Auf das Risiko hin das der Threat längst ausgestorben ist melde ich mich trotzdem. Da wollte ich schneller sein als beim letzten Kapitel und was passiert? Projektarbeiten in der Schule Berufsmaturitätsvorberietungskurse und Skyrim. Zack ist ne Woche rum und man konnte kaum etwas schreiben. Zu allem Überfluss hat dann die Korrektur auch noch längere eit in Anspruch genommen. Kein Vorwurf an die Angesprochenen.... zumindest nur n kleiner:P
Jedenfalls, hier kommt das nächste Kapitel, ich hoffe es gefällt und entschädigt für die lange Wartezeit, viel Spass beim Lesen.
Kapitel 41
Die Muskeln in ihrem Gesicht erlahmten und Jenni sass mit
offenem Mund vor Emilia, die ihrem entsetzten Blick standhielt. Vor den Augen
der jungen Frau brach gerade eine Welt zusammen. Sie hatte so viel aufgegeben
und ertragen um an diesen Posten zu gelangen und nun war das alles um sonst
gewesen? Sie hätte all die Zeit mit Kiara verbringen können, ganz ohne
Einschränkungen an einer Uni auf Thessia oder sonst wo, doch nun hatte Kiara
ihr Ziel zu studieren aufgegeben, um an ihrer Seite zu kämpfen. Sie hatte das
für Jenni getan und nun war diese schuld daran, dass dieses Opfer umsonst
gewesen war. Sie durfte nicht suspendiert werden. Ein Bürojob war nicht
akzeptabel, definitiv nicht. Sie war hergekommen, weil sie kämpfen und an der
Front sein wollte. Ihr Vater hatte ihr geraten den Weg hoch zu wählen, der sie
in ein Büro bringen würde, doch das war ihr zu langweilig. Wenn sie draussen
waren und trainierten und das Adrenalin in ihren Adern sie in einen Rausch
versetzte, dann fühlte sie sich wirklich frei. Das war auch der Grund, weshalb
sie solche Übungen liebte, die Freiheit und das Adrenalin waren fast schon eine
Droge. Sie hätte nie gedacht, dass es so extrem wäre, aber auch wenn es einen
unglaublichen Stress bedeutete, wenn man unter Beschuss geriet und nicht selten
mit Schmerzen verbunden war, so war das Gefühl doch um ein vielfaches
mitreissender als jede Achterbahn. Es war ein Kick, den ihr keine andere
Aktivität mehr zu versetzen vermochte. Doch das alles spielte jetzt keine Rolle
mehr, schliesslich war ihr diese Welt, an deren Oberfläche sie in den letzten
Monaten gekratzt hatte, entzogen worden, die Tür dazu war vor ihrer Nase
zugeschlagen worden und sie musste das akzeptieren. „Nein, das darf nicht
passieren, ich muss das verhindern.“ Nach so langem Kämpfen und all der
Schinderei wäre es viel zu leicht gewesen einfach aufzugeben und sich mit allem
abzufinden. Sie würde für das kämpfen was sie erreicht hatte. Stockend und nach
den richtigen Worten suchend begann Jenni verzweifelt zu erklären, sie musste
die Situation richtigstellen. „Ich…. sie können…. Ich…“ „Warten sie“ unterbrach
die Psychologin sie, doch die Worte sprudelten einfach so aus Jenni heraus.
„Ich kann das erklären…“ „Warten sie! Es tut mir leid, dass ich sie so
erschrecken musste, aber das war der beste Weg um all das zu erfahren. Sie
wollen unbedingt ihren Posten behalten und wieder oder weiter im aktiven Dienst
sein. Ihre schockierte Reaktion zeigt, dass eine Dienstuntauglichkeit für sie
eine Katastrophe wäre. Deshalb haben sie mich auch belogen und das ist auch der
Grund, dass sie versuchen all das alleine zu ertragen und zu verarbeiten. So
etwas kommt öfter vor als sie glauben. Sie sollten aber beachten, dass das
Verweilen im aktiven Dienst ihre Psyche womöglich irreparabel beschädigen
könnte. Auch heute muss ich viel zu viele Soldaten sehen, denen ich nicht mehr
helfen kann, Soldaten, die nie wieder ein normales Leben führen können oder
deren Familien nie wieder mit dem Menschen sprechen können, den sie geliebt
hatten und zur Allianz hatten gehen sehen. Ist es das wert?“ „Ich…ich wollte
das hier schon immer, seit ich klein war wollte ich zur Allianz. Ich hatte nie
ein anderes Ziel, das ich angestrebt habe, das war meine Bestimmung und ich
wüsste nicht was ich sonst machen sollte. Was habe ich denn für Berufliche
Optionen wenn ich jetzt mit der Begründung “Dachschaden“ entlassen?“ Die ältere
Frau lächelte, Jenni glaubte einen Anflug von Selbstzufriedenheit in ihrem
Gesicht sehen zu können. Ob, weil sie Jenni letztlich doch durchschaut hatte
oder, weil sie recht gehabt hatte mit ihrer Diagnose, wusste sie jedoch nicht.
„Es ist nicht mein Ziel ihr Leben zu zerstören, das müssen sie mir glauben. Ich
möchte nur nicht, dass sie in einigen Monaten oder Jahren bereuen sich so
entschieden zu haben. Mein Job ist es dafür zu sorgen, dass niemand verletzt
wird, weil jemand anderes dem Druck nicht mehr gewachsen war und daran
zerbrochen ist… und zudem würde ein Ausschluss aus dem aktiven Dienst ja nicht
dem Ausschluss aus der Allianz gleichkommen…“ Jenni wusste was jetzt kommen
würde und sie hätte Emilia am liebsten gleich unterbrochen, da der Punkt den
sie gleich ansprechen würde zu keiner sinnvollen Diskussion führen würde. „Sie
könnten immer noch einen Job in den organisatorischen Abteilungen der Allianz
einnehmen, diese sind genauso wichtig wie die aktiven Posten.“ Jenni lächelte
höflich ehe sie so nett es ihr möglich war antwortete. „Nein, das ist keine
Option.“ „Weshalb?“ kam es sofort neugierig von der Psychologin. „Waren sie
jemals dabei, bei einem N7 Training?“, sie schüttelte erstaunt den Kopf und sah
Jenni fragend an. „Das… es ist schwer zu beschreiben, aber wenn ich da draussen
bin und trainiere, zusammen mit meinen Leuten, da gibt es mir das ein Gefühl
von Freiheit. An der Front zu sein, der Lärm der Waffen, die Aufregung, das
alles, wenn es dir gelingt deine Kameraden zum Sieg zu führen und ein Plan
aufgeht, das ist ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann. Ich kann ihnen das
weder erklären noch zeigen. Ich kenne jedoch ein Sprichwort, das die Situation
ziemlich passend beschreibt. “Ein Vogel der einmal draussen in Freiheit
geflogen ist, wird nie wieder in einem Käfig leben können, egal wie gross
dieser auch ist.“ Es spielt keine Rolle, ob sie mich in ein Büro oder eine
Zelle stecken, “gefangen“ bin ich so oder so.“ Erschrocken über ihre eigenen
Worte, bereute sie bereits so offen gesprochen zu haben. „Das ist eine
interessante Ansicht und ich glaube sogar zu verstehen wie sie sich fühlen. Sie
wollen kämpfen und sind entschlossen alles nötige zu tun um dies zu erreichen.
Ein solch starker Wille kann den unterschied machen zwischen Zusammenbruch und
Triumph. Ein Mensch kann schier unmögliches ertragen wenn er sich weigert daran
zu zerbrechen und weiterkämpfen will… solch ein Verlangen kann aber auch
gefährlich sein, jemanden unberechenbar machen. Sehen sie mein Problem? Ich
muss entscheiden wer zu welcher der beiden Kategorien gehört und das ist nicht
leicht.“ Auf diese Aussage wusste Jenni nichts zu erwidern, das ihr geholfen
hätte also schwieg sie. Die Psychologin tippte noch einige Sätze in ihren
Bericht ein ehe sie sich wieder Jenni zu wandte um fortzufahren.
Die Befragung durch Emilia hatte sich noch ordentlich in die
Länge gezogen, Jenni war lange in dem Raum gewesen, bevor Reeston wieder zu
ihnen gestossen war. Er hatte Jenni erlaubt sich zu entfernen und besprach nun
wahrscheinlich mit Emilia, wie sie weiter verfahren würden. Es war Jenni nicht
gelungen eine klare Aussage aus Emilia rauszubekommen, wie es jetzt mit ihr
weitergehe. Sie hatte entweder selbst noch kein Urteil gefällt, oder dieses
einfach nicht preisgeben wollen. So hatte sie wieder in die Unterkunft gehen
müssen ohne zu wissen, ob es womöglich das letzte Mal war, dass sie dort mit
ihren Kameraden sein würde. Der Rest des Tages verlief unspektakulär, sie hatte
kein Training, musste ihre Ausrüstung säubern und überprüfen und einen ganzen
Haufen Papierkram erfüllen. Dem Rest des Teams ging es kaum anders. Jenni war
mit den Gedanken bei der Psychologin, die über ihre Zukunft entscheiden würde.
