Jassu1979 wrote...
Es geht den wenigsten von uns darum, dass das Ende nicht "happy" genug ist. Ich könnte mit einem "bittersüßen" Ende leben, wenn es denn
a) Sinn ergeben würde,
keine Storylöcher von der Größe der Milchstraße aufreißen würde,
c) die verschiedenen Enden mehr zu bieten hätten als nur unterschiedliche Farbfilter, und
d) vorangehende Entscheidungen tatsächlich Einfluss darauf hätten, anstatt ignoriert oder teilweise sogar negiert zu werden.
Sofern nicht gerade die Indoktrinationstheorie stimmt, ist dieses Ende nahezu unsagbar schlecht, und sieht verdammt nach einer hastig hingeschluderten Last-Minute-Aktion aus. (Was nicht gerade dadurch besser wird, dass es auch noch mehr schlecht als recht von Deus Ex abgekupfert ist.)
Ich kann gerne ins Detail gehen, wenn dies gewünscht wird, aber in diesem Fall reden wir wirklich nicht von einer einfachen Geschmacksfrage: hier wurden grobe handwerkliche und erzähltechnische Fehler gemacht.
ich stimme dir voll und ganz zu und poste hierzu mal ein zitat aus einem anderen forum:
Jetzt habe ich mich nach langer Zeit mal wieder eingeloggt, extra, um hierzu etwas zu schreiben.
Ich
schicke voraus: ich habe die Mass Effect-Reihe nie gespielt (und werde
dies, vor allem aufgrund der meiner Ansicht nach Spieler-feindlichen
Haltung von EA, wohl auch nie tun). Allerdings gibt es durchaus einige
Punkte, die sich bereits allein aus dieser Kolumne (und einigem
Vorwissen) heraus beurteilen lassen.
Ich möchte diesen Beitrag
mit einem Auszug aus der Ars Poetica von Quintus Horatius Flaccus, kurz:
Horaz, einleiten (einem kurzen Büchlein, dessen Lektüre ich, so
nebenbei, übrigens jedem empfehle, der sich in irgendeiner Form für
Literatur, Kunst, gute Geschichten oder auch nur den Schreibstil von
Petra Schmitz interessiert). So heißt es hier (und ich erspare uns
jetzt, aus reiner Faulheit meinerseits, das lateinische Originalzitat):
'Dennoch gibt es Vergehen, die gern wir verzeihen; denn es läßt die
Saite nicht immer den Ton erklingen, den Hand und Absicht sich wünschen
[...]; andererseits bin ich entrüstet, wenn einmal der gute Homer
eingenickt ist; doch eine so lange Arbeit darf schon mal der Schlaf
überkommen.'
Um es mit den Worten einer der wichtigsten Personen
in meinem Leben zu formulieren: 'Was möchte uns der Dichter damit
sagen?' Nun, große Werke lassen Fehler umso schmerzhafter wirken, einer
schlechten Geschichte verzeiht man ein schlechtes Ende viel eher als
einer guten. Das Ende vom Lied ist dies jedoch nicht, ebenso wenig wie
Michael Grafs Aussage: 'Dennoch beruhen die Beschwerden auf der Illusion
einer Freiheit, die es in Mass Effect nie gegeben hat. Wobei Mass
Effect 3 meine Entscheidungen ja sehr wohl aufgreift, nur eben wie immer
in Dialogen und Nebenaufträgen.'
Aus diversen Foreneinträgen,
Zusammenfassungen, Tests und auch dieser Kolumne hier geht eines klar
hervor: Mass Effect zeichnet Schicksale. Schicksale, die es konsequent
entwickelt oder konsequent zu Ende führt. Außer im Ending. Plötzlich
wird das Schicksal von Hauptfiguren, von Crew-Mitgliedern ad absurdum
geführt, sind sie die Statisten einer Katastrophe, die sie gar nicht
(mehr) erleben könnten. Hätte in he Odýsseia von Homer der Held Odysseus
seine Gefährten kurz nach deren selbstverschuldetem Tod
wiedergetroffen, hätte man Homer wohl mit Schimpf und Schande zurück
nach Meles gejagt. Sprich, und das lässt sich aus objektiver Sicht
(sofern wir nicht avantgardistisch argumentieren möchten und die Story
von Mass Effect zum postmodernen Roman erklären) sagen: Figuren, die an
Orten sind, an die sie nicht sein können, zerstören die Immanenz der
Handlung. Insbesondere, wenn diese bis zu jenem Zeitpunkt auf absolute
Stimmigkeit setzt. Also doch Postmoderne, eine metaphorische Botschaft,
die uns präsentiert werden soll? Es scheint, vom Standpunkt des
Beobachters, eher unwahrscheinlich. Somit gilt also, objektiv betrachtet
(außer, man möchte mich in Bezug auf die Klassifikation als modernes
Epos doch noch korrigieren und mit den - mir allerdings, wie dem guten
Horaz, eher suspekten - Surrealisten aufwarten): das Ende ist unstimmig,
es passiert Unmögliches, in einer Handlung, die bisher (und wieder
korrigiere man mich) nie Unmögliches zugelassen hat. Das aber ist ein
Kriterium, das sich auf die Spielewertung auswirken sollte. Denn das hat
nichts mehr mit penibel zu tun, sondern ist ein nachweisbares Manko des
Spiels, das sich in dieser Form auch in der Wertung nachlesen lassen
sollte. Denn das hat nichts mit persönlichen Vorlieben zu tun, sondern
mit der - auch durch die entsprechenden Tests erfolgte - Einstufung als
Epos. Natürlich nicht im streng literaturwissenschaftlichen Sinne
gemeint, sollte doch zumindest Immanenz als Kriterium gelten. Das musst
du, Michael, gar nicht teilen - die Kolumne berührt das dennoch. Du
schreibst nämlich: 'Bioware wollte die Handlungszügel niemals aus der
Hand geben; nicht ich bestimme den Verlauf der Story, sondern die
Entwickler.' - das mag durchaus sein. Konsequenterweise hätte man dann
aber auf Veränderung von Einzelschicksalen verzichten müssen. So bleibt
dieser Punkt inkonsistent und ist Anlass zur Kritik.
