Der Abend im Rosengarten des Schlosses hatte sich unauslöschlich in seine Seele gebrannt.
Es war nicht geplant, nicht rational, nicht berechnend. Es war eine Abfolge von Ereignissen, die er nicht unter Kontrolle gehabt hatte.
Aber er hatte etwas gefunden, wofür es sich zu leben, zu lieben, zu töten und zu sterben lohnte - für Lyna.
Dieses Gefühl hatte er zuletzt vor über tausend Jahren verspürt, bis sich seine zutief empfundene Liebe in puren Hass und Blutdurst gewandelt hatte, weil sie durch Feindeshand fiel.
Herz und Verstand, Seele und Geist heilten. Langsam, aber sie heilten. Trotzalledem war er ein Monster, dass nach wie vor in der Lage war, aus eiskaltem Kalkül gnadenlos zu töten.
Sie war ein Segen, Fluch zugleich.
Er liebte sie, tief empfundene Liebe, die selbst die stärksten Ketten sprengen konnte. Aber was, wenn sie starb, wie seine letzte große Liebe, die in seinen Armen verblutet war? Schon damals war er blind vor Wahnsinn, Hass und dunkelster Verzweiflung gewesen. Und über tausend Jahre hatte Bitterkeit sein Leben und Streben bestimmt.
Als sie in küsste, zerbrach in ihm etwas. Das Gefängnis, die Ketten und die Fesseln, die die letzten Reste seiner Gefühlswelt, seiner Seele, sein innerstes Ich gebunden hatten.
Er dachte an das Ritual, an den Siegelbruch im Magiturm zurück. Er hatte ihr die Kehle durchgeschnitten, mit einem lässigen Streich aus dem Handgelenk ihr beinahe den Kopf vom Rumpf getrennt, weil er sie als Ärgernis betrachtet hatte, dass ihm tot mehr als lebendig von Nutzen sein würde...
Aber Grausamkeit aufgrund höherer Ziele gehörte untrennbar zu seinem Wesenszug, wie Salz zum Meer. Und das konnte auch sie nicht ändern.
Sie waren noch stundenlang im Garten gewesen, waren im Mondlicht spazieren, einfach die Anwesenheit des Anderen genießend. Es waren die ersten friedvollen, die ersten wirklich entspannten Stunden für ihn seit Jahrhunderten.
Allerdings könnten daraus Probleme erwachsen, die er normalerweise stets mit Gewalt zu beantworten pflegte.
Natürlich wußte er, dass Bellandrys in ihn vernarrt war. Bisher hatte er diese Tatsache benutzt, um sie für seine Ziele einzuspannen.
Aber jetzt? Rosenkriege unter Waffen? Gefährlich und riskant. Er musste eine Lösung finden. Sie zu liquidieren war keine Option - damit würde er seine gesamte Truppe aufs Spiel setzen, und Verrat war schlicht und einfach bei einer solchen "Radikallösung" vorprogrammiert.
Aber... wie dann? Avalos geriet ins Grübeln. Er würde Lyna fragen. Mit ihr konnte er über alles reden. Abgesehen von seinem Pakt mit der Schwarzen Sonne.
Natürlich wußten seine Gefährten davon, aber eine bestenfalls geschönte Version, die teilweise aus dem Zusammenhang gerissen war.
Aber trotz des Paktes fühlte er sich frei. Liebe beflügelte, hatte er einst gelesen. Das war wohl die Wahrheit, gestand er sich ein.
Wie gerne wäre er jetzt bei Lyna... ihre Nähe, ihre Wärme, ihren Atem auf seiner Haut zu spüren. Aber die Geschehnisse überschlugen sich. Am Morgen danach hatte eine Bote beunruhigende Kunde gebracht.
Heere von Orlais bezogen Stellung hinter der Grenze. Stellungen, die sich gerade zu prädestinierten, um wuchtige Schläge gegen die wichtigsten Banns und Festungen der Marschen zu führen.
Der Mond war nicht zu sehen. Es regnete wie aus Eimern.
Brandgeruch lag in der feuchten Luft. Er hatte in den letzten 12 Stunden fast 200 Meilen zurückgelegt. Das letzte Pferd war unter ihm einfach zusammengebrochen.
Aber er hatte die orlaisianischen Stellungen erreicht. Schritte.
Wachposten voraus.
Er spannte seine Muskeln an. Der lederne Brustpanzer knirschte leise.
Mit einem Ruck sprang er auf, setzte der Wache den Dolch an die Kehle und zog durch.
Blutige Tropfen fanden den Weg in sein Gesicht.
Ohne ein Geräusch ließ er die Wache zu Boden gleiten
Weiter. in den Schatten war er zuhause, bewegte sich ungesehen. Die Soldaten in dem Feldlager schärften ihre Waffen. Besserten Rüstungen aus. Bereiteten sich vor, auf einen Krieg, den sie würden führen würden.
Aber nicht, wenn sein Plan aufging.
Die große Schwäche von Orlais waren ihre Intrigen - der Adel war stets zerstritten, wie balgende Hunde, die sich um die Abfälle der Tafel ihres Herren balgten.
Eine zweite große Schwäche war ihre Prunksucht. Prunkrüstungen, Zelte aus Seide, erlesene Speisen, selbst im Krieg.
Dementsprechend einfach war es, das Kommandantenzelt zu finden - Das größte, das bunteste, das protzigste.