Unter den Biotikern waren bereits eifrige Gespräche über die Befragungen
ihrerseits ausgebrochen. Anscheinend war die Sorge über die zukünftige Laufbahn
verbreiteter, als sie angenommen hatte. Viele waren sich unsicher, ob sie das
richtige geantwortet hatten, schliesslich waren die Psychospielchen der
Weisskittel schwer zu durchschauen. Jenni hatte sich vorgenommen ihren Bericht
am Abend zu schreiben, war jedoch kläglich gescheitert. Ihre Augenlieder waren
ihr immer wieder zugefallen und sie hatte sich nicht konzentrieren können, der
Schlafmangel setzte ihr zu. Die Albträume, die sie während der letzten Nacht
ständig aus dem Schlaf gerissen hatten forderten nun ihren Tribut. Mittlerweile
war die Sonne bereits seit langem untergegangen und Jenni sass erneut vor dem
Monitor. Das Arbeitszimmer, das sie benutzte war leer und ganz still, ausser
ihr war niemand darin. Die Einrichtung war schlicht, Ein Schreibtisch diente
als Arbeitsfläche, eine Lampe am Kopfende des Tisches beleuchtete selbigen. Die
an der Decke verteilten Lampen erleuchteten den restlichen Raum. Ein paar
einsam erscheinende Pflanzen brachten spärlich etwas Farbe in den Raum. Ein
zweiter Arbeitsplatz war durch eine etwa schulterhohe Holzwand von ihrem
abgetrennt, wie es in Bürogebäuden oft der Fall war. Doch das im Moment
wichtigste im ganzen Raum war die Tasse die neben Jenni stand, oder besser
deren Inhalt. Kaffee schwarz und stark gebrüht damit er wachhielt. Einmal war
sie bereits eingeschlafen, hatte es aber sofort bereut. Anstelle des
befürchteten bereits bekannten Albtraums mit dem Zenturio, hatte sich diesmal
etwas neues gezeigt. Ihre schlimmsten Befürchtungen, die sie verdrängt hatte im
Bezug auf Emilia. Sie hatte sich selbst gesehen, von der Allianz ausgestossen
und in einer Zwangsjacke. Sie hatte versucht den anderen zu erklären das sie
nicht verrückt sei, doch niemand hatte ihr geglaubt. Niemand hatte ihr
zugehört, schliesslich hatten ja Spezialisten das Urteil gefällt, da war ihre
Meinung unwichtig. Es war das selbe Gefühl der Hilflosigkeit, wie beim Kampf
gegen den Zenturio. Als sie zusammenzuckte und die Augen wieder öffnete waren
gerade mal 30 Minuten vergangen. Sie war kurz nach draussen gegangen und hatte
sich an der Kaffeemaschine in dem kleinen Verpflegungsraum am Ende des Ganges
einen Kaffee geholt. Die Müdigkeit war damit für den Moment gewichen aber sie
würde bald wiederkehren. Die Arbeit, die sie vor sich hatte, diente ihr als
Ablenkung um nicht dauernd daran denken zu müssen, was sie im Schlaf erwarten
würde. „Was tust du denn da? Du läufst schon wieder vor deiner eigenen Angst
davon, wenn du dich ihr nicht stellen kannst, dann solltest du vielleicht
wirklich ausser Dienst gestellt werden“ flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf,
doch Jenni schüttelte sie sofort ab. „Ich mache noch den Bericht fertig und
dann gehe ich schlafen“ meinte sie zu sich selbst um ihr Gewissen zu beruhigen.
Wieder wanderte ihr Blick über die bereits geschriebenen Zeilen. Sie hatte
schon einiges zusammen, auch wenn ihr die Art des Geschriebenen irgendwie nicht
gefiel. Sie überflog gerade die letzten Zeilen als jemand die Tür öffnete und
eintrat. Jenni erschrak und zuckte zusammen, da sie nicht damit gerechnet hatte
“Besuch“ zu erhalten. Sie war ziemlich erleichtert, dass es sich um Eric und
somit um einen Kameraden handelte. „Was machst du denn zu so später Stunde noch
hier?“ „Meinen scheiss Bericht schreiben“ meinte sie lächelnd. „Der muss aber
sehr dringend sein, du solltest ihn vielleicht bis morgen warten lassen,
ansonsten wird der Schlaf ziemlich kurz kommen…“ „Wieso, wir haben doch erst…
Mist, schon elf Uhr?“ Die Zeit war wesentlich schneller vergangen als Jenni
lieb war. Sie mussten am nächsten Tag um sechs Uhr aufstehen, für sie bedeutete
das höchstens sieben Stunden Schlaf. Auf das auffordernde Lächeln des Soldaten
erwiderte Jenni „Ich habe hier nicht mehr lange… aber die Frage was ich um die
Zeit hier mache könnte ich auch dir stellen.“ Er nickte grinsend und trat etwas
näher zu Jenni, an ihren Tisch heran „Ich wollte nachsehen ob´s jemanden von
euch erwischt hat… es erstaunt mich, dass du es bist.“ Verwirrt über seine
Aussage sah sie ihn fragend an. „Naja, wenn jemand bei einem Einsatz, besonders
beim Ersten, gleich ziemlich übel erwischt wird, kommt es nicht selten vor,
dass diese Person ein Trauma davonträgt. Erstaunlich viele flüchten sich dann
in Arbeit, um das Erlebte zu verdrängen, keine gute Idee“ erwiderte Eric. „Das
endet fast immer mit einem Zusammenbruch.“ „Du willst also sagen dass ich ´nen
Dachschaden habe? Das ist nicht gerade charmant.“ Sie versuchte ihn zu ärgern,
doch er blieb ernst, was seltsam war, da er sonst immer sehr aufgestellt war.
„Nein, aber ich wollte fragen ob du vielleicht reden möchtest… inoffiziell,
ohne Vorgesetzte und Psychologen, mit einem Kameraden. Vielleicht kann ich dir
ein paar Tipps geben, denn im Vergleich zu den Weisskitteln weiss ich, wie es
dir geht.“ Gemischte Gefühle kamen in Jenni hoch, sie freute sich einerseits darüber,
dass ihr Kamerad so hilfsbereit war und sein Angebot klang wirklich sehr gut.
Mit ihm würde sie offen sprechen können, da er sie nicht verpfeifen würde und
verstand wie es ihr ging. Andererseits waren da auch Gefühle, die sie daran
hinderten, dass Angebot anzunehmen, schliesslich war sie nicht verrückt. Sie
hatte schlecht geträumt, das war nichts, was sie nicht selbst bewältigen
konnte. Nach kurzem Zögern setzte sie ein freundliches Lächeln auf. „Es ist
nett von dir, dass du dir Sorgen um mich machst, aber ich glaube ich komme
zurecht.“ Sie erntete einen sehr skeptischen Blick, er schien zu wissen dass
ihre Zuversicht nur gespielt war. „Ok…wenn du es dir anders überlegst, kannst
du mich jederzeit ansprechen… dann… bis morgen.“ „Danke, bis morgen“ Kaum hatte
er den Raum verlassen verfluchte sie ihren Stolz, wahrscheinlich war er ihre
beste Chance jemals richtig darüber reden zu können und sie hatte diese Chance
gerade verspielt. Sie schloss das Dokument da sie eh nicht mehr weiter kommen
würde. Jenni biss sich auf die Unterlippe, sie wusste, dass die Nacht wieder zu
einer Tortur werden würde und die Angst davor war schliesslich doch stärker als
ihr Stolz. Sie schaltete den Monitor vor sich aus und trat eilig in den Gang
hinaus. Vom einen Ende des Ganges waren noch leise Schritte zu hören. Sofort
ging sie hinter ihrem Kameraden her, eilig, damit sie ihn noch einholte. Als
sie um die Ecke trat, war Eric etwa zehn Meter vor ihr. Jennis Schritte waren
eilig und als sie nur noch ein paar Schritte hinter ihm war, meinte sie mit
vorsichtiger Stimme. „Eric… warte mal schnell…“ Er drehte sich zu ihr um und
sah sie erstaunt an. „Ich dachte du wolltest deinen Bericht schreiben? Das ging
aber schnell.“ Nun grinste er sie an, das war die Revanche für vorhin. „Du bist
ein Idiot“ meinte sie lächelnd. „Hast du Zeit ein paar Schritte zu gehen?“
Die Luft war kühl, der Sommer neigte sich langsam dem Ende,
zwar war das Klima hier immer gemässigt, aber man konnte den Unterschied
zwischen den Jahreszeiten doch merken. Die Sterne waren so weit von grossen
Städten entfernt, dass sie im Dunkeln zu Millionen zu erkennen waren und die
Stille umfing alles und jeden wie ein seidener Schleier. „Wow, das ist
natürlich schon hart, mit blossen Händen zu töten ist nicht gerade der schönste
Einstig… aber eigentlich macht es gar keinen Unterschied was du gesehen oder
getan hast, wichtig ist, dass du dich davon nicht unterkriegen lässt. Rede mit
jemandem darüber, wenn du das nicht mit mir machen kannst, dann such dir jemand
anderen, es ist eigentlich egal wen, du musst dich dieser Person einfach öffnen
können. Als Anführer müssen wir immer Stärke zeigen, aber das geht nicht, auch
wir müssen uns gegenüber irgendjemandem verwundbar machen, um unsere Sorgen und
Schwächen zu zeigen, sich einfach mal von jemandem stützen lassen und die Last
auf unseren Schultern, wenn auch nur für einen Moment abgeben zu können. Das
ist kein Zeichen von Schwäche.“ Er liess seine Fingerspitzen über den
Maschendrahtzaun gleiten und starrte dabei in die Ferne, wo sich die schwarze,
zackige Kontur des Horizonts mit dem farblich kaum zu unterscheidenden Himmel
vermischte. Jenni schwieg, sie hatte ihm vorhin geschildert was sie erlebt
hatte, und dass sie deshalb nicht hatte schlafen können. Er hatte ihr daraufhin
erzählt, wie es ihm damals ergangen war, nicht viel anders als ihr. Er begann
zu grinsen und wandte sich wieder Jenni zu „Ich habe damals…ich weiss das
klingt lächerlich, aber ich hab damals immer mit meiner Oma darüber geredet.
