Mit grimmiger Belustigung beobachtete er Bellandrys.
Man sah deutlich, dass sie sich keine Blöße geben wollte, trotz des immensen Gepäcks.
Sie schrieb eifrig an mehreren Briefen. Er schätzte, dass sie für ihre Verwandten bestimmt sein würden.
So anmutig sie in ihrem Kleid aussah, so kampferprobt wirkte sie in ihrer Rüstung.
Es würde nicht einfach werden. Der Zustand der tiefen Wege war ein unbekannter Faktor. Früher brauchten die Zwerge für dieselbe Strecke, die sie jetzt bestreiten würden, nur eine Woche. Er rechnete hingegen mit drei bis vier Wochen, in relativer Dunkelheit, mit unbekannter Versorgungslage. Die Marschverpflegung würde weitaus länger reichen, aber das Trinkwasserproblem machte ihm Sorgen. Sie konnten nicht genügend Wasser für eine so lange Zeit mitnehmen - sonst würde das Gewicht des Gepäcks ins Unermessliche steigen. Jeder hatte einen Lederschlauch mit fünf Litern Wasser dabei. Die erste Kaverne würden sie in dreißig Meilen erreichen. Wenn sie nicht versiegt sein sollte, wovon er vorsichtshalber ausging. Die Nächste würden sie in 70 Meilen antreffen. Bei angepeilten 20 Meilen pro Tag würden sie das Wasser rationieren müssen.
Zusätzlich kam der Feindfaktor hinzu - die dunkle Brut hatte in Denerim eine herbe Niederlage einstecken müssen - Noch immer stank Denerim nach verwesenden Leichen, die noch immer unter den Schuttbergen verfaulten. Aber sie waren im Begriff sich in ihr Revier zu begeben.
Das schlimmste, worauf sie treffen könnten, waren Oger. Diese Kreaturen waren zu Recht gefürchtet. Ein Prankenhieb konnte einem Mann das Rückgrat brechen. Natürlich konnte man sie töten - aber dafür benötigte man zahlenmäßige Überlegenheit und kampferprobte Gefährten.
Er hatte auch schon gegen Oger gekämpft, und gesiegt. Manchmal sogar alleine. In den langen Jahren seiner ruhelosen Existenz hatte noch nie ein Gegner die Begegnung mit ihm überlebt. Das galt für Magister, wie für Oger oder sonstige Kreaturen. Mit Wonne erinnerte er sich an die Drachenjäger aus Nevarra. Damals war er noch verhältnissmäßig jung gewesen...
Ein ausgewachsener Drache war eine wahrhaft epische Herausforderung, die nur die Wenigsten meisterten.
Unwillkürrlich starrte er auf seine rechten Handschuh.
Nevarrische Drachenjäger hatten eine Tradition - der erste Drache, der von ihm getötet worden war, zierte nun seine rechte Handfläche - eintättowiert mit Drachenblut.
Das Tattoo hatte selbst nach 700 Jahren nichts von seiner Lebendigkeit oder Magie eingebüßt.
Ein Drache würde ihn als gleichberechtigt ansehen, würde erspüren, dass seine Macht dem seinen ebenbürtig war.
Seine eigene Ausrüstung war schon längst gepackt.
Allerdings schleppte er weitaus mehr mit, als seine Gefährten. Er war ihr Anführer, ihr Führer.
Es setzte voraus, dass er am meisten zu leisten hatte, der Beste zu sein hatte. Sonst verwirkte er in seinem Ehrverständnis seinen Anspruch, der Beste zu sein.
Avalos ging in Gedanken nochmal seine Ausrüstung durch.
Seile, Pemmikan, Bergeisen, Sicherungskarabiner, Steigeisen.
Trinkwasser, Nähzeug, Ersatzriemen, Zunder und Feuerstein, mehrere Schwefelkohlebriketts. Ironischerweise hatte niemand nachgefragt, warum sie Zunderbuchsen, aber kein Brennmaterial mitnahmen.
