Zitat:
"Jetzt habe ich mich nach langer Zeit mal wieder eingeloggt, extra, um hierzu etwas zu schreiben.
Ich schicke voraus: ich habe die Mass Effect-Reihe nie gespielt (und werde dies, vor allem aufgrund der meiner Ansicht nach Spieler-feindlichen Haltung von EA, wohl auch nie tun). Allerdings gibt es durchaus einige Punkte, die sich bereits allein aus dieser Kolumne (und einigem Vorwissen) heraus beurteilen lassen.
Ich möchte diesen Beitrag mit einem Auszug aus der Ars Poetica von Quintus Horatius Flaccus, kurz: Horaz, einleiten (einem kurzen Büchlein, dessen Lektüre ich, so nebenbei, übrigens jedem empfehle, der sich in irgendeiner Form für Literatur, Kunst, gute Geschichten oder auch nur den Schreibstil von Petra Schmitz interessiert). So heißt es hier (und ich erspare uns jetzt, aus reiner Faulheit meinerseits, das lateinische Originalzitat): 'Dennoch gibt es Vergehen, die gern wir verzeihen; denn es läßt die Saite nicht immer den Ton erklingen, den Hand und Absicht sich wünschen [...]; andererseits bin ich entrüstet, wenn einmal der gute Homer eingenickt ist; doch eine so lange Arbeit darf schon mal der Schlaf überkommen.'
Um es mit den Worten einer der wichtigsten Personen in meinem Leben zu formulieren: 'Was möchte uns der Dichter damit sagen?' Nun, große Werke lassen Fehler umso schmerzhafter wirken, einer schlechten Geschichte verzeiht man ein schlechtes Ende viel eher als einer guten. Das Ende vom Lied ist dies jedoch nicht, ebenso wenig wie Michael Grafs Aussage: 'Dennoch beruhen die Beschwerden auf der Illusion einer Freiheit, die es in Mass Effect nie gegeben hat. Wobei Mass Effect 3 meine Entscheidungen ja sehr wohl aufgreift, nur eben wie immer in Dialogen und Nebenaufträgen.'
Aus diversen Foreneinträgen, Zusammenfassungen, Tests und auch dieser Kolumne hier geht eines klar hervor: Mass Effect zeichnet Schicksale. Schicksale, die es konsequent entwickelt oder konsequent zu Ende führt. Außer im Ending. Plötzlich wird das Schicksal von Hauptfiguren, von Crew-Mitgliedern ad absurdum geführt, sind sie die Statisten einer Katastrophe, die sie gar nicht (mehr) erleben könnten. Hätte in he Odýsseia von Homer der Held Odysseus seine Gefährten kurz nach deren selbstverschuldetem Tod wiedergetroffen, hätte man Homer wohl mit Schimpf und Schande zurück nach Meles gejagt. Sprich, und das lässt sich aus objektiver Sicht (sofern wir nicht avantgardistisch argumentieren möchten und die Story von Mass Effect zum postmodernen Roman erklären) sagen: Figuren, die an Orten sind, an die sie nicht sein können, zerstören die Immanenz der Handlung. Insbesondere, wenn diese bis zu jenem Zeitpunkt auf absolute Stimmigkeit setzt. Also doch Postmoderne, eine metaphorische Botschaft, die uns präsentiert werden soll? Es scheint, vom Standpunkt des Beobachters, eher unwahrscheinlich. Somit gilt also, objektiv betrachtet (außer, man möchte mich in Bezug auf die Klassifikation als modernes Epos doch noch korrigieren und mit den - mir allerdings, wie dem guten Horaz, eher suspekten - Surrealisten aufwarten): das Ende ist unstimmig, es passiert Unmögliches, in einer Handlung, die bisher (und wieder korrigiere man mich) nie Unmögliches zugelassen hat. Das aber ist ein Kriterium, das sich auf die Spielewertung auswirken sollte. Denn das hat nichts mehr mit penibel zu tun, sondern ist ein nachweisbares Manko des Spiels, das sich in dieser Form auch in der Wertung nachlesen lassen sollte. Denn das hat nichts mit persönlichen Vorlieben zu tun, sondern mit der - auch durch die entsprechenden Tests erfolgte - Einstufung als Epos. Natürlich nicht im streng literaturwissenschaftlichen Sinne gemeint, sollte doch zumindest Immanenz als Kriterium gelten. Das musst du, Michael, gar nicht teilen - die Kolumne berührt das dennoch. Du schreibst nämlich: 'Bioware wollte die Handlungszügel niemals aus der Hand geben; nicht ich bestimme den Verlauf der Story, sondern die Entwickler.' - das mag durchaus sein. Konsequenterweise hätte man dann aber auf Veränderung von Einzelschicksalen verzichten müssen. So bleibt dieser Punkt inkonsistent und ist Anlass zur Kritik.