Sie war schon immer geduldig gewesen und hat mir stets zugehört, ohne mich
übertrieben zu bemitleiden oder alle Nase lang einen blöden Ratschlag zu
geben.“ Jenni konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Langsam schlenderten
sie weiter. Das Gespräch hatte sie tatsächlich abgelenkt, aber sie wusste, dass
sie sich Eric gegenüber nicht vollkommen öffnen konnte, dafür standen sie sich
nicht nahe genug. Ihr Verstand hatte schon lange alle Möglichkeiten abgecheckt,
ihre Cousine war definitiv zu jung, ihre Eltern waren auch keine Option, ihre
Mutter wäre in Ohnmacht gefallen und ihr Vater… Der wäre tatsächlich eine
Option gewesen, doch mittels UW war das ganze sehr unpersönlich. Die besten
Chancen hatte sie bei Kiara, doch sie musste vorsichtig sein damit Tirana
nichts in die Hände bekam, das sie gegen sie einsetzen konnte. Sie warf einen
flüchtigen Blick auf die Uhr ihres Uws und bereute es sogleich. „Ich danke dir,
dass du dir die Zeit genommen hast, ich hoffe, dass ich das umsetzen kann was
du gesagt hast… bis Morgen.“ Eric nickte ihr zu „Nicht der Rede wert, pass auf
dich auf, bis morgen.“
Ein druck auf dem Unterleib liess sie erwachen. Verschlafen
blinzelte Kiara, es war wahrscheinlich noch mitten in der Nacht. Der Raum war
dunkel, ausser den tiefen gleichmässigen Atemzügen ihrer Kameraden war nichts
zu hören. Nachdem ihr Körper aus dem Schlafmodus hochzufahren begann, erkannte
sie schnell den Grund für ihr Erwachen, das grosse Glas Wasser das sie beim
Abendessen getrunken hatte. Mühsam drehte sie sich zur Seite, rutschte an den
Bettrand und lies sich möglichst leise und vorsichtig hinab zum Boden gleiten.
Schlaftrunken torkelte sie durch den Raum. In ihrem Verstand herrschte äusserst
gemächlicher Verkehr, hier und da blitzte ein Gedanke auf. „Scheint als hätte
meine Mam doch recht gehabt, als ich noch ein kleines Mädchen war, zu viel
trinken ist nicht gut vor dem schlafen“ meinte sie gedanklich zu sich selbst.
„Ich muss unbedingt mehr schlafen“, flüsterte eine andere Stimme träge. Ihre
Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt und so konnte sie den minimalen
Rest des Lichtes, der vom Gang her in den Raum fiel gut erkennen. Zielstrebig
steuerte sie selbigen an, die Hand ausgestreckt die Türklinke frühzeitig
greifen zu können. Leise öffnete sie die Tür einen Spalt breit und schlüpfte
heraus. Das Licht im Gang war gedämpft doch erschien es ihren Augen wie ein
gleissender Scheinwerfer der ihr entgegen strahlte. Blinzelnd, die Hand zum
Schutz vor den Augen und den Blick zu Boden gewandt, ging sie eilig durch den
Gang, um dem blendenden Licht zu entgehen. Im Bad musste sie das Licht dann
aber einschalten, da ihre geblendeten Augen wieder eine Weile brauchen würden,
um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Nach etwa einer Minute verliess sie den
Raum wieder, doch diesmal stockte sie. Sie war aus ihrem Halbschlaf erwacht und
nun hörte sie etwas. Ein leises plätschern das kaum wahrzunehmen war drang aus
der Dusche. Normalerweise wäre ihr das egal gewesen, aber um diese Uhrzeit
konnte da etwas nicht stimmen. Sie trat vorsichtig auf die Tür zu, ein ungutes
Gefühl machte sich in ihr breit und ihre Fantasie begann rasend schnell zu
werken. Im Vorraum der Dusche brannte Licht und nun war auch das leise
Plätschern von Wasser, das über Fliesen lief und das Prasseln feiner Tropfen
auf nasser Kleidung oder Haut zu hören. Jetzt drängte sich Kiara die Erinnerung
an ihre gemeinsame Dusche mit Jenni auf, doch der Gedanke an ihre Liebste liess
sie erschaudern, Jenni hatte sich seit dem Einsatz seltsam verhalten. Ihre
schlimmsten Befürchtungen erfüllten sich, als sie in den Duschraum trat, am
liebsten hätte sie laut aufgeschrien.Vor ihr bot sich ein Bild des Schreckens,
ihre Gedanken überschlugen sich. Sie wollte losrennen, doch ihre Beine
reagierten nicht auf ihre Befehle. War sie?... nein das durfte nicht sein.
„Jenni“ es kostete sie schon fast körperliche Kraft den Namen ihrer Liebsten zu
hauchen. Diese sass mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die Beine an sich
herangezogen unter der Dusche. Ihr Gesicht lag auf ihren Knien, die von ihren
Armen eng umschlungen waren. Wasser nieselte sanft auf sie herab und tropfte
von ihren klatschnassen Haaren, die über ihren Oberschenkel herabhingen. Das
Bild war ganz anders, als alles was sie bisher je von Jenni gesehen hatte.
Bisher hatte sie immer stark gewirkt oder es zumindest versteckt, wenn es ihr
schlecht ging, doch nun war sie offensichtlich dabei gescheitert. Sie wirkte
hilflos, verzweifelt und es war wie ein Stich ins Herz der Asari, ihre Liebste
so sehen zu müssen. Ein leises ersticktes Schluchzen war zu hören, sie hatte
geweint, aber wie lange schon? Sofort rannte Kiara zu ihrer liebsten hin und
sank auf die Knie. Das Wasser das über den Körper ihrer Freundin rann, war
nicht gerade sonderlich warm, sie war unterkühlt. Die Haut der jungen Frau
fühlte sich unter den Fingerspitzen von Kiaras Hand ganz rau an. “Gänsehaut“
wie Jenni ihr gesagt hatte, ein Phänomen, das nur die menschliche Anatomie
kannte. Sie richtete sich auf und schaltete die Brause der Dusche aus, ehe sie
sich wieder neben ihre Freundin kniete. „Jenni, was ist passiert?“ Nachdem die
Angesprochene einige Sekunden lang keine Antwort gegeben hatte, strich die
Asari ihre Haare langsam zur Seite um das Gesicht ihrer Freundin sehen können.
