Ich kann mich mit dem Ende von ME3 eigentlich nur unter der Prämisse anfreunden, dass es sich um Halluzinationen aus der Indoktrination, oder einen Traum handelt.
Zum einen ist da der Umstand, dass Shepard völlig ohne Ausrüstung oben beim Tiegel praktisch im Weltraum steht. Man mag entgegen halten, dass dort an der Andockstelle ein Energiefeld existieren könnte, das die Luft nicht entweichen lässt. So recht glauben kann ich daran jedoch nicht. Die ganze Konstruktion wirkte, als der Tiegel andockte, in der Außenaufnahme nicht so, als ob der Bereich durch Energiefelder geschützt wird. Shepard mit diesem 'Jungen' dort auf der Plattform stehen zu sehen weckte innerlich schon das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmig ist.
Dann der Umstand, dass diese "Ursprungsrasse" - offenbar so etwas wie ein Hüter der Citadel - ausgerechnet in der Gestalt des kleinen Jungen auftaucht, den Shepard zu Beginn retten wollte und der ihn danach immer wieder in Albträumen begegnet ist. Ein Hinweis darauf, dass Shepards Erinnerungen und Gedanken 'ausgelesen' wurden.
Shepard, der bis zu dem Zeitpunkt stets mit aller Macht versucht hatte die Reaper aufzuhalten, wirkt hier zudem ungewohnt resignierend. Die letztliche Entscheidung anhand von drei Brücken wirkte ebenfalls so stark an den Haaren herbeigezogen und konstruiert, dass ich nicht daran glauben will, dass dieses Ende aus der Feder derer stammen soll, die bis zu diesem Punkt eine so tolle Geschichte erzählt hatten und so viele lose Enden aufgegriffen hatten um sie in ME3 zu einem befriedigenden Ende zu führen. Was soll das für eine seltsame Technik sein, in der die Zerstörung des linken "Zugangs" zu einer völlig anderen Kettenreaktion führt als die Zerstörung des rechten Zugangs keine zehn Meter nebenan, wenn am Ende doch eh alles gleichermaßen in die Luft fliegt? Sollen wir wirklich glauben, dass der Tiegel, oder die Citadell so gebaut wurden, dass man letztlich eine dieser drei Möglichkeiten wählen könnte (inkl. Zugangsbrücke?). Hier haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder Bioware präsentiert uns hier doch die Deus Ex Machina, die mit ihrer simplen, uninspirierten Lösung an Ego-Shooter aus den 90ern erinnert, oder hier spiegelt sich tatsächlich im Unterbewusstsein von Shepard nur das Durchspielen von drei möglichen Szenarien wieder - ob in Form eines Traums oder bedingt durch Indoktrionation, bzw. Kontrolle durch den Citadel-Hüter sei mal dahingestellt: Alle drei Szenarien haben die Selbstopferung Shepards gemeinsam - wobei man anhand des letzten Albtraums, in der er mit dem Jungen zusammen im Feuer steht, bereits die Vorahnung erhält, dass Shepard ahnt, dass dies seine letzte Mission werden dürfte.
Die Frage die mich jedoch bei diesen Gedanken beschäftigt ist: Warum das alles? Welchen Sinn hätte so ein Traum, ob nun durch Indoktrination ausgelöst oder nicht?
a) Indoktrionation durch Reaper: Nach allem was wir von den Reapern in Teil 1 und 2 kennengelernt haben machen sie keine Kompromisse. Sie haben das Ziel alle biologischen, hoch entwickelten Rassen zu vernichten um ihren eigenen Fortbestand zu sichern. Zumindest für die Reaper dürfte sich somit die Frage gar nicht stellen, ob sich Shepard vielleicht dazu bewegen lassen könnte den Einsatz des Tiegels abzubrechen um eine Koexistenz in Betracht zu ziehen?

Beeinflussung durch den Citadel-Hüter: Erst einmal muss ich sagen, dass mir die Idee von einer Gründerrasse, die die Citadel, die Mass Effect-Portale und die Reaper gebaut haben soll, um in regelmäßigen Zyklen hoch entwickelte, biologische Rassen zu vernichten, gegen den Strich geht. Sovereign & Co. hatten doch schon in Teil 1 und 2 angedeutet, dass sie (die Reaper) die Erbauer waren und biologische Rassen ab einer gewissen Entwicklungsstufe vernichten, um sie nicht erstarken zu lassen. Nun werden zwar auch die Reaper nicht aus dem Nichts entstanden sein, aber was für einen Grund sollte eine Rasse haben Wesen wie die Reaper zu bauen, um hoch entwickelte Lebensformen alle 50.000 Jahre zu vernichten? Das macht m.E. nur Sinn, wenn diese Gründerrasse selbst zu den Reapern wurde. Der 'Junge' auf der Citadel wäre somit nur wieder das personifizierte Abbild eines Reapers, was uns aber wieder zu Punkt a) führt. Der 'Junge' hätte letztlich kein wirkliches Interesse daran haben dürfen Shepard zu beeinflussen, oder seine Entscheidungen zu verstehen, wenn er die Bedrohung ganz einfach dadurch beseitigen könnte, indem er seine Kontrolle nutzt Shepard zu töten.
