Inzwischen war Lyna abtransportiert worden. Wie die meisten Verwundeten, die noch transportfähig waren.
Drakenot war gefährlich.
Bei jedem weiteren Schritt würde es auf auf ein Ringen rauszulaufen, um die Richtung, um die Vorgehensweise, um jedes Detail. Er würde sich nicht unterordnen und bei jeder Gelegenheit sie möglicherweise sogar aktiv behindern oder gar sabotieren. Sollte es ihm gewahr werden, müsste er ihn töten, die einzig sichere und logische Vorgehensweise.
Drei, vielleicht vier Tage hatten sie als Zeitfenster bis der Feind seiner Niederlage gewahr werden würde. Und bis dahin mussten sie mindestens 150 Meilen entfernt sein, um ihn weiterhin im Unklaren zu lassen.
Erst zur Küste. Dann über das wache Meer. Amaranth, schnellstmöglich nach Denerim. Dort würde sich weiteres erklären, allerdings wußte er bereits, dass sie nur das bestätigen würde, was er ohnehin schon wußte und fürchtete....
Ihm lief eine Gänsehaut über den Rücken. Avalos war es gewohnt, Angst zu verbreiten, unterschwellig, aber stets greifbar, nur soviel dass er stets eine rare Bedrohung am Rande des Spürbaren blieb. Aber diesmal ergriff die Furcht vor dem Kommenden auch ihn.
Der geschlossene Helm seiner pechschwarzen Plattenrstung schien ihn anzugrinsen. Schatten tanzten über die Vertiefungen der nur schemenhaft angedeuteten Dämonenfratze im Metall.
Er ließ sich auf den Schemel fallen, betrachtete lange die dunkle Klinge in seiner Hand. Die blassen Runen waren noch immer gesättigt vom vielen Blut, dass die Vertiefungen, bis auf ebenen Grund aufgefüllt hatten. Sie glänzten schwach im Licht. Je länger er sie betrachtete, desto eher hatte er das Gefühl, dass sie sich bewegten. Und dann war er sich sicher, dass sie sich langsam veränderten. Die unbekannte Keilschrift veränderte sich tatsächlich. Langsam, fast unbewegt, aber dennoch stetig. Die Magie der Klinge, gesättigt durch die vielen Opfer die die Schneide gefordert hatte, erwachte langsam zum Leben. Die selben Runen, die er auf der Tafel gefunden hatte.
Der Schatten wußte, dass das Schwert noch immer Geheimnisse barg.
Avalos versank in seinen dekadenalten Erinnerungen, als die Welt noch jung war, und er ebenso.
Rückblende
20 Jahre vor der Verderbnis,
Höhepunkt der territorialen Ausdehnung des Imperiums.
Avalos sah sich um.
Die Festung war geschleift. Dunkle, fettige Wolken stiegen in den Himmel. Der Schein der Feuersbrünste machte die Nacht zum Tag.
Überall plündernde Soldaten, die Beute zusammenrafften oder sich betranken.
Vor drei Tagen überwanden sie die Mauern, metzelten die letzten Verteidiger nieder und hielten sich dann schadlos am Reichtum der Metropole.
Seine Uniform war zerschlissen, Brandlöcher durch den Funkenflug, angesengt, zerrissen, die Rüstung zerbeult, das Kettenhemd teilweise gesprengt. Die meisten sahen so aus.
Ziellos irrte er durch die Straßen, betäubt vom Siegesrausch, abgestoßen von den Gräueln seiner Kameraden, die sich an allem schadlos hielten, was sie auftreiben konnten, ob Beute oder Frauen.
Schließlich endete die breite Straße und mündete auf einen riesigen Platz, dessen Mosaikpflaster gesprungen, vewüstet und glitschig vom Blut war. Die große Kathedrale, geschwärzt vom Feuer ragte in den dunklen Himmel, der endlich ein Erbarmen fand und seine Schleusen öffnete.
Als ob der Himmel weinen würde, unzählige Tränen...
Der Dachstuhl war teilweise eingestürzt, als marodierende Krieger das Gebäude abgefackelt hattten. Wie von selbst lenkten seine Schritte ihn vor das Portal.
Er blickte auf, und versuchte die Figuren zuzuordnen, die sich über die mächtigen, eingerammten Torflügel des Hauptschiffs zogen.
Es war eine Heilsgeschichte über einen Krieger, der Frau und Hof verließ um einen Bären in den Bergen zu erlegen, der das Vieh des Dorfs riss.
Der Sandstein war mit vollendeter Steinmetzkunst bearbeitet worden, obwohl manche Passagen herausgebrochen und beschädigt waren.
Wohl die Gründungsgeschichte der Stadt. Beides, Geschichte und Siedlung, würden bald dem Vergessen anheimfallen.
Mit einem gezielten Tritt gegen die verkohlten Bohlen des Torflügels verschaffte er sich Zutritt.
