Allie blickte Jule in die Augen. Die Tränen liefen ihr weiterhin über ihre Wangen. Sie wollte eigentlich nicht darüber sprechen, doch Jule war wohl die einzige, der sie es anvertrauen konnte. Nicht weil es etwas so schlimmes war, sondern weil es ihr so schwer fiel darüber zu sprechen.
"Nun gut, ich habe Euch nie von Tharel erzählt. Auch wenn es mir schwer fällt. Ich habe seitdem ich in den tiefen Wegen eingesperrt war nicht mehr an ihn gedacht, ihn wohl eher vergessen, vielleicht sogar verdrängt, aufgrund des vielen Hasses der in mir war. Doch gerade vorhin ist er mir, wie ein Pfeilstich in mein Herz, wieder eingefallen. Ihr könnt Euch doch noch an den Abend nach der Schlacht gegen der Erzdämonen erinnern, als sich alle Wächter in der Taverne zum schwarzen Ritter trafen. Ich kam auch an jenen Abend dorthin, wo wir uns kennenlernten. Wie dem auch sei, beginnt diese Geschichte wohl etwas früher. Ich studierte ja, seitdem ich das Sprechen lernte, im Turm der Magi. Wie Ihr wisst, wachen die Templer über uns Tag für Tag. Sie beobachten einem bei jedem Schritt, vor allem währenddessen man Zauber lernt. Denn nur ein falsches Wort oder eine falsche Bewegung, und man könnte etwas falsches beschwören als man eigentlich möchte. Nun ja, einer dieser Templer hieß Tharel, und er war zusammen mit einem anderen Templer für mich und vier andere Magier, die jedoch alle Menschen waren, zugewiesen. Wie Ihr Euch schon denken könnt, hatte er mich immer bevorzugt beobachtet. Nach einer Weile begann es mich sogar zu stören. Immer diese Blicke. Er machte mich regelrecht nervös, bis er mir eines Tages sogar gefiel. Er war keineswegs unattraktiv und für einen Templer sogar recht gebildet. Er hatte dunkelbraune Haare, ein paar kleine Narben im Gesicht, hellgrüne Augen und einen gut gebauten muskulösen Körper. Am Beginn war ich immer recht gemein zu ihm, doch ich denke, dass ich das nur tat, da ich wusste, dass es verboten war und einfach nur falsch Gefühle für einen Templer zu entwickeln und das als Magierin! Doch das störte ihn keineswegs. Nun ja, die Tage im Turm waren hart, und das einzige, das ich jemals von der Außenwelt zu Gesicht bekam, war der wunderschöne Calenhad-See und dahinter liegenden Wälder. Sie bezauberten mich irgendwie. Sie waren so freundlich, unberührt und man konnte die Freiheit richtig riechen, wenn man aus dem Fenster blickte. Eines Tages, als ich alleine in meinem Zimmer war und gerade die Theorie des Zaubers 'Kältekegel' studierte, kam Tharel zu mir und überreichte mir ein Buch. Im ersten Moment wollte ich ihn auslachen, als ob ich im Turm nicht schon genug Bücher hätte. Doch als ich es aufklappte war ich verzaubert. Das Buch bestand hauptsächlich nur aus wunderschönen gemalten Bildern. Landschaften, Wälder, Flüsse und Vögel die frei durch den Himmel flogen."
Sie hielt kurz inne, setzte sich auf den Boden und lehnte sich an die Wand. Dann seufzte sie und fuhr fort.