Waffenöl, Schleifstein, seine Waffen.
Verbandszeug, Kräuter gegen Wundbrand, verschiedene Gifte.
Seinen Köcher befestigte er an der rechten Rucksackseite, seinen schwarzen Kompositbogen ebenso. Griffbereit. Sein Schwertgehänge trug er nun offen an seiner Hüfte. Die eingelegten Intarsien an der Schwertscheide brach das Licht unheilvoll. Sein Dolchfutteral befestigte er an seinem linken Oberschenkel. Ein schneller Griff und er konnte ihn ziehen. Auf der schwarzen, aus versteiften Leder gefertigten Beinpanzerung fiel das ebenso dunkle Futteral nicht weiter auf. Nur der längliche, silberne Knauf und der langezogene Smaragd stachen hervor, wie eine bunte Blume zwischen grauem Dornengestrüpp
Nach und nach tröpfelten seine zukünftigen Waffengefährten zurück in die Wohnstube, meist schwankend unter dem enormen Gewicht. Als alle versammelt waren, ergriff er noch einmal das Wort.
"Ich habe noch etwas für euch, für jeden von euch."
Für Belandrys hatte er etwas gänzlich.. Unkonventionelles. Keine Waffe, kein magischer Schickschnack.
Er langte in seine Beintasche und holte einen, in feines Leder eingeschlagenes Bündel hervor.
Zum Vorschein kam ein paar Handschuhe, aus winzigen Kettenringen. Sie waren so fein, dass sie beinahe wirkten wie Seide. "Es ist eine Lyrium-Stahllegierung. Sie sind so hart wie ein Panzerhandschuh, aber so flexibel und weich wie Seide. Haltet sie in Ehren.
"Für euch beide, Lyna und Jule, habe ich etwas...praktischeres."
Er wies auf die beiden Pfeilbündel, von jeweils vierzig Pfeilen.
"Für jede von euch ist eines bestimmt. Die Spitzen sind aus geschliffenem Schwarzdiamant gefertigt. Die Widerhaken sind aus Meteoriteneisen. Sie sind zum Töten geschaffen, nicht zum Jagen. Rüstungen werden durchschlagen, Fleisch zerreißt und Knochen zersplittern unter ihrer Wirkung. Sorgt dafür, dass sie euch nicht verloren gehen.
"Außerdem noch etwas persönliches für euch. Ein Haarband aus aus gefaltetem Bronzegliedern - die Farbe passt zu eurem Haar. Primär ist es eigentlich dafür gedacht, euren Haarschopf im Zaum zu halten, damit es euch nicht im Kampf behindert. Zweitens soll es Dank dafür sein, dass ich euch dafür...benutzen...durfte, um den Siegelbruch in die Wege zu leiten."
Er klopfte sich leicht auf das kaum sichtbar irrisierende Metallgeflecht der schwarzen Sonne in seinem Brustpanzer.
Dann sah er Lyna tief in die Augen.
"Ich bereue nicht, dass ich tat, was ich für notwendig erachtete. Trotzdem sehe ich ein, dass es für euch...belastend sein muss, in eurer kurzen Lebensspanne mit einer Entstellung wie dieser gezeichnet zu sein.
Ich kann nicht ungeschehen machen, aber ich kann beschönigen. Mit einer eleganten Geste zog er ein klirrende Metallgeflecht hervor.
"Zu Tevinters Zeiten, war es ein Symbol von Macht und Reichtum. Es ist ein so genannter Halsring. Es sind mehrere Kettenglieder, die um den Hals gelegt werden, wie eine Halskette. Aber sie bilden eine Manschette, vom Kinn abwärts bis zum Schlüsselbein. Sie waren aufwendig gearbeitet, hunderte Arbeitsstunden der besten Juweliere, die Tevinter hervor zu bringen mochte."