Soweit zu jenem Teil, der sich (weitgehend) objektiv beurteilen lässt. Bleibt also die Enttäuschung, der emotionale Bruch, der bei vielen Spielern offenbar stattgefunden hat. Soweit ich bisher lesen durfte (und ja, Zitate zu zitieren ist eigentlich nicht mehr als Stille Post spielen), ist das Schicksal am Ende unausweichlich. Nun mag das durchaus im Sinne des Teams sein - dass das Leben in der Galaxis weitergeht, finde ich gut und stimmig. Allerdings gibt es hierbei zwei Kritikpunkte. Zum ersten, wenn man sich mit einer Geschichte identifiziert, mit den Helden mitfühlt, ist es ein Schlag ins Gesicht, wenn plötzlich Crewmitglieder am falschen Ort (oder noch schlimmer, sollte dem so sein: wieder am Leben) sind. Brecht mag dies ein angemessenen Mittel sein, doch sein berüchtigter V-Effekt funktioniert nur, wenn er konsequent benutzt wird. Hier jedoch wird die Verfremdung erst ganz am Ende benutzt, bis dahin war die Serie alles andere als episches Theater. Zum zweiten - und jetzt geht es deutlich ins Emotionale - benötigt auch aus meiner Sicht niemand ein 'Hollywood-Ending'. Ich gestehe Bioware auch zu, die 'Zügel nicht aus der Hand zu geben'. Dann jedoch wäre es nötig gewesen, hier wiederum den Eindruck zu erwecken, als HÄTTE man Einfluss auf das Geschehen. Wie Noxfader schrieb: 'Es geschieht ausgerechnet bei Mass Effect da man dort schon immer eine gewisse Entscheidungsfreiheit hatte nicht so wie in anderen Spielen'. Selbst wenn dies nur eine Illusion war, hat man es offensichtlich nicht geschafft, diese aufrecht zu erhalten. Und DAS ist das Schlimme, das Störende, der Knackpunkt. Oder eben: 'Die handwerklichen Erzählfehler kann man Bioware natürlich trotzdem vorwerfen – man muss sich dann eben nur im Klaren sein, dass man auf sehr hohem Niveau kritisiert.' - natürlich tut man dies, siehe auch das Eingangszitat. Doch, wie dort bereits ebenso erwähnt, ist es nicht das Ende vom Lied. Denn selbst dann müsste sich das in der Wertung wiederfinden. Man hätte Homer viele Fehler verziehen. Doch sicherlich nicht, dass er es nicht schafft, das Ende stimmig zu gestalten. Wäre er dort von Epos zu Komödie geschwenkt, hätte man ihn vermutlich ebenfalls aus der Stadt gejagt (wohl eher gevierteilt). Selbst wenn wir viel offenherziger an das Thema herangehen, bleibt: das Ziel wurde nicht erreicht. Und das ist es, was jeden, der ein Problem mit dem Ende hat, stört. Jeder hat natürlich auch einen ganz persönlichen Grund (zumeist wohl Enttäuschung). Aber das Wesentliche daran ist, woran es überhaupt scheitert - an der Aufrechterhaltung der Illusion. Diese zerbricht nicht daran, dass 'das Leben weitergeht', sondern, wie dieser Umstand präsentiert wird. Wenn die stete (Illusion von) reactio der Spielwelt gegeben ist, darf sie nicht am zentralen Punkt zerstört werden. Das aber ist hier passiert. Andere Spiele haben sicher ein viel grottigeres Ende. Sie haben aber meist nicht derart massiv darauf hingezielt, die Illusion aufzubauen, dass es gut würde.
Und ja, der Beitrag ist lang geworden. Ich hab im weiteren Verlauf schon extra auf weitere Zitate von Horaz verzichtet. Es tut mir trotzdem Leid





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