Diese schluchzte erneut leise, kümmerte sich aber nicht weiter um ihre
Besucherin. Doch Kiara lies nicht locker „Warum bist du hier?... Jenni bitte
sprich mit mir“ flehte sie, auch in ihr machte sich Verzweiflung breit,
verständlicherweise sorgte sie sich darum, ihre Freundin zu verlieren. In der
Dusche war es kühl, sie war kaum nass und spürte trotzdem bereits wie die Kälte
langsam unter ihre Haut kroch. Jenni musste entsetzlich frieren, sie zitterte
und ihre Lippen hatten eine leicht bläuliche Färbung. Kiara fasste einen
Entschluss und beugte sich näher an ihre Kameradin heran „Ich bin glich wieder
da, versprochen.“ Eilig stand sie auf, verliess die Dusche und trat in Richtung
des Schlafzimmers. Dort angekommen trat sie zu Jennis Bett, packte die Decke
die zerknautscht und zur Seite geschoben dalag, sie wollte schon wieder
losgehen, als ihr etwas einfiel. Jenni trug nur Unterwäsche, genau wie sie
auch, ihre war jedoch noch trocken, die ihrer Freundin war genauso durchnässt
wie sie selbst. Eilig schnappte sie sich einen Slip und einen BH aus dem
kleinen Schrank neben ihrem Bett und eilte dann sofort zurück zur Dusche, wobei
sie versuchte möglichst wenig Lärm zu verursachen um niemanden zu wecken. Jenni
ging es bereits schlecht genug, das letzte was sie jetzt brauchte war ihre
ganze Einheit, die sie so sah. Der einzige Vorteil an Jennis momentanem Zustand
war, dass sie nicht weglief, das einzige was Kiara noch mehr Angst gemacht
hätte, als sie ohnehin schon hatte. Sie trat zu Jenni, setzte sich dicht neben
sie und legte die Decke um sich und ihre Freundin herum. Sie strich der jungen
Frau sanft über die Wange und meinte mit tröstender Stimme: „Ich werde hier
nicht weggehen, ehe du mit mir kommst und mir sagst was passiert ist.“ Nun
reagierte die Angesprochene, wenn auch nur minimal. Sie schluchzte wieder und
als Kiara ihren Arm um sie legte, zerbrach ihre Gegenwehr schliesslich. Jenni
rückte so dicht sie konnte an Kiara heran und legte ihr den Kopf auf die
Schulter. Kiara hätte nicht sagen können wie lange sie in dieser Pose verweilt
war, das einzige was sie in dem Moment interessierte, war ihre Liebste. Nach
einer Weile legte sie ihr vorsichtig die Hand ans Kinn und drehte ihren Kopf zu
sich, damit sie ihr in die Augen sehen konnte. Die beiden Smaragde, die sie
sonst immer voller Lebensfreude und Liebe angefunkelt hatten, schienen nun matt
und leblos, ausgewaschen von den vielen Tränen. „Wir sollten zurück ins Bett,
hier erkältest du dich bloss.“ Jenni griff nach dem Arm ihrer Freundin, der um
sie lag und hielt ihn fest, als hätte sie angst Kiara würde weglaufen. „Keine
Sorge, ich bleibe bei dir, egal was passiert… komm, bevor dich jemand so
sieht.“ Die Asari erhob sich und streckte ihrer Freundin helfend die Hand
entgegen. Jennis Reaktion lies einen Moment auf sich warten, kam aber
schliesslich doch noch. Sie zog sich an Kiara hoch und trat langsam auf den
Vorraum der Dusche zu. „Warte hier, zieh dich erst mal um.“ Die nasse
Unterwäsche wickelte Kiara in die Decke ein, die stellenweise mit Wasser
vollgesogen war. Sie nahm Jenni in den einen und die Decke in den anderen Arm,
während sie den Gang entlanggingen. Das Knäuel aus nassem Stoff entsorgte sie
in einem der Wäschebehälter, den sie passierten. Der restliche Weg durch das
dunkle Zimmer war kurz, die Erleichterung, als sie die Matratze erreichten
gross. Kiara griff nach oben um ihre Decke herunterzuholen und setzte sich dann
auf die Matratze neben Jenni, diese legte sich hin, rollte sich zusammen und
legte ihren Kopf auf Kiaras Schoss. Die Decke Spendete eine angenehme Wärme und
die Nähe ihrer Liebsten gab ihr ein Gefühl von Geborgenheit, auch wenn Jenni
diese im Moment dringender brauchte als sie. Nach kaum einer Minute die sie
damit verbracht hatte, ihre Liebste sanft zu streicheln, legte sie sich
schliesslich neben sie und deckte sich auch komplett zu, sollten Reeston und
Tirana doch kommen und sie suspendieren, ihre Liebste brauchte sie jetzt und da
spielte das Risiko keine Rolle. Jenni dankte es ihr, indem sie sich auf ganzer
Länge an Kiara ran schmiegte und vorsichtig einen Arm um sie legte.
Das Erwachen war eine Wohltat und ein Schock zu gleich. Das
erste, das sie sah als sie ihre Augen öffnete, war das besorgte Lächeln ihre
Liebsten, die dicht bei ihr lag. Es war das erste Mal seit langem, dass Jenni
mit ihr im selben Bett hatte schlafen können. Neben ihr aufzuwachen war ein
wundervolles Gefühl, doch das Wissen weshalb sie neben ihr lag, lies selbiges
sofort wieder verschwinden. Die Erinnerungen an den letzten Abend kehrten
langsam zurück. Kiara hatte sie in der Dusche gefunden und hier hergebracht.
Weshalb war sie mitten in der Nacht unter der Dusche gewesen? Der Schleier
lichtete sich nun, wo sie darüber nachdachte relativ rasch und die Erkenntnis
war niederschmetternd. Nachdem sie ungefähr zwei Stunden versucht hatte zu
schlafen und ständig wieder von denselben Bildern verfolgt worden war, hatte
sie es nicht mehr ausgehalten. Jeder Versuch die Erinnerungen zu vertreiben
hatte nichts genützt und sie war schliesslich daran verzweifelt. Sie hatte
schreien wollen, hatte endlich schlafen wollen, da die Müdigkeit schon fast
schmerzte. Weshalb sie ausgerechnet zur Dusche gegangen war und was genau dort
passiert war, wusste sie nicht mehr. Das einzige was sie wusste war, dass sie
geweint hatte, ihre Augen fühlten sich trocken an. Kiaras besorgter
Gesichtsausdruck machte deutlich, dass es schlimm gewesen sein musste. Die
Realität holte sie wieder ein, als sie zwei weiche Lippen auf den Ihren spürte.
„Geht es dir wieder besser? Es sah aus als hättest du ganz gut geschlafen.“
Kiara sprach mit gesenkter Stimme, sie waren die ersten die wach waren. Die Hand
der Asari lag noch an ihr, weshalb sie vermutete, dass ihre Freundin sie
geweckt hatte. „Mhm, das erste Mal seit zwei Tagen… es tut mir leid dass…“ „Das
muss es nicht, jeder hat das Recht einmal Hilfe zu brauchen“, antwortete Kiara
und fügte schliesslich an „Ich hatte fürchterliche Angst um dich, du musst mir
nachher unbedingt sagen was los war ok?“ Jenni nickte und zog sich zu ihrer
liebsten heran, um dieser noch einen zweiten sanften Kuss zu geben. Kiara liess
sie gewähren, löste sich aber nach dem Kuss von ihrer Freundin und richtete
sich vorsichtig auf. „Ich muss nach oben, wir werden wahrscheinlich gleich
geweckt…“ Die Asari erntete einen ernüchterten Blick aber gleich darauf auch
ein Nicken, sie wussten beide Bescheid dass sie nichts riskieren durften. Nun
wieder alleine konnten beide keinen Schlaf mehr finden, was aber daran lag dass
ihnen keine Zeit dazu geblieben wäre. Nachdem Kiara wieder in ihr eigenes Bett
geklettert war, hatte es noch knapp zwanzig Minuten gedauert bis sie offiziell
geweckt wurden. Es war das allseits bekannte Spiel, sie wurden geweckt, mussten
sich eilig anziehen, auf dem Hauptplatz antreten um anschliessend Frühsport zu
betreiben. Diesmal war aber etwas anders, der schwerfällige Klumpen in ihrem
Bauch, der Groll den sie auf sich selbst hegte, brachte ihre Magensäure zum
Kochen, sie war gereizt und angespannt. Die Vorwürfe an sich selbst zu schwach
gewesen zu sein,wurden lauter. Es war ihre eigene Schuld gewesen, was letzte
Nacht passiert war. Sie war Kiara nichts desto trotz dankbar, wäre sie nicht
dagewesen, hätte sie bis heute Morgen da gesessen. Wenn sie jemand anderes
gefunden hätte, wäre ihre Zeit bei der Allianz bestimmt gelaufen gewesen.
Verärgerung machte sich in ihr breit und ein ungutes Gefühl verriet ihr, dass
der gesamte heutige Tag kaum besser werden würde.
