nickte in die Richtung des langhaarigen Magiers.

 

Die Frau schaute den Mann neben sich fragend an.

 

"Taliesen  hatte seine Waffen gezogen. Ohne meinen Eiskegel hätten die Schützen beide getötet."

 

Die Frau hob eine Augenbraue, ihr Blick wurde kalt. "Es wird darüber zu reden sein, ob Eure Maßnahmen angemessen waren. Ihr könnt gehen, Farasculo!"

 

Zevran sah, wie der Magier zusammenzuckte. Er wirkte geradezu unglücklich ob der Rüge. Liebte er diese Frau? Der Langhaarige war um mindestens zehn Jahre jünger als sie. Mit gesenktem Kopf verbeugte sich der Mann und verließ den Raum durch die linke der kleineren Türen. Signora Arainai wandte sich wieder den beiden Capos zu.

 

"Ihr seid hier, weil Ihr die Meisterweihe empfangen habt. Antonio ist tot, die Zelle braucht einen Nachfolger." Javiero hob die Brust und schaute der Frau zuversichtlich in die Augen. Zevran hatte bei der Erwähnung seines verstorbenen Meisters den Blick gesenkt.

 

"Ihr kommt gerade aus Treviso zurück, Zevran? Was habt Ihr zu berichten?"

 

"Der Auftrag ist erfüllt, Padrona Arainai!" Zevran trat vor, verbeugte sich, zeigte den Siegelring in seiner geöffneten Hand. Sie nahm den Ring entgegen, schaute ihn sich sehr genau an, nickte respektvoll.

 

"Antonio hat nicht übertrieben, was Eure Qualitäten als Assassine betrifft. Aber Ihr seid noch sehr jung..."

 

"Zwanzig, gute Frau."

 

Javiero räusperte sich und trat einen Schritt vor. "Wenn es mir gestattet ist... ich habe hier Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass Zevran erst achtzehn oder neunzehn, aber auf keinen Fall zwanzig sein kann." Er streckte der Frau ein Bündel vergilbter Schriftrollen entgegen. Diese zog ihre Stirn in Falten, nahm die Schriftstücke an sich und studierte sie sorgfältig. Es waren Verkaufspapiere - eine lange Liste mit Namen, datiert auf den achtundzwanzigsten  des Justinian im Jahre Dragon 9:14. In dieser Liste aufgeführt: Zevran, sieben Jahre, Stadtelf, blond. Die Frau schaute auf und Javiero in die Augen. "Woher habt Ihr das?" Der Mann zuckte die Achseln, grinste triumphierend: "Ich habe so meine Verbindungen."

 

Die Frau seufzte hörbar, rollte die Papiere zusammen und brachte sie zu ihrem Schreibtisch. "Na großartig! Was habt Ihr dazu zu sagen, Zevran?"

 

Der Elf trat vor, schaute ihr direkt in die Augen, sein Gesicht die Aufrichtigkeit selbst. "Ich hatte keine Ahnung, Padrona Arainai. Meine Krähenweihe war vor vier Jahren, im Winter 9:22. Ich bin mir sicher, dass Ihr das überprüfen könnt. Da man diese mit sechszehn erhält, ging ich davon aus, im richtigen Alter zu sein. Und somit nun zwanzig."

 

Signora Arainai schaute ihn eine Weile lang prüfend an, er hielt ihren Blick. "Nun... selbst wenn ich Euch glaube... die Meisterweihe  ist damit ungültig." Das Grinsen auf Javieros Gesicht wurde deutlich breiter. Die Frau wandte sich dem älteren Capo zu. "Und was Euch angeht, Javiero... Euch ist nichts Besseres eingefallen, um Euren Wert als neuer Meister zu beweisen, als Papiere aufzuspüren, die Eurem Konkurrenten schaden?" Nun wirkte der Blick des Älteren unsicher. Worauf wollte sie hinaus?

 

Die groß gewachsene Frau zog sich hinter den Schreibtisch zurück und setzte sich in den breiten Lehnstuhl. Ihre Rüstung rasselte. "Kein Wunder, dass Antonio nach einem besseren Nachfolger suchte... Aber er hätte sich an die Vorschriften halten müssen." Die Frau zog weitere Listen aus einer Schublade und dachte nach. "Taliesen wäre ein guter Kandidat gewesen, wenn er sich von seinem Capo-Posten nicht zurückgezogen hätte." Zevran schluckte, der andere Capo schaute ihn von der Seite an.

