„Ich werde nicht lange brauchen, keine Sorge. Aber fragen wir sicherheitshalber die beiden Damen dort drüben“, meinte Allie zu der Zwergin, während sie zusammen mit dieser in die Richtung der beiden Elfenfrauen ging. „Und macht Euch keine Gedanken wegen des Stabes. Dass es so viele verschiedene Geschichten darüber gibt, zeugt doch nur davon, dass das meiste davon bei den Haaren herbeigezogen ist. Vor Euch war der Stab bestimmt schon anderen unheimlich. Und über unheimliche Dinge redet und schreibt es sich nun mal gerne.“
Nur kurz, nachdem sie ihren Satz beendet hatte, blieben sie vor den beiden Elfen stehen. Diese hatten bereits ihre Blicke gehoben, als sie bemerkt hatten, dass jemand auf sie zukam.
„Seid gegrüßt. Ich störe euch ungerne bei eurer Arbeit, aber könntet ihr uns weiterhelfen, und uns verraten, wo der Hüter momentan zu finden ist?“ begrüßte Allie die beiden freundlich und verbeugte sich dabei auch leicht.
Die Ältere der beiden, der ihre blitzenden grünen Augen und ungekämmten feuerroten Haare ein arrogantes und temperamentvolles Aussehen verliehen, musterte Allie sowie auch Bella abschätzig. Die Brünette neben ihr wirkte wie eine unscheinbare Maus und sah auch ziemlich eingeschüchtert aus. Nach einer kurzen Denkpause ergriff die Rothaarige das Wort. „Können wir schon, aber wir wollen nicht“, sagte sie gehässig und sprach natürlich gleich für ihre schüchterne Freundin mit.
„Ich verstehe schon…“ Allie seufzte und begann in ihrer Tasche zu wühlen. Kurz darauf zog sie einen kleinen Beutel hervor und schnippte eine Silbermünze in die Richtung der rothaarigen Elfe. Gekonnt fing diese das Münzstück mit einer Hand auf. Die Brünette bekam bei dem Anblick große Augen, griff nach der Hand ihrer Freundin und starre gebannt auf das Silberstück, als hätte sie so etwas noch nie in ihrem Leben gesehen.
„Schön, wir sagen es dir… Aber erst musst du mir noch eine Frage beantworten“, meinte die Rothaarige zögernd. Sie schien von dem Geld jedoch weniger beeindruckt. „Wieso schnüffelt eine Magierin des Zirkels lieber in dem Dreck unserer Gassen herum, anstatt das Leben im Turm zu genießen? Ja, du trägst zwar die einfache Kleidung eines Shems, aber dein Auftreten und deine andere Ausrüstung, die du bei dir trägst, verraten dich.“
Allie sah die Elfe müde aus ihren grauen Augen an. Sie schien nicht verärgert, aber dennoch ein wenig überrascht über die Frage. Und sie wusste, dass es egal war, was sie sagen würde. Diese Frau war von Anfang an auf Streit aus, das hätte wohl auch ein Blinder erkannt. „Das würdet Ihr nicht verstehen…“ seufzte sie daher schließlich mit gesenktem Blick.
„Würde ich nicht!? Haltest du mich etwa dumm, nur weil ich keine besonderen Fähigkeiten habe, die mich aus diesem Drecksloch einfach herausschaffen und mir die Möglichkeit geben, lesen und schreiben zu lernen? Oh nein, ich habe mich geirrt. Du trägst nicht nur die Kleidung eines Shems, sondern bist auch noch genauso selbstgefällig wie die! Und weißt du was, dein blödes Geld brauche ich nicht!“ Sie war aufgestanden und hatte die Münze voller Zorn auf den trockenen, erdigen Boden geworfen. Danach hatte sie sich einfach abgewandt und war mit großen zornigen Schritten davongestapft. Die brünette Elfe war erschrocken aufgesprungen, um sich anschließend sofort auf den Boden fallen zu lassen, wo sie panisch im Staub wühlte, um das Silberstück wieder zu finden.
„Entschuldigt sie bitte!!“ überkam die junge Elfe dabei nun ein angstvoller Redeschwall. „Wir haben nur schon länger nichts gegessen. Der Hunger schlägt ihr aufs Gemüt. Der Hüter nennt die schöne Hütte beim großen Baum dort hinten sein Heim! Und Ihr könnt auch Euer Geld wieder haben. Hier! Da! Ich hab es gefunden! Aber bitte verwandelt mich nicht in einen Frosch!!“
Sie war vor Allie und Bella zitternd auf die Knie gefallen und verbeugte sich vor deren Füße so weit, dass ihr Kinn bereits den Boden berührte. Nur ihr rechter Arm war nach oben gestreckt, in welchem sie das Silberstück zittrig hielt, um es wieder zurückgeben zu können.