c) Alles nur ein Traum: Die simpelste und somit auch nicht gerade befriedigenste Antwort wäre, dass Shepard beim Sprint zum Energiestrahl in London ohnmächtig wurde und alles was danach passierte ein Traum war. Ein wenig kam es mir auch wie in den Albträumen vor, als Shepard sich nur noch ganz langsam auf den Energiestrahl zusteuern ließ, auch wenn das natürlich eher seinen Verletzungen geschuldet gewesen sein dürfte. Ich kann mich auch irren, aber in vielen Szenen, in denen die Normandy auf einem fremden Planeten abstürzt, steigt neben Joker und einem weiteren Charakter auch stets die Person aus, mit der man in ME3 eine Beziehung hatte - in meinem Fall Liara. Das könnte auf die unbewusste Hoffnung Shepards hindeuten, seine Liebe in Sicherheit wissen zu wollen. Der einzige Hinweis, der diese Traum-These untermauern könnte, wäre m.E. diese kurze Szene am Ende, in der man zwischen Trümmern die N7-Plakette sieht und man kurz ein Atemgeräusch hört. Die Frage die sich daraus ergeben würde wäre dann: Hat es irgendjemand auf die Citadel geschafft, wie lange lag Shepard dort in den Trümmern und wie soll es nach dieser Szene weitergehen?
Wenn sich die Gerüchte bewahrheiten sollten und dieser "The Truth"-DLC irgendwann rauskommen, woran ich aktuell noch nicht glaube, wäre ich sehr gespannt wie man es dann schaffen will an diesem Punkt logisch anzuknüpfen.
Wenn niemand die Citadel öffnen konnte, hat der Tiegel nicht andocken können. Die Szenerie am Ende mit der N7-Plakette wirkt viel zu ruhig, als dass dort im Hintergrund noch der Kampf mit dem Reaper aktuell vonstatten gehen würde. Ein befriedigendes Ende, in dem nicht nur die Kollektoren-Basis aus Teil 2 Erwähnung findet (egal ob man sie nun zerstört hat oder nicht), der Tiegel zum Einsatz kommt und die Reaper vernichtet, ohne gleich alle Massen-Portale zu vernichten und die Normandy auf einem No Name-Planeten stranden zu lassen, kann ich mir aktuell nicht vorstellen.
Dass Shepard am Ende sterben würde war völlig legitim und unterstreicht sein Helden-Image. Als er sich vor der Schlacht nochmal von allen Gefährten persönlich, oder per Hologramm-Kommunikation verabschieden konnte, hatte man doch bereits damit gerechnet, dass das sein letzter Kampf werden würde. In meinen Augen war jedoch vor allem die Vernichtung der Massen-Portale, die man in keinem der Enden beeinflussen konnte, sowie der lieblose Abschied von den Figuren, die einem so ans Herz gewachsen sind, der Grund für den Aufschrei in der Community.
Ich hätte die Reaper gerne brennen sehen nach allem, was sie bis dahin gemacht haben. Ich hätte gerne gesehen, wie sich aus den Trümmern der Heimatwelten überlebende Menschen, Kroganer, Talarianer usw. erheben um zu sehen, dass trotz aller Vernichtung der Krieg gegen die Reaper endlich vorbei ist. Ich hätte gerne gesehen, wie sich Shepards Crew, die schon einmal ein Selbstmord-Kommando mit ihm durchlebt hat, entweder schon bei der Stürmung des Energiestrahls einheitlich an seine Seite gestellt hätte, oder wenigstens nach seiner Selbstopferung noch einmal vorm Abspann auf der Normandy zusammenkommt um ihrem Freund zu gedenken... entweder Star Trek TNG-Like am Pokertisch, oder indem sie seinen Namen der Liste der Gefallenen hinzufügen. Ich hätte gerne gesehen, wie sich alle noch einmal voneinander verabschieden, die bis dahin überlebt haben, um anschließend zu ihren Heimatwelten zurückzukehren und dort beim Wiederaufbau zu helfen. Das wären Bilder gewesen, die Shepards Einsatz von Teil 1 bis 3 (und somit die Entscheidungen des Spielers) gewürdigt hätten, egal ob es ein klischeehaftes Kitsch-Ende in den Augen mancher gewesen wäre, oder nicht. Ich glaube, dass der Aufschrei bei solch einem Ende nicht so groß ausgefallen wäre wie bei dem aktuellen, der eigentlich den gesamten Einsatz von Shepard und seiner Crew zunichte macht, da am Ende nur das miese Gefühl bleibt, dass die galaktische Gemeinschaft zerrissen wurde.
Was bleibt ist die vage Hoffnung, dass man vielleicht doch noch ein Ende spendiert bekommt, das befriedigender ist als das aktuelle. Ich weiß nicht wie es anderen geht, aber wenn am Ende der alte Mann (Geschichtenerzähler) mit dem Jungen in den fremden Nachthimmel blickt höre ich folgenden Dialog...
Mann: "[...]" Auf jeder Welt könnte eine andere Lebensform existieren und jede Lebensform hat eine eigene Geschichte...
Junge: "Erzähl mir noch eine Geschichte über Shepard..."
Mann: "Es ist schon spät, aber in Ordnung, nur noch eine.."
Daraufhin erscheint der Hinweis auf folgende DLC's. Für mich klingt das so, als würde uns Bioware ("Geschichtenerzähler") damit sagen wollen: Das ME-Universum ist noch nicht tot, es gibt noch viele Geschichten, die man hier erzählen kann. Und noch haben wir ein weiteres Kapitel über Shepard für euch, das ihr noch nicht kennt.... Bitte lasst es "The Truth" sein!!
Modifié par Wamillian, 17 mars 2012 - 10:22 .