„Los, schneller verdammt“ Schwere Schritte trampelten hinter
ihr, und ein lautes Hämmern aus ihrer Brust belagerte ihre Ohren. Die Strecke
erschien länger als sonst, doch das hielt Jenni nicht davon ab, ihre Leute noch
mehr anzutreiben. Sie waren wie immer gemeinsam mit Erics Trupp gestartet, nach
etwa der Hälfte des Weges brodelte sie innerlich. Die Vorwürfe an sich selbst
gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf, sie musste diese Schwäche überwinden, wenn
sie es schaffen wollte die Anführerin der BDF zu bleiben und dafür gab es nur
einen Weg… ihre eigenen Grenzen zu überschreiten. Erics Männer hatten sie
belächelt, als sie sich schrittweise nach vorne gearbeitet hatte. „Ladys first“
hatte Eric gemeint, als sie ihn eingeholt hatte und hatte ihr den Vortritt
gelassen. Nun war es nicht nur der Ehrgeiz der sie antrieb, sondern auch ihr
Stolz, sie wollte nicht wie ein Idiot aussehen, deshalb musste sie vorne
bleiben. Die Anstrengung forderte ihren Tribut, ihre Seite schmerzte, da sie
nicht richtig geatmet hatte und ihre Lunge schien als nächstes den Geist
aufzugeben. Sie ignorierte die Schmerzen so gut sie konnte und drehte sich
nicht um. Jeder Schritt schmerzte und das Ziel kam nur quälend langsam näher.
„Weiss jemand von euch was mit Jenni los ist? Sie benimmt
sich seltsam.“ „Ich weiss nicht, sie ist heute mitten in der Nacht mit Kiara
ins Zimmer gekommen, ich hab gar nicht mitgekriegt, dass sie mal aufgestanden
war.“ „Dann sollte sie aber eigentlich besser drauf sein wenn sie…“ „Idiot! Es
war nicht das, etwas hatte nicht gestimmt, Kiara hatte vorhin kurz Jennis Decke
geholt, ist aber ohne wieder zurückgekommen… sie wollte mir aber nicht erzählen
was los war.“ „Dann fragen w…“ sofort erstarben die Gespräche unter den am Tisch
sitzenden Soldaten. Sie waren alle in eine eifrige Diskussion vertieft gewesen,
solange die beiden um die sich das Gespräch drehte noch beim Essen holen waren.
Nun war Jenni wieder in Hörweite und Kiara würde gleich folgen. Die Worte hatte
sie nicht verstanden, aber die Blicke sprachen Bände, Neugierde, Unsicherheit
und auch etwas Misstrauen spiegelten sich in den Augen ihrer Kameraden.
Offensichtlich hatten einige bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Das Vertrauen
unter der Einheit durfte nicht zerstört werden, wie sollte sie eine Einheit
anführen die ihr nicht traute? Doch es war nicht der richtige Zeitpunkt ihnen
zu erzählen was geschehen war, nicht solange sie nicht wusste, wie es
weitergehen würde. Sie würde heute noch zu Reeston gehen um zu erfahren, was
nun mit ihr geschehen werde, allerdings musste sie sehr vorsichtig sein, er
könnte eine solche Anfrage falsch verstehen. Mit etwas Geschick könnte sie ihm
eine Antwort beim Taktiktraining am Abend entlocken, ohne dass es ihm bewusst
würde. Sie schob ihren Groll zurück und setzte ein Lächeln auf. „Hab ich was im
Gesicht das ihr mich alle so anstarrt?“ meinte sie neckisch. „Nein…“ erhielt
sie von Arsilia sofort als Antwort „du hast dich heute nur irgendwie seltsam
verhalten und wir haben uns gefragt weshalb.“ Die Asari war wie gewohnt offen
und direkt, was Jenni sehr an ihr schätzte. Wann immer sie eine ehrliche
Meinung wollte, konnte sie Arsilia fragen. „Tut mir leid, ich bin nur etwas
verärgert.“ „Weshalb?“ kam es unweigerlich von einem ihrer Kameraden, wahrscheinlich
befürchteten sie, dass es ihre Schuld sein könnte. „Ok, ich fang mal vorne an.
Wie mittlerweile sicherlich allen bekannt ist, wurde ich im Zuge unseres ersten
Einsatzes in einen Zweikampf verwickelt… den ich nur mit knapper Not gewonnen
habe… weil ich zu schwach war. So simpel ist die Erklärung, wäre ich stärker,
schneller oder agiler gewesen hätte ich den Kampf mit Leichtigkeit für mich
entscheiden können. Doch anstatt dass sie uns trainieren lassen damit wir uns
verbessern können, müssen wir den ganzen Tag ´rumsitzen und irgendwelche
Gespräche mit Psychoheinis führen, das ist frustrierend.“ Alle schwiegen für
einen Moment, die Blicke ihrer Kameraden hafteten immer noch auf ihr. „Ach, du
wirst noch genug Zeit haben uns zu Grunde zu richten… zumindest wenn du so
weiter machst wie heute Morgen“ scherzte Joshua grinsend. „Wenn du deine
Grenzen erweitern willst, musst du sie zwangsläufig überschreiben, wenn ich
euch nicht ein wenig scheuche spaziert ihr ja bloss“ erhielt er provokant als
Antwort. „Na wenigstens brauchst du nicht mehr länger zu warten, heute “darfst“
du ja wieder trainieren… vielleicht sogar gleich mit deiner
Lieblingsausbilderin.“ Alex erhielt einen bösen Blick als Antwort auf seinen
Spruch. Tirana war immer noch ein Dorn der Jenni bei jeder Berührung stach,
doch wenn sie sich verbessern wollte gab es nur diesen steilen, dornigen Pfad.
Der Himmel war verhangen von schleierhaften Wolkenfetzen,
die über ihnen zu schweben schienen. Es herrschte kaum Wind, die Fahne in der
Ecke des Trainingsplatzes hing schlaff herab. Ohne das Rauschen des Grases und
der Blätter in den Baumkronen war der Gesang der frühen Vögel und die Stimmen
der Ausbilder weit zu hören. Die BDF war diesmal nicht nach den drei
Untergruppierungen aufgeteilt worden, sondern frei gemischt. Jeder hatte eigene
Stärken und Schwächen was auch ein individuelles Training erforderte. Die erste
Mission hatte vielen diese Schwächen aufgezeigt, die Motivation selbige
auszumerzen war gross, in Anbetracht dessen, dass dies über Leben und Tod
entscheiden konnte. Tirana war gerade dabei gewesen sich aufzuwärmen, als sie
im Augenwinkel jemanden auf sich zutreten sah. Die junge Frau sah sie grimmig
an, ihre feurigen, roten Haare hatte sie hinter dem Kopf zusammengebunden und
trat mit festen Schritten auf sie zu. Es verwunderte die Asari, dass die
Soldatin gerade zu ihr kam, obwohl noch andere Ausbilder frei waren, trotz all
der Schikanen ihrerseits. „Parker was machen Sie den hier?“ „Trainieren“
antwortete sie kalt auf die Provokation der Asari. Es erstaunte Tirana, dass
diese junge Frau sich bereits so weit entwickelt hatte. Seit Beginn des
Projektes hatte es anscheinend nichts gegeben, das sie von ihrem Weg abgebracht
hatte und war er auch noch so schmerzhaft gewesen. Anscheinend stimmte es doch
was man sich über die Menschen erzählte. Dadurch, dass sie im Verhältnis zu
ihrer Spezies sehr kurzlebig waren, verfolgten Menschen ihre Ziele mit schier
unglaublicher Zielstrebigkeit. „Und was wollen wir trainieren?“ fragte sie
spöttisch. Anstatt einer Antwort setzte ihr Gegenüber den Helm auf und ging in
Kampfhaltung. Etwas liess sie bedrohlich wirken, sie sah nicht so stämmig aus
wie in der Kampfrüstung und Tirana wusste, dass sie ihr in einem fairen Kampf
überlegen war, aber etwas liess sie innerlich erschaudern. Es war der Blick,
den die Anführerin der BDF ihr zugeworfen hatte. Kalt und emotionslos, was aus
ihr sprach war weder Stolz noch Wut, sondern der unbeugsame Wille stark genug
zu werden um jedes Hindernis zu überwinden. Mit einem schiefen Grinsen hob die
Asari ebenfalls die Hände vor den Körper um so zu signalisieren, dass sie
bereit war. Ihre Kontrahentin liess sich dann auch nicht lange bitten, sie ging
auf sie zu und griff sofort an. Erschrocken über die Art der bisher immer
zurückhaltenden Soldatin, musste die Ausbilderin erstmal einen Schritt
zurückweichen. Zuvor hatte sie Jenni immer provozieren müssen, damit sie aus
sich herauskam, doch etwas hatte sich verändert. Die Schläge und Tritte kamen
mit voller Kraft und ohne Rücksicht. Schnell hatte sie sich darauf eingestellt
und ging ebenfalls ohne Zurückhaltung an die junge Soldatin heran. Die Welt um
sie herum begann zu verblassen, das einzige was noch blieb, war der Boden unter
ihren Füssen und die Andere die darauf stand. Die Kämpfe waren schnell und
schonungslos. Beide mussten Treffer einstecken, die Barrieren flackerten auf
und wurden erschüttert, ehe sie sich wieder aufluden um vor weiteren Treffern
zu schützen.