Leise schlich er sich heran.
Durch den Stoff konnte ihre Silhouetten sehen. Mehrere Heerführer, die sich berieten. Über Nachschub, mögliche Invasionsrouten, Stärke der Truppen, die die Marschen kurzfristig aufbieten konnten.
Er zückte seinen Dolch, zog sein Schwert. Noch vor Dämmerung würden ihre schwarzen Klingen blutig rot, wie blühender Mohn im Sommer, sein.
Mit einer fließenden Bewegung durchtrennte er den dünnen Zeltstoff, rollte sich hinein und sprang auf die Füße.
Wie ein Orkan wirbelten seine Klingen umher. Sie waren überall und nirgends, und seine Klingen trafen stets ihr Ziel.
Rote Schauer ergossen sich über den Kartentisch.
Tropfen landeten in seinem Gesicht. Er leckte sich über die Lippen. Salzig. Metallisch.
Der Wahnsinn flackerte in seinen jadegrünen Augen auf, die heller als jeder Stern brannten.
Keine dreißig Sekunden. Sechs tote Heerführer. Chaos würde die Truppen erfassen. Und die politischen Grabenkämpfe in Val Royeaux würden ihr übriges dazu tun.
Die Familien der toten Heerführer würden sich gegenseitig des Verrats beschuldigen. Fehden waren vorprogrammiert. Chaos.
Und der Kaiser hatte keine andere Wahl, als die Invasionspläne vorerst auf Eis zu legen, bis sich die daraus erwachsende innenpolitische Krise beruhigt hatte. Und das konnte Jahre dauern, die verfeindeten Familien wieder zu einen.
Einer der Kommandanten regte sich noch. Wie im Fiebertraum versuchte er, kriechend das Zelt zu verlassen.
Avalos ging gemessenen Schrittes zu ihm. Sein Schwert schleifte leise über den Boden.
Mit seiner 'Stiefelspitze drehte er den Adeligen auf den Rücken. Wie ein Insekt.
"Dein Tod ist der Schatten, dein Mörder der Henker und Richter über das Gleichgewicht. Dein Tod heißt Avalos."
Dann rammte er seine Klinge in die Brust des Verwundeten.
Das Geräusch war widerlich, aber für Avalos...
Zufriedenheit. Sein Gesicht entspannte sich, und er lächelte den Sterbenden sogar an, während die Augen des wimmernden Todgeweihten sich erst vor Entsetzen weiteten, und dann glasig wurden.
Er wandte sich ab. Kein Grund, noch länger am Ort dieses persönlichen Triumphes zu verweilen.
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2 Tage später, FallRemnon
Die Nacht war grau, ein stählernes Korsett aus tief hängenden Wolkenbänken verbarg die Sterne.
Sein langer Mantel war zerschlissen, die schwarze Panzerung lugte durch die Fetzen. Klinge, Schwert wie Dolch trug er offen. Er hinkte, und sein linker Arm stand in einem merkwürdigen Winkel ab.
Sein Gesicht wurde von dier tief hängenden Kapuze verdeckt. Er sah fast so aus, wie einer der Ringgeister, in in einer längst vergessenen Sage einem Ring hinterher jagten. Geisterhafte Gestalten, so tiefschwarz wie die Nacht selbst.
Der abgebrochene Pfeilschaft in seiner schulter tat ein Übriges, um diesen Eindruck zu verstärken. Er musste aussehen, wie der Tod selbst.
Als er in den Hof des Schlosses ritt, eilten sogleich mehrere Krieger heran, die sich um das Pferd kümmerten und ihm beim Absteigen halfen. Sein Bein schmerzte höllisch. Beziehungsweise die geborstene Dolchklinge in seinem Oberschenkel.
"Mein Herr, beim Erbauer! Ihr braucht sofort einen Arzt! Ich..."
"Nein. Vergesst, mich überhaupt gesehen zu haben. Es gibt dringenderes als diese...Blessuren."
Das er aller Warscheinlichkeit nach sich durch das Gift auf der Dochklinge eine Blutvergiftung zugezogen hatte, er wähnte er nicht.
"Nun gut. Aber der König wünscht euch sowieso zu sehen. Ein Gefangener, der behauptet aus Orlais zu stammen, behauptet dass..."
"Darum habe ich mich gekümmert. Die Invasionsheere versinken im Chaos."
Dem Waräger blieb der Mund offen stehen.
"Also gibt es..Krieg?"
"Nein. Abgehakt. Sie können nicht mehr angreifen. Dafür habe ich.... gesorgt." Ihm wurde kurzzeitig schwarz vor Augen.
"Und da wäre noch etwas... eine durchgedrehte, mit Blut und übelsten Brandmalen besudelt, tauchte hier auf und behauptet, eine eurer Gefährten zu sein. Der Rest eurer Begleiter ist schon im Kerkertrakt und verhört die Gefangene."
Avalos traute seinen Ohren kaum. Allie? Aber der Ring... und die Brut? Unglaublich. Oder aber, eine geschickt eingefädelte Falle.
"Bringt mich hin. Stützt mich aber. Aber nicht, wenn Zeugen dabei sind. Sonst ist eure Kehle die nächste, die aufgeschlitzt wird... Mein Wort darauf, Waräger."
Modifié par MagicBullet, 09 avril 2010 - 07:49 .