„Schon gut, ich nehme es ihr nicht übel“, sagte Allie ruhig und freundlich zu dem Mädchen. „Das Geld brauchst du mir nicht zurückzugeben, und auch wenn sie es gerade nicht wollte, so wird sie es mit anderen Augen sehen, wenn du darum etwas zu essen für euch kaufst und das dann vor ihr steht. Also los, steh schon vom Boden auf und geh.“
Vorsichtig hob die brünette Elfe den Blick, das Schlimmste erwartend. Als sie aber erkannte, dass ihr Allie und Bella wirklich nichts Böses wollten, setzte sie ein leichtes Lächeln auf und erhob sich überschnell vom Boden. „Danke Herrin!“ sagte sie dabei noch und rannte mit freudenstrahlendem Gesicht davon, das Silberstück dabei wie ein Heiligtum mit beiden Händen an die Brust gedrückt.
„Ich danke dir…“ erwiderte Allie noch leise, doch da war das Mädchen schon verschwunden. Zu Bella sagte sie nichts mehr, sondern setze sich gleich in Bewegung. Als ob man zu dieser Szene noch etwas hinzufügen müsse…
Sie marschierten an einigen eingefallenen Hütten vorbei, hin und wieder sah man einen oder mehrere Elfen direkt am Boden im Dreck sitzen und sie erstaunt anstarren. Allie versuchte die Blicke zu ignorieren, was ihr sichtlich schwer fiel, auch wenn sie bereits vorhin mit dem Anblick dieses Ortes konfrontiert wurde. Doch sie wusste, dass es unmöglich war, hier jedem ein Geldstück in die Hand zu drücken. Es dauerte nicht lange, da konnte man die Äste des großen Baumes bereits über die kleinen Dächer ragen sehen. Kurz blieben die beiden vor dem mächtigen Stamm dieser Pflanze stehen, welcher mit verschiedenen Schriftzügen und Handabdrücken versehen war. Doch auch der Baum schien schon bessere Tage gesehen zu haben. Die Blätter hingen schlaff herunter, der Boden war trocken und staubig.
Allies Blick ging zur Seite. „Ist das das Haus, von dem sie sprach?“ Die Elfe sagte vorhin etwas von ‚schön‘, weswegen Allie die Hütte etwas länger betrachtete, um erkennen zu können, was genau daran schön sein sollte. Für sie sah diese nicht wirklich anders aus, als alle anderen Bauten hier im Viertel. Sie trat zur Türe und klopfe kräftig an diese. Murmelnd hörte man so etwas wie ein ‚Ich komme gleich‘ durch das dünne Holz, ehe diese geöffnet wurde.
„Was kann ich für euch beide tun?“ fragte ein grauhaariger Mann, der nun im Türrahmen stand. Tiefe Falten unter seinen Augen verrieten sein hohes Alter, auch wenn er sonst noch recht jung erhalten schien. Seine Kleidung war zwar ebenso schmutzig, wie alles andere an diesem Ort, dennoch schien sie hochwertiger zu sein, als jene, in welche all die anderen Elfen hier gehüllt waren. Als sein Blick jedoch Allie erfasste, starrte er diese für einen zeitlosen Moment aus geweiteten Augen an, als würde ein Geist vor ihm stehen.
„Seid gegrüßt, ehrenwerter Hüter. Mein Name ist Kaysallie, Magierin des Zirkels und Mitglied des Ordens der Grauen Wächter. Das hier ist Bellandrys, ebenfalls Graue Wächterin. Wir sind momentan auf der Durchreise und haben daher bedauerlicherweise wenig Zeit zur Verfügung. Würdet Ihr uns gestatten, Euer Haus zu betreten. Ich würde Euch gerne ein paar Fragen stellen…“
„Magier… Wächter…“, murmelte der Mann mit großen Augen und wechselte, nachdem er einige Male geblinzelt hatte, den Blick mehrmals zwischen Allie und Bella. „Fragen… Haus… oh! Ja, natürlich!“
Er trat zur Seite und machte eine einladende Geste, woraufhin die beiden die Hütte betraten. Ein paar Kerzen sorgten neben dem Tageslicht, das durch einige kleine Fenster hereinströmte, für Helligkeit. In der Mitte des Raumes stand ein sehr niedriger Tisch, bei dem es nur einige plattgedrückte Kissen, die am Boden ausgebreitet waren, als Sitzmöglichkeit gab. Nur vier kleine Holzregale mit Geschirr zierten die brüchigen Wände und ein Eimer mit Wasser stand in einer Ecke, direkt neben einer großen schmutzigen Decke, die wohl als Bett diente.
„Bitte, setzt euch doch!“ lud der Älteste sie nun doch von sich aus zu etwas ein, schloss die Türe hinter sich und ging zu dem Wassereimer hinüber. Er holte drei Holzbecher aus dem Regal, füllte sie mit Wasser und stellte sie auf dem Tisch ab.