Soweit zu
jenem Teil, der sich (weitgehend) objektiv beurteilen lässt. Bleibt also
die Enttäuschung, der emotionale Bruch, der bei vielen Spielern
offenbar stattgefunden hat. Soweit ich bisher lesen durfte (und ja,
Zitate zu zitieren ist eigentlich nicht mehr als Stille Post spielen),
ist das Schicksal am Ende unausweichlich. Nun mag das durchaus im Sinne
des Teams sein - dass das Leben in der Galaxis weitergeht, finde ich gut
und stimmig. Allerdings gibt es hierbei zwei Kritikpunkte. Zum ersten,
wenn man sich mit einer Geschichte identifiziert, mit den Helden
mitfühlt, ist es ein Schlag ins Gesicht, wenn plötzlich Crewmitglieder
am falschen Ort (oder noch schlimmer, sollte dem so sein: wieder am
Leben) sind. Brecht mag dies ein angemessenen Mittel sein, doch sein
berüchtigter V-Effekt funktioniert nur, wenn er konsequent benutzt wird.
Hier jedoch wird die Verfremdung erst ganz am Ende benutzt, bis dahin
war die Serie alles andere als episches Theater. Zum zweiten - und jetzt
geht es deutlich ins Emotionale - benötigt auch aus meiner Sicht
niemand ein 'Hollywood-Ending'. Ich gestehe Bioware auch zu, die 'Zügel
nicht aus der Hand zu geben'. Dann jedoch wäre es nötig gewesen, hier
wiederum den Eindruck zu erwecken, als HÄTTE man Einfluss auf das
Geschehen. Wie Noxfader schrieb: 'Es geschieht ausgerechnet bei Mass
Effect da man dort schon immer eine gewisse Entscheidungsfreiheit hatte
nicht so wie in anderen Spielen'. Selbst wenn dies nur eine Illusion
war, hat man es offensichtlich nicht geschafft, diese aufrecht zu
erhalten. Und DAS ist das Schlimme, das Störende, der Knackpunkt. Oder
eben: 'Die handwerklichen Erzählfehler kann man Bioware natürlich
trotzdem vorwerfen – man muss sich dann eben nur im Klaren sein, dass
man auf sehr hohem Niveau kritisiert.' - natürlich tut man dies, siehe
auch das Eingangszitat. Doch, wie dort bereits ebenso erwähnt, ist es
nicht das Ende vom Lied. Denn selbst dann müsste sich das in der Wertung
wiederfinden. Man hätte Homer viele Fehler verziehen. Doch sicherlich
nicht, dass er es nicht schafft, das Ende stimmig zu gestalten. Wäre er
dort von Epos zu Komödie geschwenkt, hätte man ihn vermutlich ebenfalls
aus der Stadt gejagt (wohl eher gevierteilt). Selbst wenn wir viel
offenherziger an das Thema herangehen, bleibt: das Ziel wurde nicht
erreicht. Und das ist es, was jeden, der ein Problem mit dem Ende hat,
stört. Jeder hat natürlich auch einen ganz persönlichen Grund (zumeist
wohl Enttäuschung). Aber das Wesentliche daran ist, woran es überhaupt
scheitert - an der Aufrechterhaltung der Illusion. Diese zerbricht nicht
daran, dass 'das Leben weitergeht', sondern, wie dieser Umstand
präsentiert wird. Wenn die stete (Illusion von) reactio der Spielwelt
gegeben ist, darf sie nicht am zentralen Punkt zerstört werden. Das aber
ist hier passiert. Andere Spiele haben sicher ein viel grottigeres
Ende. Sie haben aber meist nicht derart massiv darauf hingezielt, die
Illusion aufzubauen, dass es gut würde.
Und ja, der Beitrag ist
lang geworden. Ich hab im weiteren Verlauf schon extra auf weitere
Zitate von Horaz verzichtet. Es tut mir trotzdem Leid