 

Die Frau schaute wieder auf. "Ich werde einen Capo aus meiner zweiten Zelle zum Meister der euren machen. Javiero - Ihr habt das Recht, einen Zweikampf zu fordern, sollte dies euer Wunsch sein. Solltet Ihr den Kampf gewinnen, steht der Meisterposten Euch zu.  Verzichtet Ihr, seid Ihr zum Gehorsam gegenüber Eurem neuen Meister verpflichtet. Verliert Ihr - ebenso. Wie entscheidet Ihr?"

 

Javiero zögerte "Ich bitte um Bedenkzeit, Padrona."

 

Signora Arainai schaute den alten Capo schweigend an. Schließlich sagte sie "Gut. Sollte ich innerhalb der nächsten drei Tage nichts von Euch hören, werte ich dies als Verzicht."

 

Der Angesprochene nickte.

 

"Zevran..." Die Frau betrachtete den jungen Elfen streng, aber nicht herablassend.

 

Dieser hob das Kinn "Ja, Padrona?"

 

"Ihr habt der Zelle gut gedient in den vergangenen Wochen. Ich weiß, dass Ihr während Antonios Krankheit einige seiner Pflichten übernommen habt. Und soweit ich das überblicken kann, habt Ihr dabei gute Arbeit geleistet."

 

Zevran genoss lächelnd den neidischen Seitenblick Javieros.

 

"Was die Gefangenen angeht, habt Ihr eine gute Wahl getroffen. Ihr dürft Euch einen von ihnen für Eure Gruppe aussuchen. Betrachtet es als mein persönliches Geschenk."

 

"Vielen Dank, Padrona" sagte Zevran und verbeugte sich elegant.

 

Signora Arainai hob das Kinn in Richtung Ausgang. "Ihr dürft dann gehen!"

 

Eine bewaffnete Eskorte begleitete die beiden Capos durch die Doppeltür aus dem Raum, durch Gänge und über mehrere Treppen, bis sie endlich nach außen traten. Erst jetzt, als er das Gebäude verlassen hatte, erkannte Zevran, wo er sich befand - sie hatten sich die ganze Zeit im Untergeschoss des königlichen Palasts aufgehalten. Erstaunt blickte Zevran sich um, schaute die weißen Marmorwände empor, die in der hellen Sonne leuchteten.

 

Da er keine Lust hatte, Javiero zu begleiten, ging Zevran auf Umwegen zum Quartier der Zelle zurück. Er würde also kein Meister sein. Er hatte keinen Ärger empfunden, als er es erfuhr, sondern Erleichterung. Und auch wenn er neugierig war, wer nun der neue Meister sein würde, gab es zwei Gedanken, die ihn weit mehr beschäftigten - er dachte an den Gefangenen, der ihm geschenkt worden war - er wusste sofort, welchen der drei er wählen würde. Und er wollte wissen, wie es Taliesen ging.


Editado por maradeux, 31 octubre 2014 - 11:11 .


#99
merrycherry

merrycherry
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Ich finde deine Geschichte einfach nur genial! Ich mochte Zevran schon immer In DAO und hatte mich immer gefragt, wie seine Vergangenheit wohl bei den Krähen so war, doch du bringst es wirklich so genial rüber das ich mittlerweile felsenfest davon überzeugt bin, das es sich wohl so zugetragen hat *o*
Also wirklich ein gaaaanz großes Lob für so viel Kreativität :D *Kekse dalass*

Noch ne Frage^^...
Schreibst du irgendwann einmal wann Zevran auf die Wächter triffft? Oder wann er endlich Rinna trifft? *__*

glg

#100
pia_car

pia_car
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Hallo maradeux,

ich finde deine Fanfiktion von Zevrans Geschichte ganz toll! Ich hab alles innerhalb von ein paar Tagen gelesen und warte jetzt auch schon auf die Fortsetzung. Bitte Bitte mach weiter so, die Geschichten sind echt klasse!

*Zevran-Fangirl*