Allie musterte den Raum aus traurigen Augen, ehe sie seiner Einladung nachging und sich auf eines der Kissen am Boden setze. Es war alles andere als bequem, doch sie wollte nicht unhöflich erscheinen.
„Also, womit kann ich Euch behilflich sein?“ wandte sich der Hüter an die Magierin, als auch er es sich ‚bequem gemacht‘ hatte.
„Vielen Dank, dass Ihr uns empfangt. Ihr werdet Euch nicht an mich erinnern und es erscheint mir gerade irgendwie naiv, dass ich überhaupt hergekommen bin. Dennoch… ich wollte fragen, ob Euch der Name ‚Tahira‘‚ etwas sagt? Sie war …“
Der alte Mann verschluckte sich an dem Wasser, welches er gerade aus dem Becher trinken wollte, und musste kurz husten, weswegen Allie nicht weiter ausführte. Er klopfte sich ein paar Mal gegen die Brust und danach setzte er ein ziemlich schlechtes Lächeln auf.
„Wie? Tahira? Nein, den Namen habe ich noch nie gehört. Wieso kommt Ihr darauf, dass ich diese Person kennen sollte?“ Er schüttelte übertrieben den Kopf, als wäre diese Frage tatsächlich lächerlich, während er sich noch einmal räusperte und wieder aufstand. Er ging erneut zu den Regalen und schob einen Stapel voller Teller zur Seite, hinter welchem sich eine kleine Schnapsflasche befand. Diese zog er hervor und ging damit ein paar Schritte im Raum herum, während er versuchte diese zu öffnen. Der Korken steckte fest im Hals, weswegen er einige Male leise fluchte. Dabei mied er es seine Gäste anzusehen.
Mit misstrauischem Blick beobachtete Allie den alten Mann. Es war zu offensichtlich, dass er etwas zu verheimlichen hatte. Sie beschloss es noch einmal auf die nette Art zu versuchen, auch wenn sie bereits spürte, dass das Verhalten des Hüters leichten Zorn in ihr aufflackern ließ. „Sie war eine Elfe, die hier im Gesindeviertel gelebt hat. Und so weit ich unterrichtet bin, vertretet Ihr das Amt des Ältesten hier schon sehr lange… Ich hatte gehofft, dass Ihr sie vielleicht gekannt habt, oder wisst, wo ich sie finden kann…“
Der Hüter schien von den Worten unberührt, schaffte es schließlich die Flasche zu öffnen und machte einen kräftigen Schluck daraus. Danach holte er einmal tief Luft und setze sich wieder an den Tisch, sein Blick ging jedoch zur Seite und starrte aus einem der kleinen Fenster.
„Ich habe vor ein paar Jahren Briefe an Euch gesandt - da es mir als Magierin schließlich nicht gestattet war, den Turm zu verlassen - in denen ich dieser Frage bereits nachgehen wollte, doch jeder meiner Briefe blieb unbeantwortet…“, versuchte es Allie währenddessen weiter.
„Ich bekomme viele Briefe, mit irgendwelchen Namen, keine Ahnung, worauf Ihr hinauswollt“, erwiderte der Mann schließlich, machte noch einen Schluck aus der Flasche. Er vermied es weiterhin Allie anzusehen. „Und Ihr erwartet nicht ernsthaft, dass ich jeden Elfen hier beim Namen kenne? Ich bin zwar ihr Hüter, aber das Gesindeviertel ist größer als so mancher Dalish-Klan. Tagtäglich spazieren hier neue Elfen ein und aus, oder kommen angekrochen, weil sie Hilfe von mir benötigen, die ich ihnen, wie Ihr seht, nicht mit materiellen Dingen geben kann, sondern nur mit leeren Worten…“
„Ihr schweift ab…“ unterbrach Allie den Mann mit gedämpfter Stimme.
„Tu ich das? Wie dem auch sei, wenn Ihr sonst nichts mehr wissen wollt…“ Er deutete mit den Augen in Richtung Tür und machte nebenbei einen weiteren Schluck aus der Flasche, wobei es ihm leicht das Gesicht verzog. Es schien, als würde er nicht sehr oft trinken.
Allie starrte den Elfen am anderen Ende des Tisches finster an. Sie würde garantiert nicht aufstehen und diesen Raum verlassen, ehe sie nicht eine ehrliche Antwort von diesem Mann erhalten hatte, das konnte man aus ihren funkelnden Augen lesen. Unruhig klopfte bereits einer ihrer Finger auf der Tischoberfläche, um sich selbst zu beruhigen, und es schien, als würden sich die Flammen der Kerzen dem gleichmäßigen Takt anschließen und jedes Mal leicht aufflackern, wenn ihr Finger das Holz berührte.
Edited by Kaysallie, 17 September 2012 - 12:01 AM.