Nochmals: Ja Mass Effect ist eine grandiose Serie, andernfalls hätte das verhunzte Ende nie zu solchen Reaktionen geführt. Schlechte Spiele hat jeder von uns schon gespielt, danach schimpft man vielleicht einmal irgendwo in einem Forum und hakt es dann für sich ab. Bioware hat jedoch das Recht Stolz auf ihr Produkt "Mass Effect" zu sein, gerade weil es eine so große und treue Fanbase innerhalb 5 Jahren aufbauen konnte.
Die Frage aber, inwieweit Videospiele (genauso wie Serien, Filme etc.) nun Kunst oder Kommerz sind, ist mühselig. Es gibt hier nicht 'einen' Künstler, der sein Werk im Alleingang vollendet. Genauso wie bei Filmen und Serien ist der Entwicklungsprozess vielen kreativen Köpfen geschuldet, die jedoch allesamt auch Restriktionen unterworfen sind. Die Programmierer müssen darauf achten, dass das Spiel auf diversen Systemen läuft, sind hier also nicht völlig frei in ihrer künstlerischen Entfaltung und sind zudem stark dem Drehbuch unterworfen. Der Drehbuchautor ist hingegen im Entwicklungsprozess bereits dem Publisher unterworfen, der sein Spiel an ein breites Publikum verkaufen will und all zu starke, künstlerische Entfaltung somit unterbinden kann, wenn das z.B. die angestrebte PEGI-Einstufung gefährden könnte. Im Fall von ME3 gab es auch nicht nur einen einzigen Drehbuchautoren. Mass Effect ist und bleibt unterm Strich ein Konsumprodukt und ist damit eher Kommerz als Kunst, auch wenn es sicherlich künstlerisch wertvoller ist als so manch anderes Konsumprodukt. Ein unabhängiger Buchautor kann ein Buch schreiben, ob es sich je verkaufen wird weiß er nicht. Genauso kann ein unabhängiger Musiker Stücke schreiben, die vielleicht ihm und einer kleinen Minderheit gefallen, aber nie kommerziell erfolgreich werden. All das ist jedoch noch Kunst und hier hat wirklich niemandem dem Künstler vorzuschreiben, dass er sein Produkt abändern muss.
EA und Bioware können es sich jedoch gar nicht erlauben Kunst herzustellen, die für sich selbst stehen kann, ohne kommerziell erfolgreich zu sein. Sie müssen sehr viele Mitarbeiter usw. bezahlen und EA sogar Aktionäre glücklich machen. Hier beginnt aus Kunst letztlich Kommerz zu werden.
Auch ein Porsche mag ein Kunstwerk sein, in erster Linie ist es aber ein Konsum-Produkt, das nur hergestellt wird um kommerziell erfolgreich zu sein. Somit besteht jedoch zwischen dem Hersteller und dem Kunden eine andere Beziehung als zwischen dem Künstler und dem Besucher einer Kunstausstellung/-vorlesung.
Der Kunde/Konsument darf verlangen, dass er für sein Geld ein Produkt gemäß der Versprechen erwirbt, die ihm der Hersteller gegeben hat. Wenn z.B. Porsche damit Werbung machen würde, dass in ihre Autos Air-Bags und ABS eingebaut werden, der Kunde nach dem Kauf aber erfährt, dass sein Wagen weder Air-Bag noch ABS hat, darf er Nachbesserung verlangen. In diesem Fall dürfte er sogar den Hersteller verklagen, was ja offensichtlich auch in den USA bei "Mass Effect" passiert ist. Ich muss gestehen, dass ich die Klage aus den USA ebenfalls für überzogen hielt, niemand würde jedoch bei dem Porsche-Beispiel sagen, dass eine Klage in diesem Fall unverschämt gewesen wäre.
Was man Bioware aber einfach vorwerfen darf ist, zuviele Versprechen, die zuvor von offizieller Seite gemacht wurden, nicht eingehalten zu haben. Schlimmer noch: In einigen Fällen entsprach das Endprodukt genau dem Gegenteil der zuvor gemachten Versprechungen.
Dennoch blieb die Retake-/Hold the Line/Wallet-Bewegung bislang im Großen und Ganzen friedlich. Hier sind keine Steine geflogen, es wurden keine Bioware-Homepages attackiert, oder Leute bedroht. Stattdessen hat man Geld für Kinder gesammelt und Cupcakes mit 3 unterschiedlichen Farben aber dem gleichen Geschmack gebacken, über die sich am Ende ebenfalls noch Kinder freuen durften. Wo genau siehst du hier die Züge des "Protests" als grotesk an? Ich finde das eher kreativ.
