habe erst vor ein paar Tagen Mass Effect 3 durchgespielt und war doch sehr überrascht, wie stark meine emotionale Reaktion ausfiel. Würde mich mal interessieren, ob es manchen von euch ähnlich ging. Ich habe mal ein (etwas langes - sorry) "essay" dazu geschrieben.
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Als ich angefangen habe Mass Effect 3 zu spielen, war mir nicht klar, was mich emotional erwarten würde. Fast jeder hat schon mal bei einem Film geweint oder war traurig als eine langjährige Serie zu Ende ging. Diese Gefühle halten aber meist nur den Moment oder einen Tag, außer man ist Riesenfan eines Formats und hat daher auch emotionale Bindungen an eine 'community' oder Ähnliches.
Außerdem hatten mich Computerspiele bisher noch nicht allzu stark berührt, was daran liegt, dass eher selten gute Geschichten mit vielschichtigen Charakteren geboten werden. Und selbst dann ist ein sehr wichtiger Punkt die Inszenierung und wie interaktiv man in die Geschichte und Charaktere eingebunden ist.
Dies ist bei Mass Effect recht gut gelöst durch die Entscheidungen, die man treffen darf und die man in die nächsten Teile mitnimmt. Alleine deshalb habe ich den zweiten Teil nochmal komplett durchgespielt, um dann meine Entscheidungen in den dritten Teil importieren zu können.
Schon der Beginn war eine helle Freude. Endlich zurück! Die kommenden Wochen habe ich mich immer richtig gefreut weiterspielen zu können. Und das nicht nur, weil es Spaß gemacht hat und eine interessante Geschichte gab, sondern vor allem wegen der Charaktere. Nach jeder Mission bin ich dementsprechend alle Stationen der Normandy abgelaufen, um bei jedem zu schauen, ob er was zur letzten Mission zu sagen hat oder ob es gar einen kurzen Dialog gibt.
Da ich vorher ja nochmal den zweiten Teil gespielt hatte, haben Mass Effect 3 und seine Charaktere mich also über längere Zeit “begleitet”. Nach der Hälfte des dritten Teils wurde mir dann auch noch eine Story-Möglichkeit bewusst, die mich dazu veranlasste den dritten Teil nochmal von vorne zu beginnen. Insgesamt kam so eine ganz schön lange Zeitspanne zusammen (6 Monate).
Das hat emotional natürlich mehr Einfluss als ein 3-stündiger Film. Zu diesem Zeitpunkt war mir das allerdings noch nicht bewusst. Obwohl mein Neustart des dritten Teils eigentlich bereits verräterisch war.
Ich hatte nämlich zuerst als männlicher Shephard mit Steve Cortez (der Shuttle-Pilot) angebandelt und mir wurde zu spät klar, dass Kaidan (den ich damals im ersten Teil “verschont” hatte) ebenfalls “verfügbar” gewesen wäre. Die sehr plumpe und etwas unrealistisch schnelle Inszenierung der Steve-Shephard-Beziehung tat ihr Übriges um mich schnell entscheiden zu lassen, dass ich Kaidan unmöglich nicht “wählen” konnte nach all der Vorgeschichte. Schon diese Reaktion zeigt sehr deutlich wie stark ich mich bereits an die Charaktere gebunden fühlte. Die Vorgeschichte und das “gemeinsam” Erlebte hatte seine emotionalen Spuren hinterlassen – ganz unabhängig davon, ob es fiktive Dinge und Geschehnisse waren.
Wohl ähnlich wie wenn man sein eigentlich totes Kuscheltier niemals weggeben will und an Gegenständen hängt, denen man einen immateriellen Wert zuschreibt, oft weil es eine Geschichte dazu gibt.
Die ganze Interaktivität eines Computerspiels und hier vor allem die gewisse Interaktion mit den Charakteren, wenn auch in engem Rahmen, zieht viel mehr in eine fiktive Welt und in eine Geschichte, als bei anderen Medien.
Dies sollte ich noch deutlicher spüren, sobald das Spiel dem Ende zuging. Aus Neugier habe ich beide Stränge parallel weitergespielt um auch mal andere Entscheidungen auszuprobieren (ohne laden & speichern Aktionen). Dabei habe ich das große Finale dann zuerst in meiner Steve Cortez Variante gespielt. Und dabei wurde mir Stück für Stück langsam bewusst, dass meine Zeit mit Mass Effect und seinen Charakteren nun zu Ende ging. Der letzte große Kampf, die letzten Entscheidungen in der 'Citadel': Hilfe! Das Spiel ist gleich zu Ende! Wie schrecklich!
Ein mulmiges Gefühl stieg auf. Das eher komische und vor allem traurige Ende trug entsprechend dazu bei, dass ich 'down' war. Der Testlauf des Spielendes war durch, nun würde ich mich bei meinem anderen Erzählstrang definitiv entscheiden müssen, wie ich das Spiel beende. Welches Ende (von drei suboptimalen, bzw. eigentlich schrecklichen Enden) sollte ich für die Kaidan-Variante wählen? Was für eine schwierige Entscheidung !
