12. Einsatzfähig
Rayinne schlug dem Assassin mehrmals kräftig auf die Wangen und nutzte ein Fläschchen mit Riechsalz, um ihn zu wecken. Er verzog angewidert das Gesicht, dann öffneten sich seine Augen. Unsicher suchten sie die Umgebung ab nach Antworten, wo er sich befand und warum er hier war. Er spürte Übelkeit und Schmerzen.
"Siehe da," Zevran hob den Kopf, griff sich an die pochenden Schläfen, um ein Schmunzeln bemüht. "Ich erwache auf einer Streckbank, werde von einer entzückenden jungen Frau geschlagen... Welch süße Kindheitserinnerungen..."
"Sei froh, dass du noch am Leben bist. Es fehlte nicht viel." erwiderte die Heilerin hart. "Du kannst hier nicht bleiben, aber pass auf, wenn du aufstehst."
Mit emotionsloser Miene reichte sie dem Assassin einen Kübel. Zevran setzte sich auf. Ihm wurde schwindlig, der Mageninhalt drängte erbarmungslos nach oben. Er musste sich übergeben, erbrach dabei auch Blut.
"Wie gesagt, es war knapp." Die Heilerin betrachtete das schaumige Rot, sie zeigte dabei weder Ekel noch Mitleid. "Der Stich war sehr tief. Ich hab getan, was ich konnte. Alles andere liegt in den Händen des Erbauers." Der Assassin schaute die Heilerin kritisch an. Eine solche Aussage aus ihrem Mund war nichts anderes als ein Todesurteil.
Die junge Frau schien von seinem Blick keine Notiz zu nehmen. Mit einer raschen Bewegung ihrer Hände straffte sie ihre dunklen Haare und band sie zu einem festen Pferdeschwanz. "Es war übrigens eine ausgesprochen dumme Idee von dir, den Dolch herauszuziehen."
Zevrans Augen verengten sich. "Die Klinge war vergiftet, meine Liebe. Ein Schlangengift mit lähmender Wirkung. Was meinst du, was passiert wäre, wenn ich regungslos in der Gasse gelegen hätte?
"Da du die ersten Sekunden überlebt hast, bezweifle ich, dass das Gift gefährlicher gewesen wäre als der Blutverlust." Die Heilerin griff an Zevrans Hals, um den Puls zu fühlen. Er war immer noch sehr flach und zu rasch. "Du solltest viel Wasser trinken, am besten mit Zucker und Salz. Aber sei vorsichtig mit Essen."
"Ich habe ohnehin keinen Appetit." Allein der Gedanke an Essen verstärkte den Brechreiz. "Wo ist Taliesen?"
Rayinne zuckte die Schultern. "Nach oben gegangen sicherlich. Er hat mir nicht gesagt, was er vorhat."
Zevran atmete tief ein und stand auf. Er biss die Zähne zusammen gegen die Schmerzen, hielt sich an der Streckbank fest. Seine Beine zitterten, der Boden schien sich zu bewegen. Vor seinen Augen tanzten schwarze Punkte. Sein Magen routierte, er musste sich ein weiteres Mal übergeben. Der Assassin senkte den Kopf auf die Brust und atmete mehrmals tief durch. Endlich ließ das Schwanken nach, er wagte den Gang in einen der angrenzenden Räume.
Hier gab es mehrere große Bassins, die mit Wasser gefüllt waren. Rohre führten zu den kleinen Zellen, an die er sich noch sehr genau erinnern konnte. Es war einfaches Kanalwasser, trübe und kalt. Zevran hatte das starke Bedürfnis, sich zu reinigen, den Mund auszuspülen, etwas zu trinken. Aus einem Regal am Rand nahm er ein Handtuch, stieg vorsichtig in einen der Bassins und begann, sich Gesicht und Arme zu waschen.
"Nicht baden mit der Bauchwunde" rief die Heilerin, die inzwischen mit einem anderen Verletzten beschäftigt war.
Zevran grinste. "Ich könnte Hilfe gebrauchen, jemanden, der meinen Rücken reibt.“ Er bekam keine Antwort und seufzte bedauernd.
Die alte Rüstung konnte er nicht mehr benutzen. Rayinne hatte sie zerschnitten, um möglichst schnell an seine Wunde zu gelangen. Als billigen Ersatz erhielt der Elf in der Kleiderkammer eine einfache Lederweste. Gänzlich ungerüstet wollte er sich nicht durch das Haus bewegen - wer wusste, ob es nicht bereits Eindringlinge gab?
Sein Schwert war verschwunden. Er fand nur seinen Dolch und den seines Widersachers und nahm beide mit sich. Gegen Übelkeit und Schwindel ankämpfend, die Schritte aber schon sicherer, lief er durch Korridore und Treppen bis hoch zu den Zimmern der Capos. Dort begegnete er Taliesen im Gang, der ihn mit einem spöttischen Lächeln begrüßte. "Du siehst entzückend aus, Zevran. Als würdest du jeden Augenblick wieder umkippen. Und das alles nur, weil du deine Augen mal wieder nicht von einem Paar hübscher Wölbungen lassen konntest."
"Es wäre jammerschade gewesen zu sterben, ohne diesen Busen gesehen zu haben," erwiderte Zevran, ebenfalls grinsend. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, versuchte, diese Haltung möglichst ungezwungen aussehen zu lassen. "Wie ist die Lage?"
"Ruhig. Die Lorenzos haben sich verzogen. Die wenigen, die überlebt haben." Taliesens Augen blitzten in stolzer Verachtung. "Meister Antonio hat die Capos zu sich gerufen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Ich wollte gerade..."
"Ah... nett von dir." Zevran lächelte säuerlich. "Aber danke, eine Vertretung ist nicht mehr nötig." Er nahm eine weitere Treppe, gegen Schwäche und Müdigkeit ankämpfend, um feste Schritte bemüht. Auf keinen Fall sollte irgendjemand an seiner Einsatzfähigkeit zweifeln.
Editado por maradeux, 07 noviembre 2010 - 02:04 .





Volver arriba