Die Bänke waren umgeworfen, Zeremonien lagen überall verstreut - Zumindest die offenbar wertlosen, alles andere aus Gold und Silber war längst als Beute beiseite geschafft worden.
Auf dem großen steinernen Altar lag ein toter Priester in seiner blutverschmierten Robe, ein abgebrochener Speerschaft in seiner Brust.
Auf einmal fiel ihm auf, dass er den Regen nur noch hörte, aber nicht mehr spürte.
Verwundert blickte er auf. Er sah den Himmel, wolkenschwer und verhangen. Aber kon Tropfen fiel in die entweihte Basillika.
"Bei allen Magisterlords, was geht hier vor?" murmelte er versonnen. So langsam wurde das alles ihm unheimlich.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine Bewegung.
Seine Rechte packte das schwartige, inzwischen stumpfe Schwert an seiner Seite und zog es.
Der tote Priester war... weg.
Jetzt stand er ihm gegenüber, den Speerschaft immer noch in seiner Brust.
Avalos traute seinen Augen nicht. Selbst ein wilder Eber hätte so eine Verletzung niemals überlebt, geschweige denn dass er sich bewegen konnte.
Der Priester ließ keine Regung erkennen.
Starrte ihn an.
"Ihr habt diesen Ort nicht geschändet. Geht, und kehrt nicht um!"
Der Robenträger sprach nur schleppend, als sei er nur eine Marionette, aufgehängt an den Fäden eines Puppenspielers.
"Widergänger....." zischte Avalos, brachte seine Klinge in Parierhaltung und stürmte auf den offenbar Untoten zu.
Und blieb stehen. Unmittelbar, verharrte. Kam weder vor, noch zurück, als ob er gefesselt worden sei.
"Ihr habt nicht.... Geht und kehrt nicht um!"
Blicklose Augen, die ihn fixierten.
"Öffnet euch, lasst mich sehen..."
Mit torkelnden Schritten kam der Widergänger auf ihn zu, streckte seinen Arm aus und presste seine Handflläche unbeholfen gegen Avalos Stirn.
Entsetzen kochte in ihm hoch.
Die Hand war kalt, klamm, und roch nach Asche und Blut.
Nur eine Sekunde, wenn überhaupt.
Sein Schwert fiel ihm klappernd aus der Hand, und zerbrach wie sprödes Glas auf dem marmornen Boden.
Der Beropte trat unbeholfen einen Schritt zurück. Avalos sackte zusammen, schwer atmend und annähernd im Schockzustand.
"Ihr habt nicht. Geht und kehrt nie wieder!"
Sein Puls raste. Seine Finger tasteten umher und fanden ein armlanges, gesplittertes Stück der Schneide.
Die Bruchkanten waren fürchterlich scharf, und als seine Faust sich schloss, schlitzte er sich die Hand auf.
Tiefer Atemzug.
Plötzlich riss er das Stück nach oben, ließ los und mit einem furchtbaren Geräusch drang das geborstene Metall von unten durch das Gesicht des wandelnden Toten.
Das Grauen übermannte ihn. Tiefgehende Angst, Furcht, Unverständnis, ein Giftcocktail der ihn innerlich sterben ließ.
Irgendwann stand er auf. Mit zitternden Beinen, die einfach unter ihm wegknickten. Weiße Linien, die seine Tränen durch sein rußverschmiertes Gesicht gebahnt hatten.
Der Priester war weg.
Das herausgebrochene Stück seines Schwertes lag mitten im leeren Hauptschiff, direkt zu seinen Füßen.
Und ein Ring.
Ohne nachzudenken griff er danach. Bevor seine Finger sich um das Schmuckstück schlossen, zuckte ein blaues Flämmchen hervor und schmolz den Ring zu glühender Schlacke.
Was bei allen Magisterlords ging hier nur vor?!
Zitternd richtete er sich wieder auf.
Und mit grenzenlosen Erstaunen blickte er auf den Alter, der sich, ohne einen einzigen Laut, Platte für Platte zur Seite schob, sich aufrichtete und einen Torbogen über einer breiten, ausgetretenen Treppe bildete.
Wie im Delirium wankte Avalos darauf zu. Wispernde Stimmen rieten ihn dazu, umschlangen ihn und flüsterten ihm gewichtige Gründe zu, warum er in das Gewölbe steigen sollte.
Die Magister würden ihn reich belohnen für die Schätze, die er dort bergen wüde, oh ja....
Wie im Fieberwahn.
Er torkelte hinab, schrammte mit dem Ellenbogen über die raue Sandsteinwand und nahm Stufe für Stufe.
Hinter ihm schloss sich der Altar.
Schließlich gelangte er inen kleinen Raum. Wasser, in kleinen Becken und Rinnen am Boden, warf silbriges Licht an die grobe Decke.