"Ich erzählte ihm nie etwas darüber, doch er hatte es scheinbar gewusst, da er mich immer beobachtete. Daraufhin sprang ich ihm um den Hals und wir küssten uns. Es war sehr leidenschaftlich, doch ich denke den Rest könnt Ihr Euch denken. Danach war ich außer mir. Wie konnte ich so etwas nur tun, was wäre wenn jemand anders in dem Moment auf mein Zimmer gekommen wäre? Doch zum Glück, geschah das nicht. Von da an, war es vorbei mit mir. Aus Angst, dass es der erste Verzauberer oder sonst jemand mitbekommt, wollte ich zu anderen Templern zugeteilt werden, um ihm wenigstens wenn ich die Zauber lernte, aus dem Weg gehen zu können. Natürlich stellte er mich zu Rede, doch als ich es ihm erklärte, verstand er mich, auch wenn er nicht sehr darüber erfreut war. Nach dem Tag meiner Läuterung, kam einer der Kommandanten der grauen Wächter in den Turm. Es war einige Wochen vor der Schlacht in Denerim. Sie rekrutierten einige Magier, darunter mich, sowie einige der Templer und darunter auch Tharel. Den Beitritt bestanden jedoch nicht alle von uns. Es blieben glaube ich nur drei Magier, mit mir, übrig und zwei Templer, darunter Tharel. Wir lernten zusammen, was es hieß ein grauer Wächter zu sein, wurden jedoch dann alle auf uns selbst gestellt um Hilfe für die kommende Schlacht zu suchen, sowie um die Geschichte zu verbreiten, dass eine Verderbnis naht. Tharel und ich reisten zu zweit weiter und die anderen zu dritt. Am Beginn der Reise, war ich sehr vorsichtig. Ich kannte die Welt nicht und die Wälder schienen mir nicht mehr so schön, wie einst auf den Bildern, zu sein. Ich hatte Angst und fühlte mich schutzlos, vermisste im ersten Moment die steinerne Mauer. Tharel hingegen war schon des Öfteren unterwegs und kannte viele Gegenden. Mit jedem Tag, an welchen wir zusammen reisten, wurden wir näher aneinander geschmiedet. Dies ist jedoch nicht falsch zu verstehen, wir waren fürs erste eher nur Freunde und konnten uns endlich frei und offen unterhalten, ohne dieses höflichen Zwangs. Ich lernte ihn besser kennen, er brachte mich zum Lachen und ich fühlte mich bei ihm sicher und geborgen. Eines Nachts starteten wir sogar eine ziemlich dumme Aktion und gingen in einen See schwimmen. Das dumme daran war wohl, dass ich nicht schwimmen konnte, ich hatte es ja nie erlernt und er begann es mir mitten in der Nacht beizubringen. Erst wollte ich nicht in das Wasser, doch ich vertraute ihm und wagte es dann doch. Er hielt mich im Wasser und sagte mir wie ich mich bewegen musste. Es war ein Gefühl, welches ich wohl nie vergessen werde. Ich zitterte innerlich am gesamten Körper, als er mich da ihm Wasser mit seinen Händen berührte. Nun ja, als ich es dann halbwegs schaffte alleine einige Bewegungen im Wasser zu machen, die nicht aussahen wie die eines nassen Mabaris, war die Nacht, der Mondschein und der damit verbundene Schimmer des Sees, einfach nur zu anbietend. Ab dieser Nacht waren wir mehr als nur Freunde, auch wenn wir es in der Öffentlichkeit nie zeigten, da es einfach falsch war. Um auf den Punkt der Geschichte zu kommen, brach einige Wochen später die dunkle Brut über Ferelden her. Wir waren nicht in Denerim, sondern im Brecilianwald, als uns eine Horde überrannte. Einige Dalish Elfen, welche wir vorhin nichteimal bemerkten, schossen Pfeile aus den Baumkronen um sich zu wehren. Tharel und ich waren ein eingespieltes Team und wir konnten einen Großteil der Brut zurückschlagen. Doch sie schienen kein Ende zu nehmen. Erst waren es nur einige Hurlocks und Genlocks doch dann nahmen wir schreie von Ogern wahr. Die Erde begann zu Beben. Ohne, dass ich es bemerkte, näherte sich ein Oger hinter mir. Die Dalish feuerten auf diesen und Tharel lief in meine