Die Waräger ließen nicht lange auf sich warten. Kaum hatten Jule und Theoderich die Zwergin in ihr Bett gelegt, kamen die beiden Leibwächter an und durchsuchten erst gründlich Theoderich, bevor sie ihn gewähren ließen. Eine Wache bezog wieder Posten vor der Tür, der andere nahm sich einen Stuhl und setzte sich ans Fenster.
Theoderich entzündete ein paar wenige Kerzen, die ein angenehmes Licht verbreiteten. Dann ging er leise zu der Schlafenden und betrachtete sie. Für seine Begriffe war sie wunderschön, und ihr Temperament, ihre Selbstsicherheit, faszinierten ihn. Er hoffte für sie, dass genau diese bald wieder zum Vorschein kam.
Bella bewegte sich unruhig im Schlaf, Schweißperlen glitzerten auf der Stirn, ihre Lider flackerten. Vorsichtig nahm Theoderich ihre Hand, vielleicht beruhigte sie das ja. Die Zwergin brabbelte leise ein paar wenige, nicht verständliche Worte. Sie seufzte im Schlaf, als er ihre Hand nahm, und stieß einige Worte hervor. Zwar auch leise, aber für Theoderich absolut verständlich ausgesprochen:
"Avalos, verlaßt mich nicht!"
Liebeskummer zerfrass die Hübsche also. Theoderich empfand beinahe die gleiche Qual, wie konnte ein Mann nur so ein kostbares Kleinod wie Bella übersehen oder verstossen? Avalos... der Name kam ihm bekannt vor, aber es wollte ihm momentan nicht einfallen, woher. Er war einfach auch schon zu müde. Deshalb bat er den Gardisten, über Bellas Schlaf zu wachen und machte es sich mit einer Decke auf der Chaiselongue bequem, wo er gleich darauf auch einen erholsamen wenngleich kurzen Schlaf fand. Beim ersten Vogelgezwitscher war er wieder hellwach, erfrischte sich im Bad und holte einen Krug Wasser. Bella würde sicher durstig sein, wenn sie aufwachte. Dann setzte er sich wieder neben die Zwergin und hielt ihre Hand.
Bella erwachte, als ein Sonnenstrahl ihre Nase kitzelte. Sie schlug die Augen auf, die bleischwer waren. Ihr war kalt, der Gaumen ausgetrocknet, die Zunge daran klebend. Sie versuchte zu schlucken, was ihr kaum gelang. Sie fühlte sich, als wäre eine Horde Brontos über sie gerannt - völlig zerschlagen. Und ihr Kopf schmerzte, wenngleich es sich anfühlte als wäre dieser mit Wattebauschen durchzogen. Ihr Blick fiel auf Theoderich, und sie wurde sich ihres nackten Oberkörpers bewußt. Beim Erbauer! Verlegene Röte überzog sie. Was war in der Nacht passiert?
Ein weiterer Blick sagte ihr aber, dass gar nichts passiert war, der Zwerg sass in voller Gewandung neben ihr. Erleichtert seufzte sie auf.
"Guten Morgen Bella, habt Ihr gut geschlafen? Durstig?" fragte Theoderich liebevoll.
Bella konnte nur nicken.
Theoderich drückte ihr ein großes Glas Wasser in die Hand, welches sie auf einen Zug ausleerte. Danach ging es ihr etwas besser, aber die Kopfschmerzen drohten sie halb umzubringen.
"Wie geht es Euch? Habt Ihr Hunger?"
"Guten Morgen" krächzte sie heiser. Sie räusperte sich ein paar mal, bevor sie weitersprach.
"Bei allen Paragons, nur nichts zu essen, mir ist übel genug. Aber wenn Ihr mir etwas gegen Kopfschmerzen besorgen könntet wäre ich Euch dankbar!"
Sie wartete, bis der Zwerg ihr Gemach verließ und stand vorsichtig auf.
Beim Erbauer! Der Wein mußte es gestern ganz schön in sich gehabt haben, der Boden drehte sich irgendwie. Vorsichtig, und wie ein altes Weib gebeugt, ging sie ins Bad. Dort wusch sie sich gründlich und schüttete den Rest des kalten Wassers über ihren Kopf. Dann blickte sie in den Spiegel und erschrak. Eine wandelnde Leiche war nichts dagegen. Käsebleich, mit tiefen Schatten unter den Augen. Und ihre Hochsteckfrisur hatte gut gelitten, durch das Wasser sah es nun aus wie ein frisch abgeregnetes Vogelnest.
Hurtig löste sie die Spangen und kämmte sich durchs Haar. Allerdings sehr vorsichtig, jegliches Ziepen verursachte eine Art Donnerschlag in ihrem Kopf.
Langsam ging sie zurück in ihr Gemach, zog sich dort bequeme Hosen und ein Hemd an. Dazu dicke Socken. In ihrer Verfassung würde sie den heutigen Tag wohl größtenteils im Zimmer verbringen.
Theoderich kam zurück, mit einem Glas Tee und einer Tasse Fleischbrühe.
"Hier, Tee aus Chinin-Rinde, der lindert die Schmerzen. Und Brühe, damit Ihr wieder zu Kräften kommt."
Bella knabberte lustlos an der Scheibe Toast, die dabei lag, aber den Tee und die Brühe nahm sie gerne zu sich.
"Beim Erbauer, Theoderich, die paar Gläser Wein hatten es ganz schön in sich. Wie bin ich in mein Gemach gekommen? Und wer hat mich ausgezogen?" Zweitere Frage beschäftigte sie besonders, allein der Gedanke, dass es Theoderich gewesen war, der sie so gut wie nackt gesehen hatte ließ ihr Schamesröte ins Gesicht treiben.
Er lachte leise.
"Jule und ich haben Euch nach oben gebracht, ihr wart kurz vorm Umfallen. Und entkleidet hat Euch Jule, Ihr braucht also keine Angst um Eure Sittlichkeit haben. Könnt Ihr Euch denn an nichts mehr erinnern?" fragte er vorsichtig.
"Oh doch", meinte Bella. "Ich kann mich an den wunderbaren Abend mit Euch erinnern, wir haben viel getanzt und viel getrunken, und einmal war ich kurz draussen, wo ich eine Skizze gemacht hatte... aber dort habt Ihr mich ja wieder aufgelesen. Naja, und dann fehlt mir etwas in meinem Gedächtnis, befürchte ich." Entschuldigend lächelte sie ihn an.
"Ich danke Euch dass Ihr über mich gewacht habt, Theoderich. Ihr könnt nun gerne Euren Geschäften nachgehen, ich werde mich ausruhen und die Kopfschmerzen vertreiben."
Sie wickelte sich in die Decke und legte sich nun auf die Ottomane.
Theoderich verbeugte sich:
"Stets zu Diensten, Bella. Ich werde Euch später nochmal aufsuchen ja? Ruht Euch aus."
Grübelnd verließ er das Gemach. Sie hatte also eine Gedächtnislücke. Was vielleicht noch nicht das Schlechteste war. Er würde Jule darauf ansprechen.
Gleich darauf klopfte er an Jules Zimmertür, in der Hoffnung, dass diese schon wach war. Vielleicht konnte diese ihm auch erklären, wer dieser Avalos war, und was es damit auf sich hatte.
Modifié par Bellandyrs, 06 avril 2010 - 06:40 .