„Wo willst du hin? Ich habe dich schon gesucht.“ „Ich schau
nur mal schnell nach den Neulingen, will nur wissen ob alle wieder beim
Training sind.“ Eric war gerade vom Schiessstand unterwegs zum nächstgelegenen
Trainingsplatz. Einer seiner Kameraden hatte ihn gerade eingeholt. „Ok… wieso
das denn?“ „Naja, sie sind noch nicht wirklich lange dabei, das Projekt
betrifft ja nicht nur die Allianz, sondern alle Ratsvölker. Wenn möglich
sollten wir versuchen sie zu unterstützen, die Menschheit kann etwas gute
Publicity durchaus gebrauchen.“ „Stimmt, aber deshalb das eigene Training vernachlässigen
wär auch nicht gut.“ „Ganz ruhig, ich will nur schnell vorbeischauen, du wirst
schon nicht zum Kindermädchen degradiert… wobei du mir nicht sagen kannst, dass
du abgeneigt wärst etwas mehr Zeit den Soldatinnen der BDF zu verbringen…“
„Ähm… touché“ antwortete Erics Kamerad grinsend. Nach dem sie ein paar Minuten
gegangen waren tauchte vor ihnen das Trainingsgelände auf. Es war kurz vor
Mittag, Eric hoffte die Gruppe noch zu erreichen, bevor diese zum Stützpunkt
aufbrachen. Auf dem gesamten Trainingsplatz waren aber nur noch zwei Personen
zu sehen die gegeneinander kämpften. Um genaueres zu erkennen waren sie aber
noch zu weit entfernt. „Du bist wohl schon etwas zu spät dran, das können wir
uns eigentlich schenken.“ „Ich geh trotzdem schnell hin, eines von beiden muss
fast jemand von der BDF sein, dann kann ich einfach fragen, ob es alle
geschafft haben“ warf Eric ein. Die beiden Männer trennten sich, und gingen in
unterschiedliche Richtungen davon. „Aber beeil dich, sonst fällt dein
Mittagessen flach!“ Eric war noch etwa zweihundert Meter von den beiden
Kämpfenden entfernt, als er plötzlich stockte. „Das sieht aber nicht wie
harmloses Training aus!“ rief ihm eine Stimme in seinem Kopf zu. Die beiden
Soldaten bewegten sich schnell, ihre Auseinandersetzung sah wesentlich brutaler
aus als ein Trainingskampf aussehen sollte. Mit Schrecken wurde Eric bewusst,
um wen es sich handelte. „Scheisse, ich muss da dazwischen gehen!“ warnte ihn
sein Verstand. Eilig trat er auf die Beiden zu, mittlerweile waren auch die
Kampfgeräusche zu hören. Ihm graute beim Gedanken an die letzte
Auseinandersetzung die Jenni mit einer ihrer Ausbilderinnen gehabt hatte. Die
Mund-zu-Mund Propaganda auf dem Stützpunkt hatte gut funktioniert, er hatte von
einem der menschlichen Ausbilder erfahren, dass sie einer Asari arg zugesetzt
hatte, nachdem diese ihr einen Zahn ausgeschlagen habe. Seine Schritte wurden
schneller und die Szene vor ihm immer deutlicher. Die Beiden Frauen vor ihm
waren in ihre heftige Auseinandersetzung so vertieft, dass sie ihn gar nicht
bemerkten. Die Asari schickte ihre Kontrahentin mit einem gekonterten Schlag zu
Boden, diese erhob sich einen Moment später aber wieder, hielt sich kurz die
Stelle an ihrer Seite die den Schlag der Ausbilderin abbekommen hatte und ging
dann wieder in Kampfhaltung, um erneut anzugreifen. Mittlerweile gab es auch
keine Zweifel mehr über die Identität der beiden. Die Asari war Tirana, die
Leiterin des Kommandotrupps der dem Projekt zugeteilt war. Und die Andere war
Jenni, sie war die einzige auf dem Stützpunkt die sich von allen anderen
deutlich abhob. Ihre roten Haare stachen ins Auge, wie eine blühende Rose in
einem Geröllfeld. Der Helm der Rothaarigen lag einige Meter entfernt auf dem
Boden, wieso sie ihn nicht trug war Eric nicht klar. Als er nur noch wenige
Schritte entfernt war, gelang es Jenni mit einem Tritt ihre Ausbilderin nach
hinten umzustossen. Sie wollte sofort nachsetzen, wurde aber unterbrochen.
„Langsam, langsam, ihr solltet hier trainieren und euch nicht umbringen“ meinte
Eric mit beschwichtigender Geste. Aus ihrer Konzentration gerissen, bemerkten
die beiden Frauen erst, dass sie einen Zuschauer hatten. Ihr Kampf war etwas
ausser Kontrolle geraten, anfangs hatten sie zwar aggressiv aber noch
kontrolliert gegeneinander gekämpft, mit der Zeit waren ihre Kämpfe aber immer
rücksichtsloser geworden, sodass sie am Ende mit voller Gewalt aufeinander
eingedroschen hatten. Wäre bei einer von beiden die Barriere ausgefallen hätte
ein solcher Schlag üble Verletzungen verursachen können. Auch die Zeit war in
den Hintergrund gerückt. Die anderen Ausbilderinnen hatten gemeldet, dass es
Mittag sei, aber von den beiden hatte keine den Kampf beenden wollen, der Stolz
war in dem Moment stärker gewesen, als der Hunger. Tirana lächelte, ihr Atem
ging schnell und sie sah immer wieder zu Jenni, der es genau gleich ging. „Es
ist nett, dass Sie sich Sorgen machen, aber das ist nicht nötig, es ist alles
in Ordnung, wir waren nur etwas ins Training vertieft“ antwortete sie so ruhig
wie es ihr Körper zuliess. „Das sah aber ziemlich brutal aus, um nur Training
zu sein“ gab er nachdenklich zu bedenken. „Training bringt nur dann etwas, wenn
es dich fordert, was bringt also ein Kampf bei dem es dank der Barriere keine
Rolle spielt, ob ich getroffen werde oder nicht?“ warf die Rothaarige ein. Jenni hatte sich bis her auf ihren Beinen
abgestützt, da sie ausser Atem war, sie trainierten schon den ganzen Morgen und
die Pausen die sie sich gegönnt hatten, waren nur kurz gewesen. „Na dann bin
ich erleichtert“ seine Stimme klang immer noch skeptisch, was Tirana als
Aufforderung sah. „Keine Angst, ich tu ihr schon nicht weh, zumindest nicht
mehr als notwendig“ giftete die Asari mit fiesem Grinsen. Um die Situation am
eskalieren zu hindern schritt Eric sofort ein „Dann würde ich vorschlagen, dass
wir alle erst mal essen gehen, bevor die anderen uns nichts mehr übrig
lassen...“ er wandte sich Jenni zu, die ihre Ausbilderin zornig an funkelte.
„Was ich dich eigentlich fragen wollte, haben alle deine Leute die Nachwirkungen
eures Einsatzes überstanden?“ Er deutete ihr an mit ihm zu kommen, die beiden
Biotikerinnen jetzt alleine zu lassen wäre wahrscheinlich kein gute Idee.
Kiaras Gedanken kreisten um ihre Liebste, sie hatte sich
beim Mittagessen wieder seltsam verhalten. Anders als sonst hatte sie kaum
gesprochen, sie war angespannt gewesen und schien es äusserst eilig zu haben.
Kaum in der Kantine angekommen, hatte sie sich auch schon ihr Essen geschnappt
und daran gemacht alles herunter zu schlingen. Sofort nach Beendigung des Mahls
war sie wieder aufgestanden und gegangen. Dazwischen hatte sie kaum gesprochen.