Richtung. Ich drehte mich um und sah den Oger direkt vor meinen Augen. Er gab nur noch einen kleinen Laut von sich und fiel direkt in meine Richtung auf mich drauf. Ich fiel zu Boden und konnte mich nichtmehr bewegen. Ich wollte mich bewegen, doch dann fiel mein Blick zu Tharel, welcher in meine Richtung lief um mir zu helfen, anstatt nach vorne zu blicken. Ich wollte ihm zurufen, dass er sich wieder umdrehen sollte, doch es war zu spät. Im selben Moment fiel er auf die Knie und umklammerte mit seinen Händen eine Pfeilspitze die direkt aus seiner Schulter sah. Ein weiterer Oger kam von hinten auf ihn zu. Tharel biss die Zähne zusammen und stand wieder auf. Er drehte sich um und kämpfte mit dem Pfeil welcher ihm in der Schulter steckte einfach weiter gegen diese Bestie. Ich versuchte mich währenddessen zu befreien, doch ich hatte nur eine Hand frei, sodass ich keine Zauber wirken konnte. Ich versuchte also an ein Schwert, welches einer der Hurlocks fallen ließ, als er starb, heranzukommen um mich freischneiden zu können, oder sonst was! Ich wusste nicht ob mir das Schwert überhaupt etwas bringen würde, doch wie weit ich mich auch streckte, es fehlten immer einige Millimeter, um es greifen zu können. Zwischendurch blickte ich immer wieder zu Tharel doch ich sah, dass seine Kräfte nachließen. Der Oger gegen welchen er kämpfte wurde immer wütender, bis er es schaffte ihm einen kräftigen Hieb zu verpassen, welchen er nicht ausweichen konnte. Tharel flog einige Meter weiter direkt gegen einen Baum. Ich begann zu schreien und zappelte weiterhin wild umher, und schaffte es endlich das Schwert zu fassen. Was wohl auch genau im rechten Moment geschah, da mein dummes Schreien, den wütenden Oger auf mich aufmerksam machte. Er stürmte auf mich zu und lief direkt, mit dem Kopf, in das Schwert hinein welches ich ihm mit entgegenstreckte. Er fiel direkt neben dem Oger, der auf mir lag zu Boden, sodass ich nichts mehr sehen konnte. Erst versuchte ich mich weiterhin zu befreien, doch nach einigen Minuten gab ich die Hoffnung auf. Ich hörte die Schreie der Dalish, wie sie starben, ich wusste, dass Tharel da draußen lag, tot oder kurz davor, doch ich konnte nichts tun. Nach einer Stunde, was mir mein Zeitgefühl zumindest sagte, verstummten die Schreie. Die Brut war weitergezogen und hatte alle vernichtet die sich ihnen in den Weg stellten. Außer mir. Sie sahen mich nicht, da ich ja fast unter zwei riesigen Leichen lag. Ihr war die gesamte Zeit ruhig. Ich konnte nicht weinen sondern starrte nur in den Himmel. Ich hielt noch immer das Schwert in der Hand, und entschied mich dann, dieses wieder aus dem Gesicht des Ogers, der neben mir lag, herauszuziehen. Mit diesem Schwert schnitt ich mich aus dem Oger frei, was keineswegs eine angenehme Prozedur war, die zudem lange dauerte. Als ich frei war und mich umblickte, sah ich nur noch Tod. Tote Brut. Tote Elfen und ... einen am Boden liegenden Tharel der nicht mehr atmete."
Sie verstummte kurz und blickte zu Boden.
"Den Rest könnt ich Ihr Euch bestimmt denken. Ich hoffe Ihr versteht nun, wieso ich nie so handeln würde wie Ihr, was die Wahl eines Mannes betrifft. Ich sah Tharel im Nichts, bei Andraste. Ich weiß, dass er dort auf mich wartet, doch ich weiß auch, dass Andraste mich noch nicht bei sich haben wollte. Erst muss ich noch die Aufgabe erfüllen, wegen der ich hier bin. Was genau das ist, das weiß ich auch nicht."
Sie wisch sich die letzten Tränen aus den Augen, stand wieder auf, blickte zu Jule und sagte dann in einem komplett anderen Tonfall mit einem gespielten Lächeln.
"Kommt! Wir sollten zurück ins Schloss gehen. Ich muss schließlich noch ein Buch studieren!"
Modifié par Kaysallie, 04 mai 2010 - 11:22 .