Bioware hat nunmal den Fehler gemacht Versprechen nicht gehalten zu haben. Man hat zu lange über den Unmut der Fans geschwiegen, es zugelassen, dass sich mit der Indoktrinationstheorie bei vielen eine (vermutlich) falsche Erwartungen aufgebaut hat. Dann hat man Ankündigungen auf der PAX in Aussicht gestellt, nur um einen Tag vorher in einem kleinen FAQ auf der Homepage darauf hinzuweisen, dass man am Ende nichts ändern wird, es aber jetzt noch einmal um zusätzliche, erklärende Szenen ergänzt werden soll. Auf der PAX hat man dann in den offiziellen Interviews fast schon unverständlich über die laufenden Diskussionen geschwiegen. Man weiß nicht, ob sie es taten, weil sie noch ein As im Ärmel haben, oder weil sie nicht ernsthaft auf die Fan-Kritik eingehen wollen. Ersteres wäre zu wünsche, zweiteres hat nun jedoch bei einigen dazu geführt zu sagen: Danke Bioware für die tolle Zeit bis hier hin, aber Geld gebe ich für deine Produkte nicht mehr aus. Diese Entscheidung/Aussage hat nichts mit Erpressung zu tun, sie ist unser Recht als Kunden, unseren Unmut zum Ausdruck zu bringen, dass man so mit treuen, zahlenden Fans nicht ein zweites Mal umspringen kann.
Wir alle hoffen aber inständig, dass Biowares Worte, man würde auf die Fans hören, letztlich keine Lüge waren. Dann, aber auch nur dann, sind wir bereit wieder Geld für ihre Produkte auszugeben.
Ich bin immer noch der Meinung, dass Bioware eigentlich ganz froh über den Protest sein kann, zeigt es doch welchen Stellenwert ihre Produkte bislang in der Öffentlichkeit genossen haben. Selbst in unserer kleinen lokalen Zeitung gab es einen Bericht über die Retake-/Hold the Line-Bewegung. Bioware könnte mit einem Schlag sehr viel Boden wieder gut machen, wenn sie dieses Mal wirklich auf die Kritiken der breiten Masse hören und die Spieler nicht wie Cashcows melken. Wenn ich persönlich aber nicht das Gefühl erhalte, dass sie letztlich doch auf die Kritik der Fans hören, sehen sie von mir kein Geld mehr - nichts simpler als das.
Und keine Angst, ich bin dabei nicht so naiv zu glauben, dass bei Bioware gerade die Alarmlämpchen wild blinken, weil sich bislang rund 500 Leute im Forum einer Hold the Wallet-Gruppe angeschlossen haben

Aber ich bleibe dabei: Würde ich über meinen Unmut schweigen, würde mir das noch weniger bringen.
Edit: Die Forderung das Ende von ME3 nachzubessern ist zudem kein noch nie dagewesener Präzedenzfall in der Geschichts der Videospiel-Geschichte. Bislang waren es jedoch eher die Hersteller, die recht bald von sich aus hier nachgebessert haben (z.B. Fallout 3). Leider gibt es ja offensichtlich kein Test-Screening wie bei Filmen (die übrigens auch gerne als Kunstprodukt bezeichnet werden, jedoch ebenfalls abgeändert werden, wenn sie beim Test-Publikum durchfallen), sonst wäre die ganze Diskussion vielleicht nie aufgekommen. Wenn man es auf die Spitze treiben wollen würde könnte man sagen, mit der Entscheidung, dass sie ihr Ende nun in Form eines Extended Cuts nachbessern, haben sie selbst eingestanden, dass das Ende in der aktuellen Form kein unveränderliches, in sich vollendetes Gesamtwerk ist, sondern durchaus noch Anpassungen unterworfen werden darf. Ginge es nur darum ihr Werk zu erklären, hätten sie das längst auf der Homepage tun können.
Ach ja: Fernsehen schaue ich kaum noch und wenn dann nur Pay-TV. Wer sagt, dass ich nicht andernorts Petitionen gegen zu hohe Benzinpreise unterstütze?
Modifié par Wamillian, 09 avril 2012 - 03:55 .