Ich hatte im ersten Durchlauf die Reaper zerstört und damit EDI und die Geth ausgelöscht. Dass ich am Schluss-Schluss ein mystisches Lebenszeichen von Shephard sehen durfte (Sonder-Ende bei Reaper-Zerstörung), war da nicht wirklich Trost.
Aber nicht nur wegen Shephards Tod war ich traurig – nein – sondern auch generell, weil klar war, dass ich so nie wieder zu diesen Charakteren zurückkehren könnte. Die Geschichte würde für immer aufhören, keine weiteren neuen Erlebnisse mit den liebgewonnenen „Kameraden“.
Diese Traurigkeit fühlte sich stark nach Abschied an, ja fast ein bisschen wie echte Trauer, wenn jemand stirbt. Zugleich fasziniert und erschrocken über diese Gefühle brauchte ich die folgende Nacht eine Stunde länger um einzuschlafen. So viele Gedanken in meinem Kopf. Welches Ende wählen? Und diese traurigen Gefühle des Abschieds. Morgen würde ich das letzte Mal mit diesen Charakteren “in die Schlacht ziehen” - das allerletzte Mal - für immer.
Am nächsten Tag war klar: Über meine emotionale Bindung an fiktive, virtuelle Charaktere konnte ich mich die kommenden Tage noch wundern – jetzt wurde einfach erstmal so gehandelt wie ich es fühlte. Also: Kaidan musste natürlich mit in die letzten beiden Kämpfe – er sollte bis zum Schluss dabei sein, bevor Shephard und ich dann auch ihn zurücklassen mussten.
Hut ab an Bioware: Diese Szene und den Gesichtsausdruck beim Abschied an der Rampe der Normandy (kurz bevor Shephard alleine zum 'beam' rennt) werde ich nie vergessen. Beide Varianten! Ich hatte zuerst die Freundschaftsvariante mit James – ebenfalls herzzerreißend.
Und dann die finale Entscheidung. Ich konnte unmöglich EDI opfern, nach allem was sie an „Menschlichkeit“ gelernt hatte und was sie an Loyalität geleistet hatte. Genauso wenig die Geth, die nun im Frieden mit den Quarians lebten. Ich konnte unmöglich Legions Tod umsonst gewesen sein lassen (btw: ein Charakter, den ich auch total gerne mochte – Tränen bei seinem Opfer inklusive).
Also würde ich Shephard opfern und in die Mitte springen lassen (synthesis – grün).
Puhhh, also der noch viel endgültigere Abschied von Shephard, als sowieso schon vom Rest des Spiels. Ich hatte mich zwar nie komplett 100% mit ihm identifiziert, aber auch er war mir ans Herz gewachsen. Er war konstant bei allem dabei, was ich im Spiel erlebt hatte. Auch wenn ich mich eher als zusätzlicher Dritter im Spiel empfand, so stellte Shephard durch die “gemeinsame Geschichte” doch alles dar, was ich im Spiel erlebt hatte. Alle Emotionen, Entscheidungen, interessanten Dialoge, spannenden Gefechte, usw.
Würden diese mit ihm in den Tod springen?
Selbstredend flossen bei mir beim Abschied der Crew (Shephard-Plakette an der Wand der Gefallenen) Tränen.
Und doch weiß ich - nach einer weiteren Nacht drüber schlafen und vorher eine Stunde drüber nachdenken
Epilog – Fiktion vs. Realität
“Aber das ist doch alles Fiktion und nur virtuell !” werden viele jetzt wohl denken und meinen, ich habe jeglichen Realitätsbezug verloren und würde da Grenzen verschwimmen lassen.
Letztendlich muss jeder selber beantworten wie er Realität für sich definiert. Ich definiere sie nicht nur über Sehen und Hören oder über Fakten und Naturwissenschaft oder über Materielles.
Nicht umsonst heißt es “etwas fühlt sich real an”. Meine Gefühle sind real und damit fühlt sich meine emotionale Bindung zu diesen fiktiven Charakteren real an.
Und das macht für mich auch emotional logisch Sinn. Denn diese Charaktere, diese Geschichte, wurde von anderen Menschen erschaffen, erdacht und eben auch “er-fühlt”. Autoren, Grafiker, Musiker, kreative Menschen im Allgemeinen sind seltenst unemotionale kalte Klötze. Sie geben Gefühle, Leidenschaft, Begeisterung und auch ein stückweit Liebe in ihr Werk hinein. Deswegen heißt es ja auch „mit Liebe gemacht“. Diese Menschen binden sich an ein Produkt, bzw. Projekt, ziehen es verbindlich von Anfang bis Ende durch. Da ist es eigentlich nur logisch, dass etwas von diesen Gefühlen, dieser “Liebe” und dieser Verbindlichkeit beim Spieler ankommt und bei ihm Gefühle und Bindungen ausgelöst werden können.
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Wie ging es euch denn da so? Ich finde es schon faszinierend wie stark Spiele in so eine Welt hineinziehen, im Vergleich zu anderen Unterhaltungsmedien. Oder bin ich einfach nur etwas zu emotional und habe mich etwas zu sehr in diese fiktive Welt begeben?
Den neuen DLC habe ich noch nicht gespielt. Ich hoffe das ist dann eine Art netter 'Reunion'.
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Crusty





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