Der größte Teil wurde durch dein Wasserbassin ausgefüllt, das beständig in Bewegung blieb, und mal jene, und dann andere Szenen zu zeigen. Es kam ihm vor, als ob immer am Randes seines Sichtfelds ein Bär in einer Höhle vorbeizog.
Das unbändige Bedürfnis diese Wasserfläche zu berühren, ließ ihn in die Knie gehen. Streckte seinen Arm aus und... ein lautloser Strahl Wasser umspülte sein Handgelenk und zog ihn mit einem gewaltigen Ruck nach vorne.
Avalos erwachte. Sein Schädel dröhnte, seine Hand war gebrochen und die andere bis aufs Fleisch zerschnitten. Ihm dämmerte, dass er in Irgendetwas hineingeraten war, dass er nicht fassen konnte, nicht verstehen oder gar kontrollieren. Angst kroch wieder in ihm hoch.
Langsam konnte er seine wilden Fantasien wieder in geordnete Bahnen zwingen. Er musste hier raus. Er musste Meldung erstatten. Magische Orte wie dieser hier, waren Sache der Lords, nicht die der einfachen Soldaten wie er einer wahr.
Seine Augen gewöhnten sich an die relative Dunkelheit. Neben ihm ein kleiner Höhlensee. Pechschwarzes Wasser.
Davor stand allerdings... ein grob behauener Block aus Granit. Irgendetwas lag darauf.
Sah nach einer korrodierten Klinge aus, über und über mit Staub und Kalk bedeckt.
Mit wackeligen Beinen wuchtete er sich hoch, ging zum Altar und strich mit dem Handrücken, über die wenigen freiliegenden Metallteile.
Sie waren warm. Der Kalk und Gesteinsstaub ließen sich leicht wegwischen, und zum Vorschein kam eine nachtschwarze Klinge, in dessen Blutkehle Runen graviert waren. Ganz von selbst schlossen sich seine Finger um das Heft.
Blendend helles Licht, ein Grollen aus der Hölle selbst. Schwärze.
Als Avalos erwachte, war der Regen versiegt, und die letzten Reste der verkohlten Balken des Dachstuhls der Basilika stachen in den stahlgrauen Himmel.
Ihm war übel, und der Gestank nach Angst klebte an ihm.
Mit langsamen Bewegungen setzte er sich auf, und seufzte.
Avalos war sich nicht im klaren, was passiert war. "Ein Schlag, ich muss von herabstürzenden Trümmern getroffen worden sein..." Ein irres Kichern stieg aus seiner Kehle.
Der tote Priester lag noch immer auf dem Altar, noch immer noch genauso tot wie er gestern vor vorher.
Doch dann.... sah er sein zerborstenes Schwert, ein Stück verbrannter Schlacke und in seiner Hand, fest zur Faust geballt... ein nachtschwarzes Schwert.
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Gegenwart
Der Schatten grübelte noch immer, Jahrhunderte danach, noch über diese Klinge.
Er hatte nie herausgefunden, was er da genau gefunden hatte. Nur, dass sie alt war. Wohl mehrere tausend Jahre. Ein Rätsel aus Stahl und Schneide, ein Schwert aus dunkelsten Träumen und hellster Nacht.
Aber offenbar wurde sie geschmiedet, für besondere Taten, für Ereignisse, die noch kommen würden.
Doch wer sie fertigte, war verschwunden, im Nebel der Äonen untergegangen und vergessen worden.
Die Runen veränderten sich noch immer.
Und plötzlich....
Avalos richtete sich ruckartig auf, hielt das schwerg der Länge nach auf Augenhöhe und... erstarrte.
Er konnte sie entziffern. Nach hunderten von Jahren, ungezählten Stunden der Forschung...
Was ist,
Was sein wird,
und jemals ward,
erzählen die Runen von Ostgard.
Seit hunderten von Jahren, im ewigen Stein
Zeichen gemeißelt im Fackelschein
Große Taten vergangener Zeiten,
zeugen von Licht und Schatten
Dunkelwind und Zwillingslicht
Der Legenden Fesseln bricht
wagst du die Runen zu deuten
Hörst die Glocken von Ostgard läuten!
Warnt vor dem Klang der die Seelen wird wecken
Warnt vor der Rache voll Grauen und Schrecken!"
Hrothgar Eisenfaust. Die selbe Prophezeiung.
Ihm wurde der Boden unter den Füßen weggezogen.
Die Klinge war Teil der Prophezeiung, ein Puzzlestück. Wie die Runentafel des Paragons. Wie die, die er bei der Brut gefunden hatte.
Und alle Zeichen, alle Wege führten zu den Glocken Ostgards, Ostagar.
Mehr Bestätigung brauchte er nicht.
Der Schatten sprang auf und verließ eilends das Zelt, um seine Gefährten zu unterrichten, dass ihr Weg seine letzten Schatten warf, bevor sie in die Dunkelheit eintauchen würden.