Kiara hatte ihr jedes Detail über den Morgen aus der Nase ziehen müssen. Es
machte ihr Sorgen, dass sie so schweigsam geworden war. Wenn sie etwas gefragt
worden war, hatte sie Antwort gegeben, war höflich gewesen und hatte Kiaras
Nähe gesucht doch etwas stimmte nicht. Mit den Sorgen schlichen sich auch
Ängste ein, Ängste Jenni zu verlieren. Sie warteten alle auf ihre Ausbilderin
und hatten von daher Zeit sich Gedanken über solche Dinge zu machen. Gesprochen
wurde im Moment nicht viel, sie hatten auf dem Weg hierher geredet und nun
bereiteten sich alle auf das Training vor. Ihre Ausbilderin hatte nämlich die
unangenehme Eigenschaft immer aus dem Nichts aufzutauchen und sie urplötzlich
in Situationen zu bringen die volle Konzentration erforderten. Nacira konnte
sich praktisch geräuschlos bewegen, sie nutzte das Terrain hervorragend aus und
wusste mit ihrer Tarnung umzugehen. Kiaras Blick wanderte von ihren Kameradinnen
zu den Baumkronen. Diesmal trainierten sie nicht auf dem Kiesplatz, den sie
normalerweise nutzten, sondern auf einem Patz im Wald. Die kleine Lichtung war
künstlich geschaffen worden, einige abgesägte Baumstümpfe die den Soldaten nun
als Sitzgelegenheit dienten zeugten noch davon. Die Blätter über ihren Köpfen
hingen einfach nur schlaff da, als warteten sie auf einen Grund sich zu
bewegen, doch ohne Wind würden sie keinen solchen finden. In ihrem Kopf hatte
sich gerade der Gedanke aufzustehen gefestigt, als sie plötzlich an der linken
Schulter gepackt und nach hinten gezogen wurde. Ihr Versuch sich abzustützen
war sinnlos, da es nie zu Naciras Plan gehört hatte sie zu Boden fallen zu
lassen. Die Ausbilderin war von hinten an sie herangetreten und hielt sie an
der einen Schulter fest, während ihr Schwert vor dem Hals der Asari in Position
lag. „Du musst aufmerksamer sein…. Ihr alle müsst besser aufpassen was um euch
herum geschieht, ich musste mich noch nicht einmal anstrengen um mich
anschleichen zu können.“ Kiaras Herz raste und sie musste erst einmal leer
schlucken, ehe sie ein Wort herausbekam. „Wir wussten auch nicht, dass wir mit
einem Hinterhalt rechnen müssen“ warf die Asari erschrocken ein. „Das wird euch
der Feind auch nie erzählen“ erwiderte Nacira streng. Die anderen waren sofort
aufgesprungen, als sie die vermeindliche Angreiferin entdeckt hatten. „Stellt
euch auf, ich will mal eure Treffgenauigkeit prüfen….“ „Schon wieder? Das haben
wir doch erst gestern geübt, wäre es nicht sinnvoller heute etwas anderes zu
üben?“ Die Frage stammte von Nerina, deren Stimme freundlich und erstaunt
klang. „Euer Schwert nützt euch nichts, wenn ihr damit nicht dahin trefft wo
ihr wollt. Wir trainieren heute noch einmal, weil das was ihr gestern gezeigt
habt noch unzureichend war.“ Diese Aussage hatte gesessen, die jungen Soldaten
hatte alle ihr Bestes gegeben und nun erfuhren sie, dass all ihre Bemühungen
“unzureichend“ waren. Um sich warmzumachen begannen sie wie immer mit einigen
Übungen. Nach ein paar Minuten, die sie schweigend verbracht hatten meldete
sich schliesslich Thomas. „Ma`am, darf ich fragen wo sie ausgebildet worden
sind?“ Nacira die ganz in ihren Aufwärmübungen vertieft gewesen war horchte
auf, als sie die förmliche Ansprache hörte. Ohne ihre langsamen und präzisen
Bewegungen zu unterbrechen, begann sie etwas zögerlich zu sprechen. „Ich wüsste
kein Wort, das diesen Ort passend beschreibt, aber ich glaube Internat trifft
es am besten. Ich habe einige Jahre dort gelebt und trainiert.“ Der junge Mann
nickte kurz und nach einigen Sekunden des Zögerns stellte er schliesslich die
Frage, die allen schon lange im Kopf umherspukt. „Wer hat sie denn da
trainiert?“ Ruckartig hielt die Ausbilderin inne, nach einem Augenblick
richtete sie sich auf und trat langsam auf den jungen Mann zu. Das Knirschen,
das der Kies normalerweise unter ihren Schritten verursachte fehlte hier auf
dem weichen Waldboden, was einem das Gefühl vermittelte ihre Füsse würden den
Boden gar nicht berühren, da sie sich komplett geräuschlos bewegte. Die
zierliche Frau wirkte an sich nicht bedrohlich, doch Kiara konnte erkennen das
Thomas sich verkrampfte. Unter dem Helm den sie immer zu tragen schien war kein
Gesicht zu erkennen, was es unmöglich machte irgendwelche Emotionen abzulesen.
Nacira hatte sowieso immer sehr emotionslos geklungen, wahrscheinlich hätten
sie ihr sowieso nicht angesehen ob sie wütend war. Die Gestalt der Ausbilderin
bewegte sich langsam auf ihn zu, sie war kleiner und zierlicher als er doch sie
verströmte eine Aura der Kälte. Normalerweise, beim Training war ihm das nie so
vorgekommen doch nun jagte ein Schauer über seinen Rücken. Etwa einen halben
Meter vor ihm blieb sie stehen und sah ihn an. „Wieso fragst du das?“ wollte
sie wissen. Aus einem ihm unbekannten Grund setzte Thomas seinen Helm ab,
wahrscheinlich weil er hoffte, dass sie es ihm gleichtun würde. Der junge
Soldat sah sich nicht in der Lage sich ihrer eindringlichen Stimme zu
widersetzten und antwortete deshalb ehrlich. „Naja, ich, das heisst wir wissen kaum
etwas über sie Ma`am. Sie haben sehr viel Erfahrung im Umgang mit
Cerberussoldaten und ihre Ausrüstung entspricht ziemlich genau der eines
“Phantoms“, wenn das stimmt was ich gehört habe. Diese Dinge liessen in uns
allen die Frage aufkommen wer sie denn ausgebildet hat?“ Ein Lächeln umspielte
ihren, durch den Helm vor allen Blicken verborgenen, Mund. „Würde es denn einen
Unterschied machen, wenn das der Fall wäre, was ihr befürchtet? Würdet ihr mich
mit anderen Augen sehen?“ die beiden Fragen waren an alle gerichtet, doch es
fand niemand den Mut zu antworten. Wie in Zeitlupe wanderte die Rechte Hand der
Ausbilderin hoch zu ihrer Schulter, hinter der sich das Heft ihres
todbringenden Schwertes befand. Die Pupillen des jungen Mannes weiteten sich
vor Schreck, wollte sie ihn etwa…? Die anderen Biotiker verkrampften sich
ebenfalls, aus Reflex griffen einige nach ihren Schwertern. „Wieso fürchtet ihr
euch? Bisher hätte ich tausend Gelegenheiten gehabt euch zu töten, wieso sollte
ich sie ausgerechnet jetzt ergreifen, wenn meine Chancen so schlecht stehen?“
Ihre Hand wanderte an ihrem Schwert vorbei hinter ihren Kopf und ein leises
klicken war zu hören. Nun legte sie auch die zweite Hand an ihren Helm, um
selbigen abzusetzen. Thomas hatte etwas sagen wollen, aber sein Mund stand
offen, ohne dass etwas herauskam. Sie hatten das Gesicht ihrer Ausbilderin noch
nie gesehen, doch das würde sich gleich ändern. Kiara wusste nicht was sie
erwartet hatte, aber sie war erleichtert und erschrocken zugleich, als Nacria
ihren Helm absetzte und neben sich auf einen der Baumstümpfe legte. Ihr Gesicht
konnte sie im ersten Moment nicht erkennen, da die Ausbilderin von ihr
abgewandt stand aber dafür das Tattoo auf ihrem Hinterkopf. Unter den kurz
geschorenen Haaren war ein vom Hinterkopf bis in den Nacken reichendes Tattoo
zu sehen, das Symbol von Cerberus. In den Ohren der Frau stecken kleine
Apparaturen von denen aus bläulich schimmernde und schwach pulsierende Linien
unter ihrer Haut verliefen. Die meisten davon verschwanden irgendwo unter der
Kopfhaut oder liefen über den Hals nach unten wo sie von der Rüstung verborgen
wurden. Thomas starrte sie überrumpelt an, sein Mund stand noch immer offen.
„Und das ist der Grund weshalb ich mich meinen Schülern normalerweise nicht
zeige, es schmeichelt nicht gerade dem Selbstwertgefühl, wenn man wie eine
Aussätzige angestarrt wird.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um, damit sie
die Reaktion der anderen Soldaten sehen konnte. Diese musterten sie ebenfalls
interessiert, sie hatten aber bereits etwas Zeit gehabt sich an ihren Anblick
zu gewöhnen. Etwas erschrak Kiara trotzdem, da wo normalerweise die Augen lagen
liefen einige der Bläulichen Linien zusammen und vereinten sich in den
bionischen Augen der Ausbilderin. Diese sahen annähernd menschlich aus, aber an
der Stelle an der normalerweise die Iris sass, war das selbe bläuliche Leuchten
zu sehen wie in den Linien über ihren Körper verliefen, jedoch deutlich heller.