Avalos ließ die Manschetten durch seine Finger gleiten.
"Diese hier ist original. Fast 1000 Jahre alt. Sie ist unbezahlbar, ihr Gegenwert kann heute nicht bemessen werden."
Nun wandte er sich zu der skeptischen Magi um.
"Natürlich habe ich euch nicht vergessen, ehrenwerte Allie."
Er öffnete ein winziges Holzschächtelchen. In weichen Samt eingebettet, lag ein reich verzierter Ring.
"Dieser Ring ist ein Kraftreservoir, eine Quelle magischer Energie. Zapft es an, wenn ihr verzagt oder meint, seine Kraft zu brauchen.
In Zeiten größter Not, könnt ihr seine Kraft auf einen Schlag freisetzen, und damit alleine durch die ungebundene magische Schockwelle dutzende Feinde töten. Wenn ihr der Magie Gestalt gebt, in Form einer Feuerwalze oder ein Wand aus Elektrizität, potenziert sich dieser Faktor natürlich. Aber bedenkt, nur in Zeiten größter Not. Es würde den Ring vernichten. Er würde einfach schmelzen,und das flüssige Metall würde eure Hand in rauchende Asche verwandeln. Bedenkt, was ihr zu tun bereit seid."
Alle vier waren sprachlos. Ihre Blicke wechselten von ihren Geschenken zu Avalos und zurück. Sie konnten, oder wollten, nicht glauben, dass er es damit ernst meinte.
Ansich ging es ihm aber um die Moral. Zufriedene Soldaten kämpften stets besser als Unzufriedene. Und diese Geschenke erfüllten noch einen anderen Zweck. Avalos wagte zu hoffen, dass es dazu niemals kommen würde.
"Die Zeit des Zauderns ist vorbei. Wir ziehen von dannen, und die Rückkehr ist ungewiss. Ihr werdet sehen, dass bei extremen Geschehnissen extreme Maßnahmen vonnöten sind. Ich fordere von jedem hier, uneingeschränkte Loyalität mir gegenüber, der schwarzen Sonne, und vorallem gegen eure Gefährten. Vertraut euch steht zusammen, dann überlebt ihr vielleicht.
Manchmal ist es für das Wohl der Anderen unerlässlich, sein Leben zu geben. Rückzug zu decken, bis man fällt. Sich zu opfern ist das größte Geschenk welches wir für jemanden bringen können."
Kurz brach seine Stimme, dann fing er sich wieder.
"Diese Lektion habe ich gelernt. Die Erinnerung daran brennt sich immer wieder von Neuem ein, bitter wie Tränen.
Es wird Verluste geben, keine Frage. Nicht alle werden dieses Abenteuer überleben, dessen bin ich mir sicher. Valkia ist das beste Beispiel. Sie ist eventuell schon tot, bevor wir auch nur einen Fuß in die Wege setzen. Das Leben ist zerbrechlich und kurz bemessen. Ich bin die einzige Ausnahme hiervon."
Stille breitete sich aus.
Alle wirkten nachdenklich und überdachten seine Ansprache.
Lyna spielte unbedacht mit der Manschette. Bellandrys erprobte gedankenverloren ihre neuen Handschuhe.
"Eines noch." Er räusperte sich kurz.
"Die Wege werden ein ungeheurer Kraftakt. Aber danach, das verspreche ich euch, wird alles leichter.
Genug der Worte, lasst nun Taten folgen!"
Unbeabsichtigt hatte er die Stimme erhoben, und ließ seine gepanzerte Faust den Tisch krachen.
Er wuchtete sich das Gepäck auf die Schultern. Obwohl er fast vierzig Kilo zu tragen hatte, sah man seiner Körperhaltung nicht das kleinste zusätzliche Gramm an. Er war durchtrainiert wie eine Stahlfeder. Und hoffte inständig, dass seine Kräfte ihn nicht verlassen würden, bei den kommenden und zu meisternden Strapazen.