Thomas, der sich fürchterlich für seine schockierte Reaktion schämte, wäre am liebsten
im Boden versunken, was hatte er auch seinen blöden Helm ausziehen müssen.
Sofort verspürte er den Drang sein idiotisches Handeln zu erklären. „Es tut mir
leid, ich habe Sie nicht anstarren wollen… hat Cerberus ihnen das angetan?“
„Angetan? Nein, das war grösstenteils ich selbst… aber um ihre Frage zu
beantworten, ja diese Implantate sind von Cerberus, aber ich schätze ich muss
etwas weiter zurück anfangen.“ Sie stellte sich bequem hin und signalisierte
den Soldaten näher zu treten. „Ich habe euch ja bereits gesagt, dass ich in
einer Art Internat gelebt habe… man möchte jetzt vermuten, dass meine Eltern
arm oder herzlos gewesen sein mussten, um mich einfach so wegzuschicken aber
dem war nicht so. Sie waren äusserst gut betucht gewesen, uns hatte es nie an
etwas gemangelt. Aber meine Eltern...rassistisch wäre noch ein zu milder
Ausdruck um sie zu beschreiben. Sie stammten beide von einer seit Generationen
auf der Erde lebenden Blutlinie ab. Sie hatte von Anfang an grosse Vorurteile
gegenüber anderen Spezies gehabt und immer nur das Schlechte in ihnen gesehen.
Dementsprechend bin ich auch erzogen worden. Seit Cerberus bekannt geworden war
hat mein Vater die Organisation tatkräftig unterstützt. Ich war damals noch
sehr jung gewesen und habe nicht viel von dem verstanden was sie geredet
hatten, aber wann immer wir Besuch empfangen hatten war mein Vater damit
beschäftigt gewesen unseren Gästen die Vorteile und die erstrebenswerten Ziele
von Cerberus nahezulegen. Dementsprechend war es auch sein grösster Wunsch,
dass seine kleine Tochter einmal den selben Pfad einschlagen würde wie er. Als
ich ungefähr zehn war, hat er erfahren dass Cerberus Leute sucht. Sie wollten
das “Phantom Programm“ starten und brauchten dafür Rekruten. Daddys kleine
Prinzessin…“ Sie sprach die Worte wehmütig, es war deutlich zu spüren, dass sie
die Erinnerungen aus jener Zeit schmerzten. „wollte damals natürlich, dass ihr
Vater stolz auf sie war, weshalb ich zusagte als er mich dahin schicken wollte.
Er hatte mir gesagt, dass es mir bestimmt gefallen würde und ich war naiv genug
gewesen ihm zu glauben. Als sie mich dort hingebracht haben habe ich geweint,
aber so, dass sie es nicht sehen konnten, als kleines Mädchen waren meine
Eltern das einzige was ich hatte. Die Realität traf mich hart, das Training
erwies sich als erbarmungslos und grausam. Wir wurden in Zwölferzimmer
gesteckt, im Alter alle um die zehn bis zwölf Jahre. Das war meine neue
Familie, elf total fremde Mädchen, die ich noch nie gesehen hatte. Da wir vor
und nach dem Training praktisch unbeaufsichtigt waren und einfach in dem
Gebäude eingeschlossen wurden, bildete sich schnell eine eigene Hierarchie und
eine brutale Gewaltenteilung. Erst waren wir nur zimmer weise als Gruppen
organisiert gewesen, doch nach und nach bildeten sich Banden, Clans und damit
auch Konflikte. Es war ein Teufelskreis, je brutaler die Kämpfe untereinander
wurden, desto brutaler behandelten uns die Ausbilder. Prügelstrafen,
Erniedrigungen und Drill waren Standard.“ Mit einem Blick auf den Boden
schüttelte sie den Kopf leicht und ein ungläubiges Lächeln huschte über ihre
Lippen. „Sie haben manche von uns draussen im Dreck schlafen lassen, uns nackt
um das Gebäude getrieben oder uns an einen Zaun gefesselt. Ich weiss nicht, ob
meine Eltern wussten was dort mit uns getan wurde, aber anscheinend war es
ihnen egal gewesen, solange es dem Wohle der Menschheit diente. Mit zunehmendem
alter wurden auch unsere Methoden schlimmer. Die starken Clans terrorisierten
die schwachen, Gewalt war bereits normal und sogar sexuelle Übergriffe kamen
auch langsam auf, auch die Wärter begannen uns anders anzusehen.
Glücklicherweise gehörte ich zu einer der stärkeren Gruppen. Ich habe lange
gedacht, dass die Anarchie planlos gelaufen sei, aber mir wurde später klar,
dass sie alles genau geplant hatten. Wir waren untereinander
zusammengeschweisst worden, hatten uns gegenseitig bekämpft und gelernt auf uns
selbst aufzupassen, es war keine erzwungene Endwicklung gewesen, sondern eine
aus eigenem Willen. Beim Training waren wir alle gleich, aber am Abend gab es
keinen mehr, der uns alle geschunden hat und so nahmen die Ereignisse ihren
Lauf. An dem Punkt brauchten sie nur noch etwas, das unsere Rivalitäten
untereinander zweitrangig werden liess. Dazu trennten sie unsere Gruppen auf,
isolierten uns von unseren Freunden und mischten die Gruppen untereinander. Die
Wachen wurden unsere gemeinsamen Feinde, denn sie traten uns von nun an mit
Füssen. Wir konnten nur überleben, wenn wir zusammenarbeiteten, auch unter den
Gruppen. Im Laufe der Jahre wurde unsere Fähigkeiten immer besser und schon
bald fürchteten wir uns nicht mehr vor den Wachen. Sie trauten sich nicht mehr
eine von uns anzugreifen oder zu vergewaltigen, da sie wussten, dass wir
untereinander jedem zu Hilfe kommen würden. Wir waren bereits drauf und dran
gewesen eine Revolte anzuzetteln, als ein Mann aufgetaucht war. Er war uns als
der “Unbekannte“ vorgestellt worden und war anscheinend der Boss von Cerberus.
Er liess uns verlegen, auf einen neuen, grösseren Stützpunkt an dem wir nun
professionell trainiert wurden, ohne Gewaltstrafen, ohne Erniedrigungen und es
gab sogar saubere Kleider und Uniformen. All diese “Geschenke“ hatten ihm
unsere Sympathie eingebracht, ein kalt kalkulierter Schachzug seinerseits. Wir
wurden mit Rüstungen, Schwertern und Biotikimplantaten ausgerüstet. Bis dahin
haben wir kaum etwas gewusst über Biotiken. Nach und nach kamen immer mehr
Implantate und “Verbesserungen“ hinzu und irgendwann begannen wir uns Fragen zu
stellen. Jedes weitere Implantat machte uns leistungsfähiger, aber schleichend
kam auch eine Art der Willenlosigkeit hinzu. Viele waren von der Vorstellung
immer mächtiger zu werden gefesselt, aber einige waren skeptisch. Als ich
achtzehn war zählten wir bereits zu den besten Soldaten von Cerberus. Mittlerweile
wurden wir respektiert und gefürchtet, denn ein Geschlagener Hund wird sich
immer an die Schmerzen erinnern die er durchmachen musste. Viele haben sich auf
die gleiche Weise revanchiert. Bevor ich aber zu weit abschweife… ich bin
abgehauen. Eigentlich hatte ich nie gewollt, dass man mir irgendwelche Geräte
in den Körper pflanzt, aber eine Flucht musste gut geplant sein, Vertrauen
konnte man niemandem, der Drill wog noch schwerer als die Kameradschaft und aus
der “Schwesternschaft“, wie die anderen Soldaten es nannten, konnte man nicht
einfach so austreten. Wenn die Vorgesetzten einen nicht getötet hätten, so
wahrscheinlich die Kameradinnen. Als mir die Flucht schliesslich gelang, hatte
ich das hier bereits alles in mir drin.“ Die jungen Soldaten hatten gebannt an
ihren Lippen gehangen und schienen nun ziemlich schockiert. Kiara war Nacira
immer kalt und emotionslos erschienen, doch gerade jetzt schien sie diese kalte
Art verloren zu haben, zumindest für einen Moment. Noch ehe jemand etwas zu ihrer
Erzählung hätte sagen können, griff sie nach ihrem Helm, setzte ihn wieder auf
und rief mit strenger Stimme. „Genug geredet jetzt, die Zeit wir euch vom
Mittag abgezogen, wir sind jetzt hier um zu trainieren also los!“
Also das wars auch schon wieder. Ich hoffe es hat euch gefallen. Falls nicht lasst doch nen Komentar hier, falls schon ein Lob tut niemandem weh:D
Aber ich wills nicht mehr in die Länge ziehen als nötig, ich wünsche noch eine schöne Woche